Samstag, 30. Januar 2016

Es wäre dann aber was mit Liebe.

Als der Dezember so bescheiden schön zuende ging, sagte ich mir: "Vielleicht muss das ja so, dass ein beschissenes Jahr auch mit Trara zuende geht. Dafür beginnt das neue Jahr entspannter, so als Einklang für ein eben gutes, neues Jahr."
Heute haben wir den vorletzten Januartag und ich kann für mich statuieren: So wie das Jahr zuende ging, so begann es auch.
Und so, wie Nicola ihre Voice-Memos abhört, habe auch ich die Stimmen in meinem  Kopf, Stimmen von Personen aus meinem Umfeld, die ich zwar nicht auf Zelluloid oder sonst irgendwas gebannt habe - aber dennoch höre:

1. Dass du so oft krank bist, ist doch nicht normal. Du tust zu wenig für dich.
2. Du solltest dich mehr um deinen Sohn kümmern. Du verkennst anscheinend den Ernst der Lage.
3. Immer, wenn ich was vorhabe, passiert bei dir irgendwas.
4. Du hast nur dein Leben in M im Kopf.
5. Du müsstest... Du solltest...
6. Du hast uns deinen kranken Sohn überlassen und wir dürfen das jetzt richten.
7. Ich bin hier der einzige, der ständig Kompromisse macht. Ihr hingegen nehmt alle nur, auch du.

Ich wusste schon, warum es mir in früheren Jahren fast unmöglich war, um Hilfe zu bitten. Warum ich es nicht wollte. Warum ich lieber alleine kämpfte. Warum ich lieber mit Provisorien lebte - und das zumeist nicht mal schlecht.
Weil ich es mir nie nie nie im Leben vorhalten oder vorrechnen lassen wollte. Noch niemals bin ich auch nur auf die Idee gekommen, jemandem zu sagen: "Ich habe für dich dies und das und jenes getan, siehst du mal!" So wie ich auch nie nie niemals auf die Idee kommen würde, eine Gegenleistung zu erwarten oder zu erhoffen. Wenn ich etwas tun kann oder helfen kann - dann tu ich es einfach und laber nicht lange rum. Weder davor noch danach, dann mache ich einfach, und ich vergesse es dann auch wieder.
Früher ist es mir oft schwer gefallen, Nein zu sagen. Aber das habe ich irgendwann auch gelernt. Lernen müssen. Schließlich kann man nur bedingt aus einem Krug schöpfen. Wenn er leer ist, ist er eben leer. Ich kann auch nicht alles (leisten), und ich denke, ich muss es auch nicht. Mutter Theresa bin ich nicht - aber ein Mensch mit Gefühl und Verstand. Dachte ich jedenfalls.
In den letzten Jahren ist mir oft gesagt worden: "Du musst nur mal was sagen - ich helfe dir gern. Weil du es verdient hast."
Anfangs fiel mir das unglaublich schwer. Ich habe mich da richtig geniert, weil ich auch dachte: Um Hilfe bitten ist Schwäche. Stück für Stück erkannte ich: So schwer ist das gar nicht, um etwas zu bitten - aber es kann das Leben mitunter tatsächlich leichter machen.
Allerdings ist das Leben wie ein Bumerang: Es kommt alles zu dir zurück - und oft ist das leider eben nicht so schön, lustig oder rosarot. Vielleicht ist es keine Schwäche, um Hilfe zu bitten, aber es fühlt sich trotzdem nicht immer richtig an.

Am Mittwoch habe ich um die Kündigung gebeten - für Sohn und mich. Diese Aussage habe ich nicht aus Trotz getroffen, ich stehe immer noch dazu. So wie ich auch immer noch zu meinen Antworten stehe:

1. Ich tue schon auch viel für mich; interessanterweise wird das dann jedoch gern als Egoismus ausgelegt.
2. Ich bin dankbar für Sohnemanns Job und damit die Chance, dass er wirtschaftlich selbständig ist. Aber um ihn als Mensch kümmert sich niemand, keiner, keine einzige Sau. Oder wer von euch allen kümmert sich darum, dass genug zu essen da ist (vor allem Gesundes), dass finanzielle Engpässe ausgebügelt werden, dass über Kummer und Sorgen gesprochen wird, egal ob live vor Ort zu Hause oder am Telefon; dass er nicht nur zu Hause vor der Konsole sitzt etc.? Wer gibt ihm im Büro Tipps oder Hilfestellungen und wird dann vom Chef angeschnauzt, dass ich in den 2 Bürotagen für ihn da zu sein hätte und nicht für andere, wir hätten schließlich genug zu tun? WER von Euch kümmert sich denn, während Ihr mir das jede Woche vorhaltet - in einer Tonart, bei der ich dann noch ruhig und gelassen bleiben soll?
Wer schläft nachts oft nicht oder unruhig und schaut tagsüber, ob es ihm gut geht soweit?
Nach all dem, was ich gesehen und erlebt habe, weiß ich: Für ihn als Mensch interessiert sich absolut niemand, ausgenommen meine Eltern und ich. Niemand fragt, wie es ihm geht oder wie er zurechtkommt. Ob er Hilfe brauchen könnte.
Jeder ist sich selbst der Nächste.
Im Übrigen: Ich sehe die Söhne alle 10 - 14 Tage für 3 Tage. Das ist vermutlich mehr, als andere ihre Kinder sehen, die nicht in der Nähe wohnen. Und Sohn wird 26 in ein paar Tagen. Ich lasse ihn nicht alleine, aber an die Hand genommen werden muss er auch nicht. Er braucht nur Menschen, die ihm was zutrauen. Da zähle ich für ihn nicht: "Ich weiß, dass du an mich glaubst. Aber du bist ja auch meine Mutsch und du liebst mich. Da ist das ja klar."
3. Nicht alles liegt in meiner Macht; manchmal passieren Dinge auch dann, wenn ich selbst sie nicht erwarte. Ungeachtet dessen hielt ich mich immer für einen "pflegeleichten" Partner, der nicht viel fordert, nicht viel erwartet, aber jedem seinen Freiraum zugesteht, tun und lassen zu können, was er möchte. Aber so ist die Welt: Sie sieht, was sie gibt; aber sie sieht nicht, was sie dafür bekommt.
4. Wenn das so wäre, wäre mein Leben entschieden leichter. Aber dann wäre ich auch nicht ich.
5. Ich muss überhaupt nichts.
6. Ja genau. Ich miese kleine egoistische Kuh. Aber: siehe 2.
7. Dazu sage ich nur: siehe 3.

Ich bin müde vom Kämpfen. Und ich bin müde vom Weinen, dem heimlichen meist.
Dafür arbeitet es in mir, was ich tun kann und was ich tun werde.
Letzte Nacht träumte ich, dass mich jemand umarmte und während dieser Jemand seinen Mund auf meine Wange legte, sagte er: "Darf ich dir einen Brief schreiben? Ich würde dir gerne einen Brief schreiben." Und fügte dann hinzu:


"Es wäre dann aber was mit Liebe."


Sonntag, 24. Januar 2016

Ein Schelm, wer Arges dabei denkt

Normalerweise wird im blauen Ziggenheim in den Werbepausen immer auf "Mute" geschalten. Weil Herrn Blau die stimmpenetranten Redner auf den Zeiger gehen. 
Aber so entgeht einem vielleicht auch das eine oder andere Schmankerl?




Weil ich gestehen muss: Mein Hirn vernahm lediglich "...und noch viele andere Vögel-Vorteile".
Ähm.
Ja.
Fällt das jetzt in die Kategorie "Freud'sche Verhörer" oder eher in die Kategorie "Ich habe eine selektive Wahrnehmung; ich höre nur, was ich hören will!" ?

Samstag, 23. Januar 2016

Ich werde nie mehr dieselbe sein



It's not your fault,
It was me who chanced it all.
You whispered to my heart
That I'm forgiven.

I've been missing your smile
& I wish you were here
& I'll never be the same
when you're gone.

I've been missing it all
& I wish you were here
& I'll never be the samewhen you're gone.


Aufgegriffen

Mein Blog ist ja eher ein kleiner Ausriss aus meinem Alltag. Oder umreißt wenigstens ein wenig meine Alltagsgedanken. Blogstöckchen verfolge ich nur sehr selten, weil ich - wenn ich mir das erlauben darf zu sagen - nur mit den wenigsten etwas anfangen kann.
Heute aber habe ich ein Stöckchen gefunden, das ich mir aufgehoben habe. Ich meine, was soll ich Euch sonst erzählen - von gut heilenden OP-Narben und schlechten Nierenzuständen, die mir das dritte Antibiotikum in rund vier Wochen (und damit womöglich doch noch eines Tages eine Fellzunge oder wenigstens Eselsohren) und glatte 5 Kilo weniger seit Jahresbeginn bescherten? Nee, das finde ich auch nicht so prall als Thema. 

Außerdem finde ich, dass man mit einem guten Blogstöckchen... ja auch viel über sich sagen kann. Oder?
Probiern mers.

Was bewirkt für Sie Kunst?
Diese Frage erinnerte mich an die Geschichte vom Kaiser mit den neuen Kleidern. Vermutlich bin ich ein totaler Banause, weil ich bis auf eine Ausstellung mit Fotografien sonst mit keiner etwas anfangen konnte. Eher kichernd oder kopfschüttelnd vor den Kunstwerken stand und befand, dass die Leute einfach nur zu feige waren zu gestehen, dass das Dargebrachte gut und gern den Werken der Vorschulkinder entsprach. Übrigens, bei meinem Hausarzt hängt ja auch so ein riesengroßes Bild an der Wand. Was sehen wir darauf? Lauter bunte Kreise, alle gleich groß und schön in einer Reihe und manche übereinander, bis das Bild voll war. Kostenpunkt: 469,00 Euro. Ich muss mich jedesmal dazu zwingen, nicht den Stift aus der Tasche zu holen und unter das Preisschildchen "Vergiss es!" zu schreiben.
Kunst... 
Musik ist Kunst.
Und das ist meine Passion (so wie das Schreiben). 
Musik gibt mir alles, was ich brauche. Es hebt mich hoch, es belebt mich, befreit mich, hilft mir auf die Beine, streichelt meine Seele und bringt all die Bilder in meinem Kopf zum Laufen. 
Allerdings bin ich kein Fan rein klassischer Musik. Herr Blau würde gern mal mit mir in die Oper gehen. "Wenn keiner versteht, was die da eigentlich singen, was soll mir das dann geben?" habe ich zweifelnd gefragt.
Richard Gere hätte ich in "Pretty Woman" also schon mal nicht beeindruckt. 
Zumindest bin ich offen für Erfahrungen: Das nächste Weihnachtsoriatorum in der Kirche werden wir uns gönnen. Ich werde mich schön warm anziehen und für alle Fälle das Buch "Anleitung zum Entlieben" von Conni Lubek einpacken. Das ist manchmal stimmungsvoll - und manchmal recht lustig. Erinnere mich übrigens grade an einen Heiligen Abend vor 9 Jahren; mein damaliger Freund und ich saßen in den hinteren Reihen auf den Kirchenbänken und erlagen einem Lachflash (was das Thema war, weiß ich nicht mehr). Man muss ja auch nicht alles immer so ernst nehmen.

Fünf Worte, die Ihrem Geist nah sind
Freundlichkeit. Liebe. Wärme. Zuhause. Geborgenheit. 
Keine Ahnung, ob ich die Frage richtig interpretiert habe. Die fünf Worte sind die, die mir spontan am nächsten im Sinn waren. Die letztlich auch elementar für mich sind.

Was könnte Freiheit für Sie sein?
Das wiederum erinnert mich an ein Zitat von Hans Kasper, das ich sehr lange bei mir trug: "Die Freiheit ist eine Treppe mit tausend Stufen, kein Fahrstuhl."
Freiheit ist für mich vor allem die innere Freiheit. Wirklich ich selbst sein zu können, ohne mich zu verbiegen, mich permanent anpassen zu müssen und Eigenes an Verhalten, Träumen und Wünschen komplett aufgeben zu müssen. Das hatte ich 16 Jahre lang, mit mir nicht mehr.
Freiheit ist für mich im Gegenzug auch, die anderen so sein zu lassen wie sie sind. Ich muss mich ja nicht mit jedem verstehen und auch nicht mit jedem auskommen - mit mir muss man das schließlich auch nicht. 
Ich habe gelernt, "Nein" zu sagen zu näheren Begegnungen mit Menschen, die mir nicht liegen. Und auch "Nein" zu sagen zu einem Urlaub mit Menschen, die mir nicht liegen. Auch nicht dem anderen zuliebe. Das heißt nicht, dass der andere diesen Urlaub nicht machen dürfte (Menschen sind schließlich kein Besitz). Aber ich würde mir die Freiheit herausnehmen, da nicht mitzufahren. Dann lieber allein ans Meer. Aber dann achte ich darauf, dass ich nicht wieder dieses Erdgeschosszimmer bekomme ;)

Haben Sie ein Lebensmotto?
"Egal wie dunkel der Raum auch ist: Liebe und Hoffnung sind immer möglich."

Drei Dinge aus Ihrem Kühlschrank
Nürnberger Würstchen. Weichkäse. Ingwer.
Ich liebe schwarzes Körnerbrot mit Weichkäse, am liebsten den Bergkäse vom Discounter. Und da oben drauf Marmelade oder Birnen-Feige-Senf. 
Ingwer kenne ich erst seit Herrn Blau. Am liebsten mag ich Ingwer in der Karottensuppe mit Koriander, Creme fraiche und Avocado.
Die Würstchen hat sich der Mann gekauft. 

Ihre größte Herausforderung?
Eigene Grenzen überschreiten, vor allem dann, wenn ich es selber eigentlich nicht will. Und ich habe festgestellt, dass manche Grenzüberschreitungen gewisse Ängste trotzdem nicht besiegen. 
Ich bin schon mal mit dem Flugzeug geflogen, mit einer Seilbahn gefahren und auf einen Turm gestiegen: Angst vor Höhe habe ich noch immer und lehne diese auch, so gut es geht, ab. 
Genauso versuche ich noch immer, beengte Räume zu meiden. Was nicht immer möglich ist - so wie gestern auf dem Weg zum Hausarzt. Eine U-Bahn-Linie mit Behinderungen, also die andere U-Bahn-Linie doppelt voll. Menschen so dicht gedrängt und ohne Rücksicht auf Verluste, dass ich kaum noch atmen, dafür aber jede Pore am Hals des Mannes vor mir, neben mir zählen und den Atem eines Mannes in meinem Nacken spüren konnte. 55 min später beim Doc hatte ich einen Ruhepuls von 101.

Ihre angenehmste Beschäftigung?
Das ist unterschiedlich. Manchmal male ich gern. Manchmal lese ich gern. Manchmal puzzel ich gern. Ich mache vieles gern, ohne sagen zu können, dies oder jenes davon wäre mir das liebste. 

Gibt es in Ihrem Tun Rituale?
Bei dieser Frage musste ich spontan an meinen Großen denken. Er ist, seit er klein war, ein Mensch, dem Wiederkehrendes irgendwie Stabilität und Geborgenheit bedeutet. Das hat sich so "ausgewachsen", dass er noch heute sehr an den Gewohnheiten hängt - und kurzfristige Veränderungen ihn eher verunsichern.
Ich dagegen... Ich glaub, das ist mein Naturell, dass ich mich mehr oder weniger spontan umstellen kann. Zwillinge halt. 
Aber ich hab festgestellt, dass ich mich sehr schnell an Schönes gewöhne - und das dann auch vermisse, wenn es nicht so ist. Ich mag zum Beispiel abends nicht so einschlafen, dass man sich hinlegt, "Nacht" sagt (oder auch gar nix), sich rumdreht und einschläft. Ich mag es vielmehr, dem Mann einen Kuss zu geben und meine Hand in seine zu verhaken - oder meine Hand auf seinen Bauch zu legen. 
Ich mag es, den Tag entspannt in Flanellhosen zu beginnen und eine Tasse Kaffee genüßlich in der Hand zu halten.
Sind das jetzt Rituale? Ich glaub nicht, weil, es ist ja nicht jeden Tag und nicht jeden Abend so - dann fehlt es mir, aber es irritiert mich nicht :)

Haben Sie einen Plan?
Nein. Ich glaube, ich hatte noch nie einen Plan. Ob ich deswegen auch nie so wirklich zielstrebig einen Weg gegangen bin? Wie auch immer. Ich habe keinen Plan - aber Träume, die ich mir Stück für Stück erfülle. Manche sind erfüllt, andere sind noch in der Warteschleife - oder es sind neue entstanden. Das ist ja irgendwie auch das Schöne am Leben: dass Wege sich immer wieder neu ergeben können und es jeden Tag in eine andere Richtung gehen kann. 
Ich glaube, hätte ich einen Plan, dann wäre ich zu starr. Würde krampfhaft (andere sagen dazu ehrgeizig) festhalten an dem, was ich unbedingt will, und könnte mich dann nur schwer davon lösen oder wäre am Boden zerstört, wenn der Plan misslingt.
So bin ich nicht. So war ich auch nie. Ich bin wohl doch eher der Schmetterling, von dem eine Freundin einst sprach. 

Auf welche drei Dinge möchten Sie nicht verzichten?
Auf ein schönes Zuhause - weil das meine Ruheinsel ist. 
Auf Musik - weil dann meine Seele verkümmern würde. 
Auf Milchkaffee, den ich in einem Straßencafe trinken und bei dem ich nebenbei die Beine baumeln lassen möchte - ohne Angst haben zu müssen, das vor mir, neben mir, über mir Furchtbares passiert. 

Wie treffen Sie Entscheidungen?
Das hängt davon ab, worum es geht. Sachliche Entscheidungen funktionieren bei mir schnell, spontan und zackig. Ja oder Nein, kein vielleicht-mal-sehen-irgendwie-irgendwo-irgendwann (deshalb habe ich eben auch konsequent den gemeinsamen Ring abgelegt und bleibe auch dabei).
Wir sind zum Beispiel gerade dabei, Wohnungen zu besichtigen. Ich muss da nicht rumeiern: Ja oder Nein weiß ich, sobald ich aus der Tür gehe - und sage das auch. Glücklicherweise sind Herr Blau und ich fast immer derselben Meinung. 
Entscheidungen, die Beziehungen zu Menschen betreffen, treffe ich hingegen erst, wenn ich in mir selbst den Knock-Out-Punkt gefunden habe. Meine Schmerzgrenze ist sehr schnell erreicht bei Menschen, zu denen ich keine oder nur eine geringe Bindung habe. Bei anderen hingegen... muss dann schon erst eine ganze Menge passieren, ehe ich endgültig meinen Hut nehme. 

Was beeindruckt Sie?
Ich schätze es sehr, wenn Menschen in ihrem Leben etwas erreicht haben, ohne sich mit Ellenbogen durchs Leben geboxt zu haben. Die das Erreichte genießen, ohne es zur Schau zu stellen, ohne ihre Menschlichkeit, Güte und Verständnis für andere zu verlieren. Die einfach... Mensch bleiben.

Was bedeutet Zeit für Sie?
Zeit zum Lesen. Zeit, um in der Badewanne zu liegen. Zeit, um meinem Ich seinen Raum zu geben.

Schreiben Sie noch mit dem Füller?
Ja. Aber selten. Und nur besondere Briefe.
Eine Bekannte von mir erzählte mal, sie schriebe ihre Gedanken, die ihr so tagsüber in den Sinn kämen, auf kleine Zettel, manchmal Packpapier - und fast immer mit einem Füller. Dieser Gedanke gefiel mir sehr. 

Was verzeihen Sie am ehesten?
Ich glaube, ich bin da... insgesamt ein eher verträglicher und vor allem nicht nachtragender Mensch. Was war, ist vergessen, wenn man es bereinigt hat. Außer in der Liebe. Schweizer Uhrwerk, sage ich da nur ;) Nur Gewalt in jeder Form, die verzeihe ich niemandem. 

Was bringt Sie in Rage?
Ungerechtigkeit. Lügen. Hinterhältigkeit. 

Wofür sind Sie dankbar?
Für mein Leben. Für das, was darin war und was darin ist. Na ja, nicht für alles. Aber für das meiste darin. Ich bin dankbar, dass gerade alles so ist wie es ist. Für die Begegnungen mit wunderbaren Menschen und dafür, dass die meisten von ihnen immer noch da sind. Für die Möglichkeiten. Für die geöffneten Türen. 

Was sagen andere über Sie?
Oh, diese Palette ist sehr breit, da ist von allem was dabei - suchen Sie sich was aus.

Was kann Ihnen den Tag retten?
Hier denke ich an einen Tag im Dezember 2014, als ich auf dem Weg vom Zahnarzt am Büdchen in der U-Bahn einen Kaffee kaufte und der Verkäuferin "Wunderbare Weihnachten" wünschte. Sie hat daraufhin so herzlich gelächelt, dass jegliche Müdigkeit aus ihrem Gesicht wie weggewischt war. Das hat mich den ganzen Tag begleitet!

Welcher Künstler/ Buch/ Ereignis hat die Kraft, Sie aus dem Alltag zu entheben?
Das ist nicht an jemand Bestimmten gebunden. Bei mir ist es im Grunde nur die Musik. Dann kann ich sofort ganz woanders sein - egal, wo ich gerade wirklich stehe oder liege. 

Gibt es für Sie Ideale?
Nein. Gab es auch noch nie. Weil ich noch nie ein anderer sein wollte als ich selbst.
Als ich etwa zwanzig, einundzwanzig Jahre alt und mein Haar noch blond war, wurde ich oft mit Claudia Schiffer verglichen. Ich fand das ganz schlimm! Es gab für mich kaum einen anderen Menschen, dessen Personalität ich so flach fand wie den von Claudia Schiffer. 
Aber es gibt Menschen, die mich beeindrucken und von denen nehme ich mir dann manchmal etwas mit auf meinen eigenen Weg. 

Danke. liebe Lady, für diese Fragen - auch wenn ich jetzt müde bin :)

Donnerstag, 14. Januar 2016

SMS für mich

"Ich bekomm kein Auge zu und muss in nicht einmal 2 Stunden aufstehen, kannste vergessen, dass ich das bestehe [...] Ich hab heute Morgen darüber nachgedacht, was Du immer zu mir gesagt hast: "Was soll werden, wenn ich nicht mehr da bin?" und wirklich, bei dem Gedanken wurde mir ganz anders. Ich hab dann immer sofort im Gedächtnis, wie Du ankommst und mich umarmst oder mich anlächelst [...] Egal was war, Du hast mich NIE im Stich gelassen. Du bist für mich echt der wichtigste Mensch, den es gibt, und die einzige Person, der ich 100 % vertraue, immer die einzige, mit der ich über alles reden kann. Ich will einfach, dass Du weißt, dass ich Dich über alles liebe! [...]"

Mir ist oft gesagt worden, ich nähme den Söhnen zuviel ab, ließe sie nicht wirklich selbständig sein - und ich weiß, dass die, die das sag(t)en, recht haben. In gewisser Weise. Denn viele Dinge, die ich heute für sie tue, tue ich vordergründig deshalb, um sie finanziell zu entlasten. Warum? Weil ich es kann - momentan. Weil ich ihnen ersparen möchte, was ich selber durchlebt habe. Jahre der völligen Mittellosigkeit, des ewigen Kampfes ums Überleben, des Kampfes darum, die Kinder so versorgen zu können, dass sie zwar wissen, dass nicht alles möglich war und warum, aber dass sie nicht die Sorge und die Belastung spürten, die mich tags um den Verstand und nachts um den Schlaf brachten.
Der Jüngere war damals 7, der Ältere 13 und mit dem, das der völlige Lebensumbruch mit sich gebracht hatte, waren wir alle gefordert. Noch mehr wollte ich ihnen nicht zumuten, und später, als sie größer und groß wurden, hatte ich mich so daran gewöhnt, eigene Sorgen und Kummer kaum teilen zu können, dass ich es auch nicht mehr tat.
Erst jetzt, seit vielleicht ein oder zwei Jahren, spreche ich eine deutlichere Sprache - auch dem Vater gegenüber, belege mit alten Kontoauszügen, wenn Sohn I mich zweifelnd anschaut: "Der Vater sagt etwas anderes, und wem soll ich jetzt glauben?"

Als ich meine Kinder auf die Welt brachte, wusste ich, dass wir als Eltern Verantwortung tragen. Aber ganz ehrlich? Mir war nicht bewusst, wie groß diese Verantwortung wirklich ist. Mir war - ehrlich gesagt - auch nicht bewusst, wie viel man zerstören kann.
Ich kann nicht ändern, was war; nicht ändern, wie es war. Auch wenn ich seit Jahren versuche, Erlebtes zu kompensieren, aufzuarbeiten, aufarbeiten zu lassen und wenn ich mich selber hinten anstelle, damit es den Söhnen besser geht, besser als mir damals und möglichst nicht in dem tiefen Fall, in dem ich mich einst befand, dann tue ich das nicht aus schlechtem Gewissen heraus. Ich will mir nicht erkaufen, was ich früher falsch machte oder versäumte. Ich will sie auch nicht bewahren vor Erfahrungen, die man selber machen sollte, um im Leben bestehen zu können. Aber wenn ich erlebe, wie "stark" und gesund Sohn II sich entwickeln konnte und Sohn I nicht, dann begreife ich einmal mehr die Verantwortung.

Dass die (meisten) Mütter ihre Kinder und deren Schutz anders empfinden als die (meisten) Väter, habe ich oft gelesen. Dass die Mütter und die Väter die Kinder auf ihre eigene Weise behandeln - und dass deshalb Mutter UND Vater wichtig sind für die Kinder. Jedenfalls, wenn es eine gesunde Beziehung zum Kind ist. Dass meine Söhne den Halt bei ihrem Vater nicht hatten und nicht haben, versuche ich nicht zu kompensieren. Weil ich das nicht kann. Aber eins wollte ich immer: dass meine Jungs wissen, dass ich da bin. Dass sie mit allem zu mir kommen können. Dass ich sie immer unterstützen werde - solange ich es kann. Ich muss nur noch die Balance lernen, sie zu unterstützen, aber sie dennoch loszulassen. Ich glucke nicht auf ihnen. Wirklich losgelassen aber habe ich sie wohl auch noch nicht, weiß nicht, kann ich nicht sagen.
Manchmal sage ich dann: "Mach doch einfach mal (wie du denkst), wenn ich nicht da bin, um mich fragen zu können, muss es ja auch gehen."

Gestern Morgen bin ich nun operiert worden. Mir gings danach nicht so gut. Die üblichen Begleiterscheinungen wohl, von denen ich nach jeder früheren OP verschont geblieben war. Übelkeit, Kopfschmerz - und, klar, Wundschmerz. Gepaart mit der Enttäuschung, dass die OP nicht vollständig geglückt ist. Der Fuß schlussendlich beidseitig aufgeschnitten, aber nur ein Teil konnte entfernt werden. Der andere steckt tief in der Gelenkkapsel und der Körper hat in all den Jahren eine Art "Schutz" herumgebaut, so dass eine Entfernung nur möglich wäre, wenn man die Gelenkkapsel öffnet, etwas Knochen abträgt und Gefahr läuft, Sehnen und Nerven zu beschädigen. Dieses Risiko erschien dem Chirurgen zu hoch.
Was meiner Freundin die Anmerkung per sms entlockte: "Das Gemehre am Fuß ist wohl sinnbildlich für Deine Ist-Situation... Nüscht löst sich leicht auf, aber Du bist dran."
Bis zum Abend hin war ich sehr müde und irgendwie durch den Wind, nicht einmal nen Tatort oder Krimi mochte ich sehen (ICH! als größter Krimi-Fan ever!), weil mir nur nach Berieseln, aber zum Nachdenken nicht wirklich in der Lage war. Wünschte meinem Jungen noch ganz viel Glück und Erfolg beim heutigen, knapp vierstündigen Test für eine mögliche Ausbildung beim Zoll. Die Alternative, falls es bei und mit der Polizei nicht klappt. Mehrere Eisen im Feuer, solange er keine Zusage von irgendwoher hat. Das bedeutet Stress für ihn in diesem Monat, heute hierhin, morgen dahin, viel Lernen und Vorbereiten, aber er ist jung, er schafft das; natürlich schafft er das - und ziemlich viel Geld für mich. Aber wenn er damit seinen Weg findet, wenn es damit möglich ist, ab 1. Februar tatsächlich die Ausbildung zu beginnen, mit der er sich seinen großen Traum erfüllt und der in letzter Instanz auch für mich vieles einfacher macht - dann will ich nichts diskutieren müssen. Dann will ich einfach nur... da sein.
Ich wusste immer, dass mein Sohn das weiß und dass er es schätzt. Er hat es nie gesagt, aber er hat es mir immer gezeigt.
Doch wie sehr er das schätzt, wie sehr er mich schätzt, das sagte bzw. schrieb er zum ersten Mal so deutlich letzte Nacht.
"Natürlich wirst Du das schaffen", habe ich ihm heute Morgen geantwortet. Per SMS, weil whatsapp nicht funktionierte. Einen Weg gibt es nämlich immer.

Dienstag, 12. Januar 2016

Am Ende der Gedankenschleife

Vor kurzem schrieb ich, dass ich noch nie Vorsätze für ein neues Jahr gefasst hatte - und dass ich auch jetzt nicht gedachte, damit anzufangen.
Genau genommen denke ich auch jetzt nicht daran. Jedenfalls nicht als Vorsatz, nur weil ein neues, noch taufrisches Jahr begonnen hat. Eins, von dem ich doch recht erschrocken feststellte, dass so einige Blogger 2016 bereits jetzt abhaken und unter der Kategorie "Next, please" ablegen möchten.

Vor kurzem gab es Streit im Blauen Ziggenheim. Und mir fiel eines dabei auf. Stellt Herr Blau mir die Frage "Darf ich dich mal was fragen?", dann denke ich nicht mehr wie früher ein unbekümmertes "Nu freilisch, du darfst mich alles fragen!", sondern ich denke inzwischen: "Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht?"
Beim Nachgrübeln in den stillen Momenten des Tages oder in den schlaflosen Momenten einer Nacht gelangte ich irgendwann an den Punkt der Selbstreflexion, dass sich diese negative Tendenz meiner Grundhaltung nicht nur auf meine Beziehung zu Herrn Blau erstreckt.
Wenn Chef am Telefon sagt: "Ich hab mir da meine Gedanken gemacht während der Weihnachtstage, aber lass uns reden, wenn du da bist", dann denke ich (inzwischen) nicht mehr: "Cool! Mal sehen, was für Gedanken - vielleicht noch einen Tag Urlaub mehr?" (Wir haben uns nämlich im vergangenen Jahr von 24 auf 25 Tage Urlaub erhöht - ja, da geht noch was. Denken wir. Also das Personal.) Sondern ich denke: "Bedeutet das Änderung der Jobkonstellation mit Sohn? Und wenn ja, was bedeutet das dann für mich? Was macht das dann mit mir?"
Wenn ich an die Operation am Mittwoch denke, dann denke ich nicht mehr automatisch: "Ich würde ja fast schwören, dass der Schmerz im Körper tatsächlich was mit der Nadel im Fuß zu tun hat - also kanns anschließend nur besser werden!", sondern ich habe die Befürchtung, dass ich zum einen während der OP erwachen könnte (Anästhesist: "Wir versuchens erst mal mit ner kleinen Narkose, das schont Ihren Kreislauf", was mir beinah sofort Bilder vor den Augen entstehen lässt, in denen ich mittendrin erwache und schreie: "Aaaaaaaahhhh Finger weg, das tut vielleicht mal weh!") - beziehungsweise habe ich die Befürchtung, dass danach alles noch mehr schmerzt im Körper, zumindest seit ich ich darüber belehrt wurde, was man da alles kaputtmachen kann.
Wenn jemand anderen eine glückliche Ehe wünscht, die unbedingt so kommen muss, weil diese anderen so ein tolles Paar sind, sie so eine tolle Frau, dann vermag ich nicht zu trennen, dass man anderen etwas wünschen kann, das man selber nicht auch leben muss und trotzdem glücklich sein kann - auf die eigene Weise. Sondern dann frage ich mich, ob ich lediglich die Interimslösung bin.
Wenn ich sehe, dass ich innerhalb von nur drei oder vier Wochen ganze sechs Leser verliere, dann denke ich nicht mehr wie früher: "Hui!", sondern frage nicht nur Herrn Blau, ob er das Leben mit mir möglicherweise langweilig findet, sondern auch mich, ob ich selbst langweilig (geworden) bin.
Es ist die Summe all dessen, wo ich mich vor wenigen Tagen abends fragte, wann das angefangen hat, dass ich diese negative Einstellung zu mir selbst eingenommen habe - und vor allem, warum.
Ich erinnerte mich zugleich daran, dass jemand vor Jahren zu mir gesagt hatte: "Du bist der positivste Mensch, den ich kenne" - und ich frage mich, ob dieser das heute auch noch so sagen würde.

Betrachte ich insbesondere mein Jahr 2015, dann empfinde ich vor allem die Sorge, die Belastung und den immensen Druck, der mir gemacht wurde und den ich mir in verschiedensten Situationen selber mache. Ob das dann irgenwie auch normal ist, dass der Himmel nicht nur wolkenlos und rosarot ist und mir dauerhaft die Sonne aus der Rückfront scheint?
Ob das dann normal ist, dass meine Seele Zeit braucht (und ich Geduld)?
Zweifel in mir sind nicht da, weil ich sie will oder suche. Sie sind da, weil ich immer wieder über etwas stolpere und darüber stürze.
Manchmal entwickle ich globale Fluchtgedanken - und erkenne zugleich: "Ich kann ja letztlich gar nicht vor mir selber abhauen." Mein Ich nähme ich ja mit. Was aber, wenn genau im Ich die Antwort auf vieles liegt? Warum lerne ich so langsam und warum reagiere ich so langsam? Eine Zeitlang wusste ich, dass ich nur zu Entscheidungen, die aus dem eigenen Lernprozess resultieren, auch konsequent stehen kann. Meine Scheidung zum Beispiel. Neun ganze Jahre dauerte dieser innere Prozess, dann ging alles verhältnismäßig schnell. Ich hadere nicht damit, dass es neun Jahre gedauert hat. Aber ich erkenne, dass Mechanismen in mir verhinderten, diesen Prozess zu beschleunigen - und dass diese Mechanismen offensichtlich heute noch funktionieren. Mehr oder weniger.
Beruflich und privat habe ich Menschen kennengelernt, die demgegenüber immer in Bewegung sein müssen. Die immer etwas bewegen wollen und müssen; die Gründe hierin mögen verschiedentlich sein.
Manchmal betrachte ich diese Menschen und denke: "Wann überholen sie sich selbst?"
Manchmal betrachte ich andere Menschen und denke: "Warum liegt ihr Augenmerk auf den Dingen, die sie (noch) nicht (erreicht) haben - und nicht mit Freude darauf, was sie (erreicht) haben?"
Warum glaube ich an das Glück der anderen, nur dem eigenen vertraue ich nicht? Wenn ein bisschen Neid gesund ist, wieso empfinde ich dann keinen, sondern freue mich vorbehaltlos?

Für 2016 habe ich immer noch keinen Vorsatz gefasst.
Aber am Ende der Gedankenschleife ist mir bewusst geworden, dass ich Negatives zu sehr an mich heranlasse  - und dass mich auch zuviel Negatives umgibt.
Mir ist auch bewusst, dass ich nicht das ewige Mädchen mit ihrem verträumten Blick sein kann.
Aber ich will mir einen Teil dessen bewahren. Ich habe das Kind in mir vernachlässigt und ein Stück meiner Unbeschwertheit aufgegeben. Verloren. Ein Verlust, den ich schon früher wahrgenommen habe, aber der erst jetzt beginnt, richtig zu schmerzen.
Und das ist es, was ich mir für mich selbst vorgenommen habe: mich selbst wieder viel mehr auf das Positive konzentrieren. Loslassen, was mich herunterzieht. Mich abwenden von dem, das mich "vergiftet".
Oder um es so zu formulieren: mich NOCH MEHR auf Positives konzentrieren. Eigene negative Gedankenströme wegzulenken und auf das Positive zu richten. Ich glaub, dass das auch für mich, der im Grunde der geborene Optimist ist, momentan nicht mehr so einfach ist. Aber immer noch bin ich mir selber wichtig genug, mich nicht völlig aufzugeben. Mich nicht völlig zu verlieren.

Morgen ist die OP und inzwischen denke ich: "Labert nicht soviel, macht einfach euer Ding und holt die Nadelstücke raus, aber macht es gut. Wird schon werden!" Und die Hoffnung auf Besserung in jeder Hinsicht überwiegt auch wieder.
Meinen Ring habe ich schon vor 2016 konsequent abgelegt, weil er nicht hält, was er verspricht - und weil ich mich mit etwas, vor dem ich Pseudo setzen müsste, nicht zufrieden gebe. Ganzes, nichts Halbes. Kein Ja-nein-vielleicht-mal sehen. Dann gar nicht, und das endgültig.
Seit gestern begleitet mich eine Leserin mehr. Eine andere schrieb mir vor kurzem, dass sie schon länger hier mitlesen würde und dies so gerne täte. (Darauf habe ich noch nicht geantwortet, Mitzi, es aber sehr wohl gelesen :)) Wordpress-Feeds werden bei Blogger nicht erfasst, darum sehe ich das nicht - aber natürlich finde ich es schön, mich woanders wiederzufinden. Denn ich schreibe ja eben hier und nicht zu Hause im Buch mit Schloss davor. Ich mag dieses Gefühl, einen anderen Menschen "erreichen" zu können, mehr oder weniger. Ich mag es, mich in Gedanken anderer wiederzufinden - oder dieselbe Sache auch aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Ich mag es, teilhaben zu lassen - und das Gefühl, dass "genommen" werden möchte.
Mein Facebook-Konto bleibt geschlossen. Was dort vermutlich nach wie vor abgeht, kann ich mir vorstellen - und das will ich mir einfach nicht antun. Was in Köln passiert ist, entzieht sich meinem völligen Verständnis, ebenso aber auch bin ich der Meinung, dass es falsch ist, jetzt allein der Polizei die Schuld an allem zu geben. Zur Demo nach den Ereignissen der Silvesternacht wurden 1.700 Polizisten der Bundespolizei eingesetzt. 1.700. Das muss man sich erst mal vorstellen. Ob man Verständnis dafür gehabt hätte, wenn bereits zu Silvester "vorsorglich" 1.700 Polizisten eingesetzt hätte? Wo überall hätte man sie dann noch einsetzen müssen - vorsorglich? Aber ist das wirklich der Punkt? Worum geht es hier wirklich?  Wie konnte es überhaupt so weit kommen - und warum ist es so gekommen? Ich lese keine Berichterstattungen mehr. Weil es nicht um Berichterstattung geht. Seit ich ein Kind war, habe ich Angst im Dunkeln; Angst davor, allein auf der Straße und im Dunkeln unterwegs zu sein. Weil ich Angst davor habe, noch mal "ausgeliefert" zu sein. Wehrlos zu sein. Gegen einen, erst recht gegen mehrere. Deren Herkunft spielt überhaupt keine Rolle - hört doch bitte auf, so zu tun, als gäbe es keine oder nur wenige deutsche Straftäter!
Ich mag schwarze Kleidung, weil sie zu mir passt. Eine Zeitlang herrschten Schwarz und Grau in meinem Kleiderschrank vor - einfach nur, weil diese Farben zu mir passten. Nicht weil sie etwas ausdrücken sollten. Im letzten Frühjahr und Sommer habe ich mir bunte Sommerkleider gekauft, beinah so, als wolle ich trotzig demonstrieren, dass meine Gedanken und Gefühle farbenfroher seien.
Wir haben Winter, die Zeit der dunklen Farben. Eigentlich. Und ich stelle fest, dass ich helle Farben bevorzuge. Helle Jeans. Helle Blusen. Zartere Stoffe statt dicker Winterwäsche. Kleinigkeiten, die es mir aber ermöglichen, mich wieder als eine Frau zu fühlen, die es mag, sich zurechtzumachen und die das Leben liebt.
Denn das tue ich. Immer noch und ungebrochen.

Mittwoch, 6. Januar 2016

"Blinzle bitte einmal"

"Ich habe mir dieses Buch auf eine Empfehlung hin gekauft - und es innerhalb weniger Stunden durchgelesen. Es ist nicht nur, dass man wissen möchte, was hier passiert, wie es weitergeht; vor allem: Wie es ausgeht. Es ist vor allem, dass man mitlebt, mitfühlt, die jeweilige Situation erfasst und sich permanent fragt: "Was wäre, wäre ich an ihrer Stelle?"
Eine sehr nahe gehende Geschichte, die in keinem Moment ins Kitschige oder überzogen Sentimentale abweicht, sondern realistisch und dennoch mit viel Gefühl eine Hilflosigkeit beschreibt, die man sich für niemanden wünscht." 

Ich habe, glaube ich, schon mal über dieses Buch geschrieben, das ich mir vor genau einem Jahr kaufte und zu dem ich die obige Rezension abgab. Vergangene Woche wurde ich von der Sekretärin der Notfallambulanz in Vorbereitung der OP gefragt, ob ich eine Patientenverfügung besäße. Ich verneinte.
Warum eigentlich immer noch nicht? fragte ich mich in diesen Tagen, als es aktuell überhaupt darum ging, wie Herr Blau und ich eigentlich unser Leben geregelt wissen möchten für den Fall, dass.
Vor einem Jahr, nach dem Lesen des Buches, belas ich mich im Netz zu dem Thema Vorsorge etc.
Jetzt belas ich mich wieder dazu. Und musste erkennen: Es ist gar nicht so einfach, eine Verfügung auszustellen.
Was ist, wenn?
Mit dem Lesen verschiedener Muster über Verfügungen wurde mir bewusst, dass ich mein Leben, mein ganzes Ich, in die Hand eines anderen Menschen lege im Vertrauen darauf, dass dieser Mensch tatsächlich dafür sorgt, dass in meinem Sinne gehandelt wird. Solange ich lebe, wie ich lebe und wie für mich gesorgt wird - wenn ich das alles nicht mehr selbst bestimmen kann.
Ich muss mir darüber Gedanken machen, ob ich fremde Organe oder fremdes Blut annehmen möchte - und ob ich nach meinem Tod selbiges auch hergebe.
Das ist - offen gesagt - für mich die schwierigste Frage. Und ich bin mir nicht sicher, ob allein die Aufklärung dazu beitragen würde, mir eine gewisse Angst zu nehmen.
Die elementare Angst um das eigene Sein.
Was, wenn man mich zu schnell aufgibt?
Was, wenn man mich eher als "Ersatzteilspender" empfindet - und nicht als Mensch, der unbedingt leben will?
Ist es in jedem Fall überhaupt noch ein Leben, das ich gesichert wissen möchte? Oder laufe ich andererseits mit diesem Wunsch nach dem Leben Gefahr, auch dann noch leben zu müssen, wenn ich vielleicht gar nicht mehr will? So wie die 77jährige Patientin eines Altenheims, die seit Jahren im Koma liegt, inzwischen ihrer Zähne, eines Armes und eben ihres Bewusstseins beraubt - die aber nicht sterben darf, weil sie nicht sterben kann - und weil sie zu Lebzeit nicht verfügte, was sie in so einem Fall wünscht? Dass auch die Angehörigen einen ergebnislosen, verzweifelten Kampf führten, die Mutter in Würde gehen lassen zu können. Will ich das dann auch?
Wen bevollmächtige ich in dem Falle? Herrn Blau? Oder meine Söhne? Oder alle drei? All for one?
Sichere ich damit, dass mein Sein nicht allein an der Entscheidung einer einzelnen Person hängt - oder provoziere ich damit auch, dass bei drei Personen mehr gestritten als entschieden wird? Weil der eine Entscheidungen mit dem Kopf, der andere mit dem Bauch trifft und dem Dritten Lebenserfahrung fehlt?
Es waren unerwartet viele Fragen, die wir uns heut Abend stellen mussten.
Dennoch haben wir heute Abend sowohl eine Patientenverfügung als auch eine Vorsorgevollmacht ausgefüllt und gegenseitig unterzeichnet.
Schon morgen, auf dem Weg auf einer stellenweise womöglich vereisten Autobahn, kann mir etwas passieren.
Schon morgen, auf dem Weg in die Arbeit kann ein Terroranschlag verübt werden, vor dem seit zwei Tagen hier gewarnt wird - und der Herrn Blau mit einbezieht.
Alles mögliche kann jeden Tag passieren. Dass man sich nicht gegen alles und jedes versichern und schützen kann, ist uns bewusst.
Und vielleicht tritt dieser Tag X auch niemals ein.
Aber falls doch... Dann soll es dieses Papier geben, das  zunächst die wichtigsten Dinge regelt - und auf dem auch keine Unterschrift fehlt.
Und so ist es seit heute Abend.

Freitag, 1. Januar 2016

Alles Gute kommt von oben

Diesem ursprünglich biblischen Spruch kann ich nicht folgen.
Aber ich bin ja auch nicht gläubig - was Religion betrifft. 
Ich war siebzehn (ungefähr), als mir ein Vogel auf das frisch frisierte Haar kackte - und mir jemand sagte: "Du bist auserwählt für das große Glück!"
Also ich muss sagen: Ich hab in meinem ganzen Leben oft richtig viel Glück gehabt. Weil es mich immer noch viel schlimmer hätte treffen können - und ich aus so vielem mit einem blauen Auge oder wahlweise aufgeschlagenen Knien (einmal auch mit gebrochenem Hinterteil, aber das ist wieder eine andere Geschichte) herausgekommen bin. 

Daran musste ich letzte Nacht denken.
Durch diese Stadt hier führt ein Fluss. Mit etlichen Brücken. Auf einer davon waren wir - mit unserer einzigen Glücksrakete. Ist wie so ein Ritual für uns: Eine einzige Glücksrakete in den Himmel schicken, begleitet von stummen Wünschen, vielleicht auch Hoffnungen. Dieser ganzen Böllerei konnte ich ja noch nie was abgewinnen, und ich hasse diese Knaller, die einem gerne mal vor die Füße geworfen werden. Mir erschließt sich einfach nicht, was daran toll sein soll. Jedenfalls dann, wenn man keine zehn Jahre alt mehr ist. Und ich hasse diese Dinger, seit die mein eigener Bruder mir und seiner damaligen Freundin vor die Füße rollen ließ und sich freute, dass die Mädels kreischten und anschließend die Strumpfhosen rettungslos zerrissen waren. 
Nur diese eine Glücksrakete - die wünsche ich mir jedes Jahr. 
Und dann standen wir dort, hielten uns fest und schauten in den Himmel.
Dass da etwas geflogen kam, registrierten die Sinne eher als der Verstand - es ging zu schnell. Aus dem Dunkel, aus dem Nichts stürzte sich eine abgefackelte große Rakete mitten auf mein Gesicht - freilich mit der großen schweren Seite zuerst. 
Ja, ich gestehe: Ich habe mit den Händen mein Gesicht bedeckt (wieso eigentlich hält man affektiv fest, was schmerzt?) und geweint - vor Schreck, aber vor allem vor Schmerz. (Nein, die Nase ist nicht gebrochen; wie man das testet, weiß ich, seit Junior II als Einjähriger aussah, als wäre ihm eben dieses widerfahren und ich mit ihm schnurstracks die Kindernotfallstation aufgesucht hatte.)
Nennt man das jetzt auch einen Glückstreffer? (Oder trifft das nur für die Vogel-/Kacke zu, weil ja in selbige greifen auch den Griff ins Glück bedeuten soll?)
Oder nennt man das einen Zufallstreffer?
Oder einfach auch mal wieder zur falschen Zeit am falschen Ort? Ich meine, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, von einer Rakete getroffen zu werden - bei mehr als fünfzig Menschen auf einer Brücke, die alle nah beieinander stehen? 
Vermutlich ist es ja aber einfach passiert, ohne Sinn und Verstand, wie so manches hier und überall - und nicht alles muss einen tieferen Sinn haben.
Pech gehabt oder Glück zu erwarten, Fazit ist vor allem: Es hätte alles noch viel schlimmer kommen können. Ein, zwei Zentimeter weiter rechts oder links wärs buchstäblich ins Auge gegangen.
Insofern nehme ich mit Humor, dass andere heute einen Brummschädel vom Trinken haben und ich von einer Begegnung mit einer Silvesterrakete. Den Kopf möglichst wenig bewegen, die Augen auch nicht und Herrn Blau's Anzüglichkeiten ignorieren, mit denen er mich aufgrund der deutlichen Zeichnung im Gesicht heute Morgen begrüßte: "Hallo Harry Potter!"
Ja, ich finde auch, er ist zu nachlässig mit seinen Pillen - aber vielleicht hat er ja gute Vorsätze für das Jahr 2016 mit rübergenommen. Wir werdens sehen!

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Und dann wollte ich noch sagen...

"Rauchen Sie?"
"Nein, noch nie."
"Trinken Sie Alkohol?"
"Selten."
"Irgendwelche Drogen? Egal wann?"
"Ach herrje, nein, nie."
Als ich gestern derart abgefragt wurde, musste ich im Nachhinein schmunzeln, weil ich dachte: "Wenn du diese Laster nicht hast, kannste ja nicht mal neue Vorsätze fassen."
Doch rechtzeitig fiel mir ein: Ich habe nie Vorsätze gefasst. In kein einziges neues Jahr bin ich mit dem Gedanken gegangen, dieses oder jenes nicht mehr oder anders zu machen.
Eher habe ich es empfunden wie mit jedem neuen Tag:
Es ist ein neuer Anfang. Der Beginn eines neuen Jahres mit einer Fülle an Ereignissen, die wir jetzt noch nicht wissen - und manchmal denke ich, dass das auch gut so ist. Früher habe ich mir oft einen Spiegel gewünscht, in den ich schauen und zumindest schon mal einen kleinen Ausblick erhalten könnte für die Zeit, die da kommt.
Heute denke ich: Bloß gut, dass es diesen nicht gibt.
Sehen wir etwas Negatives, können wir die Zeit bis dahin nicht mehr genießen, weil wir ja wissen, was uns noch bevorsteht.
Sehen wir etwas Positives, können wir die Zeit bis dahin aber auch nicht mehr genießen, weil wir es nicht mehr erwarten können, bis es soweit ist.
Es ist vielleicht aber auch so wie mit der Puppe, die ich mir als Kind so gewünscht und beim heimlichen Herumkramen im Schrank entdeckt hatte. Für diesen Moment hatte ich mich gefreut und den Schrank mit glücklich klopfendem Herzen wieder geschlossen. Doch als es soweit war und ich die Puppe überreicht bekam, da... konnte ich mich irgendwie nicht mehr freuen. Und nicht lange danach saß diese Puppe unbeachtet auf dem Bett, bis meine Mum mich fragte, ob sie sie mit anderen Puppen mit in den Kindergarten nehmen könne. Und ich gab sie alle her, auch diese eine.

Lassen wir uns also überraschen, was das Jahr 2016 für uns bereithalten wird.
Ich nehme die Hoffnung aus 2015 mit hinüber, dass es ein gutes Jahr wird, ein besseres in mancher Hinsicht nicht nur für mich und meine Familie. Ein Jahr, das vielleicht die Erfüllung eines großen Wunsches bereithält. Ein Jahr, in dem manches leichter wird. Anders vielleicht, aber leichter.
Wie hieß es doch im wunderbaren Film "Best Exotic Marigold Hotel"?
"Angst macht uns nur, dass alles so bleibt wie es ist. Also sollten wir Veränderungen feiern  [...]"
Denn darin, so empfinde ich es, liegt ja immer auch eine Fülle von Möglichkeiten.
Egal ob nun morgen oder im ganzen kommenden neuen Jahr.
Und um es mit den Worten von Dieter Nuhr in dessen Jahresrückblick zu sagen:
"Hört endlich auf, euch verrückt machen zu lassen. Alles, was geschieht, hat es immer schon gegeben. Es gab nur eins damals nicht: die Medien."
Mag sein, das ist nicht die Antwort auf alles. Aber es macht ruhiger. Entspannter. Gelöster. Und uns freier im Umgang mit uns selbst und den anderen.
Ich wünsch Euch was.

Dienstag, 29. Dezember 2015

Wenn ein Schwan singt

                              Es neigte ein Schwan seinen Hals auf das Wasser hinab.
          Sein Gefieder war weiß wie am ersten Tag,
rein wie Sirenenton. Und im Glitzern der Morgensonne sieht er in den Spiegel der Wellen hinein,und mit brechenden Augen weiß er: Das wird sein Abschied sein. 
Wenn ein Schwan singt, schweigen die Tiere. Wenn ein Schwan singt, lauschen die Tiere. Und sie raunen sich leise zu, raunen sich leise zu: Es ist ein Schwanenkönig, der in Liebe stirbt.

Lieber Opa, 
nun hast Du die einhundert Jahre doch nicht mehr geschafft.
Heute Morgen haben wir erfahren, dass Du die Nacht nach der OP nicht überstanden hast.
Niemand von uns weiß, wo Du jetzt bist - aber in allem Abschiedsschmerz wissen wir, dass Du ein langes, erfülltes Leben hattest. Dass Dich bis zuletzt Menschen begleitet und umsorgt haben, die Dich von Herzen lieben. Dass Dir langes Quälen erspart geblieben ist - und dass Du zwei Tage vor der OP auf der Wachstation Kuchen genascht und Kinderlieder gesungen hast. Du Schleckermäulchen.

Ich bin sehr dankbar, dass ich Dich noch kennen lernen konnte.
Dich und Dein verschmitztes Lächeln.
Dich und Deine liebevollen Küsschen.
99 Jahre. Eine so lange Lebenszeit - und so ein kurzer Abschied, in dem trotz allem auch ein Trost liegt.
Als mein Sohn noch klein war, fragte er mich, ob wir nach dem Tod wiederkommen - und als was.
Und er befand, dass er nicht als Blume wiederkommen möchte, weil "dann habe ich ja gar keine Augen und kann nichts sehen."
Auch als Hase wollte er nicht wiederkommen, weil "dann werde ich ja gejagt und vom Jäger totgeschossen."
Lieber Opa, ich weiß nicht, ob es so etwas gibt. Ob es einen Raum für die Seele gibt, wenn wir gegangen sind. Ob die Seele in etwas "Neues" schlüpft und so zu uns zurückkehrt.
Ich bin nicht spirituell und ich bin auch nicht esoterisch.
Aber eins weiß ich: Für uns bleibst Du immer hier bei uns.
Leb wohl, kleiner Opa.


Montag, 28. Dezember 2015

Brasilianer können nicht nur Fußball, dachte ich! Und ich kann Steuer, dachte ich!

Genau genommen dachte ich das bis heute Abend.
Und glaubte bis zu diesem Moment, dass (für mich) die Brasilianerinnen am schönsten mit all dem wackeln können, das ihnen von der Natur und ansonsten vom Schnitt-/Füllmeister gegeben wurde - und dass es auch gute Schriftsteller unter ihnen gibt.
Paulo Coelho ist sicherlich einigen Leuten ein Begriff. Mir jedenfalls, seit ich vor Jahren mal ein Büchlein von ihm geschenkt bekam "Unterwegs - Der Wanderer" mit einigen (guten, wie ich finde) Geschichten darin. Von denen mir insbesondere die Geschichte mit dem Wagenheber in Erinnerung geblieben war. Weil die Realität selbst in meinem engsten Familienkreis selbiges immer wieder mal aufzeigt. Kannste staunen manchmal und auch den Kopp schütteln manchmal.
Insofern amüsierte mich im Blog der Brüllmaus eine sehr ähnliche Story - nur eben diesmal von jemand anderem, von dem ich erst seit heute Abend weiß (ein Hoch auf Wikipedia!), dass der nicht nur um etliche Jahre älter als der Brasilianer, sondern vermutlich auch der Urheber der eigentlichen Geschichte war: ein österreichischer Wissenschaftler namens Paul Watzlawick, von dem ich im Gegensatz zu Coelho noch nie gehört bzw. gelesen hatte.
Ja. Wer hätte das gedacht. Dass ein Brasilianer von nem Ösi abschreibt und das millionenfach verkaufen lässt, während der andere... Aber ich will mich jetzt gar nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen und schon wieder mit Halbwissen glänzen, denn noch habe ich nicht genügend über Watzlawick nachgelesen. Nur weil ich den bis heute Abend nicht kannte, heißt das ja nicht, dass die Welt ihn nicht kannte ;)
Was lerne ich also daraus? Erst mal genauer informieren, bevor ich was sage.

Ähnliches dachte ich übrigens, als ich die Post der letzten zehn Tage durchschaute (war ja sieben Tage nicht hier vor Ort und zwischen den Weihnachtstagen fand ich auch nicht die richtige Muße dazu) und den Brief des hiesigen Finanzamtes öffnete.
Tja.
Hätte ich mich mal vorher genauer informiert, bevor ich die Formulare zur Steuererklärung 2014 ausfüllte. Besser gesagt: Hätte ich mich mal rund eineinhalb Jahre VOR Erstellen der Erklärung informiert!
Im Gegensatz zu den sächsischen Finanzbeamten jedenfalls wurden hier sämtliche Arztkosten bis auf den letzten Cent anerkannt - sogar die zur Empfängnisverhütung - und das ist einem Bundesland mit dem zweitgrößten Anteil an Katholiken (jaaaaa, freilich habe ich dieses Mal recherchiert!) *kreisch*
Dafür stand jedoch in Zeile "Unterhaltsleistungen nach § 33a Abs. 1 EStG" eine schlappe... Null. Nix. Niente. Nada. Waaa? Wieee? Wieso Null?
Also belas ich mich im Internet nach diesem blöden Paragraphen. Immerhin - laut meiner Aufstellung - belaufen sich die Kosten auf eine stattliche Summe, die der Obergrenze doch recht nah kommt.
Dass die Kosten der Berufsausbildung, also sprich: der Fachschule, nur zu 30 Prozent anerkannt werden, wusste ich. Auch wenn ich das nicht gerecht finde, zumal ich ja für diese Kosten immer allein aufkommen musste. Aber egal.
Dass ich aber - wie ich nun las - keine Unterhaltsleistungen geltend machen kann, weil ich das Kindergeld bezogen habe, das finde ich wirklich ungerecht. Zumal ich gewissenhaft mit 12 Kontoauszügen nachgewiesen hatte, dass ich dieses Kindergeld Junior 1 zu 1 weitergereicht hatte.
Doch das interessiert den Fiskus ganz offensichtlich nicht.
Gemeldet bei der Familienkasse bin ich - seit der Geburt dieses Sonnenscheinchens.
Wer die Behördenunwege kennt (hallo Juliane! :)), der wird verstehen, dass ich oder wir wenig Lust auf großartiges Prozedere mit eben dieser Familienkasse hatten - und es einfacher fanden, einen Dauerauftrag an das anspruchsberechtigte Kind einzurichten.
Und das rächt sich nun.
Ich darf zahlen, es aber nicht geltend machen. Obwohl alle Ausgaben nachweislich bei mir lagen.
Tja.
Blöd gelaufen.
"Hätteste mal..." bekam ich prompt zu hören.
Hätte hätte Fahrradkette.

Was lerne ich daraus? Dass ich wieder was gelernt habe!
In meinem nächsten Leben werde ich Finanzbeamtin mit Apotheken-und-Arztdiplom-Hintergrund! Damit dürften alle wesentlichen Säulen meines kümmerlichen Daseins abgedeckt sein. Inklusive das der Jungs.

Sonntag, 27. Dezember 2015

Aber-Glauben

Man sagt so vieles über Weihnachten.

Über Paare, die nirgends so oft streiten wie im Urlaub oder in den Weihnachtstagen, und die sich nicht selten anschließend trennen.
Nur über das Warum lassen sich die Gazetten eher weniger aus. Soll ich also annehmen, dass Menschen heutzutage kaum mehr in der Lage sind, es ein paar Tage lang miteinander auszuhalten, die nicht von Job oder Terminen durchbrochen werden? Also von Zeiten, die man nicht miteinander verbringen kann - oder muss?
Wenn das der Grund ist - warum ist das dann so?
Weil man sich mit den Jahren verändert?
Weil aus dem geliebten Mausezähnchen mit den Jahren eine "mürrische Alte" und aus dem James Dean-Verschnitt mit der zerdrückten Papierblume im Knopfloch von einst inzwischen ein "selbstgerechter, selbstgefälliger Arsch" geworden ist? Wahlweise mit Fönwelle und gefärbtem Haar oder mit Bierbauch und Platte, auf der sich die letzten Specklocken tummeln - und der sich trotzdem immer noch für unwiderstehlich hält?
Wird in den ununterbrochenen Tagen eines Urlaubs im Frühjahr, Sommer oder eben zu Weihnachten deutlich, dass man sich eigentlich gar nichts mehr zu sagen und vor allem auch nichts mehr zu geben hat? Dass Männer ihren Frauen ein Kochtopfset oder das Hightech-Bügeleisen kaufen, während sie ihm zum wiederholten Male eine Krawatte schenkt, obwohl er nie Krawatten trägt?


Über Kinder, die erst ungeduldig und quengelnd die Bescherung herbeisehnen und anschließend heulend das "falsche" Geschenk in die Ecke feuern.
Wie kommt es eigentlich, dass Kinder eine solche Erwartungshaltung an den Mann mit dem Rauschebart und dem roten Mantel haben?
Dass es vor allem darum geht, den Wunschzettel so gut als möglich "abgearbeitet" zu haben - bevor es Geschrei unter den grünen Zweigen gibt?
So wie Eltern das fünfte und sechste Smartphone in die Pfandleihe geben, nur damit sie die heißbegehrte Playstation 4 oder den dritten Fernseher kaufen können?
Natürlich habe auch ich immer versucht, meinen Kindern, als sie noch klein waren, ihre Wünsche zu erfüllen. Ohne mich dabei zu verschulden oder in einen Konsumrausch zu verfallen, der eine Übersättigung einfach nach sich ziehen muss? Weil ich ihnen eine Freude machen möchte mit dem, das ihnen am Herzen liegt. Und nicht mit etwas, von dem ich glaube, dass sie einen Nutzen daraus ziehen könnten.
Das, was ich mir ausdenke, kommt von Herzen. So handhabe ich es grundlegend. Aber... auch dann ist nicht sicher, dass man nach einem solchen Abend keine heimlichen Tränen ins Kissen weint. Die Mutter. Nicht die Kinder.

Vor vielen Jahren herrschte ebenso der Glaube vor, dass man sich nicht am Heiligen Abend streiten solle - man würde die Zwistigkeiten somit bis zum nächsten Heiligen Abend (er)tragen müssen. Dann ziehe ich gleich auf eine einsame Insel. Mit Laptop. Und Telefon. Kann man alles nach Belieben ausstellen. Ohne dass es weh tut.
So wie man an Heiligabend möglichst auch nicht erkrankt sein dürfe: Im folgenden Jahr sei man durchweg geplagt. Hallelujah! SO alt bin ich dann wiederum auch noch nicht!
So wie es heißt, dass all das, was man in den 12 Nächten, die dem heiligen Abend folgen, träumt, auch in Erfüllung gehen würde. Nun. Drei Nächte sind rum. Drei Nächte voller Verfolgungen, Morddrohungen, Bedrängnis. Nein, ich habe nicht ins Traumdeutungsbuch geschaut.
Ich wäre nunmehr nur geneigt, in ein paar Tagen gleich mit dem Jahr 2017 zu beginnen.

Glücklicherweise bin ich realistisch genug, dem Aberglauben nicht zu erliegen. Aber man wird sich ja noch so seine Gedanken machen dürfen.

Mittwoch, 23. Dezember 2015

An die Brotbüchsenfee




"...ich fand unsere Redenacht wieder sehr schön - auch, Dein Runterkommen zu spüren und Deine Fähigkeit zu reflektieren. Deine letzten Monate waren schwer, die kommenden werden nicht minder anders - sie werden Dir Licht in so manches Dunkel bringen und dafür drück ich Dich und alle Daumen! Deine Entwicklung über die Jahre begleiten zu dürfen, ist spannend und immer auch mit viel Herzschmerz zu den vielen Themen verbunden. Du bist daran jedoch gewachsen und nicht gebrochen - Respekt! ..."


Mit diesen Worten an mich wurde mir einmal mehr bewusst, was ich erst vor kurzem geschrieben hatte:
Was sind wir ohne Partner? Singles!
Was sind wir ohne Freunde? Nichts!

Als die Entscheidung fiel, von L fortzugehen, den Job aufzugeben (was zunächst so geplant war) und vor allem auch die Menschen hier aufzugeben, an denen ich hänge, da war mir schon bewusst, was ich hier aufgebe. Was ich bereit bin zu geben. Vermutlich habe ich auch mit dieser Entscheidung in Kauf genommen, dass die eine oder andere Bindung damit zerbrechen wird. Dass diese die Distanz nicht aushalten werden oder können. Vermutlich auch sind diese dann immer Bindungen, die nicht tief genug gegangen sind, egal, von welcher Seite.
Noch vor einigen Jahren glaubte ich, dass es gut und wichtig sei, viele Menschen zu kennen, mit etlichen Menschen befreundet zu sein. Gleichwohl erkannte ich mit der Zeit: Man ist nicht wirklich mit vielen Menschen befreundet. Nicht jeder meint es gut mit einem, auch wenn er es sagt.
Wirklich befreundet ist man nur mit den Menschen, die einen Platz für Deine Seele haben. Die Dir die Tür öffnen, ganz gleich, wie lange das letzte Mal her ist. Die dir den Sessel anbieten, in den Du Dich fallen lassen kannst wie in eine Umarmung, die Dir zuhören, ohne Dich zu ver- oder zu beurteilen, die Dir zuhören, Freude und Schmerz in jedem Augenblick mit Dir teilen und Dir dennoch nie das Gefühl vermitteln, dass Du selbst... versagt hättest. Dass Du als Mensch, als Frau, als Freundin untragbar seist.
Nicht, weil Jahresende ist und viele von uns sentimental werden.
Sondern weil das vergangene Wochenende hier in L erst wieder gezeigt hat, wie kostbar ehrliche Bindungen sind. Weil mich heute diese Zeilen erreichten, die mich nicht berühren, weil sie mir schmeicheln. Sondern die mich berühren, weil ich mich so... respektiert fühle. Mich mit meinen Ecken und Kanten, in einer so bedingungslosen Freundschaft, dass mir DAS eher Tränen in die Augen treibt.
Seit vielen Wochen lese ich in verschiedenen Blogs den Wunsch nach Liebe, nach Partnerschaft, nach Miteinander da, wo Freundschaft aufhört. Manchmal frage ich mich, wie meine Posts wohl aussehen würden, was sie beschreiben würden, lebte ich auch als Single. Vermutlich klängen sie genauso. Oder ähnlich. Ich weiß es nicht. Es hat Zeiten gegeben, da war der Wunsch nach einem Partner schier übermächtig. Nicht, weil ich nicht allein sein konnte. Sondern weil ich nicht wusste, wohin mit all der Liebe, die ich geben wollte.
Es hat Zeiten gegeben, da war mir bewusst, wie wertvoll Freundschaften sind - aber immer noch stand der Wunsch nach erfüllter Liebe darüber.
Wie ist die Zeit heute? Kann ich diese Frage noch objektiv beantworten, wenn ich seit Jahren ein Miteinander lebe? Bin ich dann noch glaubwürdig, wenn ich sage: Es ist vor allem wichtig, dass man wirkliche, echte Freundschaften hat? Die, die Du zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen könntest, wenn es die Situation verlangte. Die, die Dir ihre Tür zu jeder Tages- und Nachtzeit öffnen, ganz gleich, ob montags, donnerstags oder samstags. Die, die Dir eine Decke über die Beine breiten: "Bleib doch da, wenn du magst, du musst nicht wieder heimfahren." Die, die nichts fordern und nichts aufrechnen.

Und ich antwortete Dir.
"...Du bist einfach da und hörst zu, äußerst Gedanken, die niemanden angreifen und niemanden verletzen. Respekt vor den Menschen und Situationen - ich sehne mich so sehr danach!! Nach Akzeptanz! Dafür danke ich Dir so sehr! Ich denke nicht darüber nach, was das kommende Jahr bringen wird. Ich wünsche mir für den Moment einfach nur... ein wenig mehr Ruhe in meiner Seele als es in diesem Jahr gegeben hat..."

Ich bin so dankbar, dass Du ausgerechnet meine Freundin bist!

Dienstag, 22. Dezember 2015

Ein bisschen Schwund ist ja immer

1.
Das Telefon von Junior II ist defekt. Hat er wieder eins geschafft, nach nur einem Jahr. Bei seinem Dauergebrauch sicherlich auch nicht wirklich verwunderlich.
Er hat sich ein neues zu Weihnachten gewünscht. Jedoch das muss jetzt warten: Für eine Ausbildung ab 1. Februar hat er einen Führerschein vorzulegen - und die Kosten dafür strecke ich ihm vor. 
Ein bisschen lachen musste ich ja: 
180 Euro Grundgebühr
  45 Euro Gebühr für Bücher und Unterlagen
  80 Euro Gebühr für die Anmeldung beim Ordnungsamt
Da haste noch gar nix gemacht bzw. bekommen - und bist erst mal schlappe 305 Euro los. So lustig wirds wohl die nächsten Wochen weitergehen.
Tschüss Weihnachtsgeld! 

2. 
"Hast du zufällig einen oder zwei Euro in der Tasche?" frage ich Junior, während ich selber Taschen und Portemonnaie ergebnislos durchwühlte. In Zeiten, wo man inzwischen beinah überall mit Plastikkarte bezahlen kann, braucht man ja fast kein Bargeld mehr.
Es sei denn, ein Einkaufswagen verlangt danach - und der zwölfunddrölfigste Chip ist auf Nimmerwiedersehen versenkt. 
Es sei denn, black Beauty verlangt nach einer Wäsche - und sei es in der SB-Stätte.
Am selben Abend besuchte ich eine Freundin.
Als ich später wieder auf die Straße trat, war Black Beauty derart zugekackt von den Raben, die im Baum über Black Beauty saßen, dass ich erst fassungslos staunte, alsdann aber in herzhaftes Lachen ausbrach. Was vermutlich recht merkwürdig geklungen haben muss, denn

3.
mein Stimmvolumen lässt noch immer auf sich warten.
Selber schuld.
Wer sich nicht die Zeit nimmt, die Erkrankung auszukurieren und stattdessen ins Büro und zur Jugend eilt und macht und tut, der muss sich auch nicht wundern. Und sich beklagen erst recht nicht.

4.
Das Bügeleisen der Jugend. Hach ja. Macht sich vor allem dann gut, wenn man morgens das Eisen an die Stromquelle knispelt und das Shirt bügeln MUSS, weil man so nicht ins Büro gehen kann.
Hatte echt Schwein, dass das einzige Blusenshirt, das ich in letzter Sekunde noch mit in die Tasche geworfen hatte, bügelfrei ist. Ansonsten hätte ich mir ein Sweatshirt von Junior I ausborgen müssen. Was sich auch nicht unbedingt einfach gestaltet hätte: Die meisten lagen im Wäschekorb. 

5.
Der Wasserkocher ist leckgeschlagen. Vermutlich Materialermüdung. Irgendwo tritt Wasser aus. 
Also ein defektes Bügeleisen ist schon blöd - aber ein defekter Wasserkocher ist ein NO GO! Hier gibts schließlich keine Kaffeemaschine, Kaffee trinke ich zu Hause immer türkisch! Ein defekter Wasserkocher bedeutet also im schlimmsten Falle: keinen Kaffee. Waaahhhh!
Zunächst ist die Wasserdurchlassstelle aber noch so mini, dass ich ausreichend Zeit erhalte, für Ersatz zu sorgen. Und morgen fahren wir ja erst mal gen Süden.

6. 
In mein Haus kommen keine Gummibärchen mehr. KEINE! Erst recht keine, die sich Lachgummis nennen. Pah! Lachen! Mir war eher zum Heulen! Bei der ersten Hälfte dieser Kack-Tüte brach mir vor etwa drei Wochen links oben ein Viertel-Backenzahn weg. Die Restauration wurde überschattet von der Tatsache, dass Frau Zahnfee mich halb ins Koma spritzte - und die Betäubung trotzdem nicht wirkte. 
Beim Rest der Tüte brach mir nur eine Woche später links unten ein Viertel-Backenzahn weg. Fragt nicht, wie ich geflucht habe und entsprechend wütend, wenn auch sinnfrei auf diese blöden Tüte eintrat. Die Restauration Anfang der Woche beschied mir selbiges Glück: Trotz zweier "Spritzen, die ausreichen, ein Pferd zu narkotisieren" passierte bei mir nicht viel. Erst drei weitere kleine Spritzen direkt an den Zahn brachten Erleichterung.
Ich hoffe doch nun ganz stark, dass mir selbiges bei der OP im Januar nicht auch passiert.
Habe ich nämlich vor zwei Tagen bei einem Gespräch zwischen zwei Frauen mit angehört, als die eine der anderen erzählte: "Hast du deine OP gut überstanden?" - "Ja, ging auch alles soweit gut. Bin nur mittendrin aufgewacht aus der Narkose."
Aaaaahhhh!!! Das ist mein ganz persönlicher Horror! Demnächst steht ja das Anästhesiegespräch an. Ich werde sehr, sehr eindringlich mit dem- oder derjenigen reden :)

Apropos OP: Musste heute Abend doch lachen. Hatte am Nachmittag mit einer Nähnadel hantiert - im Zimmer von Junior I und auf dessen Sofa, wo ich für gewöhnlich übernachte, wenn ich hier bei ihnen bin. Aber mir war völlig entfallen, wohin ich die Nadel anschließend gelegt hatte. Ums mal so zu sagen: Mir war die Nadel entfallen.
Junior hat aufgestöhnt: "Ooooaaarrr neeee! Reicht wohl nicht, dass meine Mutsch so ein Teil im Fuß hat, jetzt soll das wohl auch mir passieren? Ich renn hier IMMER barfuß rum."
"Ich doch auch."
"Ja, aber ich jeden Tag im Monat! Du nur an vier Tagen im Monat."
Wir haben dann beide gesucht.
Wo fand ich sie? Auf dem Sofa.... Da, wo ich für gewöhnlich sitze und schreibe - oder nachts schlafe.
"Ach herrje", entfuhr es mir, "da hätte ich ja im Fall eines Falles nicht nur eine Nadel im Fuß gehabt, sondern vielleicht noch eine im Allerwertesten." Da hätten sie ja ordentlich zu tun bekommen im Januar! :)

Nicht umsonst schließlich liebe ich dieses Video aus dem Post vom 12. Dezember. Der Typ darin, das bin soooooo ich! 
Dennoch wäre es ganz nett, wenn sich der Rest dieses Jahres ohne größere Ereignisse von mir verabschieden täte. Es war auch so... anstrengend genug. Die Söhne bleiben bis 27. bei uns, und ich habe noch bis 6. Januar Urlaub. Aktuell plane ich, diese Tage ausschließlich im Bett zu verbringen. Da dürfte mir dann eigentlich nichts passieren. Eigentlich! Man denke ja nur wieder an das Video :D

Freitag, 18. Dezember 2015

Mit Augenzwinkern: Der Zwilling im Jahr 2016



Es ist vollbracht.
Heute war der letzte Arbeitstag - der letzte Tag auch gemeinsam mit meinen Kollegen. Zumindest für dieses Jahr.

In diese letzten 10 Tage hat wer auch immer alles gepackt, das reinzupacken ging. Leid und Leiden, Kummer und Sorgen, Stress und Bewegung. Aber auch Erfolge und Freude.
Als würde es das alte Jahr auf die letzten Meter noch einmal ganz genau wissen wollen.
Als würde es das alte Jahr noch einmal drauf ankommen lassen - so unmittelbar vor dem bevorstehenden Urlaub und dem Wechsel in ein neues Jahr.
Was wünsche ich mir?
Ehrlich gesagt... Nichts Konkretes.
Einfach nur ein wenig... Erleichterung. Ein bisschen mehr von der Unbeschwertheit, die eigentlich in meiner Seele zu Hause ist. 

Junior I geht es wieder etwas besser. "Er hat sich gefangen", würde man sagen. 
Junior II hat den Einstellungstest bei der Polizei bestanden. Voraussetzung für eine Ausbildung ab 1. Februar ist jedoch der Führerschein. Trotz allem und auch trotz der immensen, nicht geplanten Ausgabe freue ich mich einfach nur für ihn. Wenn es das ist, was er unbedingt tun möchte, dann soll er es tun. Hauptsache, es geht IHM gut und er geht seinen Weg. 

Ich habe die Hoffnung, dass das kommende Jahr tatsächlich etwas mehr Erleichterung bringt. Weniger schlaflose Nächte. Weniger Reibungen und etwas mehr Ruhe in der Seele. Und als ich heute Abend bei der Recherche nach etwas ganz anderem justament über die Vorhersage für 2016 stolperte, die bitte schön nicht bierernst genommen werden sollte, konnte ich mir ein befriedigtes Lächeln doch nicht verkneifen:

"Dann kann das Jahr 2016 doch jetzt eigentlich kommen, oder? S kommt ja sowieso."


Das hier, fand ich, beschreibt mich dann doch ziemlich gut. Um nicht zu sagen: sehr, sehr gut - in jeder Hinsicht. Wirklich lachen musste ich unter anderem am Punkt "Sie verhören Einwände..." Habe schon oft zu hören bekommen: "Kannst du nicht einfach mal so stehen lassen, was ich sage?!" Nö. Kann ich nicht. Jedenfalls nicht, wenn ich eine andere Auffassung dazu habe und gerne verstehen möchte, warum mein Gegenüber anders denkt und handelt.
Oder das da: "Sie haben ein gutes Gedächtnis, was ihre Erlebnisse und Erfahrungen betrifft." Schweizer Uhrwerk, sage ich nur. Ist auch schon oft beklagt worden. Andere Stimmen bezeichnen das auch als selektives Gedächtnis. Ich vergesse nämlich buchstäblich sofort, wo ich gerade noch die Nagelschere hingelegt habe. Oder die Zahnarztrechnung. Pillepalle, wen kümmern denn solche unnötigen Details?
Am lustigsten aber fand ich "Sie ergeben sich nur in den hoffnungslosen Situationen."
Hier habe ich laut lachen müssen! Das ist sowas von wahr! Erst wenn man mir hieb- und stichfest das Gegenteil meiner Ansicht, Auffassung und was auch immer beweist, erst dann gebe ich mich geschlagen. Ungern, übrigens. ;)

Aber ob nun Zwilling, Widder, Waage, Krebs und was es sonst noch gibt: Am Ende eint uns alle dasselbe. Dass wir lieben und geliebt werden wollen. Auch wenn wir phasenweise auch sehr gut mit uns allein klarkommen. 
Und ich wünsche Euch von Herzen, dass Euch das Jahr 2016 bringt, was Euch glücklich fühlen lässt. Mit einem Funkelstrahlen in den Augen. Mit einem Lächeln im Gesicht. Mit dem Gesicht in der Sonne und dem Schatten hinter Euch.

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Nähe und Distanz



Danke Nono, für diesen Einstieg zum Nähe-und-Distanz-Verhalten.

Er erinnerte mich an eines dieser unmöglichen Rollenspiele, in denen immer zwei Patienten, verbunden durch ein imaginäres Gummiband, ihr Nähe-Distanz-Verhalten austesten sollten. Mein Gegenüber eine bis dahin völlig unbekannte Frau. Nicht unsympathisch, aber fremd. Fremden gegenüber verhalte ich mich schon von Haus aus sehr zurückhaltend. "Nordisch unterkühlt", hat es ein Kollege einst bezeichnet. Mit ihrem Wunsch, mir räumlich näherzukommen, verletzte sie meine selbstgezogene Grenze. Mit meinem Bestreben, sie möglichst noch weiter von mir fernzuhalten, verletzte ich ihr Bedürfnis nach Nähe.
"Das ist genau das, worunter ich immer gelitten habe", sagte sie im Anschluss. "Ich will die Nähe, aber man lässt sie nicht zu. Ich wurde immer abgewiesen." Sie tat mir leid, aber ich konnte für sie nichts tun. Es war auch nicht meine verdammte Aufgabe.

Es erinnerte mich an einen Nachmittag im Gymnastikraum, in dem zwei Patienten einander zugeteilt wurden. Einer legt sich auf die Matte, der andere streicht über die Arme, die Hände. Und was weiß ich. Ein absolutes No-Go für mich. Von Fremden lasse ich mich nicht anfassen und schon gar nicht so. Sodom und Gomorrha auf Krankenschein - hallo? Gehts noch?
Ich bin aufgestanden: "Tut mir leid, das geht für mich nicht."
"Und wenn ich die Rolle einnehme?" bot die Therapeutin an. Nein, auch dann nicht.
Sollten sie doch in ihren blöden Bericht schreiben, was sie wollten.

Er erinnerte mich daran, warum ich am liebsten mit dem Auto unterwegs bin: Ein Raum ganz allein für mich.
Er erinnerte mich an meine Aversion gegen die U-Bahn: Es gibt kaum ein Verkehrsmittel mit so vielen Menschen auf engem und engstem Raum. Die dir unaufgefordert den Streit mit dem Freund, der Freundin erzählen, weil du dich dem ungeniert lauten Telefonieren nicht entziehen kannst.
Die dir ungefragt ihre Parfüm- oder sonstigen Körpergerüche quer durchs Hirn schicken und selbiges zu vernebeln drohen. Die dir entschuldigend die Hand auf das Bein, den Rücken, manchmal auch den Hintern legen, weil sie einfach gerade nicht woanders hinkönnen: Hallo Sardinenbüchse!
Es erinnerte mich daran, wie erleichternd ich es finde, wenn ich ein Abteil betrete, in dem ich mich spontan für einen freien Viererplatz entscheiden kann. Interessanterweise wählen Menschen einen freien Platz in der Regel nicht neben jemandem, solange sie noch eine Bank für sich ganz allein finden.
Es erinnerte mich an den Mann, dem ich mich vor einigen Tagen in der U-Bahn gegenübersetzte. Er trug Badelatschen ohne Socken, die den Blick auf dicke, wächsern scheinende, gelbe Zehennägel und dunkelrote Füße freigaben. Er trug einen grauen Anzug und sein langes, graues Haar war zu einem sehr sorgfältigen Zopf gewunden. Er saß vornübergeneigt, schaute niemanden an, schaute nur zu Boden.
An diesem Tag fiel mir zum ersten Mal auf, dass ich trotz Auswahl hier freiwillig einen Platz gewählt hatte, mit dem ich einem Menschen allein durch seine Körperhaltung erlaubte, meinen Distanzbereich zu überschreiten. Obschon er auf den ersten Blick merkwürdig anmutete. Sonderbar. Und ich stellte fest, dass er ganz wunderbar und unaufdringlich nach irgendetwas duftete. Und während er auf den Boden starrte, kramte er aus seinem Jackett eine Salbe, setzte sich einen Klecks zwischen Daumen und Zeigefinger - und diesen hielt er so, ohne ihn zu verreiben, bis er noch vor mir ausstieg.


Nähe und Distanz.
Ich erinnere mich, wie ich selbst immer nach Nähe, nach Zuwendung gesucht habe. Von Menschen, an denen mein Herz hing. Es konnte gar nicht nah genug sein.
Nur... Je näher dir jemand kommt, desto größer ist der Riss, wenn derjenige wieder geht.
Nähe zulassen bedeutet für mich, mich verwundbar zu machen.
Mich zu öffnen bedeutet für mich, mich verletzbar zu machen.
Heute achte ich bewusster darauf, wem ich mich öffne. Wessen Nähe ich zulasse. Vertraue meinem Instinkt. Meinem Bauchgefühl. Es schützt nicht vor Schmerz, aber es bereitet vor. Ist es der Wunsch nach Kontrolle? Vielleicht. Ich weiß nicht. Wer lässt sich schon freiwillig immer wieder in den Magen treten?
Manchmal... braucht es keine Worte, keine Gesten, kein Tun. Manchmal... so wie bei dem Mann in der U-Bahn... da spürt man einfach, dass... keine Gefahr droht. Dass hier kein zu-nah-kommen entstehen würde. Keine Grenzverletzung. Kein Schmerz. Und dann kann ich es. Mich annähern. Vorsichtig.
Wir Menschen sind schon komisch.

Dienstag, 15. Dezember 2015

Eigentore

Junior II hat ein neues Profilbild bei whatsapp. Ein bisschen verschluckt am Kaffee habe ich mich ja, als ich das sah. Nee, der war nicht nackt. Der rauchte. Blies mir buchstäblich diesen fiesen Qualm ins Gesicht.
"Ha! Wette verloren!" schrieb ich. Denn sein Vater raucht - schon immer. Der große Bruder raucht - seit rund sieben Jahren [Das kann ich nur schätzen. Er war noch in der ersten Ausbildung, als ich eine Schachtel Zigaretten auf dem Regal liegen sah. "Du rauchst wohl?" hatte ich gefragt und er bestritt glühend: "Nein! Ich doch nicht! Die ist für einen Kumpel als Dankeschön, weil der mich mal mit dem Auto mitgenommen hatte!" Als ich unmittelbar danach wieder eine Schachtel fand, diesmal aber bereits angebrochen und zur Hälfte verbraucht, konnte ich mir nicht verkneifen zu sagen: "Interessant! Du testest die wohl für deinen Freund?"]
Junior II vertrat hier dieselbe Ansicht wie ich: Rauchen ist scheiße, Zigarettenqualm stinkt und es macht ne hässliche Haut. Als waschechter Skorpion hat er seinem Vater freilich jeden gescheiterten Versuch, mit dem Rauchen aufzuhören, pieksend untergerieben. Woraus irgendwann die Wette entstand: "Was willst du Pimpf, irgendwann rauchst du selber!" - "Niemals!" - "Lass uns wetten!"
"Ist doch nur Shisha, Hase", whatsappte Sohnemann jedenfalls heute Abend an mich zurück.
Ich bin mal gespannt, wie sich das mit der Wette ausgeht. Tabak ist schließlich Tabak.

In meiner Familie haben früher alle geraucht. Vater, Mutter, Verwandte, Freunde. Ich habe ja zwei Brüder. Wer sich damals ähnlich übers Rauchen mokierte und mit wem ergo genauso gewettet wurde, weiß ich nicht mehr. Einer von beiden wars. Die Wette wurde jedenfalls verloren - irgendwann hingen sie alle dran am Stängel. Tja. Hätten sie mal auf MICH gesetzt! Ich fasse diese Stinkstängel bis heute nicht an. Aber mich fragte ja keiner.

Ein Eigentor ganz anderer Art schoss sich am Wochenende Herr Blau. Er weiß es nur noch nicht.
Samstagabend kündigte er an: "Morgen muss ich früh raus."
"Aber es ist doch Sonntag?"
"Ja, aber acht Uhr beginnt eine neue Schlacht. Game of War. Die geht acht Stunden."
"ACHT Stunden?"
"Sei froh. Andere Schlachten gehen vierundzwanzig Stunden."
Nun ist dieses Onlinespiel ja ein Strategiespiel, keins dieser Ballerdinger, die derzeit bei den Söhnen über den TV flimmern. Aber: Für jemanden, der die glühende Auffassung vertritt, dass die Söhne zuviel spielen (was ich übrigens auch so sehe), selber aber auch tagtäglich gefangen ist und das nun auch noch satte acht Stunden lang.....
Ich habe nix gesagt. Aber gegrinst. Diabolisch gegrinst.

Montag, 14. Dezember 2015

Ein zwölf-Jahre-Rückblick


Im Dezember neigen viele Blogger, auch ich, dazu, einen Blick auf das vergangene Jahr zu richten. Zu schauen, was war, was ist - und wie es weitergeht, vielleicht.
Im Gedanken daran fiel mir auf, dass dies passenderweise für mich auch zu einem  Zwölf-Jahres-Rückblick werden könnte. Wie ich es ja schon mal ausdrückte: Das Zurückschauen bedeutet für mich nicht, einen Schritt zurückgehen zu wollen - sondern zu sehen, wie weit ich gekommen bin.
Den Entwurf, den ich gestern vorbereitete, habe ich allerdings wieder geändert - ich glaube, er war zu detailliert. Was nicht bedeutet: Zuviel Text. Sondern was bedeutet: Zu  sehr Persönliches. Was dann problematisch wird, wenn es nicht nur mich betrifft ;)

Aber vielleicht... gelingt mir dennoch ein... wie soll ich sagen... fassbarer Rückblick?


Das Jahr 2003 Es ist Januar. Ich ringe mich endlich zur Entscheidung durch und ziehe aus meinem Zuhause aus zu einer Freundin. Noch zwei Wochen bis zum Ortswechsel und neuem Job. Drei Tage vorher platzt dieser Arbeitsvertrag. Kein Job, keine Wohnung, keine Existenz.
Das einzige, das für mich so gar nicht in Frage kommt: Der Weg zurück. Also aktiv werden - in jeder Hinsicht.Trotz allem ein wunderbar befreiendes Gefühl. Wie bei einem Vogel, der zum ersten Mal zaghaft die Flügelchen ausbreiten will und noch nicht dran glaubt, dass diese ihn auch tragen werden. Und einen neuen alten Job habe ich auch. Manchmal öffnen sich Türen dort, wo man sie einfach nicht erwartet.
Herr Blau und ich begegnen uns im Herbst zum allerersten Mal, an einer Autobahnabfahrt; ich in einem irren Cordmantel, er in Jeansjacke und Shirt. Das ist es - geht es mir durch Hirn, Herz und Bauch bis direkt in die Knie. Sechs wunderbare, erfüllte Wochen später trennen wir uns.


Das Jahr 2004 Bewegte Zeiten, bewegtes Leben. Mittendrin noch immer im Rosenkrieg, fassungslos, sprachlos - und über jeden, der mich grüßt, wundere ich mich: "Der hat sicherlich noch nicht mit meinem Ex gesprochen, sonst wäre der nicht so freundlich zu mir."
In einer Nacht im April verunglücke ich mit dem Auto, ich schlafe ein am Steuer. Bereits hier erkenne ich: Was sind wir ohne Partner? Singles! Was aber sind wir ohne Freunde? Nichts!
Der zweite Versuch mit Herrn Blau im Sommer misslingt. Er versteht meine Lebensart nicht. Ich verstehe ihn nicht.
Der Dezember hats irgendwie in sich - jedes Jahr im Dezember werde ich krank. "Sie sind vermutlich nur überarbeitet, ich verordne Ihnen ein paar Tage Ruhe, dann haben Sie eh Urlaub und dann wirds auch wieder gut." Die Wahrheit wird sich acht Wochen später zeigen.
Mein damaliger holländischer Chef wird aus dem Projekt gefeuert, eine Woche vor Weihnachten. Unerwartet, vollkommen überraschend. Wir waren ein echt eingespieltes Team - ohne jeden Hintergedanken.
Er - am Fenster des Mehrstöckers stehend und rausschauend: "Was würdest du eigentlich machen, wenn ich hier rausfalle?"
Ich - am Computer tippend und ohne aufzusehen: "Ich würde mich vergewissern, dass du dort unten ordentlich aufgeschlagen bist."

Das Jahr 2005 ...geht schon gut los: Am ersten Arbeitstag erhalte ich meine Kündigung. "Wenn der Chef geht, muss auch die Assistentin gehen", ist dort das ungeschriebene Gesetz. Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben arbeitslos, glücklicherweise nur für zwei Monate.
Gleich darauf: Meine Großmutter stirbt nach einer verpfuschten Herzklappen-OP. Eine Woche später fahre ich auf die Insel, um sie mit zu verabschieden. Am Morgen ihrer Beerdigung sind beidseits alle meine Gelenke geschwollen und schmerzen richtig böse.
Drei Tage später das Ergebnis des Bluttests: "Sie haben eine Angina verschleppt." "Wann soll die gewesen sein?" frage ich verblüfft.
"Vor sechs, acht Wochen."
Rechnen kann ich noch. Von wegen überarbeitet, du Sack.
Ich bekomme drei Wochen lang zwei Antibiotika. Die Schwellungen gehen zurück. Der Schmerz in der linken Körperhälfte bleibt. Er bleibt bis heute. Fühlt sich an wie Zahnschmerzen im linken Körper.
Die Ärzte sind machtlos. Ich auch.
Im Sommer ist Herr Blau ist zu Besuch, erzählt von seiner neuen Freundin. Wir trinken Tee, essen Kekse, die ich gekauft hatte. Rote Herzkekse. Ich hänge immer noch an ihm, aber das sage ich nicht. Höre ihm zu und will mich für ihn freuen. Wir verabschieden uns. Ich erbreche all den Tee und die scheiß Herzkekse.

Das Jahr 2006 Dates. Das Treffen ist nett, ich bin und bleibe fasziniert, wir lassen uns zaghaft aufeinander ein. Wochen später erfahre ich von anderen, dass er zeitgleich auch seine Ex beglückt, vier Jahre nach deren Trennung. Zum Reden habe ich keinen Bedarf, er darf aber seine Sachen wiederhaben.
Wenigstens bin ich seit 8 Wochen geschieden. Endlich, nach 3 Jahren.
Erleichterung nach dem Gerichtstermin. Trotzdem sitze ich zwei geschlagene Stunden auf dem Sofa, mit Mantel und in Stiefeln, und starre die weiße Wand an.
Der Frühling kommt und mit ihm: Herr Blau. Irgendwie gehts nicht mit und irgendwie gehts nicht ohne. Wir versuchens nun doch noch mal.
Auf dem Weg zum neuen langweiligen Job verunglücke ich im Sommer schwer. Keine Macht mehr über die Lenkung, keine Macht mehr über das Auto. Bevor es knallt, schließe ich die Augen und denke: "OK, das wars."
"Deine Zeit war noch nicht gekommen", sagt mein Vater später.
Zwei Wochen später trennen Herr Blau und ich uns.
Vier Monate später lege ich die Kündigung auf den Tisch, kaum dass ich wieder begonnen habe zu arbeiten. Den einstündigen Fahrweg über die Autobahn - ich schaffe das nicht mehr, ich kann nicht mehr.

Das Jahr 2007 Ein neuer, besserer Job (dachte ich). Doch der wird zur Zerreißprobe für mich - vier Jahre lang. Zum Glück weiß ich das damals noch nicht.
Ich habe mich auf eine neue Beziehung eingelassen. Strohhalm? Anker? Netz mit doppeltem Boden? Ich weiß es nicht. Ich habe nichts mehr, kein Urvertrauen, kein Vertrauen, ich bin bis oben hin voll mit Selbstzweifeln, Angst und Unsicherheit. Ich glaube nichts und niemandem mehr, auch mir selbst nicht. Wohl auch deshalb gehen wir irgendwann wieder getrennte Wege.
Frei sein... Frei fühlen... Das geht immer nur am Meer. Irgendwie.
Und dann sehe ich Herrn Blau wieder, nach zwölf Monaten. Wie kann das sein, dass man glaubt, man habe sich nur ein paar Tage nicht gesehen? Und ist sich sofort wieder vertraut? Wie geht sowas? Aber Neubeginn? Daran glaube ich nicht.


Das Jahr 2008 Ich muss zum ersten Mal in eine Schmerzklinik, man kommt nicht mehr weiter. Aber irgendwie muss diesem Zustand doch beizukommen sein. Es wird ein Aufenthalt für acht Wochen - und ohne Ergebnis. Dafür eine Menge an aufgerissenen, unbearbeitet zurückgelassenen Schubladen voller Seelenschmerz. Und der Erkenntnis, dass die Ereignisse auch aus dem August 2006 ein Trauma ausgelöst haben, das bis zu dem Zeitpunkt nicht mal im Ansatz bearbeitet, geschweige denn verarbeitet wurde.
Es wird ein schwieriger Abschluss in diesem Jahr. Ich kämpfe wie irre. Weil ich muss und weil ich unbedingt will.
"Verloren ist etwas erst, wenn man es selber aufgegeben hat."



Das Jahr 2009 ist ein Jahr des Kampfes. Im Job. Privat. Mit mir. Auf allen Fronten. Puh.
Ich will mich anlehnen, ich würde mich gerne anlehnen.
Ich will mich geliebt fühlen. Bedingungslos, möglichst. Das wollte ich doch immer, danach hatte ich immer gesucht.
Ich will mich respektiert und beachtet fühlen. Den Mittelpunkt darstellen, so n Scheiß brauche ich nicht. Aber beachtet werden.
Ich finde, das ist ein mächtiger Unterschied.
Das Jahr 2009 ist ein Jahr, in dem ich mich ähnlich allein fühle wie schon 2003. Allein, nicht einsam. Ich begreife: Verlassen kann ich mich nur auf mich selbst. Fühlt sich nicht gut an. Für mich.


Das Jahr 2010 Kampf mit Behörden, Ämtern, Krankenkassen kenne ich inzwischen. Kann ich inzwischen. Die in Aussicht gestellte Rente beantrage ich nicht. Die können mich mal!
Da muss es doch noch mehr geben!
Da muss doch noch mehr gehen!
"So wie du aussiehst, kann es dir gar nicht so schlecht gehen", höre ich. Bei sowas muss ich kotzen. Klar könnte ich mich genauso gehenlassen. Mich nicht mehr waschen, nicht mehr zurechtmachen, mich vernachlässigen und am besten mein Zuhause, meine Söhne gleich mit! Mich jeden Tag in die Ecke legen und rumflennen. Anderen was vorjammern. Und dann? Wem wäre dann damit geholfen? He?! Was wäre damit erreicht?!

Das Jahr 2011 ist rückblickend das letzte Jahr der kleinen und großen Krisen, die innen und die außen. Ein Jahr, das alles noch mal auf den Kopf stellt, hinterfragt, das rüttelt und nicht zur Ruhe kommen lässt.
Das zerreißt und zerreißen lassen will - und mich wieder und wieder vor die Frage stellt:
"WAS VERDAMMT willst du JETZT tun? Wohin willst du? Mit wem willst du?"
Meine Fresse, ich will doch auch nur... leben. Lieben. Und geliebt werden. Na gut, vielleicht will ich ab und an auch ein Stück Schokolade zum Frühstück.


Das Jahr 2012 wird das Jahr der Erleichterung. Stück für Stück.
Schritt für Schritt.
Ich fühle mich glücklich. Nach so langer Zeit wirklich glücklich.
Auch wenn ich dem Frieden nicht traue.
Es ist das Jahr, in dem echte Pläne geschmiedet werden. Pläne für das Jetzt und Hier und auch für das Morgen.
"Chasing Cars" verbinde ich auf immer und ewig mit einem ganz besonderen Moment auf einem Ledersofa. Dieses Konzert ist der Höhepunkt dessen.

Im Jahr 2013 ist meine kleine süße Wohnung richtig schön geworden. Dass wir nicht mehr darüber nachdenken, ob wir zusammenziehen, sondern wann, erfüllt mich vor allem mit Beklommenheit: Wir lieben beide unsere Freiheit, wir haben beide so lange allein gelebt. Nach unseren eigenen Vorstellungen, unseren eigenen Maßstäben.
Ob das alles so passt und geht, wenn aus zwei Wohnungen eine wird? Und wo? Bei mir oder bei ihm?
Am liebsten bei mir, in meiner Stadt. So war der Plan.
Herr Blau stammt doch schließlich auch von hier, auch wenn er schon längst hier fort war, als wir uns kennen lernten.


Das Jahr 2014 ist das Jahr des - genau genommen dritten - großen Umbruchs in meinem Leben. In der Firma lege ich bereits im Januar die Kündigung auf den Tisch - auch wenn ich das jetzt noch nicht müsste, denn gehen will ich erst Ende August. Aber ich empfinde es als fair, innerhalb dieser Monate einen Ersatz für mich zu finden.
"Den gibt es nicht", erhalte ich auf diese Weise mein Arbeitszeugnis.
Und nach Wochen der Überlegungen den Vorschlag zum Home Office. Probeweise erst mal für ein halbes Jahr. Ich nehme dankbar an. Sehr dankbar. Manchmal muss man doch einfach auch nur ein bisschen Glück haben.
Und das Zusammenleben?
Wir sind beide überrascht, wie gut wir immer noch harmonieren, auf kleinem, nunmehr geteilten Raum. Ich vermisse meine Kinder, meine Freunde, mein altes Zuhause wie verrückt - aber ich liebe es auch, beim Herzensmann zu sein.

Das Jahr 2015 hat mir und auch uns da schon mehr abverlangt. Öfter als gedacht sind wir an Grenzen gestoßen, mit denen wir erkennen: Wir brauchen wenigstens einen größeren Lebensraum. Nur... Das Wo und Wie kann nicht klar abgesteckt werden, aus verschiedenen Gründen. Noch treibt uns nichts, aber wir wissen, dass wir aktiv werden müssen, wenn wir nicht wollen, dass es uns auseinander treibt.
Es ist auch das Jahr, in dem sich zeigt, wie krank mein großer Sohn wirklich ist. Ein Jahr der Sorge, der Tränen, des Kummers und einer unendlichen Belastung in jeder Hinsicht.
Wir haben Dezember, das Jahr ist fast rum. Wie irgendwie jedes Jahr im Dezember bin ich krank. Richtig krank. Ein bisschen warte ich gerade noch auf etwas Erleichterung. Dennoch: Ich sehe die Sonne - und das ist das Entscheidende.

Was ist mein Fazit nach diesem Rückblick?
Als ich 2003 auszog, hatte ich nicht mal eine Vorstellung von dem, das auf mich wartete. Über all die Dinge schreiben zu wollen, würde tatsächlich ein Buch füllen. Ich frage mich nicht, ob ich den Weg sonst nicht gegangen wäre: Ich weiß es nicht. Vermutlich aber schon! Ich bin zwar (mittlerweile) ein etwas ängstlicher Mensch - aber ein Feigling bin ich nicht.
Manchmal aber dachte ich, dass ich jetzt besser verstünde, warum viele Menschen diesen Weg nicht wagen. Auch die Reise ins Ich nicht wagen.
Als einsamer Mensch hätte ich diesen Weg vermutlich nicht zuende gehen können. Aber ich hatte das wirklich große Glück, kaum jemals wirklich einsam gewesen zu sein. Mir ist es anfangs sehr, sehr schwer gefallen, um Hilfe zu bitten. Ich kannte das nicht - und ich war so auch nicht erzogen worden. Mein Leben war all die Jahre so bewegend im Sinne einer bewegten See, dass ich mich mehr als einmal nach etwas mehr Ruhe und sogar Gleichmut gesehnt hatte.
Manche Menschen habe ich kennen gelernt, andere verabschieden müssen. Manche vermisse ich noch immer, jeden einzelnen Tag.
Ich glaube, im Jahr 2015 bin ich ein bisschen stehen geblieben. Habe angehalten. Wie wenn man im Schaukelstuhl ein Bein herausstreckt, um stehenzubleiben, trotzdem man sitzt.
Und ich genieße es. Es ist mir gar nicht möglich, es momentan anders zu handhaben. Natürlich bin ich sehr dankbar, dass Herr Blau das versteht - und im Augenblick es auch selber so haben möchte.
Trotzdem frage ich mich manchmal, ob ich in diesem Jahr ein langweiliger Mensch, ein langweiliger Partner war. Dann wieder denke ich: Es kommt nicht darauf an, dass man immer nur gibt. Es ist auch nicht entscheidend, dass man immer nur gibt. Für mich denke ich, dass entscheidend ist, dass wir uns glücklich fühlen. Dass wir mit uns selber im Reinen sind - ganz gleich, ob wir jemanden an unserer Seite haben oder nicht.
Vielleicht kam das in diesem Kurz-Rückblick nicht so rüber - aber das ist genau das, was ich fühle: mit mir im Reinen zu sein. In meinem eigenen Gleichgewicht, mit meinem eigenen Ruhepol.
Und wenn ich ganz ehrlich zu mir selber bin, ist es vor allem das, wonach ich immer gesucht habe.
Vor vielen Jahren habe ich mal gesagt: "Wie soll ich dich glücklich machen, wenn ich es selbst nicht bin?" Den Weg bis dahin habe ich mir so vielleicht nicht vorgestellt. Aber ich bin wirklich froh drum, ihn gegangen zu sein.

"Werden Sie bleiben?"
"Ich weiß es noch nicht. Nichts von dem, wie ich es mir vorgestellt habe, ist auch so gekommen."
"Das mag sein. Aber das, was wir stattdessen bekommen, ist manchmal ein richtiger Knüller."