Mittwoch, 13. Dezember 2017

"Lass Dich nicht ärgern!"


Ich hatte mal einen Vorgesetzten, bei dem man morgens niemals wusste, was einem an jedem einzelnen Tag so passieren würde. Er war einfach unberechenbar und wenn es besonders arg wurde, munkelte die Belegschaft hinter vorgehaltener Hand, dass es ganz offensichtlich mal wieder keinen Sex zu Hause gegeben hatte. Ob oder ob nicht, interessierte mich selber herzlich wenig - aber ich war regelmäßig die Erste, die die Auswirkungen zu spüren bekam: Als Assistenz ist man naturgemäß einfach die allererste, die in die Schusslinie gerät.
Back Office finde ich insofern eine Lüge - in Wahrheit ist es nämlich ein Front Office. Jegliche Stimmungsschwankungen, jegliches Darmkneifen, das nicht unentdeckt entweichen konnte, jegliches Essen, das auch nur 5 Minuten zu spät eingenommen wurde und so weiter und so weiter - man bekommt alles 1 zu 1 übergebügelt.
Insofern war mein zweiter Chef, ein waschechter Holländer, ein Geschenk des Himmels. Einer, der mir zuliebe eine Kollegin behielt, nur damit ich nicht an meiner Kündigung festhielt, die ich ausgesprochen hatte, als ich mein Leben noch in eine ganz andere Richtung geplant hatte, bevor alles völlig anders kam und ich der neu eingestellten Kollegin diesen Platz aber auch nicht wieder wegnehmen wollte.
"Du musst an dich denken, nicht an sie. Du hast zwei Kinder, sie hat noch keine."
"Aber das hier ist ihr erster fester Job seit Jahren, das mach ich nicht. Ich finde schon noch was anderes."
"Dann behalte ich euch eben alle beide", hatte er nach einer Stunde angestrengter Verhandlung entschieden - und damit das entspannteste Arbeiten aller Zeiten eingeläutet. Er vertraute mir mehr als ich mir selber, und regelmäßig durfte ich ihn in die Mittagspausen begleiten, weil "die Wände hier haben Ohren". Und es ging nicht selten um firmenpolitische Entscheidungen, zu denen er immer meine Einschätzung hören wollte - was auch immer er anschließend draus machte. Erst Jahre später, lange nach dem Ende der Zusammenarbeit, wurde mir zugetragen, dass er mir damit eher geschadet hatte: "Du und er, ihr hattet doch was miteinander. Alle haben das gesagt. Ihr wart ja fast jeden Mittag zusammen weg." 
Ich war nicht schockiert, dass Menschen tratschten. 
"Solange sie über dich reden, bist du interessant für sie", sagt meine Mama immer.
Aber ich war schockiert, dass sie mir zutrauten, dass ich, selber gerade kaum über dreißig, eine Affäre mit einem verheirateten Mann anfing, der überdies gute dreißig Jahre älter war als ich. Eine Singlefrau ist weder Freiwild noch notgeil und käuflich bin ich schon gar nicht. 
Aber ich mochte seinen Humor. 
Kaffee, den ich einst zu spät in die Sitzung brachte, entschuldigte ich charmant: "Ich entschuldige mich für das Personal, es gab Streik auf der Kaffeeplantage." Alles lachte, auch er.
Tage später trug er mir erneut auf, ihm Kaffee zu bringen. In die Arbeit vertieft, vergaß ich das natürlich, bis er - fix und fertig angezogen - vor meinem Schreibtisch stand.
"Willst du weg? Du kannst jetzt nicht weg, du hast gleich ein Meeting."
"Ahh.. ich weiß nicht.. ich wollte noch mal schnell zur Plantage gucken, ich glaube, die streiken da schon wieder."

Ich denke noch heute manchmal an ihn. Frage mich, wie es ihm wohl so geht, seit er nach Holland zurückgekehrt und zugleich in den Ruhestand gegangen ist. Eine Zeitlang mailten wir noch, irgendwann schlief es ein. Ich denke, wir mochten uns wirklich - und jedenfalls ich meine das rein asexuell. 
Mir fehlt seine entspannte Denk- und Lebensweise - neben dem herrlichen Holländerdeutsch. Damals wusste ich noch nicht, dass ich selber zu 25 Prozent Holländerin bin, dank der Wurzeln meiner Mama. Vor allem fehlt mir der respektvolle Umgang, auch dann, wenn irgendwo was schiefgelaufen war. Er hat sich vor anderen nie im Ton vergriffen, aber jeder konnte die leuchtendrote Zornesfalte auf der Stirn sehen. 

Einen guten Chef macht für mich nicht aus, dass er Feste veranstaltet und - wenn er gut drauf ist - Esprit versprüht. Dafür dann - wenn er mies drauf ist - jeden ebenso unbeherrscht daran teilhaben lässt. Einen guten Chef macht für mich ein Mensch mit Führungsqualität aus. Der es versteht, die Mitarbeiter zu motivieren und sie auch zu kritisieren, ohne sich in Ton und Wort zu vergreifen. Der dringend nötige Gespräche nicht xfach verschiebt und dann währenddessen nicht noch E-Mails checkt und sms liest. Der neben der positiven Bilanz am Jahresende auch immer noch den Mitarbeiter im Fokus hat - denn ohne einen guten Mitarbeiter gibt es auch keine gute Bilanz, auch dann nicht, wenn er glaubt, sowieso alles ganz allein gemacht zu haben. 

"Lass dich nicht ärgern!" wurde mir zu Beginn der Woche gleich von zwei Seiten gewünscht - und während ich für einen flüchtigen Augenblick unterstellte, beide Seiten mögen das wohl nicht wirklich ehrlich gemeint haben, begriff ich heute Abend, dass diese Wortwendung nicht impliziert, dass es eine gute Woche würde, sondern dass man gut durch diese Woche käme - egal, wie sie sich gestaltete.

Sie hat schon beschissen angefangen - und ich kann Euch sagen, sie ist heute zur Wochenmitte auch nicht besser geworden. Den privaten Flächenbrand ergänzte heute nun also auch noch der dienstliche Flächenbrand - und während ich beim heutigen Frontalangriff nur ein einziges Mal eine kurze, wenngleich auch heftige Zorneswallung verspürte, die ich auch ohne Schauspielkurs wirklich 1 A im Griff behielt, so weinte sich die Kollegin hernach beinah eine ganze Stunde lang die Augen aus. "Das ist so ungerecht, ich bin so scheiße wütend!"
"Er wird sich auf jeden Fall bei dir entschuldigen, morgen oder spätestens Freitag."
"Da scheiß ich aber drauf!"
"Ha ha, ich auch", amüsierte ich mich - und war tatsächlich auch ein wenig über mich erstaunt, dass ich es nicht nur so sagte, sondern auch genauso meinte und obendrein auch so empfand. 
Wir können die Menschen sowieso nicht ändern, wir werden auch nichts ändern - entweder finden wir uns damit ab oder wir nehmen unseren Hut. Zehn Jahre diplomatischer Einfluss haben zu wenig bewirkt, offensichtlich. 

"Wie war das Gespräch?" wurde ich heute Abend gefragt.
"Unfair und unbeherrscht wie immer. M. hat geweint, ich nicht. Keine einzige Träne."
Ich hatte mir anschließend einen Kaffee geholt und einfach weiter meine Arbeit gemacht, wie immer lange über Dienstschluss hinaus. Das interessiert nämlich auch niemanden, und hey, ich habe auch nur eine Teilzeitstelle. Ja also eigentlich! Das interessiert nämlich so lange niemanden, bis du mal zehn Minuten eher gehst - dann drehen alle durch.

"Maybe I'm defected or maybe I'm dumb" - den Song von gestern habe ich in Dauerschleife auf der halbstündigen Heimfahrt derart laut gehört, dass mein Brustkorb vibrierte. Er hat einfach gerade den haargenau richtigen Beat, den ich im Moment brauche. Und ich höre ihn jetzt grad rauf und runter, dass die Haarspitzen vibrieren. Ich werde demnächst wohl ein paar neue Lautsprecher benötigen und vielleicht auch noch einen Tinnitus bekommen, aber das ist mir jetzt irgendwie auch wurscht. 

Das alte Jahr, so lässt sichs vermuten, wills irgendwie anscheinend noch mal wissen, bevor es vorbei ist.

Dienstag, 12. Dezember 2017

Netz mit doppeltem Boden



Durchwachte Nächte, ruhloser Schlaf, wirre Träume, verworrene Situationen, nachts fernsehen, wenn der Schlaf nicht zurückkehren will. Worte in meinem Kopf, Worte in meinem Telefon, die mich in der Nacht anstarren, anschreien, und ich lege das Telefon wieder aus der Hand. Entsperre den Bildschirm gar nicht erst, ich hab auch so genug gelesen.
Ich verstehe die Gedanken, ich verstehe die Empfindungen, aber die Wortwahl trifft mich zielsicher. Macht mich stumm.
Gute Nacht.
Ja schlaf Du auch schön.
Spüre, wie ich in tausende kleine Stückchen zerfalle. Mühsames Auflesen und Wiederzusammensetzen. Stück für Stück, bis der Morgen graut.
Zappe mich durch die Programme, fühle meinen Herzschlag, gleich zerspringt der Kopf, vielleicht vom Denken, vielleicht habe ich aber auch nur wieder zu wenig getrunken. Stehe auf, fülle ein Glas Wasser, trinke gierig noch in der Küche, starre hinaus in die Nacht und frage mich...
Nein, ich frage mich nicht.
Es gibt kein "Was wäre gewesen, wenn?"
Es gibt kein Leben im Konjunktiv, nur eins im Hier und Jetzt. Das Leben, das man selbst gewählt hat.

Dieses Jahr 2017 zählt nur noch einige Tage, dann endet es - und ich werde aufatmen. Einmal mehr aufatmen. Vorbei, Gott sei Dank. Eine neue Hoffnung auf ein neues, vielleicht entspannteres Jahr. Wenigstens alle Behördenkämpfe gewonnen, Forderungen durchgesetzt und bekommen. Fühlbare Erleichterung in jedem Zentimeter von mir. Dankbarkeit für ein wenig Aufatmen für den Moment.
Die Begierde, länger von diesem Gefühl kosten zu können. Tanzen vor Freude und nicht tanzen für das Lockererwerden.

"Warum springst du nicht endlich einfach?"
Furcht kriecht mir den Rücken hoch, tastet sich über den Nacken, diese Linie bis zum Haaransatz, fühlen, wie sich jedes einzelne dieser winzigen Härchen aufstellt.
"Weil ich dann meine Beweglichkeit aufgebe. Meine Unabhängigkeit."
Und weil ich nicht weiß, ob das Netz mich hält. Schon gehabt. Schon gelebt. Schon zweimal ganz von vorn begonnen.
Und Du glaubst, ich lebte hier ein zweites Leben.

Donnerstag, 30. November 2017

Auf das Leben


„Ich bin noch nicht soweit“, sagt sie schließlich.
Sie steht vor dem Kleiderschrank, die Türen weit geöffnet, sie sieht auf die Hemden, auf die sorgfältig zusammengelegten Hosen, auf die Krawatten in der Schublade, eine Schublade tiefer die Socken.
„Aber du musst."
„Und wieso muss ich? Was glaubst du, wieso ich muss?“
„Weil es gut wäre für dich. Besser wäre für dich. Du wirst nicht jeden Tag daran erinnert, dass er nicht mehr da ist. Nicht jedesmal, wenn du den Schrank öffnest.“
„Du hast ja so gar keine Ahnung.“
Sie wendet sich dem Schrank wieder zu, ohne dass sie irgendetwas tut oder überhaupt etwas tun möchte.
Was weißt du schon davon, dass er überall ist.
Dass er jeden Morgen mit ihr erwacht und sie nur hinüberzublinzeln braucht, um ihn zu sehen. Die Hand nach ihm auszustrecken, so wie sie das nachts oft getan hat, nur um sich zu vergewissern, dass er da war, dass er bei ihr war und dass es nichts gab, wovor sie Angst haben musste. Die Hand auf seinen Bauch legen und wieder einschlafen mit dem wohligen Gefühl der Geborgenheit.
Dass er sie jeden Morgen ermahnt, wenn sie wieder zu lange duscht: „Ich werde eine Petition einreichen. An den Bundestag, weil meine Frau eine außergewöhnliche Belastung ist und das Finanzamt das nicht einsehen will.“
Dass er ihr das Frühstücksei kocht, weich, so wie sie es eigentlich mag, und meist doch viel zu weich, so dass sie dann beginnt zu lachen: „Ich wollte das Ei essen, nicht auspusten!“
Dass er abends Reportagen schaut, während sie liest oder schreibt, und ihr ab und ein einen Blick zuwirft, sie sich dann anlächeln und weitermachen mit dem, was sie gerade beschäftigt.
Es ist völlig egal, ob seine Kleider noch da sind oder nicht.
ER ist da.
Er ist immer da.
So wie es jeden einzelnen Morgen schmerzt, wenn sie erwacht und erkennt, dass er nicht mehr neben ihr liegt.
Sie hat kein Ei mehr gekocht, seit er fort ist. Bis in die Nacht hinein schaut sie Reportagen, Dokumentationen, irgendwelche Filmchen, weil sie Angst vor diesem Gefühl hat, abends mit dem intensiven Gefühl, er läge neben ihr, einzuschlafen, nur um morgens zu sehen, dass das Bett neben ihr leer geblieben war. Dass er einfach nicht da ist und auch nicht mehr wiederkommt."
+++

Wie oft hatte der Vater seiner Mutter vorgeworfen, sie benehme sich nicht ihrem Alter entsprechend, sie kleide sich nicht ihrem Alter entsprechend und dass es letztlich auch für ihn nicht gut war, wenn man über sie redete.

„Ich weiß gar nicht, was du von mir willst“, hatte seine Mutter vergnügt geantwortet, „ich habe fünfzig Jahre nur für euch gelebt und jetzt genieße ich die paar Jahre, die ich noch hab, auf meine Weise. Schlimm genug, dass ich überhaupt so lange gewartet habe.“
„Hast du denn nicht verstanden, dass es albern und nicht modern ist, wenn eine alte Frau auf Teufel komm raus noch jung sein will?“
„Du, mein Junge“, hatte die Großmutter gelächelt, „hast nicht verstanden, dass ich gar nicht versuche, jung zu sein, sondern dass ich es immer noch bin.“ 

Es gibt die anderen - und dann gibt es mich


Viel getan, aber nichts erreicht heute. Der Donnerstag dieser Woche zählt für mich zu den eher unproduktiven Tagen - und zu jenen Tagen, die ich weder schön noch ungut finde.

Ich glaube, es gibt kaum etwas, wo mir nicht die Musik hilft. Wenn sonst nichts mehr geht - die Musik bewirkt alles. Musik habe ich schon als Kind geliebt, wahnsinnig geliebt. Ich war verliebt in die Klaviermusik und hab mir sehnlichst gewünscht, dieses Instrument beherrschen zu können. Noch heute habe ich jenes Bild in meinem Kopf, wie die Singgruppe und ich für ein paar Tage in die Pampa gefahren sind, ein altes Gebäude, wir haben den ganzen Tag gesungen und geprobt und in den freien Momenten zog ich mich allein in jenem Raum zurück und habe gespielt, für mich ganz allein. Melodien aus dem Gedächtnis heraus versucht nachzuspielen, die richtigen Tasten gesucht, so lange gesucht und geübt, bis ich es heraus hatte...
Aber meistens höre ich nur Musik, ich höre sie, so laut ich kann, und hin und wieder tanze ich dazu völlig ausgelassen - nicht weil ich mich so fühle, sondern weil die Schwere der Gedanken aus dem Körper raus muss (ernsthaft: es wirkt). Ich kann von mir nicht behaupten, dass ich ein gutes Körpergefühl hätte. Ein Tanzturnier wird man mit mir nicht gewinnen: Wenn ich schon sehe, wie die Tango tanzen, mit völlig verdrehtem Körper, steif gehaltenem Kopf - da bekomme ich allenfalls Nackensteife von und wäre demnach ein Fall für die Massagebank und mein Kopf, meine Brust wäre hernach kein bisschen leichter. Und überhaupt: Wo bleibt da das Lebensgefühl? Wenn überhaupt, dann würde ich gerne Rumba oder so etwas tanzen können. Etwas mit Leidenschaft, etwas mit Feuer im Arsch - auch wenn man mir nordisch Unterkühlter diese Leidenschaft auf den ersten Blick vermutlich nicht mal ansatzweise zutrauen würde. Nicht mal ich mir selber, denn ich kenne mich: Dazu bräuchte es mindestens drei Tequila und vier Weißwein. Aber ich glaube, dann bin ich nur die erste Stunde voller Esprit und Fröhlichkeit, den Rest des Abends würde ich heimlich im Badezimmer schlafen, bis ich nach Hause gehen könnte. Alles schon gehabt. Die Stimmung kippt bei mir dann tatsächlich von einer Sekunde auf die andere. Zack und aus. Das wars. Kann ich heimgehen, das wird nicht mehr besser.
Und ich habe so überhaupt gar kein Taktgefühl, was Tanzen betrifft. Wenn ich nur an die Zeiten denke, in denen ich noch zum Aerobic gegangen bin! Ich kann Euch Geschichten erzählen von mangelnder Koordination, Ausfallschritten zur falschen Seite und mit dem falschen Bein und überhaupt - und dass ich meist in den ausgestreckten Arm der anderen fiel, weil ich mich schon wieder zur falschen Seite gedreht hatte.
Seis drum.
Ich bin jedenfalls so gar kein Kandidat für Handarbeiten (ich rede hier von Stricken!), so gar kein Kandidat für Monopoly oder sonstige Strategiespiele. Mir liegt das einfach nicht. Da lieber spiele ich Canasta oder Mensch-ärgere-dich-nicht. Spiele, in denen wenigstens so ein bisschen Leben steckt.
Und vermutlich würde ich nicht mal Quizduell spielen, wenn hier nicht das "Feuer" brennen würde, dass man innerhalb weniger Sekunden die Antwort haben muss, ansonsten "Time out, meine Liebe, Pech gehabt, diese Punkte gehen jetzt an den anderen!" Jedenfalls bin ich nach den wenigen Tagen meines Duellierens überrascht, dass ich Dinge noch weiß, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie überhaupt weiß - und wiederum an Fragen scheitere, in denen ich fröhlich und mit hundertprozentiger Sicherheit auf Antwort C klicke - und ZONK - das war leider falsch!
Ich mag sogar die Begleitgeräusche (am liebsten die, wenn man drei Richtige hat ;)), während der Mann immer genervt die Augen rollt "Schalt doch BITTE mal deinen Ton aus!" Aber das fetzt nicht. Das ist wie Tanzen ohne Musik. Wie Sex ohne Orgasmus. Kann man so machen, ist dann halt aber nun auch nicht so.

Selbst die Tatsache, dass man sich sogar Nachrichten schicken kann, finde ich irgendwie witzig.
Sagen wir: meistens. Manchmal hat man so Vollhonks dabei, die einfach nicht verlieren können. Dann frage ich mich trotzdem, was die dann bei Quizduell wollen. Sollen erst mal erwachsen werden.

Und falls Ihr es bemerkt habt: Ja, es geht mir etwas besser als gestern Abend. Auch wenn sich zu gestern Abend nichts verändert hat. Aber ich habe neue Hoffnung geschöpft. Weiter gehts...

Mittwoch, 29. November 2017

Rise



"In the darkest times, 
hope is something you give yourself. 
That is the meaning of inner strength!" 
- Iroh -





Ich bin die, die der Böllerei zur Jahreswende nichts abgewinnen kann. Aber ich bin die, die eine einzelne Rakete in den Nachthimmel schickt. Eine einzige, begleitet mit stummen Worten, die hinter meiner Stirn wohnen. Tief in mir die Hoffnung auf ein gutes neues Jahr. Ich glaube daran, weil ich daran glauben möchte. Weil ich die Hoffnung haben möchte

Kann man lernen, ein hoffnungsvoller Mensch zu sein? Kann man es lernen, nach vorn zu denken, positiv zu denken und zu fühlen? Kann man es wirklich lernen, seinem Ich die Ruhe und die Gelassenheit zu geben, dass sich am Ende alles finden wird?
"Du bist der optimistischste Mensch, den ich kenne", hat mir vor Jahren mal jemand gesagt - und manchmal dachte ich: Das muss daran liegen, dass ich immer schon die Hoffnung hatte, dass alles gut würde. Als ich noch ein Kind war, da hatte ich Sehnsucht. Sehnsucht nach einem Leben voller Liebe. Möglicherweise habe ich deshalb geheiratet, kaum dass ich neunzehn Jahre alt war. Nur um irgendwann zu erkennen, dass es der falsche Weg war, die falsche Entscheidung, der falsche Mann.
Und die einzig richtige Entscheidung daraus zu treffen: lieber allein leben als mit dem falschen Mann.
"Um sie musst du dir keine Gedanken machen, die schafft das, sie ist eine Powerfrau."
"Ich bewundere dich, wie du das alles machst und durchstehst."
"So ein Leben ist wirklich nicht leicht. Ich ziehe da echt den Hut vor."
Worte der längst vergangenen Jahre. Wie viel davon stimmt, kann ich tatsächlich nicht einschätzen. Ich habe mich nie als eine Macherin empfunden. Eher war ich der Träumer, das Gänseliesel auf der bunten Wiese der großen weiten Welt, erstaunt über das, was sie alles sah und entdeckte - und ich war der Träumer, der noch immer die Hoffnung gleich der Zuversicht hegte, dass alles gut würde.
Rückschläge waren nie der Anlass, nach dem Sturz auch liegenzubleiben und sich zu ergeben.
Rückschläge trafen mich in den Kniekehlen, aber sie brachen mich nicht. 
Oft dachte ich: Ich weiß gar nicht, was die alle wollen - ich mache nur meinen Job, im Unternehmen, zu Hause bei den Kindern. Ich bin gesund (na ja gut, zumindest bin ich nicht todsterbenskrank, alles andere kriegt man irgendwie hin), meine Kinder sind weitestgehend gesund, ich habe ein Einkommen und damit mein Auskommen und alles wird irgendwie schon werden, da gehts anderen sehr viel schlechter, sind andere viel beschissener dran.
Aber die Wahrheit ist.. Man kann sich nicht permanent nur an denen messen, denen es eben noch beschissener geht. Man kann sich nicht nur erden - auch wenn mir das oft guttut.

Gerade die letzten zweieinhalb Jahre haben mich sehr oft an die Grenze meiner eigenen Belastbarkeit geführt. Dann denke ich an jenen Kollegen, der sich in seinem Auto totgefahren hat vor zehn Jahren. Tempo 200+ und ohne Sicherheitsgurt. Er kannte das Risiko, und heute denke ich manchmal: Er hat kompensiert.. Das, was zu viel war. Das, was er nicht geregelt bekam. Das, was ihm über den Kopf wuchs.
Daran denke ich, wenn ich mit etwa 200 kmh über den Highway fliege und mich frage: Wenn der da vorn jetzt rauszieht, ohne zu blinken, kann ICH dann noch bremsen?
Dann frage ich mich: Was wird vor allem aus meinen Söhnen? Wer ist dann für sie da? Wer kümmert sich um ihre Sorgen, ihre Gedanken, ihre Fragen? Wer schaut auf ihren Kontoauszug und sagt: "Warum sagst du denn nichts?" Wer hilft ihnen immer wieder auf die Beine, motiviert sie immer wieder neu auch nach der x-ten Niederlage? Wer hilft ihnen, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten? Wer schaut nach ihnen und fragt sie, wie es ihnen geht?

Und dennoch... Als ich heute das Zuhause der Jungen erreichte und den Brief von gestern las "Versagungsbescheid", da musste ich mich dann doch erst mal setzen. Seit Wochen schlafe ich kaum, weil sich mir nicht die Frage stellt, WIE ich das alles schaffe, sondern OB. Ein Versagungsbescheid, weil der Ex-Arbeitgeber seiner Verpflichtung zur Arbeitsbescheinigung nicht nachkam und das Amt seine Post, die wir schickten, nicht liest. Widerspruch einlegen, ja natürlich. Haben wir prompt heute erledigt. Und ich bin auch zuversichtlich, dass dieser bürokratische Akt zugunsten des Jungen ausgehen wird. Aber wann...
Der Kühlschrank war leergefegt, also bin ich etwas für unser Abendessen einkaufen gegangen, habe Essen zubereitet und Wäsche sortiert. Ich mache das nicht, weil sie das wollen oder ich es muss. Sondern weil ich es will. Und weil es das Kopfchaos beruhigt.
Dennoch sitze ich jetzt hier in der Küche, schreibe auf dem Laptop und.. möchte am liebsten einfach nur noch weinen. Es ist tatsächlich nicht ganz so einfach, wenn alles immer nur an einem hängt und man auch nicht nur für sich selbst verantwortlich ist.
Warum kann nicht einmal etwas einfach gut ausgehen? Warum kann es nicht einmal ohne einen Kampf gut ausgehen?
Aber du lebst und es geht euch so schlecht nicht, pocht es hinter meiner Stirn, also mach da was draus. Das werde ich auch - denn eine Alternative gibt es nicht.
Nur ob ich zu diesem Jahreswechsel eine Glücksrakete in den Nachthimmel schicken möchte, weiß ich noch nicht. Es ist nicht, dass ich keine Hoffnung mehr hätte. Aber vielleicht sollte ich diese Hoffnung in realere Dinge kanalisieren.

Montag, 20. November 2017

Die Tage und Gedanken in Bildern

Irgendwie fließt es grad nicht so recht. In meinem Kopf geht so viel hin und her und hoch und runter, dass ich vermutlich ein zehnteiliges Buchwerk herausbringen könnte - aber momentan komme ich nicht wirklich dazu, diese Gedanken zu ordnen, zu sortieren, zu entwirren. Und dabei brauche ich eigentlich genau das Schreiben, um eben überhaupt so etwas wie eine Struktur herstellen zu können.

Erzählte ich nicht neulich auch von meinem Kalender? Der, den mir der Mann einst schenkte und der mir irgendwie beinah schon Angst macht, weil er einfach in jede einzelne Woche passt?
Noch am Montagmorgen, als ich das Kalenderblatt umwendete, atmete ich tief ein und dachte beim Lesen: "Na dann wappne dich mal! Zieh dir ein dickes Löwenfell über und kämpfe."


Und dabei ließ sich diese Woche doch zunächst gar nicht so übel an. Die Fahrt am Montag nach L war weit weniger beschwerlich - oder besser gesagt: beängstigend für mich - als ich es befürchtet hatte, im einst heimischen Bundesland schien nicht nur die Sonne, es waren auch wesentlich angenehmere Temperaturen. Ja, auch 4 Grad mehr können tatsächlich was ausmachen ;)
Dieser Montag bedeutete außerdem noch ein Pläuschchen bei Kaffee & Kuchen - und dann noch einem geschenkten Gutschein meines einstigen Lieblingslabels!
Möglicherweise war dieser Wochenstart ein wenig ZU gut - denn schon der folgende Tag bereitete mir ein wenig Bauchweh...


Da hatten wir uns das doch so einfach vorgestellt - Sohnemann und ich. Preisangebote für Winterreifen komplett sondieren, das Beste auswählen, Auto  in die Werkstatt bringen, abholen, fertig ist der Lack. Dachten wir! Nun ist das Wägelchen ja erst seit gut 5 Wochen im Besitz meines Jungen - also nutzen wir die Chance, indem ich zur Werkstatt meines halbwegs Vertrauens sprach: "Schaut euch das ruhig noch mal genauer an, er hats grad erst gekauft. Falls noch Mängel sind und so!"
Man sagt das - aber man hofft ja immer, dass da nix nachkommt. Immerhin hatten mein Ältester und ich bei unseren diversen Gebrauchtwagenkäufen immer Glück.
Und nun seht Euch das an. Schöner Mist. Dazu noch eine gebrochene Feder und ein vermuteter Defekt im Abgasrückführungsventil. Also bin ich postwendend an meinem freien Tag am Donnerstag beim Verkäufer vorbeigefahren, habe denen die Fotos gezeigt und gefordert, dass dies im Rahmen der Gebrauchtwagengarantie instandzusetzen sei. Freilich hielt man sich dort erst mal bedeckt. Man müsse sich den Schaden ja erst mal anschauen und außerdem sei das da ja nur die äußere Hülle.
Kommende Woche soll Sohnemann das Auto dort hinbringen und dann will man sich das anschauen. Mein Bauchgefühl grummelt. Es wird wohl noch ein wenig lustig werden mit denen.


Herbst oder schon Winter? Ich kann mich nicht recht entscheiden. Draußen ist es mit einem Mal arschkalt geworden - aber das Büro in L ist sehr gut geheizt. Sehr, sehr gut. Ich komme mir vor wie in den Wechseljahren, weil ich auch nach Ablegen von Schal und Jacke wahlweise Fenster aufreiße, nach 5 Minuten mit angefrorenen Fingern schließe, nach 10 Minuten schweißgebadet wieder aufreiße... und so weiter und so weiter.
Immerhin aber ist hier für fortwährenden Kaffeekonsum gesorgt, ohne dass ich mich kümmern muss. Denn ich fröne auch hier meinem Motto: Ohne Kraftstoff kein Motorbetrieb - und Arbeit gibt es schließlich mehr als genug.


Nach den Bürotagen nach Hause eilen, etwas zu essen einkaufen, Abendessen zubereiten, Nachrichten beantworten oder abhören oder einfach auch nur in Blogs und auf FB surfen und auf denkwürdige Sätze stoßen, die wie zumeist etwas länger in mir nachwirken...






In anderen Blogs habe ich schon öfter davon gelesen, mich aber nie wirklich dafür interessiert. Bis zum Dienstag, als der Mann abends schrieb: "Installier dir doch mal Quizduell, dann können wir gegeneinander spielen."
Eigentlich habe ich ja für sowas nicht wirklich Zeit, wenn ich in L weile, denke ich - aber nachdem ich doch gerade erst meine Liebe zum Kreuzworträtseln wieder ausgegraben habe (und dabei feststellte, was für immense Lücken sich inzwischen aufgetan hatten), da reizt mich das doch und so installiere ich mir die App, für die wiederum der Mann genau genommen gar keine Zeit hat. Ein einziges Spiel an einem Abend ist mir dann doch zu wenig und so fordere ich meine Mama zum Duell heraus. Aber entweder weiß sie nicht, wie sie das machen soll, oder aber sie hat schlichtweg keine Lust. Was ich mir wiederum aber auch nicht vorstellen kann - immerhin kreuzworträtselt sie mindestens genau so gern wie ich. (Überhaupt stelle ich mit den Jahren fest, wie sehr ich meiner Mama ähnele. Aber dazu ein anderes Mal.)


Musik & Hits. Essen & Trinken. Irgendwie logisch, dass ich hierin nicht die Allerschlechteste bin. Auch wenn sie nicht nach der artgerechten Konsistenz von Schoko-Keksen fragen. Dafür versage ich kläglich in sämtlichen anderen Kategorien. Meistens raten wir nur. Spaß machts trotzdem. Mir jedenfalls!


Feierliche Vereidigung am Freitag. Nun ist Sohn II offiziell angenommen. Als ich das Bild von ihm im entsprechenden Anzug und seiner Freundin im Arm versende, bekomme ich ein "Groß isser geworden! Bist stolz?" zurück und schreibe mit gefühlt Dreifach-F zurück "Aber sowas von!"
Aber auch auf meinen Ältesten bin ich nach wie vor stolz - auch wenn ihm das Glück nicht so hold war und ist, wie er es eigentlich verdient hat. Alles muss er sich erkämpfen, ihm wird nix geschenkt und schon gar nicht fallen ihm die Dinge in den Schoß wie bisweilen mir oder Sohn II dieses Glück hatten. Aber er beißt sich durch, steht immer wieder auf und macht weiter - und ich hoffe, er hört damit auch nicht auf.
"Der Junge muss doch mal was Richtiges kriegen", sagte erst am Sonntag mein Papa zu mir.
Dann denke ich an die Ereignisse in seinem letzten Job, die mittlerweile 5 Angestellten (ihn eingeschlossen) innerhalb von 4 Wochen den Job gekostet haben - und dass ein Mangel an Vitamin B mit keiner Pille aufzufüllen ist. Und Einsatz eben nicht immer zählt.


Nun ja. Die Massagen gehen weiter.
"Wir haben nur 3 Versuche", hatte sie vor der 1. Anwendung vor 3 Wochen gesagt. Letzten Samstag war der 3. Versuch.
"Fühlst du dich denn jetzt besser?" fragte mich am Samstagabend der Mann.
Eigentlich nicht - eigentlich geht es mir wie zuvor auch. Andererseits war ja aber auch recht viel Bewegung in den letzten Wochen, und wer weiß schon, wie viel Einfluss das alles zusätzlich nimmt?
Immerhin wurde mir zu guter Letzt noch am Freitagabend eine inoffizielle Missbilligung ausgesprochen. Für Dinge, vor denen ich schon vor einem Jahr mein Veto einlegte, auch gut begründete und argumentierte, zunächst einen Dank erhielt "Das ist eine sehr gute Idee!" und dann im Januar, ohne dass man vorher auch nur noch einmal ein Wort dazu gewechselt hätte, einen heftigen Tritt in den Magen "Das war nicht in Ordnung von dir!" Erst sehr viel später ist mir klar geworden, welche Knöpfe wo und durch wen gedreht worden waren - und ich beschloss für mich: Ohne mich in Zukunft.
Zu dieser meiner Aussage stehe ich auch offen - und kassierte eben am Freitagabend noch eben diese inoffizielle Missbilligung. Daran habe ich dann doch ziemlich schwer geschluckt am Wochenende. Letztendlich aber bestätigt es mich nur. In dem, was ich denke, und in dem, was ich tun möchte.
Dass mir Aufrichtigkeit mit am wichtigsten sind - und dass es mich immer noch schockieren kann, wie sehr Menschen sich verbiegen und verdrehen können nur zu ihrem eigenen Vorteil.




Heute Morgen jedenfalls habe ich den Kalender mit einigem Unbehagen umgewendet und als ich las "My best friends are snacks" - da musste ich grinsen. Manches kannst du auch einfach nur mit Schokoladenkeksen aushalten.

Dienstag, 14. November 2017

Wenn Du Angst hast, sing!


Letzte Nacht kam ich in die Wohnung zurück, es war schon lange dunkel geworden. Was hinter mir lag, wusste ich nicht mehr, ich war nur müde, ich wollte heimkommen, ich wollte Licht machen - also machte ich Licht. Und da war dieses Mädchen. Kleiner als ich, dunkle Haare wie ich, aber dunklere Augen als ich. Sie war so ernst, sie sprach kaum ein Wort, dafür sprach ich, leise, beruhigend, während sie mir ihre beiden Hände an die Kehle legte und fest zudrückte. Ohne dass sich ihre Mimik auch nur ein winziges Bisschen veränderte. Ohne dass sie auch nur irgendetwas sagte. 

"Nein!"
Habe ich im Traum gerufen oder in der Realität? Ich weiß es nicht, der Mann neben mir schläft.
Das Zimmer ist  dunkel, nur das schwache Licht des Radioweckers bricht sich an der halb offenen Tür. Ich kanns auf den Tod nicht haben, bei halb geöffneten Türen schlafen zu müssen. Ich kanns nicht. 
Dann werde ich das Gefühl nicht los, gleich würde jemand durch diese Tür kommen. Der nichts Gutes im Sinn hat. Niemand, der nachts fremde Wohnungen betritt, hat Gutes im Sinn. 
Das Mädchen aus dem Traum. Der Mann aus all den anderen Träumen, der, seit ich Kind bin, mit einem Messer nach mir wirft oder mich zu packen versucht oder auch sonstwie versucht, Schmerz zu verursachen oder gleich ganz das Lebenslicht auszulöschen. 
Nach diesem Traum der letzten Nacht war ich vollkommen durch, fühlte ich den pulsierenden Herzschlag bis kurz unter meinem Ohr und fand ich nur sehr schwer und auch nur noch sehr oberflächlich in den Schlaf.
"Ich kann nicht schlafen, wenn die Tür zu ist, dann fühle ich mich eingesperrt", klagt der Mann.
"Und ich kann nicht schlafen, wenn sie geöffnet ist, dann fühle ich mich so ausgeliefert", antworte ich.
"Ich beschütze dich."
Aber das kann er nicht. Weil er nicht da ist. Weil er nie da ist in den Träumen, in denen ich unterliege. Weil er nur da ist, wenn ich rechtzeitig erwache. Wenn ich erwache und sehe und fühle, dass er da ist, dass er neben mir liegt, dass er ganz ruhig liegt und auch ebenso ruhig atmet. Also alles gut. Alles gut, hör doch mal.
Und dann krieche ich zurück tief unter die Decke, ziehe sie mir bis an die Nasenspitze, beobachte argwöhnisch die halb geöffnete Tür und warte darauf, dass der wilde Herzschlag in meiner Brust wieder übergeht in den langsamen Takt. Warte darauf, dass die wilden Bilder in meinem Kopf aufhören zu kreiseln, die in meiner Vorstellung ermöglichen, dass Fremde sich in das Haus geschlichen haben. Dass Fremde sich in die zumeist menschenleere Tiefgarage geschlichen haben und nur darauf warten, dass... Wilde Bilder auch von wilden Fahrten auf den Autobahnen unter angekündigtem Schneefall - und allein schon der Gedanke an vermatschte, verschneite Autobahnen, verlängerte Bremswege, Ausrutschen, Weggleiten.. Alles schon gehabt. Nicht immer gut gegangen.
Es ist fast unglaublich, welch Blüten meine Phantasie um halb vier Uhr morgens treiben kann. Also stehe ich auf und hole mir einen Schluck kaltes, klares Wasser. Dieser Schluck, der mir ermöglicht, mich völlig von diesem letzten Traum und diesem komischen Mädchen und überhaupt all diesen dunkelgrauen Gedanken zu lösen. Die Augen zu schließen und einfach lieber nichts mehr zu träumen und vor allem nichts mehr zu denken. 

Es wird Morgen, der Mann neben mir regt sich verschlafen.
"Magst du auch einen Kaffee?"
"Oh ja bitte."
Es ist hell draußen, die Monster der letzten Nacht haben sich verflüchtigt, dankbar umfasse ich die Tasse Kaffee mit beiden Händen, genieße die ersten Schlucke und das entspannte Ankommen im Tag. 
Der Schnee der letzten Nacht ist getaut, doch der Morgen bringt neue Flocken. 
Ich gebe es zu: Ich fahre ausgesprochen ungern bei Schnee und Eis. 
Der Mann ist längst fort, als ich alles zusammengepackt habe, diesmal habe ich nichts vergessen, denke ich, als ich die Tür hinter mir zuziehe und den Schlüssel herumdrehe. Tief in mir ist alles ruhig, tief in mir fühle ich mich sicher, auch beim Betreten der Tiefgarage, beim Verlassen der Tiefgarage und dem Einfädeln in den grausamen Morgenverkehr einer lebendig gewordenen Großstadt. 
Ich spüre, wie ich mich verkrampfe. Und dann erinnere ich mich an früher.
Wie ich als Kind die Augen schloss, in der Ecke zwischen Wand und Schrank, in dem Glauben, wenn ich nichts sehe, dann sehen sie mich auch nicht. 
Wie ich als Kind sang, wenn ich den dunklen Weg allein zur Schule gehen musste oder abends nach Hause kam. Weil du dich nicht mehr so allein fühlst, wenn du dir selber etwas vorsingen kannst. Heute haben wir die Kopfhörer dafür - doch nein, es ist nicht dasselbe. 
Also beginne ich zu singen, während ich durch dieses Wetter fahre, durch Schnee, Schneeregen, Regen, Schneegraupel. Und so singe ich. Singe ich immer mehr. Und immer lauter. Und immer fröhlicher. Und erreiche nach einigen hundert Kilometer mein Ziel. Und kein Monster in Sicht.

Erst viel später fällt mir ein, dass ich das Wichtigste vergessen hab: Dir etwas an den Spiegel zu schreiben.