Freitag, 17. Juli 2026

Hard Times

Liebe Mama, 

in Gedanken habe ich Dir schon unendlich viele Briefe geschrieben. Manchmal spreche ich sogar mit Dir, wenn ich irgend etwas mache. Manchmal stelle ich mir vor, Du sitzt in unserem Sessel. Dann seh ich es vor mir: Dein Lächeln mit diesen tiefen Grübchen, die übrigens auch Dein allererster Enkel von Dir geerbt hat. 

In meinem Kopf ist das alles noch so unwirklich. So unwahr. So unwahrscheinlich. Jeden Morgen wache ich auf und denke für einen ganz kleinen Moment: Nein, das ist nicht passiert. Doch dann kommt die Erkenntnis mit ganzer Kraft und knickt mir die Beine ein. 

Wir haben Dich doch gerade erst besucht. Sind am Abend nach Hause gefahren, haben zu Abend gegessen und dann Fußball bis tief in die Nacht hinein geschaut. Bis der Papa in der Tür stand, noch schlaftrunken. Wie er uns anschaute, von einem zum anderen. Und dann sagte: "Die Oma ist tot." 

Ich hör das noch immer. 

Genauso, wie ich diesen Blick von Dir nicht mehr aus dem Kopf bekomme, wie Du mich angeschaut hast, als ich mich von Dir am Abend zuvor verabschiedete und sagte, dass wir uns morgen wiedersehen. So wie jeden Tag. Du hast nicht gelächelt. Aber der Blick aus Deinen wieder hellblau gewordenen Augen ruhte auf mir. Und es verfolgt mich bis tief in jede Nacht hinein. Ob Du gespürt hast, dass wir uns nicht mehr wiedersehen werden? 

Der Anruf kam am 7. Juli um 2.45 Uhr. Um 2.25 Uhr hatte man Dich gefunden. In diesem hässlichen, lieblosen Quarantänezimmer, abgeschieden, wie abgeschoben.

Was da wirklich passiert ist, wissen wir nicht. Es heißt, Du seist einfach zu schwach gewesen nach der schweren OP und die Blutgerinnungsstörung und dann der Keim noch dazu…

"Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich das nicht gemacht", hast Du gesagt. Ich hab Deine Hand gehalten, so wie jedes Mal, und Dich gestreichelt, so wie jedes Mal. Und ganz sanft gesagt, dass es ja keine Alternative gab. Der Tumor war schon aus der Niere heraus in den Harnleiter gewachsen. Darum der Harnstau im April. Darum das hohe Fieber im April. Darum der Gewichtsverlust und die nachlassende Energie. Wobei Du eben dachtest, das kommt vom Blutkrebs. 

Mir geht das einfach nicht in den Kopf. Wie kann so ein Mensch wie Du gleich zwei Krebsarten bekommen, die nichts miteinander zu tun haben? Die erste Diagnose war schon schlimm. Die zweite war es auch, jedoch da war doch die Prognose gar nicht so schlecht. Nur dass eben der Blutkrebs Deine Gerinnung störte. Die Wunden im Körper nicht heilen wollten. 

Als Du so alt warst wie ich heute, ist Deine Mama nach einer OP gestorben, weil die Ärzte zu spät bemerkten, dass Oma innerlich verblutet. Heute bin ich so alt wie Du damals - und bist Du jetzt gestorben, weil Du innerlich nicht aufhören konntest zu bluten? Wir wissen es ja nicht. Niemand weiß, was da eigentlich passiert ist. Die ITS und die Urologie haben Dich hin und her geschoben. Die Urologie fühlte sich nicht so recht zuständig, weil sie eigentlich meinte, Du gehörest noch immer auf die ITS. Und der Chefarzt auf der ITS sagte zu mir: "Gut, dass sie wieder hier ist, hier können wir sie besser überwachen." Nur um Dich eineinhalb Tage später wieder in die Urologie zurückzuschicken. Und dort stirbst Du nach einem halben Tag... Man hat Dich schlichtweg tot vorgefunden beim nächtlichen Rundgang. 

Warum? Warum? Warum?

Was ist da passiert? Was ist passiert in der kurzen Zeit zwischen unserer Verabschiedung und dem Dich vorfinden? Hast Du geklingelt und bist Du mal wieder ignoriert worden? Hast Du geschlafen und es nicht gespürt? Bist Du aufgewacht und hast Dich nicht gut gefühlt, aber nicht geklingelt, weil Du nie jemandem zur Last fallen wolltest? Hätten wir mehr für Dich einstehen müssen? Hätten wir uns für Dich stark machen müssen, weil Du es nicht konntest? Hätten wir sagen müssen, wie schlecht Du Dich fühlst, auch wenn die Ärzte immer lobten, wie Du Dich stabilisiert hättest nach dem Koma nach der zweiten Not-OP? Dass Deine Blutwerte sich stabilisiert hätten? Wie sollten sie denn auch nicht, wenn Du innerhalb von 10 Tagen 8 Blutkonserven bekommen hattest? Hätten wir aufmerksamer sein und mehr hinterfragen müssen? Wenn man 8 Blutkonserven bekommt - wohin war dann Dein eigenes Blut verschwunden? Hätte ich mehr ansprechen müssen, wenn mir schon aufgefallen war, dass Deine Beine wieder angeschwollen waren, Deine Haut einen irgendwie so gelbgoldenen Stich bekommen hatte - und Deine Stirn kaltschweißig geworden war? Für jedes einzelne gab es immer Begründungen - mit dem Zusatz "Machen Sie sich nicht solche Sorgen, Ihre Mama macht das alles schon sehr gut." Wenn man aber alles zusammen betrachtet hätte, hätte man Dich dann nicht doch besser überwachen müssen? Hättest Du gerettet werden können, würdest Du noch auf der ITS gelegen haben und nicht schon wieder in der Urologie?

So viele Fragen in meinem Kopf, in jedem Zentimeter von mir - und ich finde weder Antworten noch Ruhe. Ich weiß auch nicht, ob ich mit den Antworten umgehen könnte. Ob die Antworten mir guttun würden. Aber darum geht es.. irgendwie auch wieder nicht: Sobald ich meine Augen schließe, sehe ich Deinen letzten Blick auf mir ruhen. Und dieser Gedanke reißt mich mittendurch, jeden Tag neu. 

Zwei Tage später durften wir Dich alle noch einmal sehen - im Bestattungshaus. Wir haben ihnen ein Kleid von Dir gegeben, eins, das Du Dir gerade erst noch gekauft hattest, aber nicht mehr tragen konntest. Sie haben Dir die Haare so gekämmt, wie Du sie Dir nie gekämmt hättest. "Da seh ich ja aus wie Karl Arsch von der Rennbahn", hättest Du dazu gesagt. Keine Sorge, Mama, ich hab das ein bisschen korrigiert. Als ich Dich berührte, spürte ich diese unglaubliche Kälte, die tief aus Dir heraus kam. Das da im offenen Sarg warst Du - und irgendwie wieder auch nicht. Ich blieb bei Dir, als alle anderen längst schon wieder aus dem Zimmer gegangen waren. Mich von Dir zu lösen, bedeutete, Dich physisch loszulassen. Dich nie mehr wiederzusehen - außer auf Fotos. Das war mir irgendwie einfach nicht möglich. 

Man sagt, Menschen, die sterben, sehen ihr Leben im Zeitraffer noch einmal vor ihren Augen. Solange ich auf unserer Insel war, lief vor meinen Augen unaufhörlich ein Film mit so unfassbar vielen Momentaufnahmen. Wo wir überall waren. Wie Du dabei ausgesehen hast. Was Du gesagt hast. Wie Du dabei gelächelt hast. Das Zuhause von Papa und Dir - das bist Du. Alles dort bist Du. Jedes Buch, jeder Blumentopf, jede Tapete - alles bist Du. Ständig hörte ich das Knarren, wenn Du auf die Türschwelle tratst, zu mir schautest und gelächelt hast: "Na, soll ich uns noch ein Käffchen machen?"

Nie wieder Krimis mit Dir bis in die Nacht schauen. Nie wieder Karten spielen oder Mensch ärgere dich nicht - und von Dir gnadenlos dabei abgezogen werden. Nie wieder mit Dir im Eiscafé sitzen. Nie wieder mit Dir am Strand sitzen oder auf der Promenade spazieren. Nie wieder mit Dir telefonieren. Nie wieder handgeschriebene Glückwunschkarten mit Deinen so liebevollen Zeilen. Letztens waren wir wieder im Café Klatsch, weißt Du noch? Der Mann hat mir später erzählt, dass sie nach Dir und dem Papa gefragt hatten. Warum wir ohne Euch da waren. 

So unendlich viele Erinnerungen, die wie in einem Zeitraffer in meinem Kopf ablaufen. Ständig hör ich Deine Stimme, als müsste ich mich nur umwenden, um Dich zu sehen. 

Als ich im Januar von Deinem Blutkrebs erfuhr, wusste ich, dass ich Dich noch in diesem Jahr verlieren würde. Ich wusste, dass uns keine Zeit mehr bleiben würde. Und ich denke, Du wusstest das auch. Denn dass Du Euren 60. Hochzeitstag im kommenden Jahr erleben würdest, glaubtest Du auch nicht wirklich, ohne dass Du es ausgesprochen hast. Aber Du hattest die Hoffnung, dass die Therapien Dir über die Zeit helfen würden. Du hast alles dafür getan, um die Zeit hier mit uns so lange wie nur möglich haben zu können. Du hast eine bemerkenswerte Ruhe und Kraft ausgestrahlt, doch Deine ständige Betriebsamkeit zeigte mir: Du willst nicht wirklich zur Ruhe kommen. Du willst keine Gelegenheit haben, nachdenken zu müssen. Dich befassen zu müssen mit dem, was vielleicht auf Dich zukommen könnte.

In meinem allergrößten Schmerz versuche ich mir noch immer zu sagen: Vielleicht hast Du Dir selbst jetzt auch eine ganze Menge Leid und Qual erspart? Wer weiß, was Du sonst alles noch hättest durchstehen müssen? Kann das ein Trost sein? Soll das ein Trost sein?

So oft denke ich: Dies und das kannst Du jetzt nicht mehr sehen, nicht mehr hören. Kann ich Dir nicht mehr zeigen, Dir nicht mehr erzählen. Nach Deinem Tod wollte der Papa uns alle aus dem Haus haben. Ich konnte ihn verstehen, ich denke, mir würde es genauso gehen wie ihm: allein sein wollen. Sich zurückziehen wollen, auch in sich selbst. Den Verlust begreifen und irgendwie damit umgehen können. Doch mein Großer sprach aus, was ich schon vor Deinem Tod spürte: Wir haben nicht nur Dich verloren; wir haben auch unser zweites Zuhause verloren. Denn unser Zuhause warst vor allem Du. Du mit Deinen handgeschriebenen Kuchenrezepten, die Du Dir an den Kühlschrank gepinnt hast. 

Ich hatte Angst davor, Dich zu verlieren, weil mir bewusst war, dass es sehr wehtun würde. Aber Mama... Die Wahrheit ist: Mir war nicht klar, wie unfassbar es wirklich schmerzt. 

Liebe Mama, ich vermisse Dich so sehr. Jeden einzelnen Tag. Und keine Pille, die sie mir inzwischen verschrieben haben, kann daran etwas ändern. 

Ich liebe Dich.

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