Ich hab ziemlich lange nichts geschrieben. Jedenfalls "lange nicht" für mein Verständnis. Manchmal denke ich darüber nach, wie viel mir das Schreiben früher bedeutet und auch gegeben hat - und wie gut ich ganz oft mit dem Schreiben meine Gedanken sortieren konnte.
Ich hab lange nicht geschrieben, weil mich einer der letzten Kommentare irgendwie verunsicherte. Für mich persönlich ist hängengeblieben: "Was du schreibst, klingt beschwerlich. Was du schreibst, klingt wie jammern. Was du schreibst, klingt wie unglücklich. Was du schreibst, klingt wie 'halt mich und nimm mir alles ab.'"
Öhm.
Ich weiß nicht, aber.. eigentlich dachte ich eher nicht, ich würde jammern oder Lebensumstände beklagen oder bejammern oder wie auch immer. Wie mein Vater immer zu sagen pflegt: "Es wird nicht gejammert und es wird nicht gebettelt." Genau. Aber vielleicht war das so auch gar nicht gemeint - verunsichert hat es mich dennoch.
Doch je länger ich darüber nachdachte, desto mehr kam mir der Gedanke auf, ob dieser Eindruck vielleicht deshalb entstanden ist, weil ich immer seltener schreibe? Und nur noch dann, wenn der Platz im Kopf zu eng wird? Wenn die Gedanken raus und geordnet werden wollen? Ach ich weiß auch nicht. Ich weiß nur, dass ich ganz oft in den letzten Wochen "den Stift in der Hand hatte und dann doch wieder beiseite legte". Keine Zeit. Keine Muße. Keinen Kopf. Dann habe ich lieber den Malstift in die Hand genommen und neue Postkarten gepinselt. "Du bist eine Maschine", hat eine Freundin neulich gesagt, "du bringst einen Knaller nach dem anderen." Das sehe ich tatsächlich absolut anders - vielleicht hab ich Ideen, aber die Umsetzung entspricht in den seltensten Fällen dem Bild, das ich in meinem Kopf hab. Vermutlich alles eine Frage der Übung, aber irgendwie... Mit dem Malen ist es halt auch oft so wie mit dem Schreiben: keine Zeit, keine Muße, keinen Kopf. Wenn ich dagegen ihre Kunstwerke sehe, werde ich blass. Dann BIN ich blass. In meinem Office an der Pinnwand hinter mir habe ich ein paar meiner Karten aufgehangen. Ein paar freche Sprüche fürs Office darauf, verschiedene Stile. Dazwischen hängt eine einzige Karte meiner Freundin. Die, die auch mit in unserem Office arbeitet, auch wenn sie schon seit mindestens einem Jahr um ihre Entlassung bettelt (ja, sowas gibts auch; wir wollen sie aber nicht hergeben und noch hat sie nix anderes gefunden). Ein Kollege stand heute Abend in der Tür, sein Blick verweilte auf der Pinnwand und er fragte: "Hast du das alles gemalt? Die sind ja cool!" Und ich antwortete: "Nein, nicht alles, die hier ist von K."
"Von K.? Unserer K.?"
"Ja genau."
"Wow, das ist ja krass. Das ist ja mega, das hätte ich ja nie gedacht."
Mehr muss man dazu ja auch nicht sagen, oder? :) Aber sie glaubt mir ja nicht, wenn ich sage: "Verkaufe deine Kunst - ich bin die erste, die dir was abkauft. Du wirst sehen, du musst nie mehr arbeiten." Aber na ja. Wahrscheinlich zeichnet echte Künstler aus, dass die eine Ladehemmung nach der anderen "fahren", nicht an sich glauben und auch nix verkaufen, weil sie dann malen "müssen". Und dann geht ja eh nix.
Und sonst.. Ja was soll ich sagen.. Ich schlafe schlecht. Zu wenig und die Nächte von Pausen durchlöchert. Am Abend bin ich müde, doch wenn ich mich schlafenlege, beginnt mein Herz zu rasen. Dann wälze ich mich hin und her, höre dem Mann beim friedlichen Schnarchen zu, manchmal stehe ich auch wieder auf und schaue bis tief in die Nacht irgendwelche Sendungen. Tagsüber bin ich durch den Job gut abgelenkt. Beende ich die Arbeit, möchte ich mich am liebsten irgendwo verkriechen, wo ich niemanden hören und sehen muss. Wo ich nicht zuhören und nicht reden muss. Wo ich in Ruhe gelassen werde.
Ich hab Angst. Ich hab wirklich Angst. Seit einem halben Jahr laufen alle Uhren bei uns zu Hause anders - und alles ist irgendwie durchtränkt von dem Gedanken "Was soll werden, wenn ich meine Mama nicht mehr habe?" Noch immer kann ich nicht darüber nachdenken, ohne dass mir die Tränen in die Augen schießen. Es ist nicht nur die Diagnose des aggressiven Blutkrebses. Drei Bluttransfusionen hat sie in fünf Monaten gebraucht trotz der Chemo. Dass sie diese Chemo übrigens so lange machen muss, so lange sie lebt, hat sie dann doch etwas geplättet. Die Blutwerte wollen nicht wirklich besser werden und sie spürt es immer besonders dann, wenn ihre Kraft nachlässt und das Atmen anstrengend wird. Von dem Schock hatte ich mich irgendwie ein bisschen erholt; ich dachte, vielleicht hat sie ja doch noch mehr als die paar Monate, die der Onkologe einschätzte? Und dann kam vor zehn Tagen noch die Diagnose Nierenkrebs dazu. Als sie nach CT und Ultraschall zu mir sagte "Vielleicht ist es ja nur eine Art Gries oder so", dachte ich mir noch "Will sie mich damit beruhigen oder glaubt sie es selbst?" Vermutlich letzteres, denn als der Befund vorlag, hat es dann auch ihr für einen Tag die Beine weggeknickt. Ich selbst war tapfer am Telefon, wirklich. Ganz ruhig und ganz tapfer. Erst als wir auflegten, habe ich mich zum Samstag mittag in mein Bett gelegt und nur noch geweint. Wie lebt man mit solchen Diagnosen und solchen Prognosen? Wie fühlt sie sich damit? Nach außen wirkt sie ruhig und stark, aber es ist ihre ständige Betriebsamkeit, die mir zeigt: Sie will nicht zum Nachdenken kommen.
Jetzt gibt es noch einige Untersuchungen - und dann muss die betroffene Niere raus.
"Man kann ja auch mit einer Niere genauso gut leben", hat sie drei Tage später gesagt, als sie sich wieder aufgerichtet hat. Drei Tage später, in denen zwei Beerdigungen innerhalb unserer Familie stattgefunden haben. In unserer Familie gehts grad richtig ab... Manchmal muss ich an das Horoskop denken, das den Zwillinge-Geborenen ein fulminantes, fantastisches, in jeder Hinsicht erfolgreiches und erfülltes Jahr 2026 voraus gesagt hat. Ein richtiger Knaller sollte es werden, dieses scheiß Jahr. Irgendwie warte ich da immer noch drauf. Wobei.. Geknallt hat es in diesem Jahr schon einige Male - nur eben ganz anders als vorausgesagt. Ich glaube ja eh nicht an Horoskope; es sei denn, mir gefallen die Prognosen. Aber jetzt möchte ich am liebsten doch jedem Hellseher seine verdammten Karten so tief in den Hals schieben, dass die ungesäuert und unbeschädigt unten wieder rauskommen :(
Und ja, man kann grundsätzlich gut mit einer Niere leben. Aber ein Spaziergang wird diese OP nicht - und schon gar nicht unter ihren persönlichen Voraussetzungen. Also bin ich zu meinen Chefs gegangen; ich habe ja jetzt zwei davon. Eigentlich drei, aber der dritte güldet nicht. Und beiden gesagt, dass ich ab dem Tag, wo sie wieder in die Klinik muss zur OP, mein mit dreihundertzweiundvierzig Überstunden gut gefülltes Konto in Anspruch nehmen und mich um meine Eltern kümmern möchte. Vor Ort. Ich kann auch von da aus arbeiten und ein Stück weit werde ich das auch. Aber nur so, wie es möglich ist. Das Wichtigste sind meine Eltern. Das Allerwichtigste ist jetzt die Mama.
Insofern.. Ich jammere nicht und ich beklage mich auch nicht. Aber ich bin.. so müde grad. Von innen und von außen. "Wir sind ja alle mal dran", hat mein Jüngster gesagt, "aber wenn man das so in Zahlen sieht, ist das schon sehr bedrückend." Und deshalb hab ich Angst. Nach außen merkt man mir nichts an. Nur der Mann kann sehen, wie ich nachts durch die Wohnung laufe oder auf dem Sofa liege, die Augen groß wie Uhrengläser und dieser Blick, als käme ich gerade vom Mond, wenn er mich anspricht.
Im Alltag funktioniere ich. Aber tief in mir drin stürze ich jeden Tag neu ab. Und stehe jeden Morgen neu wieder auf. Wenn die Mama stark ist, dann müssen wir das auch sein.
15 Kommentare:
Liebe Helma, eine herausragende Besonderheit dieses Blogs ist, dass Du offen und ehrlich über Deine Gedanken und Gefühle schreibst. Wenn also schwierige Dinge Dein Herz beschweren, dann solltest Du es Dir auch nicht nehmen lassen, darüber zu schreiben. Manchmal trägt soetwas ja auch dazu bei, die Last zu verringern. Allerdings ist es für Leser wie mich nicht ganz so einfach, darauf richtig zu reagieren. Ich will Dir nicht irgendwas vom Pferd erzählen und ohne eine echte Grundlage Hoffnungen verbreiten. Als bekennender Realist, dem man gelegentlich auch schon mal ein gewisses Maß an Pessimismus nachsagt, wäre ich da wohl auch nicht der Richtige dafür. Daher schweige ich in solchen Situationen lieber, auch wenn das dem Gegenüber auch nicht gerade besonders hilft. Trotzdem nehme ich natürlich an Deinem Gefühlsleben Anteil und drücke auch, egal ob es um Dich selbst, Deine Kinder, Deinen Mann oder Deine Eltern geht, sämtliche Daumen, die ich habe. In dem Sinne sei lieb gedrückt.
Es ist ganz, ganz furchtbar, wenn man so vielfältig unter dieser verdammten Krankheit Krebs leiden muss - und ich darf mir nicht eine Minute vorstellen, dass ich so etwas bekäme, denn ich hätte dann keine "Helma" und keinen "Helmut", die sich auch nur 10 % so liebevoll um mich kümmern würden wie du das tust. ICH würde dann einfach aufgeben und sofort und gleich den Antrag bei der DGHS stellen und auf Eile drängen.
Ganz viel Kraft für euch zwei starke Frauen aus der Familie der Küstenbewohner
Lieber Lutz, Deine Worte bedeuten mir grad echt viel. Ach weißt Du, ich „erwarte“ mir da grundsätzlich auch nichts auf meine Posts. Erwartungen hab ich mir eh vor ganz langer Zeit abgewöhnt.
Mir ist auch bewusst, dass Menschen im allgemeinen nur schwer mit dem Thema Krankheit und Tod umgehen können. Es rührt eben doch irgendwie an elementaren eigenen Ängsten - und was soll man jemandem anderen sagen, das nicht falsch verstanden würde?
Als es hieß, die hätten da was an der Niere gesehen, da war ich irgendwie wie betäubt, so n dumpfes Gefühl wie „Sie hat schon Blutkrebs und weiß, sie kommt da nicht mehr raus, was soll’s jetzt noch schlimmer machen?“
Aber wenn man dann schwarz auf weiß hat, ja, da ist jetzt noch ein Krebs, der nicht in Verbindung mit dem Blutkrebs steht, dann reißt es einem doch die Beine weg.
Bis Mai hat der Papa nur gewusst „mit ihrem Blut stimmt was nicht und dagegen gibts Spritzen.“
Sie wollte schlicht nicht, dass er sie verrückt macht mit seinen Ängsten.
Jetzt ist er über alles informiert - und meine Nichte sagte, sie habe ihn noch nie so erschüttert erlebt wie im Moment.
Alles kacke 😔
Heut Abend hatte ich mal meine Söhne gefragt, wann wir eigentlich zusammen auf meinen Geburtstag anstoßen können. Ich wusste ja nicht, was ich damit auslösen würde. Brüderzoff vom feinsten - und ich dachte die ganze Zeit nur „Ey….“
Ich kann ihre beiden Ansichten verstehen, ist da auch für beide nicht wirklich einfach, aber am Ende frag ich mich eben doch immer wieder „Warum streiten, warum nicht in der Mitte treffen und die Zeit genießen, die man hat?“
Liebe Clara, das ist, glaub ich, das traurigste Gefühl: zu wissen, dass man niemanden hat, wenn’s drauf ankommt. Mir tut das wirklich aufrichtig leid - und der Gedanke, diese Vorstellung tut auch weh.
Vor ein paar Jahren, inmitten irgendeiner hitzigen Diskussion über irgendwas, hatte mein Jüngster uns alle angeguckt und gesagt „Können wir uns nicht einfach alle liebhaben?“
Wieviel leichter wär doch dann alles. ♥️
Liebe Helma, ich lese nur still mit und ich kann dir eigentlich auch nur ganz viel Kraft wünschen und dir den Rat mit auf den Weg geben dich selbst dabei nicht völlig zu vergessen. Bei mir/uns nimmt es irgendwie auch kein Ende, vor 1,5 Jahren mein Mann, der es nur ganz knapp geschafft hat. Anfang des Jahres mein Vater mit Oberschenkelhalsbruch und Herz-OP. Jetzt hat mein Mann grünen Star, wo ich mich frage wozu geht man zur Vorsorge, wenn da alles in Ordnung war und innerhalb von 4 Monaten jetzt schon der Sehnerv geschädigt ist? Ich funktioniere auch nur noch, irgendwie...
Liebe Anonym, ja, ich glaub, das beschreibt es ziemlich gut: Man funktioniert einfach nur noch, irgendwie.. Insbesondere in den letzten 2 Jahren haben wir uns eher immer nur Sorgen um den Papa gemacht. Das Herz sehr krank, keine Besserung mehr in Sicht - und dieser kleine Motor läuft bei ihm nur noch mit einer Leistung zwischen 15 und 20%. Und jetzt ist es die Mama, die mit einem Mal so krank ist - und deren Prognose noch beschissener ist als die vom Papa.
Ich muss gestehen.. ich hab mir irgendwie nie wirklich Gedanken darum gemacht. So als würde ich davon ausgegangen sein, dass meine Eltern eben noch mindesten zwanzig Jahre da sein werden. Ob auf Sparflamme oder nicht, aber eben.. da.
Liebe Helma, ich wünsche Dir und Deiner Familie ganz viel Kraft und Liebe füreinander! Ich freue mich über jeden Post von Dir, weil ich sehr mag, wie Du schreibst.
Ich wünsche Dir alles Liebe, Glück und Gesundheit zu Deinem Geburtstag und hoffe, dass Du einen ganz wunderbaren Tag hast. 🥂🪅❤️🤗🌞
Liebe Nova, das berührt mich grad echt sehr, dass Du an meinen Geburtstag gedacht hast! Obwohl ich so selten schreibe inzwischen :* Und ich freu mich auch ehrlich über Dein Kompliment zu meinem Blog. Letztens hab ich überlegt, ob ich nicht doch wieder mehr schreiben sollte, damit ich nicht als Jammerelse rüberkomme, sondern zeige, dass es durchaus auch andere, schöne und glückliche Momente gibt; auch dann, wenn niemand anderes dafür sorgt als ich selbst :)
Aber jetzt muss ich mich erstmal nochmal duschen und mir noch was Schönes anziehen - gleich kommen die Gäste :P
Liebe Helma, ich bin schon seit Jahren stille Mitleserin, und habe mich über jeden deiner Posts gefreut. Man bekommt Eindrücke in einen ganz anderen Lebensablauf ,und ich bin dankbar für deine Offenheit, soweit du sie zulässt!
Lass dich bitte nicht von so einem Komentar runterziehen!
Dein Blog, deine Regeln, und kein Mensch wird gezwungen dich lesen, und wenn es diesem Menschen nicht passt,soll er doch einfach weiterziehen und hier nicht mehr mitlesen bzw. kommentieren!
Gerade in solch schweren Zeiten ist Schreiben ein gutes Ventil, finde ich... Liebe Grüsse und ganz viel Kraft für all das, was euch bevorsteht von Silke
Liebe Helma,
deine Worte gehen mir unendlich nah und ich kann dich so gut verstehen. Ich weiß selbst genau, wie es dir geht, da ich meine eigene Mama nun auch seit einem Jahr pflege. Man spürt aus jeder deiner Zeilen, wie tief der Schmerz und die Angst sitzen. Du jammerst überhaupt nicht – du erlebst gerade den absoluten Ausnahmezustand. Es ist so wichtig und richtig, dass du jetzt einfach nur für deine Eltern da bist. Bitte vergiss dich selbst bei all deiner Stärke nicht. Ich wünsche euch von Herzen alles erdenklich Gute und schicke dir eine stille, feste Umarmung für die kommende Zeit.
Herzlichst, Grit.
Du meisterst Dein Leben ein ganzes Leben lang schon. Höhen und Tiefen wobei wohl Tiefen mehr Platz einnehmen aber es kommen ja immer wieder Höhen. Ich empfand deine Post nie als jammern. Das Leben eben fies voll fies und ganz blöd fies und der Kopf braucht ja auch mal wieder Platz. Auch man kann all dem entnehmen, dass man sich nicht unterkiegen lassen muss somit Positiv und es gibt sie ja die schönebn Dinge.
Das mit Deiner Mama tut mir leid. Krebs ist ein Arschloch. Und ja man darf Angst haben.
Liebe Grüße Ursula und viel Kraft
Ich bin Dir sehr dankbar für Deine Worte, liebe Grit. Überhaupt bin ich sehr dankbar für all diese Kommentare hier. Sie machen mir einfach auch Mut. Und ja, für mich ist das gerade ein absoluter Ausnahmezustand. Ich hänge sehr an meinen Eltern, vor allem an meiner Mama. Sie war mir gerade in der Trennungsphase von meinem ersten Ehemann meine größte Stütze und mein größter Halt, so viel mehr als ich jemals gedacht hätte. Ich glaube, in gerade dieser Zeit ist mir so wirklich bewusst geworden, wie tief das Band ist. Gefühlt war das "gestern", real ist das bereits über zwanzig Jahre her. Viele der Entscheidungen, die ich je im Leben traf, hätte sie so nicht getroffen. Wege, die ich gegangen bin, wäre sie so nie gegangen. Aber sie hat mich nie niemals verurteilt, nicht im Reden und auch nicht im Denken. Sie war einfach für mich da. Und ich kann mir gerade einfach nicht vorstellen, wie das ohne sie sein soll. Vor ein paar Tagen bekam ich ein kleines Päckchen von ihr mit einer Grußkarte darin - und ich hab auf ihre Schrift gestarrt und gedacht, dass es eines Tages keine solcher Karten mehr geben wird.
Wir wissen, dass wir alle nicht ewig leben. Aber ich lebte immer die Überzeugung, dass ich sie noch ganz viele Jahre haben werde.
Liebe Ursula, ich habe so so oft diesen Satz gelesen "Krebs ist ein Arschloch". Es gibt so unfassbar viele Schicksale, bis in meinen eigenen Freundeskreis, in meine eigene Familie hinein. Meine Mama ist die dritte von fünf Schwestern mit dieser Diagnose - alle innerhalb weniger Jahre, und eigentlich war Krebs in meiner Familie nie das Thema. Eher so Herz und Nervensystem.
In all den Jahren, so lange ich denken kann, war ich immer dankbar, dass meine Eltern jung und gesund sind. Bis der Papa herzkrank wurde. Seither haben wir uns alle um ihn gesorgt. An seinem 80. Geburtstag ging es ihm so schlecht, dass ich fürchtete, es wäre sein letzter Geburtstag. Er hat sich dann nochmal am Herzen operieren lassen. Bäume wird er keine mehr ausreißen - und einen Marathon wird er auch nicht mehr laufen. Im Gegenteil, er geht sehr unsicher und in kleinen Schritten. Aber er steht aufrecht und kann das, was er möchte, auch allein bewerkstelligen. Ich hatte aufgeatmet im letzten Jahr, und ich hatte einfach wieder Entspannung im Kopf. Ich dachte, ja, so wird er vielleicht ein paar gute Jahre noch durchhalten.
Und dann kommt die Mama mit sowas um die Ecke.. Und als wär der Blutkrebs nicht schon heftig genug, muss sie noch eine zweite Krebsart bekommen. Es ist einfach nicht fair, aber danach fragt Krebs eben nicht :(
Und nein, unterkriegen lassen ist ja keine Option. Ich bewundere ihre Kraft und ihren unbedingten Willen zum Leben. Am Telefon oder wenn wir zusammen sind, sprechen wir schon auch über die Krankheit. Aber sie ist kein ausschließliches Thema und es ist auch nicht omnipräsent. Denn die Mama ist nicht nur Krankheit. Sie ist vor allem ein Mensch, der immer noch hofft und lebt und fühlt und wünscht. Der Musik liebt und seinen Garten. Die Mama ist die, die uns alle zusammenhält. Ganz viel von ihr habe ich erst realisiert und verstanden, als ich selbst eine Familie und Kinder hatte. Sie hat es einfach so sehr verdient, noch ganz viel Zeit zu haben für die Dinge, die sie liebt.
Liebe Silke, ja genau das ist das Schreiben: (m)ein Ventil. So war das ja schon immer. Es hat sich so oft so vieles in meinem Kopf sortiert und gelöst, wenn ich es einfach nur aufgeschrieben hatte.
Ich hab ja jenen bewussten Kommentar nicht als Angriff oder so verstanden - aber gerade das hatte mich verunsichert: die Ansicht eines Fremden, der hier nur sporadisch liest und halt diesen Eindruck vermittelt bekommt.
Das ist ja nicht das, das ich vermitteln möchte. Ich lebe so gerne und liebe so viele Dinge, die ich tue oder tun kann. Ich schreib halt nur nicht mehr so oft - und vielleicht zeige ich von dieser schönen Seite aus meinem Leben aktuell zu wenig.
Andererseits... wenn ich so an die früheren Blog-Jahre denke... und das mit heute vergleiche, dann ist sicherlich auch möglich, dass mir eine gewisse Unbeschwertheit abgegangen ist inzwischen. Es passiert ja aber irgendwie auch so einiges, in der Familie, im Job, mit Menschen, die mir sehr viel bedeuten, nicht nur innerhalb meiner Familie. Trübsinnig werde ich dadurch jetzt auch nicht - aber mir fehlt dann oft die Energie zum Schreiben.
Heute habe ich eine Glückwunschkarte von meinem Chef bekommen. Darin stand, dass sie nicht nur "meinen" Tag feiern, sondern auch die positive Energie, die in jeden Tag mit in das Team bringen würde.
Er hat mir das auch schon mal vor ein paar Wochen gesagt - und umso mehr hat mich gefreut, dass es jetzt sogar in der Karte stand :) Das tut der Seele gut. So wie Ihr mir mit Euren Worten.
Vielleicht hats mich ja auch verunsichert, weil ich mich grad irgendwie so angreifbar fühle.
Na ja. Vielleicht denke ich ja auch nur viel zuviel nach :)
Lesenswerte Blogs machen die Tatsache aus, dass da jemand aus dem echten Leben schreibt. Ungeschönt, authentisch und mit allem, was dazugehört. Deshalb lese ich hier auch mit, und das gerne. Wahrscheinlich war der Kommentar nicht so gemeint, wie er angekommen ist. Aber das ist manchmal das Problem am geschriebenen Wort: man hat nicht die Gelegenheit zu erklären oder den Sinn zu korrigieren, wenn es nicht so ankommt, wie man es sich dachte.
Ich kann sooo sehr mitfühlen bei dem, was euch gerade passiert. Diese Sch....carzinome. Jemand, der das noch nie erlebt hat (und das muss nicht mal am eigenen Körper sein- auch das engste Umfeld leidet masslos mit!), der kann nur erahnen, was da abgeht. Meine Mutti hat 4 Jahre gegen ein Pankreas-CA gekämpft. Es waren die allerschlimmsten 4 Jahre meines Lebens. Man kann einfach nur zur Seite stehen und mitgehen.....
Ich wünsche dir ganz viel Kraft und Zuversicht. Und immer wieder kleine Strahlen an Schönem und Gutem, das Helligkeit ins Leben bringt. Ich denk an dich!
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