Es war im Mai 2023, als es unser erstes Enkelchen im 8. Schwangerschaftsmonat nicht lebend auf diese Welt geschafft hat. Was dem folgte, war eine Zeit voller Schmerz und Trauer. Und selbst, wenn man schon eigene Kinder hat, wird man den tiefen Schmerz der Eltern, die ihr Kind verlieren, nur im Ansatz nachempfinden können. Vermutlich wird man niemals so wirklich begreifen. Ein Schmerz, der sich intensiviert insbesondere dann, wenn in der darauffolgenden Zeit Monat für Monat ein weiterer Schwangerschaftstest negativ bleibt.
Es war im letzten Dezember auf dem Weihnachtsmarkt, als ich sie anschaute und dachte: "...Irgendwas... ist anders an ihr." Was es war, vermochte ich da noch gar nicht in Worte zu fassen oder zu beschreiben. Im Nachhinein würde ich sagen, es war... das Leuchten. Ihr Leuchten. Und nur einige Tage später folgte ein Schwangerschaftstest, diesmal mit den zwei ersehnten Streifen. Vor wenigen Tagen haben wir erfahren: Dieses Mal wird es ein Junge. Uns alle, selbst die werdende Mama, eint ein gleiches Gefühl der Zuversicht und der Hoffnung. Dieses Mal wird alles gut gehen.
Vor etwa einer Woche träumte ich von meinen Eltern. Mein Vater schaute mich ernst an und sagte: "Wenn deine Mutter stirbt, sterbe ich auch." Ich bin aufgewacht davon.
Zwei Tage später rief ich wieder meine Mama an. Im letzten Sommer war mir ihre rechte Hand aufgefallen. So etwas hatte ich bis dahin noch nie gesehen. Sie war gestürzt, sagte sie, und hatte sich mit der rechten Hand aufgestützt. Ihre Hand, die Handinnenfläche, die Finger, die Handoberfläche, der Unterarm - alles war blau. Wirklich richtig blau - ohne eine einzige freie Stelle, und sei sie noch so klein. Ich fand das sehr ungewöhnlich und irgendwie auch bedenklich. "Mir gehts gut", winkte die Mama ab. "Das heilt schon wieder."
Im November waren mir ihre blauen Flecken aufgefallen. Von denen sie nicht wirklich wusste, wie sie zu denen gekommen war. "Bitte lass das untersuchen. Im Sommer die Hand, jetzt die blauen Flecken. Das ist nicht normal."
Sie ist dann beim Arzt gewesen und nach dem ersten Bluttest umgehend in die Hämatologie überwiesen worden. Die Bluttransfusion wurde noch vor Heiligabend verabreicht, die Werte im Januar etwas unter dem Normbereich. Die Werte Ende Januar wieder unmittelbar vor dem kritischen Bereich. Was dem folgte, war keine erneute Bluttransfusion, sondern eine Chemo. Die Diagnose: MDS. Was das bedeutet, musste ich googeln. Ein Begriff, den ich mir nicht merken kann. Myelodysplatisches Syndrom. Eine Form von Blutkrebs, in ihrem Alter nicht mehr heilbar. "Ich mach mich jetzt nicht verrückt", hör ich sie noch immer sagen, "mir gehts gut soweit und ich mach mich da jetzt einfach nicht verrückt."
Ich selbst.. hab den Rest des Wochenendes nur geweint. Und trag noch immer ganz schwer an dieser Diagnose und der Prognose. Kann nicht darüber sprechen, ohne ins Stocken zu geraten, ohne mit den Tränen zu kämpfen. Liebes Universum, ich bin noch nicht soweit. Man ist niemals bereit für einen Abschied dieser Art, aber bitte..
Man sagt, alles steht und fällt mit der Mama.
Und ich glaube, darin steckt einfach immens viel Wahrheit.
Ich habe mich gefragt, ob es das jetzt sein soll, dieser berühmte Kreislauf des Lebens.
Gestern, im Ergebnis des MRTs von vor zwei Wochen, hat mir meine Ärztin mitgeteilt, dass in meinem Fuß mehrere Verletzungen stecken, mehr als ich bis vor kurzem gewusst habe. Morgen habe ich einen weiteren Termin mit einem Chirurgen, der festlegen soll, wie es weitergehen wird. Doch was immer er mir auch sagen wird: Am Sonntag werden mein Ältester und ich uns auf den Weg zur Mama machen. Wir werden eine Woche lang Zeit mit der Mama haben. Zeit, Kaffee zu trinken. Karten zu spielen. Mensch-ärger-dich-nicht zu spielen. Krimis zu schauen. Bis dahin muss ich mich sammeln und wappnen. Möglichst jetzt alle Tränen leerweinen, damit ich nachher, wenn ich bei ihr bin, keine mehr habe - und sie mit meinen eigenen Sorgen nicht belaste. Sie wird dieselben Dinge gelesen haben wie ich. Wie fühlt sie sich damit? Wie geht es ihr damit? Kann sie nachts schlafen? Empfindet sie wirklich diese Ruhe, die sie nach außen ausstrahlt?
Dieser Tage erinnerte ich mich an meine Großeltern. Zeit ihres Lebens, so lange ich mich erinnern kann, haben die beiden gezankt, waren sie wie Hund und Katze und konnten dennoch nicht ohne einander sein. Meine Großmutter starb im September 1989. Der Großvater folgte ihr im März 1990.
Ich denke an meinen Traum von vor ein paar Tagen. Und daran, dass man jeden Tag glaubt, man hätte noch so viel Zeit. Bis man eben keine mehr hat.
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