Die letzten beiden Nächte habe ich kaum geschlafen, viel gegrübelt und über Verschiedenes nachgedacht. Noch heute las ich in einem anderen Blog über die Auseinandersetzung von Mutter und Vater, die einander nicht mehr lieben und auch nicht mehr miteinander leben - doch dazwischen steht das gemeinsame Kind.
Ich las davon und dachte so bei mir: Ich bin doch froh, dass meine Söhne erwachsen sind und mein Leben damit um vieles freier geworden ist. Ich bin unabhängiger geworden, viel unabhängiger und konnte mein Leben endlich auch mal ein Stück weit auf mich selber ausrichten.
Vielleicht habe ich noch nicht die Balance gefunden. Vielleicht gibt es zu viele Momente, in denen ich nur an mich denke. Was man mir viele Jahre sagte "Jetzt denk doch mal an dich", wird mir inzwischen vorgehalten.
Meine Söhne sagten das noch niemals. Junior II sagt öfter, dass er sich keine bessere Mum wünschen oder vorstellen könnte.
Ob sie das aber immer noch so sehen, wenn sie feststellen, dass auch ich meine Grenzen habe und dass auch ich nicht alles immer nur hinnehme? Vor fast einem Jahr musste Junior I sein Auto verschrotten und da die Fachschule noch nicht beendet und damit ein Job noch nicht in Aussicht war, verzichtete er darauf, vom Ersparten ein neues zu kaufen. Um ihm den Alltag zu erleichtern, erweiterte ich meine Versicherung und gab ihm mein Auto. Für den Schulweg. Später für die Vorstellungsgespräche und für die Fahrten zu den Nebenjobs.
"Ich möchte aber, dass du auch ein wenig auf die Verhältnismäßigkeit achtest", sagte ich ihm, "dass du nicht jeden Weg fährst, der vielleicht nicht sein muss."
Ich finde, es ist nichts Verwerfliches daran, sich auch innerhalb einer Familie abzustimmen. Er zahlt den Sprit, jedoch ich zahle die Versicherungen und die Reparaturen. Ich weiß, ein Auto kann sich auch kaputtstehen. Ich weiß aber auch, dass manche Reparaturen schneller kommen, je mehr man damit fährt. Ich sage nur: Zahnriemen. Fünfhundert Ocken. Erfahrungswerte, denn das hatte ich schon mal.
Und dann möchte ich irgendwann auch nicht mehr hinnehmen, dass der Vater kaum noch Wochenenden vorsieht, wo er beide Jungs mal bei sich hat. Wo ich sehe, wie wenig der sich kümmert. Klar, kostet alles Geld - aber hat er nicht in den elf Jahren mehr als genug auf meine Kosten gelebt?
Und mir wird vorgerechnet, dass ich nie mit meinen Kindern im Urlaub war - sieht man mal die Zeiten ab, die ich mit ihnen auf meiner Insel verbrachte? Dass Junior I ruhig vierzehn Tage lang pendeln kann, nur damit er eine warme Mahlzeit hat, wenn der Vater mal wieder gepflegt in die Türkei in den Urlaub fliegt? Weil Junior im früheren Wohnort lebt und nun auch dort arbeitet?
Darf ich da nicht wenigstens erwarten, dass man sich mit mir auch abstimmt? Wann dieser beschissene Urlaub ist, wann Junior täglich pendeln wird - auch mit meinem Auto? Gestern setzte der Vater Junior II hier vor der Haustür ab mit den Worten "Wir sehen uns jetzt lange nicht." Der Spruch ist Standard geworden übrigens. Nicht weil der werte Herr in den Urlaub fliegt, sondern weil er arbeiten muss. Ach so. Okay. Ich lieg ja auch nur zu Hause rum und dreh Däumchen.
"Wann ist denn nun der Urlaub?" fragte ich Junior II heut Abend und wurde prompt angefahren: "Weiß ich doch nicht, musst du den Vater fragen."
Wieso ich? Wieso muss ICH mich kümmern, wenn dieser Typ was von mir will? Wieso muss ICH mir Gedanken darum machen, dass auch Junior I "versorgt" ist? Wenigstens finanziell, damit er sich selber um Essen kümmern kann in des Vaters Urlaubszeit? Wieso muss es MEIN Auto sein, mit dem Junior pendelt?
Wieso kommt niemand zu mir, um sich mit mir abzustimmen?
"Kannst du unter der Woche nicht bei deiner Tante mit zu Abend essen?" habe ich Junior gefragt. "Ihr wohnt im selben Ort und ich halte es, ehrlich gesagt, für unsinnig, nur wegen einem Abendessen jeden Tag zu pendeln."
"Nee", antwortete er zögerlich, "ich wills ja so nicht sagen, aber die ist nicht gut auf dich zu sprechen."
Bitte was? Eine Frau, die ich seit 10 Jahren höchstens 3 x gesehen habe?
"Was hat das denn mit mir zu tun? Das ist doch kein Gefallen für mich, hier gehts doch um dich?"
"Na ja... Das wird... halt trotzdem nichts. Der Vater hat gemeint, die wär nicht gut auf dich zu sprechen, weil die vieles bei dir nicht versteht. Dass du mit uns nie in den Urlaub gefahren bist, aber mit deinem Freund schon."
Aha.
Er meint wohl das Wochenende in Wien, das ich mal zum Geburtstag geschenkt bekam. Oder letzten Sommerurlaub, die wir an der Ostseeküste waren. Oder den einen Urlaub, den wir in Italien verbrachten - und zu dem ich selber nichts beisteuern konnte. Zweimal Urlaub in elf Jahren. Zu geil. Während der Vater zweimal im Jahr fliegt und mir noch erzählt, dass er dies von Juniors Kindergeld zusammenspart. Nur um mit seiner Freundin entweder allein oder mit Junior II zu fliegen (was übrigens auch schon paar Jahre her ist). Nur ein einziges Mal war Junior I mit - und durfte sich dann finanziell noch dran beteiligen. "Du musst das verstehen, eine vierte Person kostet Aufpreis", hat der Vater zum Sohn gesagt. Spart dessen Kindergeld, fliegt ohne ihn in Urlaub und das einzige Mal, dass er ihn mitnimmt, darf Sohnemann noch zuzahlen.
Als ich den Vater fragte, ob er sich denn nicht schäme, guckte der mich groß an: "Na was glaubst du denn, wie ich sonst den Urlaub bezahlen soll?"
"Wenn du kein Geld hast, kannst du eben nicht in Urlaub fahren, aber jedenfalls nicht mit dem Geld deines erwachsenen Kindes", war ich echt fassungslos.
Aber zerreißen sich über mich das Maul, dass ich mir in elf Jahren keinen Urlaub bezahlen konnte? Dass ich immer die Auffassung vertrat: "Entweder wir drei zusammen oder keiner?" Zerreißen sich über mich das Maul, weil ich Junior seit 1 Jahr mein Auto überlasse und aber erwarte, dass er keine unsinnigen Strecken fährt?
Zerreißen sich über mich das Maul, weil ich erwarte, dass man sich mit mir abstimmt, auch wenn ich die Mama bin?
Junior I war heute Abend genervt. Auch von mir. Und wahrscheinlich zu Recht. Ich war wütend, ich war richtig wütend - am meisten wohl auf mich selbst.
"Ich kanns nicht mehr hören, das alles", sagte er.
Das war der Moment, wo es mir endgültig die Beine wegknickte.
Er ist 24, ich hab all die Jahre stillgehalten, ruhig gehalten, um die Jungs zu schützen. Sie wissen so vieles nicht, so wie überhaupt niemand vieles weiß. Der Vater wird sich hüten, die Wahrheit zu sagen. Und ich sehe keinen Sinn darin, durch die Welt zu laufen und die Wahrheit kundzutun. Aber muss ich deshalb für den Rest meines Lebens stillhalten? Darf ich nicht erwarten, dass ich mit meinem Sohn, der 24 Jahre alt ist, offen reden kann? Dass ich ihm sagen kann: "So geht es nicht, ihr könnt nicht einfach immer voraussetzen, dass ich immer da bin, immer mache und tu und immer alles kompensiere, das ihr woanders nicht bekommt"?
Oder dürfen sie das voraussetzen, weil ich die Mama bin?
Ich fühl mich am verletzlichsten meiner Punkte berührt: meinen Kindern. Das Gefühl, versagt zu haben. Das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben. Das Gefühl, zu selbstsüchtig zu sein. Das Gefühl, etwas auf ihrem Rücken auszutragen, das nicht dorthin gehört.
Ich habe heut Abend den Boden verloren. Und falle und falle und falle.
Ich bin schuld, dass man immer noch den Audi fährt und nicht den BMW.
Ich bin schuld, dass man immer auf mich Rücksicht nahm und nicht den Urlaub machen konnte, den man wollte.
...You say I need help
cause I'm dreaming too much
cause I'm drifting with my mental health...
Ich habe diese Musik bis zum äußersten aufgedreht. Ich will nichts mehr, ich mag nichts mehr. Nichts mehr hören, nichts mehr sehen, nichts mehr geben und nichts mehr bekommen. Tu ich mir grad selber leid? Keine Ahnung, weiß ich nicht genau. In meinem Kopf schwirren die Worte der letzten Tage, die ich zu hören bekam. Und die Vorwürfe von heute Abend.
Ich fühl mich taub, von innen und von außen. Habe die ganze Schokolade aufgegessen. Jetzt muss ich kotzen.