Dienstag, 28. März 2017

Die Affäre

Meine Finger sind schon seit einigen Tagen wieder befreit von den Tapes, der Hausarzt ratlos ob der Blutwerte, das Rezept ist eingelöst und hat bislang zumindest erreicht, dass ich Stifte nicht nur halten, sondern auch wieder schreiben kann. Zwar benötige ich für diesen Blog keinen Stift, aber... ach egal.

Aufmerksam geworden durch diesen Post von Anna haben der Mann und ich (mehr ich als er) jedenfalls die letzten Abende der nicht ausgelebten Fingerfertigkeiten genutzt, uns auf das Sofa zu lümmeln und zwischen Kräckern und Weißwein eine Folge nach der anderen aus "The Affair" reinzuziehen.


In den bisherigen 3 Staffeln wird die Geschichte eines vierfachen Familienvaters erzählt, hauptberuflich Lehrer, nebenbei seit Jahren versuchter Schriftsteller, der nie richtig Erfolg hat - bis er im Familienurlaub einer junge Frau begegnet, ebenfalls verheiratet, deren einziges Kind beim Baden ertrank. Mit der er eine Affäre beginnt (okay, da sind sie sich beide nicht einig, wer hier wen verführt hatte) und die ihn damit zu einem Buch mit fiktivem Ende inspiriert, das - natürlich - irgendwann zu einem Bestseller wird.
Ihre Geschichte, anfangs erzählt aus jeweils ihrer und aus seiner Sicht mit kurzen Einblendungen des Verhörs auf dem Polizeipräsidium, erschien zunächst gewöhnungsbedürftig, später jedoch interessanter, weil man einfach wissen wollte, worum es konkret eigentlich ging und wer nun der Mörder war. Und weil man alles irgendwie nachvollziehen konnte.
Es war der Mann, der bereits während der 1. Staffel gähnte: "Das ist mir zu langweilig" und zu Bett ging, während ich ganz gespannt bis in die Nacht hinein schaute. Die Psychologie eines Menschen interessiert mich, reizt mich, fasziniert mich - oder stößt mich auch ab.
Gleichwohl will ich verstehen, ergründen: Warum macht der Mensch, was er macht, was bringt ihn dazu, und wie viel Untiefe steckt in jedem von uns?

Dass mit Beginn der zweiten Staffel die Erzählepisoden nicht mehr nur aus den Augen der beiden Protagonisten, sondern nunmehr auch aus dem Blickwinkel der jeweils betrogenen Ehepartner dargestellt wurden, empfand ich zunächst als interessant, späterhin jedoch als anstrengend. Inmitten der zweiten und auch inmitten der dritten Staffel ermüdete schließlich auch ich.
Der Fall war gelöst, ein Unschuldiger ging aus Gründen freiwillig in das Gefängnis und ab diesem Moment, wo man denkt, es ist alles vorbei, die Geschichte ist auserzählt, beginnen Nebengeschichten, beginnen neue Geschichten, die im Hinblick auf die eigentliche Story einige elementare Fragen entstehen lassen. Empfanden wir alles immer verworrener, die Figuren immer skurriler und immer weniger nachvollziehbar.

Durch die dritte Staffel habe ich mich insofern eher gequält und verzichte damit auch auf das Schauen der 4., die irgendwann ausgestrahlt werden soll.
Manchmal sind Geschichten einfach auserzählt und dann sollte man es dabei auch belassen, bevor es dröge wird. Sowohl in der Fiktion als auch in der Realität.

Montag, 27. März 2017

Kategorie: Webfundstücke




Ich glaube, ich bin inzwischen eine Meisterin des Verdrängens. Nicht gut, weiß ich. Eigentlich. Manchmal aber hilft mir das zu überleben, und so habe ich diese Eigenschaft (oder Eigenart?) in den letzten Jahren immer weiter vervollkommnet. Nicht bei jeder ersten Begrüßung und nicht bei jedem letzten Abschied habe ich immer gesagt oder gezeigt, was ich denke, was ich fühle, wie ich mich fühle.
Selbstschutz, ach das interessiert mich hierbei nicht. Mich interessiert nicht, ob ich mich angreifbar, verletzlich mache mit dem, was ich denke und fühle. Aber manchmal... ich weiß nicht.. manchmal ist das, was ich fühle und was ich denke, wie ein kostbarer Schatz, den ich nicht hergeben möchte. Nicht in einem Augenblick, wo ich den anderen Menschen noch nicht kenne, und auch nicht in einem Augenblick, in dem ich loslasse. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass man zuweilen auch jemanden schützen kann, indem man gar nicht alles sagt, was man denkt.
Und dann gehe ich meiner Wege und nehme all das mit. Sortiere. Nehme das Positive mit und hole es für mich hervor in Augenblicken, die ich mit mir allein sein möchte. Hole es hervor, betrachte es und dann fühle ich mich besser.

Als ich heute Abend dieses Bildchen fand, musste ich lächeln und dachte, hach ja, das bin sowas von ich... Die Musik und ich, ich und die Musik. Die Kopfhörer aufsetzen, den Kopf ausschalten, die Augen schließen und mich zurücklegen. Die Arme hinter dem Kopf verschränken und die Beine an die Wand lehnen. Die Welt ausblenden, alles ausblenden, und obwohl gerade vieles noch nicht so ist wie es sein sollte, ist es wieder da, dieses Spielfigurengefühl, die du nach allen Seiten anstoßen kannst und sie pendeln und kehren dennoch immer wieder in ihre eigene Mitte zurück...

Quelle: https://www.facebook.com/GrossesMKleeneElli/?hc_ref=NEWSFEED&fref=nf




Freitag, 17. März 2017

Aus is


"Aus is" stand vor einer Woche an der Tür unseres Lieblingsbäckers hier im Nachbarhaus. Wir haben den Abschied ehrlich bedauert, wo findet man heutzutage schon noch einen Bäcker, der die Leute der Nachbarschaft vernetzt und sich so zu einer Art "Kiezbäcker" etabliert?
Dieser Hauch von... ja ich weiß jetzt auch nicht, wie man das nennt... wo nicht der Gedanke an den erzielten Gewinn dominiert, sondern einfach.. das Miteinander.
Natürlich sind auch die Einnahmen wichtig, so blauäugig bin ich ja nun auch nicht. Deshalb habe ich ihm auch immer Trinkgeld dagelassen, auch wenn er ohnehin schon nicht grad günstig war. Einen "Kiezbäcker" will man einfach nicht hergeben, so wie auch einen guten Friseur oder Gynäkologen nicht. Manche guten Dinge sind einfach essentiell im Leben einer Frau ;)

Aus is auch für den Moment mit dem Schreiben bei mir - siehe Foto. Nach 12 Jahren Dauerschmerz habe ich mich an diesen gewöhnt, nur die intensiven Schübe machen mir manchmal doch zu schaffen. Dachte ich noch im Dezember, es würde an der eisigen Kälte liegen, haben die mittlerweile gefühlten 17 oder 20 Grad mich dahingehend belehrt: Ne, daran allein liegts nicht.
Nicht nur, dass es nicht besser werden will - momentan sind neben den üblichen Gelenken vor allem auch die Finger betroffen und, was neu ist, die Finger beider Hände. Nicht mehr nur links.
Vor ein paar Jahren habe ich noch gesagt: "Wenns irgendwann auf rechts übergeht und dann alles weh tut, dann will ich nicht mehr sein."
Aber nu ja. Das sagt sich alles "leicht". Natürlich denke ich nicht dran. Aber es ist.. nicht so einfach im Moment - und nun mit zwei verklebten Händen und der Mahnung: "Finger ruhen lassen" auch nicht grad besser. Wenigstens aber will ich mir selber nicht vorwerfen müssen, dass ich nicht alles mögliche versucht hätte.
"Alle Finger kann ich aber auch nicht abkleben", hieß es heute - also haben wir uns nur auf die schmerzhaftesten beschränkt. Links zwei, rechts zwei.
Die junge Apothekerin heute Abend hat mich alles mögliche ausgefragt und dann gemeint, sie wolle mich nicht verrückt machen mit ihren Gedanken an mögliche Ursachen.
Ich habe müde gelächelt: "Glauben Sie mir, in zwölf Jahren denkt man so vieles, da schockt mich, ehrlich gesagt, nichts mehr."

Und weil ich die Finger jetzt erst mal schonen soll, ziehe ich mich nun wieder in die "Wortlosigkeit" zurück und harre der guten Dinge, die da hoffentlich kommen werden. Es gibt ja auch ohne diesen Scheiß grad genug zu bewältigen.

Sonntag, 12. März 2017

Girl Sitting On A Rock

Bildquelle: https://www.splitshire.com/girl-sitting-rock/

Die Herzleistung liegt bei 15 Prozent.
Der Sauerstoffgehalt im Blut liegt bei 50 Prozent.
Es bedarf dringend einer neuen Herzklappe, denn die alte schafft es nicht mehr.
Und das Herz schafft es nicht mehr, das Blut aus der Herzkammer herauszupumpen. Warten auf den nächsten freien Platz im Herzzentrum.
"Natürlich mach ich mir Gedanken, aber ich versuch nach vorne zu schauen", sagt die Mama tapfer.

Das Foto heute mit Pulli, Jeans und Socken des Jungen - deutlich blutverschmiert: "Bekommt man das wieder raus?"
Mir rutscht das Herz sonstwohin. Ja, da ist jemand auf den anderen losgegangen, doch mein Junge ist unversehrt, er hat davon auch nichts mitbekommen, aber seinen Freund gefunden und die Polizei gerufen.
Aufatmen zunächst, auch wenn ich Anteil nehme an dem, was seinem Freund passiert ist und der nun im Klinikum liegt mit Kieferbruch.

All das Negative der letzten Tage, Wochen, Monate, das ich sowieso nicht beeinflussen kann, schiebe ich heute Nachmittag von mir weg. Okay, ich versuche es. Ich lerne zu akzeptieren, Menschen, Meinungen, Ansichten, auch wenn ich mich wundere oder es mich tief verletzt. Irgendwie nimmt man aus allem etwas mit, auch aus diesem Negativen: Ich lerne für mich selbst.
Laufe nicht mehr gegen Mauern und versuche auch keine Argumente mehr zu hinterfragen, die auf fragwürdigem Boden stehen. Erinnere mich wieder, warum es mir immer so schwer fiel, überhaupt um Hilfe zu bitten oder diese anzunehmen. Dann doch es lieber immer aus eigener Kraft schaffen oder eben auch nicht, dann versucht man es eben anders.

Ziehe mich zurück, vergrabe mich in der Musik und lasse kaum noch etwas an mich heran.
Beschäftige mich mit mir, meinen Gedanken, die um den Vater, die um die Söhne, die um mein Leben - und frage mich, ob das, was ich derzeit tue, das ist, was ich überhaupt immer wollte.
Ob ich nicht doch lieber etwas Soziales hätte machen sollen. Ein starker Mensch kann und wird immer für sich selbst eintreten können. Ein schwacher kann das nicht immer, nicht immer aus eigener Kraft - und ist deswegen trotzdem "nicht weniger wert" als andere. Und vielleicht hätte das einfach besser zu mir gepasst. Um einfach auch wieder zu erfahren, wofür man sich einsetzt, für wen man es tut und dass Hilfe und Unterstützung auch da ankommen, wo es wirklich gebraucht wird.




Donnerstag, 9. März 2017

Es recht zu machen jedermann



...ist eine Kunst, die niemand kann.
Ich habs auch nie versucht, glaube ich, jedenfalls nicht bewusst. Früher vielleicht. Als ich noch anders war und glaubte, ich könnte nur dann geliebt werden, wenn ich ausreichend dafür getan hätte.
Früher wollte ich vor allem glücklich machen, heute will ich selber aber auch glücklich sein.
Damit erhebe ich nicht irgendwelche Ansprüche an das Leben, das Umfeld und die Menschen, die ich liebe. Vor allem tu ich selber etwas dafür. Es ist nur... irgendwie... ich weiß nicht, wie ich es nennen soll... Es ist irgendwie sonderbar, dass Menschen in meinem Umfeld nicht sehen, was sie bekommen, sie dafür aber sehr wohl sehen, was sie nicht haben.

So kommt es, dass man sich an whatsapp-Nachrichten hochzieht, die nur zum Teil von mir beantwortet worden waren. Und trete ich nach einer schlaflosen Nacht in der Firma durch die Tür, werde ich zum persönlichen Gespräch gebeten, in dem mir serviert wird, dass ich wie alle anderen nur an mich denke, nur auf meinen eigenen Vorteil bedacht bin, dass ich verantwortungslos sei und jeden in der Firma mit meiner miesen Stimmung herunterziehen würde. Dass ich ja mit niemandem mehr sprechen würde - und dass ich bitte rechtzeitig bekannt geben möge, wenn ich vorhätte, die Kündigung einzureichen - damit man zeitig genug wisse, worauf man sich einstellen müsse.
Nun ja. Miese Stimmung also. Wenn eines richtig ist, dann das, dass ich derzeit nicht ausgelassen und fröhlich durch die Räume springe. Ich glaube auch nicht, dass ich das muss. Nicht nur nicht, weil es nicht in meinem Arbeitsvertrag verankert ist. Sondern auch, weil mir mein reales Leben gerade ganz gehörig um die Ohren fliegt, der Schmerzschub einfach kein Ende nehmen will, der eine Sohn die Kündigung erhalten hat und der andere an einer Prüfung scheiterte, die er nun in vierzehn Tagen wiederholen muss, der Vater mit Blaulicht in die Klinik gebracht wurde und die Mama am Telefon mit den Tränen kämpft, während mir diese sofort aus den Augen springen.

"Du hast ganz schön abgenommen, stimmts?" fragt heute eine Kollegin. "Und du denkst, du kannst weite Klamotten anziehen und das damit verbergen."

Ich weiß nicht, ob ich die paar Kilos weniger verbergen wollte. Aber wenn ich eines nicht zeigen möchte, dann das, wie es mir tatsächlich gerade geht oder wie ich mich fühle. Ich wüsste auch nicht, wozu das gut sein sollte. Nicht nur, weil mich sowieso niemand danach fragt und sich auch niemand dafür interessiert.
Mir ist das Home Office-Modell angeboten worden, als ich im Januar 2014 meinem Chef sagte, dass ich die Kündigung zum 1. September einreichen würde - und ihm ganz weit über meine Kündigungsfrist hinaus damit Gelegenheit gab, Ersatz für mich zu finden. Den er nicht wollte - und mir daraufhin eben dieses Modell anbot. Mit zweimal zwei Tagen Anwesenheit je Monat vor Ort. Dass mir das mittlerweile regelmäßig vorgehalten würde, habe ich nie erwartet.
"Ich habe dir den Weg nach M geebnet."
"Moment. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich die Kündigung einreichen wollen, da war an Home Office überhaupt nicht zu denken. Ich wäre also in jedem Fall gegangen, so oder so."
"Es richtet sich auch immer nach dir, wann du herkommst, zum Beispiel wegen dem Geburtstag deines Sohnes."
Er hat einmal im Jahr Geburtstag, ich wusste nicht, dass das ein Problem ist. Okay, ich habe zwei Söhne - also zweimal im Jahr äußere ich diese Bitte. Habe ich aber im Gegenzug je beklagt, wie oft ich an Wochenenden und auch Feiertagen unterwegs war, nur weil es nicht anders in den Kalender des Chefs passte?
"Du ziehst jeden runter mit deiner schlechten Laune."
Wie gesagt. Ich springe derzeit nicht fröhlich durch die Räume, aber niemandem gegenüber vergreife ich mich in Ton oder Wort, bin da, höre zu, versuche zu lösen, zu regeln, lächle, bin höflich, freundlich - ich rede nur nicht über meine Sorgen und Probleme und nach herzhaftem Lachen ist mir gerade nicht wirklich. Wenn das schlechte Laune ist, dann möchte ich mal wissen, was echte schlechte Laune ist. Wobei - nein, das weiß ich doch, ich bekomm es ja oft genug zu spüren. Beruflich wie privat.

Manchmal denke ich, ich zerreiße mich ständig zwischen den Welten in L und M und meiner Liebe und Verantwortung für die Söhne - und finde dabei interessant, dass sich mein Umfeld beklagt, nicht ich mich.
Über mein Auftreten in der Firma.
Über zum Beispiel die nur halb beantwortete whatsapp-Nachricht.
Ich undankbare, egoistische, schlecht gelaunte Zumutung. Ich sollte wirklich dankbar sein, wenn man es mit so jemandem wie mir länger als drei Tage aushalten will.
Ihr könnt mich alle mal, aber sowas von.

Darauf trinke ich gleich auch einen. Aber erst rufe ich meinen Vater an, um zu hören, wie es ihm geht.

P. S. Ja ich weiß, mein Blog las sich mal wesentlich entspannter und fröhlicher. Kann ich jetzt aber auch nix für. Man muss ihn ja nicht lesen.


Dienstag, 7. März 2017

Polizeiruf 110


Ich war müde gestern Morgen, als ich mich auf den Weg machte. Im Grunde fahr ich gerne Auto, sehr gern sogar. Es gibt kaum einen anderen Ort, an dem ich so mit mir selber bin wie da. Nur die Musik und ich. Na ja und all die anderen Autofahrer. Da kann man schon mal einem Herzinfarkt erliegen, wenn urplötzlich vor dir jemand die Spur wechselt - ohne Blinken, versteht sich.
Oder man selber mit 180, 190 kmh in der dritten Spur unterwegs ist, vor dir jemand, neben dir jemand und trotzdem kommt da jemand angekachelt und will dich mittels Lichthupe und dichtem Auffahren am liebsten von der Straße schubsen. Da frage ich mich auch manchmal: Sehen die nicht, dass die Straße nicht frei ist - weder vor mir noch neben mir?
Es hat auch schon jemanden gegeben, der mich mehrmals fotografierte, weil ich erst von links nach rechts, dann eine Weile geradeaus und dann doch wieder nach links fuhr - und er offenbar der Meinung war, ich hätte ihn rechts überholt. Er hielt sich daraufhin hartnäckig und recht nah an meinem Heck, vermutlich nur, um zu demonstrieren, dass er mich jetzt mindestens fünfmal fotografiert hatte. Na gut, nicht mich. Mein Auto. Beeindruckt hat er mich damit nicht. Fahrspuren sind dazu da, dass man sie auch wechselt, anstatt sich notorisch links zu halten.

Gestern Morgen nun war ich müde, die Autobahnen voll und ich etwas angespannt. Der anhaltende Schneeregen tat sein übriges, spätestens beim Aquaplaning war ich hellwach.
Drei Stunden später, drei Spuren, die Geschwindigkeit freigegeben, ich links, der Tacho zeigte knapp über 180 kmh. Es hatte aufgehört zu regnen, das Thermometer zeigte fünf Grad (und ich noch im Frühlingsmodus nach den wunderbar milden Temperaturen vom Wochenende) und dann sah ich ihn. Den alten Mann.
Er stand da, an der Mittelleitplanke, nicht dahinter, sondern davor, mitten an der Fahrbahn. Nur eben... in der Mitte. Links. Nicht am rechten Rand. Er stand da in seinem rostroten Pullover, ohne Jacke, das graue Haar wirr und in der Hand hielt er eine zusammengeknüllte weiße Plastiktüte, die augenscheinlich leer war.
Nur ein Schritt noch hat gefehlt.
Und dann war ich schon vorbei.
Griff mit zitternden Händen nach dem Telefon und wählte die 110. Spätestens in diesem Moment war ich dankbar für kurze knappe Notrufnummern, die einem von Kindesbeinen an in Fleisch und Blut übergegangen sind.

Noch am Abend haben mir die Hände gezittert und habe ich das Internet rauf und runter gesucht in der Hoffnung, einen Hinweis zu finden, dass man den alten Herrn rechtzeitig und wohlbehalten von der Fahrbahn geholt hatte. Weil ich nichts fand außer den Hinweis, dass man an der entsprechenden Stelle zur entsprechenden Uhrzeit "alle Fahrbahnen geräumt" hätte, gehe ich davon aus, dass man den alten Herrn heil in Sicherheit gebracht hatte.
Wie kam er überhaupt da hin? Was machte er dort? Es sind keine Ortschaften dort in der Nähe.
Wie hatte er es überhaupt "heil" bis in die Mitte gebracht - und wo wollte er überhaupt hin?
Und ich habe darüber nachgedacht, warum mich das so nachhaltig geschockt hatte. Wo doch alles gut gegangen war. Auch wenn nur noch ein Schritt gefehlt hatte. Ein einziger Schritt. Ein knapper Meter, der darüber entscheidet, ob ein Leben jetzt und hier endet..

Jetzt mit ein paar Stunden Abstand denke ich, mein Schockzustand hing wohl eher mit jener  Nacht vor Jahren zusammen, als ich schon einmal mit zitternden Händen die 110 wählte. Pandoras Box hatte sich wieder geöffnet, doch mit zwei kleinen Reststücken des halb vertrockneten Geburtstagskuchens konnte ich sie gestern Abend dann auch wieder schließen.

Ich sollte öfter etwas Schokoladenkuchen im Haus haben.

Freitag, 3. März 2017

Wenn der Topf aber nun ein Loch hat

...lieber Heinrich, was dann?

Bildquelle: http://ooshadowangeloo.over-blog.de/pages/Gedichte_Gedanken_Zitate_und_Inspirationen-5971828.html

Gestern las ich bei Anna über das Perpetuum Mobile. Und meint in ihrem Sinne nicht die physikalischen Eigenschaften eines Geräts, sondern die ähnlich gearteten Eigenschaften einer/s Alleinerziehenden. Und sie hat Fragen gestellt. Fragen, die ich für mich auch beantworten kann, selbst wenn ich seit 2 1/2 Jahren nicht mehr mit meinen Söhnen zusammen wohne.
Vielleicht, weil ich mich manchmal bzw. aktuell immer noch so fühle, vielleicht aber auch, weil mir diese Zeit noch wesentlich näher ist als der Kalender das wiedergibt.

was motiviert euch?
Der Gedanke, dass nicht alles Lernen und Kämpfen für umsonst gewesen sein soll. Dass ich den Traum von einem guten, schönen Leben für meine Kinder und mich habe - und diesen auch umsetzen, leben möchte. Und weil sich das nicht von allein so ergibt, muss ich auch etwas dafür tun. Ich glaub, das habe ich auch immer.

woher holt ihr euch energie?
Aus der Musik. Kann ich nur immer und immer wieder sagen. Und aus schönen Dingen, mit denen ich mich umgebe. Aber auch aus "innerlich schönen" Menschen, aus denen, die mir gut tun.
Mehr und mehr habe ich gelernt, mich von Dingen und Menschen zu trennen, die meine Energie zerfressen oder bei denen ich das Gefühl habe, benutzt zu werden.
Schlussstriche zieht man halt nicht mit dem Bleistift.

wann hat euch das letzte mal jemand umarmt?
Das glaubt mir vermutlich kein Mensch, aber das passiert mir wirklich eher selten. Wenn ich das von mir aus nicht mache, ist das tatsächlich sehr selten. Also jetzt mal von Begrüßungsgedöns abgesehen. Jemand hat vor Jahren mal zu mir gesagt "Du umarmst mich immer so herzlich, ich kenne das gar nicht." Aber ich gebe zu, ich bin sehr sparsam damit geworden.
Von sich aus umarmt mich am meisten mein Jüngster. Das hat er schon als Kind sehr gerne gemacht und macht er auch heute noch. Ich glaub, der mag mich wirklich ;)

oder gelobt?
Auch das wird mir jetzt keiner glauben, aber das kommt ebenso selten vor. Im Allgemeinen ist das aber auch kein Problem für mich. Ich kann mit Lob bzw. Komplimenten eh nicht gut umgehen. Die positiven glaube ich sowieso nicht, und wenn ich das Gefühl hab, ein Kompliment ist ernst gemeint, dann albere ich herum und lenke von der Situation und damit von mir ab.
Vielleicht liegt das auch an meiner nordischen Mentalität, wir aus dem Norden haben das schon von Haus aus nicht so damit.

euch bestätigung in eurem tun gegeben?
Bestätigung... Die bekomme ich eher in den Gesprächen mit der Therapeutin meines Jungen, die auch mal meine war. Wenn sie mir sagt, dass ich tatsächlich nicht alles komplett falsch gemacht habe oder alles komplett falsch sehe, wie mir das gerne von einigen in meinem Umfeld beigebracht wird.
"Lassen Sie sich nicht verunsichern, niemand steckt in Ihrem Leben", hat sie noch im Dezember zu mir gesagt.

wer oder was gibt euch energie, die nicht aus euch selbst kommt?
und:
seid ihr auch manchmal so müde, wie ich es bin?
Bislang schaffe ich es immer noch, mich selber zu motivieren, auch wenn ich nach einem (erneuten) Tritt in die Kniekehlen immer mal durchhänge. Und mit der Motivation kommt dann auch die Energie, denn siehe eingangs: Von allein kommt gar nichts, geschenkt bekommt man nichts (und wenn doch, wirds einem viel zu oft vorgerechnet; da kann mans dann auch lassen).
Müde? Oh ja! Besonders deutlich zu sehen auf vielen meiner früheren Fotos. Da sehe ich so unfassbar müde aus, als hätte ich mein eigentlich erklärtes Ziel, 104 Jahre alt werden zu wollen, schon erreicht.


Ich bin auch kein Perpetuum Mobile. Aber ich hab nach dem Beantworten der Fragen irgendwie das Gefühl, als würde ich ständig aus meinem Topf der Zuversicht, des Optimismus' und der Lebensfreude schöpfen und zugleich aber zu wenig darauf achten, dass dieser Topf auch gut gefüllt bleibt. Dann müsste ich mich eigentlich auch nicht wundern, wenn dieser mal leer ist und erschöpft.
Danke Anna, dass Du mich hier auf was ganz Elementares aufmerksam gemacht hast.

Donnerstag, 2. März 2017

Eine Nummer zu groß - Deogarh, Tag 12








In Indien kann man sich daran gewöhnen, dass man für eine Strecke von rund 120 Kilometern mindestens zwei Stunden mit einem Auto unterwegs ist. Gemessen an den vergangenen Tagen, an denen wir auch mal vier oder sechs Stunden unterwegs sind, finde ich das einen Klacks.
Aber ich beginne zu verstehen, warum der eine oder andere Inder davon träumt, mal in Europa über Autobahnen ohne Geschwindigkeitsbegrenzungen düsen zu dürfen.

In einer ehemaligen Palastanlage eines Maharadschas, dem Deogarh Mahal, beziehen wir ein Zimmer, das mir spontan gut gefällt. Herrn Blau weniger, und ich glaube, er ist fast erleichtert, dass die dortige Klimaanlage keine kalte Luft, dafür aber ein ungutes elektrisches Zischen und einen verdächtigen Geruch nach Kabelbrand von sich gibt. Was für uns bedeutet: umziehen in ein anderes Gemach. Ich schreibe bewusst "Gemach", denn was sie uns als Entschädigung anbieten, ist das ehemalige Schlafzimmer jenes Maharadschas. Und mir ist das viel zu groß. Ich fühle mich darin absolut verloren und mit diesen komischen kleinen Viechern, die laufen wie Echsen, aber Flügel haben und entsprechend durch die Luft flattern, erst recht nicht wohl. Das ist wie Mäuse oder Spinnen im Zimmer haben: Kriege ich raus, das Getier im Zimmer mithockt oder rumflitzt, gebe ich so lange keine Ruhe, bis das vor die Tür gesetzt wurde. Natürlich von Herrn Blau, nicht von mir, das ist ja klar.
Da bin ich ganz Mädchen!
So wie ich auch darauf bestehe, dass in der Nacht ein kleines Lämpchen brennen bleiben muss.
Erstens muss ich doch sehen, ob da noch so ein Tier gerannt oder geflogen kommt - und das kleine Nachtlicht hilft mir, mich nicht mehr ganz so verloren zu fühlen.

An diesem Nachmittag suchen wir uns in der Stadt, die etwa um die 700 Einwohner zählt (was in Indien vermutlich auch unter "Kleindorf" fallen dürfte), lediglich einen Stand mit Obst und Wasser. Melonen oder Pfirsiche oder so was in der Art suche ich allerdings vergeblich. Das Angebot beschränkt sich in mehr oder weniger allen Orten auf Äpfel, Bananen in Hülle und Fülle. Mit Glück kann man mal eine Melone oder eine Ananas oder auch Mandarinen erhaschen, aber wie gesagt: mit Glück.
"Wir verkaufen, was wir gerade ernten können", erklärt uns ein Inder und mich erinnert das an ganz früher, an meine Kindheit in der DDR. An die endlosen Auslagen mit den übergroßen Holzkisten, in denen lose die geernteten Äpfel und Birnen lagen. Und Kohl, Weißkohl. Im Sommer gabs noch Erdbeeren und Kirschen für die, die schnell genug waren und keinen eigenen Garten hatten, das wars dann.
Apfelsinen und Bananen gab es oft nur zu Weihnachten und dann ewig lange Schlangen am Obst- und Gemüsestand und rationierte Zuteilung. Gibt's ja auch genug Witze drüber ;) Tatsächlich aber finde ich schon bemerkenswert, dass wir früher im Osten weitaus weniger mit Allergien zu tun hatten. Weiß grad gar nicht, wie ich auf diese Assoziation komme.
An die frühe Zeit im Osten denke ich auch, wenn ich die Kinder in Indien sehe. Gerade am frühen Abend, als wir uns noch mal auf den Weg machen, eine Tempelanlage zu besuchen, sehen wir sie mit ihren Eltern auf den Feldern, Tomaten pflücken oder gießen oder einfach mit Freunden spielen. Und ich denke daran, wie das früher bei uns war und wie genügsam wir damals waren. Wie wir in der Modder spielten oder Räuber und Gendarm mit abgebrochenen Zweigen. Heute gibst Du Deinen Kindern ein Ersatz-Smartphone, weil das eigentliche in der Reparatur ist - und dann beklagen sie sich noch, weil der Ersatz ein viel zu kleines Display hat und sie "nicht richtig" spielen können :)
Dieses ausgelassene, unbedarfte Herumtoben fehlt mir heutzutage irgendwie im Gegensatz zu den Knirpsen, die noch im Sportwagen sitzen und schon mit Handy oder Tablet spielen und genau wissen, was sie wo drücken müssen. Auch wenn ich es andererseits wiederum gut finde, dass Kinder heutzutage die Möglichkeit haben, mit Computer & Co. aufzuwachsen, sich das verinnerlichen und das für später dann kein Problem mehr ist. Immerhin geht ja in der heutigen digitalen Welt kaum noch was analog.
Aber ich schweife schon wieder ab.

Pause jedenfalls machen wir auf unserem Weg an einem versteckt wirkenden Tempel, äußerlich gar nicht als solcher erkennbar; er wirkt eher wie eine Höhle, die in einen Fels geschlagen wurde. Es ist entsprechend duster darin. Und als der Inder eine Taschenlampe einschaltet, entdecke ich mein persönliches Grauen: die Decke über mir voller Fledermäuse, so weit das Auge reicht.
In meiner Phantasie, die tatsächlich grenzenlos sein kann, wenn sie will, tummeln sich innerhalb von Sekunden mehrere dieser Tierchen auf meiner Haarpracht, die ich an diesem Abend auch nicht zusammengebunden habe. Außerdem darf man jeden Tempel nur barfuß betreten, auch diesen hier - und gibt es für eine Frau ein größeres Grauen als Achtbeiner??
"Sorry, I have to leave!" und da bin ich auch weder umzustimmen noch aufzuhalten.
Mir doch egal, dass irgendwo tiefer drinnen in einer Schlucht noch eine Guru-Schlafstätte zu besichtigen wäre. Was interessiert mich, wo da jemand in die Decken pupst?? Und ganz echt mal: In Indien kann dir im Grunde jeder als Guru angepriesen werden und du als Tourist weißt sowieso nicht, ist das nun ein "echter" oder nicht.
Da warte ich lieber draußen in der Abendsonne, genieße die letzten Sonnenstrahlen - und offenbar sind wir inzwischen weit genug weg von der Wüste: Ist die Sonne weg, wird es spürbar kühler. So kühl, dass wir auf der Rückfahrt im offenen Jeep sogar frösteln. Dafür sehe ich zum ersten Mal in meinem Leben echte Flughunde aus relativer Nähe, die im Schwarm über uns hinwegziehen.
Die machen mir keine Angst - aber die sind auch hoch genug bzw. weit genug weg von mir ;)

Und hier ist auch dieser See, an dem wir auf eine unfassbar ruhige Wasseroberfläche schauen, tatsächlich zuschauen können, wie die Sonne untergeht, während Herr Blau sich Masala-Tee und ich mir meinen obligatorischen Kaffee genehmige, ich Kulturbanause.
Es ist ein so herrlicher Ort der Stille und Ruhe, dass wir stundenlang so da sitzen und einfach nur nichts tun könnten. Nicht reden, dafür schweigen, den eigenen Gedanken nachhängen und spüren, wie auch tief in uns drinnen alles zur Ruhe kommt. Hier denke und fühle ich nichts mehr außer dieser wunderbaren Stille und Ruhe in mir und um mich.
Bis wir mit einem recht jungen Inder ins Gespräch geraten und uns angeregt unterhalten. Einmal mehr stelle ich begeistert fest, dass ich tatsächlich englisch reden kann, wenn ich einmal meine Scheu abgelegt hab. Da kann ich beinah ins Erzählen geraten...
"Ah, you are divorced?" fragt er überrascht nach und während ich nach einer Erklärung suche von wegen viel zu früh geheiratet oder sowas, winkt Herr Blau ab und sagt auf deutsch zu mir: "Das ist hier auch nicht anders."
Des Inders Blicke wechseln zwischen Herrn Blau und mir, eher nur erstaunt und fragend, trotzdem: Irgendwie fühle ich mich mit einem Mal total unwohl und ich schaue weg und sage ebenfalls auf deutsch zu Herrn Blau: "Ich sollte einfach überhaupt nichts über uns erzählen." - "Ja besser ist das."

Not Guilty



Ich war mal mit Herrn Blau auf einer Kirmes. Weißwein gibt es dort nicht, also kann ich es nicht mal auf den Leichtsinn eines Alkoholrausches schieben, als ich zu ihm sagte: "Hey komm, lass uns mal eine Runde mit dem Karussell fahren!"
Vermutlich war es die Erinnerung aus der Kindheit, die mich lockte.
Dieses Gefühl von Leichtigkeit, dass man wie eine Feder über all den Dingen "schwebt"; dieses Gefühl von Ausgelassenheit und Übermut.

Das Karussell begann sich zu drehen und mit jedem Schwung mehr steigerte sich mein Angstgefühl.
Da war nichts mit Leichtigkeit, nichts mit dem Gefühl einer Feder oder gar Ausgelassenheit.
Jedenfalls nicht bei mir. Und um mich "aufzulockern" (vermute ich), gab mir Herr Blau einen Schwung und stieß mich auf voller Fahrt nach außen. Und während sich mein entsetztes "Neeeeeeiiiinnnn!!!" im Getöse der Musik , im Kreischen der Kinder verlor, produzierte mein schockiertes Hirn in Nullkommanichts ein Szenario von reißenden Ketten, so dass ich vermutlich innerhalb der nächsten Sekunden nicht nur Fressbuden, Fahrgeschäfte und den Leierkastenmann, sondern auch mein bisheriges Leben an mir vorüberziehen sehen würde.
Ich habe mich ziemlich lange von diesem Schock nicht erholt, trotz "Wiedergutmachungswaffel" mit Sahnehäubchen.

Anderswo lese ich derzeit, dass so einige Blogger Schwierigkeiten mit dem Jahresbeginn und insbesondere mit dem Februar haben. Der habe es in sich - und möglicherweise braucht es auch nur den richtigen Frühlingsbeginn, um herauszukommen aus dem zähen Brei, der einem an den Füßen klebt und den Kopf verkleistert.
Ich glaube, der Februar ist da ganz unschuldig.
Aber wenn ich gefragt werde, wie ich mich derzeit fühle oder wie sich mein aktuelles Leben derzeit anfühlt, dann könnte ich es kaum besser beschreiben als mit jenem Schockmoment im Karussell.
Das Foto oben übrigens hat Herr Blau aufgenommen, bevor das Karussell sich drehte. Von danach gibt es keins. Ist vielleicht auch besser so.

Dienstag, 28. Februar 2017

Erfahrungsresistent



Als ich noch allein wohnte, habe ich ganze Abende und Nächte damit verbracht, auf youtube herumzusurfen, fand und hörte so vieles, das ich nie im Radio zu hören bekam (was ja aber auch nicht schwierig ist, vor der Entdeckung von Sputnik Insomnia war ich einfach kein Radio-Fan).
Songs entdecken war aber manchmal auch schwierig für mich. Mit nur einem einzigen Titel, einer einzigen Zeile konnte sich die Stimmung komplett ins Gegenteil verkehren.
Ein Klang, ein Wort, das war manchmal zum Verrücktwerden mit den darauffolgenden schlaflosen Nächten.

Vor einigen Tagen erlebte ich selbiges mit einem fremden Blogpost, der Erinnerungen hochkommen ließ. Bilder. Worte. Man kann da ja eigentlich nicht wirklich etwas dagegen tun, du hörst etwas, du siehst oder liest etwas und - pling - springt sofort das Kopfkino an.
Die letzten drei Posts entstammen meinen Aufzeichnungen, die ich zeitweise in echt geführt und in einem anderen Zusammenhang wiederum woanders aufgeschrieben hatte.
Meine ureigenste Büchse der Pandora hatte sich mit dem Lesen jenes Blogposts geöffnet und ich mit dem Verschließen einen Ticken zu langsam reagiert.
Ich war, offen gestanden, dieses Mal etwas überrascht, was das mit mir machte. Wenn ich meinen Traum aus 2005 lese, überkommt mich die Beklemmung von einst - und doch ist es anders.
Es ist, als würde ich mich mehr und mehr von dieser Zeit lösen, auch von der Zeit davor. So dass ich mich beinah fragen müsste, ob ich das wirklich erlebt hätte oder doch jemand anderes? Jemand anderes, dem ich zusah, zuhörte. Als würden die eigenen Erlebnisse überhaupt nicht mehr zu mir gehören - aber als hätte ich dennoch all das, was mir an Erfahrungen und Erkenntnissen beigebracht worden war, daraus mitgenommen.
Was ich sagen will: Es tut mir heut nicht mehr weh. Ich kann davon erzählen, ohne dass mir übel wird oder ich heulen muss. Manchmal zitter ich oder mir wird kalt, aber es tut mir nicht mehr weh.
Ich kann das, was aus der Box gekrochen kommt, in die Hand nehmen, betrachten und auch wieder zurücklegen. Und ich glaube, erst jetzt wird mir so richtig bewusst, was jene Therapeutin damals vor 7 Jahren gemeint hatte: "Sie müssen sich eine Holzkiste vorstellen, groß oder klein, wie Sie es brauchen. Da hinein legen Sie all Ihr Erlebtes, all das, was weh tut und Sie verletzt hat. Dann verschließen Sie diese Kiste und hängen ein Schloss dran. Oder auch mehrere. Und immer, wenn Sie merken, dass da was aus der Holzkiste kommen will, dann legen Sie es wieder zurück und schließen sie sorgfältig ab." Und sie hatte gesagt: "Für manches ist es einfach noch zu früh. Das müssen Sie erst bearbeiten, bevor Sie es in die Kiste legen können."
Damals hätte ich gerne gewusst, wie das so funktioniert mit dem in die Hand nehmen, mit dem Betrachten und vor allem mit dem wieder zurücklegen. Sie sagte: "Dafür ist die Zeit hier zu kurz."

Wenn ich heute manchmal aus meinem Leben erzähle, dann höre ich öfter "Wie hast du das geschafft?" und dann muss ich gestehen: "Ich weiß es gar nicht so genau. Ich hab einfach immer weitergemacht, weil aufhören keine Option war und zurückgehen erst recht nicht. Niemals nicht."
Und wenn ich ehrlich sein soll: Heute nach all dem K(r)ampf verstehe ich  Menschen, wenn sie lieber in ihrer Beziehung bleiben, auch wenn sie sie nicht mehr glücklich macht.
Andererseits aber... Ich könnte gut auf all die scheiß Erfahrungen verzichten, frage mich aber auch: Habe ich am Ende nicht gerade dadurch gelernt?
Mein Vater hat damals im Zuge der Trennung von meinem Ex zu mir gesagt: "Komm mir jetzt bloß nicht mit Ich muss mich finden und so n Scheiß!" und ich dachte damals "Was will er von mir?"
Wenn man sich das aber mal bei Tag besieht... Ich hatte das nicht vor, ich wollte einfach nur ein anderes Leben. Ein richtiges. Ein einfach.. richtiges. Vielleicht hatte ich das auch nicht wirklich vor, weil ich oftmals gar nicht über den nächsten Schritt nachdachte. Ich hab einfach gemacht. Obs nun gut war oder einfach nur ein gottverdammter Fehlschritt. Und ich muss auch zugeben: Das Lernen aus Erfahrungen... Ich kann das, doch wirklich, ich kann das. Es ist nur... Es dauert bei mir alles ein wenig länger. (Wenn man meinem Sohn das vorwirft, er hats von mir. Ganz klar.) Stand sicherlich auch nicht umsonst irgendwann mal in einem meiner Zeugnisse, dass es mir schwerfällt, Gelerntes auch anzuwenden. Zwar bezog sich das damals eher auf die Mathematik, aber auch mein Leben hats mir gezeigt: Drei mal ordentlich gegen dieselbe Wand rennen, dann begreife endlich auch ich, dass es da nicht durchgeht.. Ja okay, dann geht es halt woanders lang.

"I know a place
  I know a place 
  we can run"

Und als ich jenen fremden Post las, anschließend meine eigenen alten Aufzeichnungen in die Hand nahm und diese Erinnerungen betrachtete mit allem, was damit verknüpft war, da dachte ich: "Gucks dir an und legs mal schön wieder zurück." Heute Abend, jetzt hier beim Schreiben, fällt mir auf, wie leicht mir das Zurücklegen inzwischen fällt.
Ich bin, ohne dass ich es je vorgehabt hätte, viel näher an mich selbst herangekommen - und noch einen Schritt weitergekommen, ohne dass ich es aber auch in den letzten Monaten oder vielleicht Jahren bewusst registriert hätte. Und bei all dem, das mich aktuell quält und belastet, ist das etwas ausgesprochen Positives, das mir Mut macht. Ganz so.. erfahrungsresistent bin ich dann vielleicht doch nicht.

Montag, 27. Februar 2017

2005 Der eindringlichste von allen



Als sie erwacht, ist es immer noch Nacht. Hat sie gerade geträumt oder warum ist sie erwacht? Und überhaupt, woher kommt dieses Knistern? Sie liegt still in ihrem Bett, rührt sich nicht, lauscht nur. Dieses Knistern. Wie Folienpapier, das zusammen geknüllt wird. Wer um Himmels willen knüllt mitten in der Nacht Folie zusammen? Und überhaupt… Wie kommt dieser Jemand eigentlich in ihr Haus?
Ist da jemand? möchte sie fragen, doch nicht nur ihr Körper ist erstarrt, ebenso auch ihre Stimme. Kein Laut kommt über ihre Lippen. Dann hört sie das Pfeifen. Eine leise Melodie – oder ist es das Radio in der Küche? Wie kommt es, dass mitten in der Nacht ihr Radio zu spielen beginnt? Sie befreit sich von ihrer Decke, steht langsam und sehr zögerlich auf. In ihr ist alles voller Angst. Sie ist allein in diesem Haus. Wenn sie Filme gesehen hat, in denen die Frauen losgingen, obschon das Grauen aus jeder Ecke zu schauen schien, hatte sie immer den Kopf geschüttelt und gesagt: “Kein Mensch geht drauf zu, wenn er Angst hat. Er rennt weg und versteckt sich. Oder stellt sich tot.” Doch jetzt und hier geht sie los. Und sie fühlt sich umso mehr allein, weil sie die Frage, wer ihr jetzt zur Seite stehen könne, nicht zu beantworten weiß.
Licht macht sie keins, sie befürchtet, damit erst auf sich aufmerksam zu machen. Vielleicht weiß man ja gar nicht, dass sie da ist? Sie tappt auf nackten Füßen durch ihr Schlafzimmer, durch ihr Wohnzimmer, betritt den dunklen Korridor. Die Musik ist deutlicher geworden, ja, sie kommt aus der Küche. Und ebenso deutlich ist zu hören, dass jemand zu dieser Melodie pfeift. Leise und sorglos. So als sei es das Natürlichste der Welt, nachts in fremde Häuser einzusteigen und die Musik anzustellen und dabei, so hat es den Anschein, alle möglichen Dinge in Folie einzuwickeln und in Kartons zu packen.
Warum nur, fragt sie sich beklommen, wieso lässt du abends auch immer die Tür zur Terrasse offen stehen? Das muss doch solche Leute anlocken!
Sie schaut vorsichtig in die Küche hinein. Was sind das für Möbel? fragt sie sich verwundert. Wieso nehmen sie mir meine schönen Möbel weg und stellen mir so einen alten Kram dafür rein? Wieso stellen sie mir überhaupt andere Möbel rein? Alte Möbel, wie sie sie noch aus den Zeiten kennt, als sie mit ihrem Ehemann zusammen gelebt hat. Alte Möbel, deren Stil sie immer hasste und sich dennoch nicht durchzusetzen vermochte, dass man etwas schuf, das beiden gefiel. Mit zitternden Händen greift sie zu ihrem Telefon, doch sie kann die Zahlen nicht finden, sie kann die Tasten nicht tippen. Was ist nur los, um Himmels Willen, was ist hier eigentlich los? Endlich kann sie den Polizei-Notruf bedienen, doch am anderen Ende erklingt nur eine Bandansage. „Tut uns leid, dass Sie außerhalb der Sprechzeiten anrufen. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.“ Ist die ganze Welt verrückt geworden? Oder… oder nur sie selbst? Seit wann gibt es auf einer Polizeistation eine Bandansage?
Ich bin allein, sagt sie sich und weicht langsam und lautlos zurück, ich bin hier allein in diesem gottverdammten Haus mit irgendeinem wildfremden Menschen und ich hoffe nur, dass dieser Mensch nicht rausfindet, dass ich hier bin. Sie findet zurück in ihr Bett, sie verkriecht sich darin, wickelt die Decke um ihren Körper und sinkt tief in das Kissen hinein.
Das Pfeifen aus der Küche hat aufgehört. Ob er fertig ist und das Haus jetzt verlässt? Ohne sie zu entdecken und ohne ihr etwas anzutun?
Sie schreckt auf, als sie den Schatten vor ihrem Fenster sieht. Ganz starr und still ist sie, wagt keine Regung und als dieser Schatten sich von ihrem Fenster fortbewegt, fällt ihr Blick auf seine Schuhe. Das ist doch… Das sind doch… Sie erkennt diese Schuhe. Die Jeans, die Schuhe des Mannes, mit dem sie nur noch auf dem Papier verheiratet ist. Sollte er… sollte er wirklich in ihr Haus eingedrungen sein? Oder jemanden damit beauftragt haben? So wie er ihr immer gedroht hatte: „Ich hab Geld gespart, ich muss nur jemanden dafür bezahlen, ich muss es nicht mal selber machen. Froh wirst du jedenfalls nicht mehr, das verspreche ich dir!“ Der Schatten bewegt sich weiter fort, irgendwann hört sie das Quietschen des Hoftores. Sie atmet leise auf. Er ist fort. Die Gefahr ist vorüber. Zumindest glaubt sie das, bis sie sieht, wie sich langsam die Schlafzimmertür öffnet. Erneut erstarrt sie vor Angst, sie liegt völlig bewegungslos auch in der Hoffnung, man möge sie nicht entdecken. Großer Gott, was soll sie nur tun? Sie wagt kaum zu atmen, sie sieht, wie sich ein Mann durch das Zimmer bewegt, auf das Fenster zu, wie er dort stehen bleibt und hinausschaut in die Nacht. Als er sich umwendet und auf ihr Bett zukommt, hofft sie bis zuletzt, dass er sie in der Dunkelheit nicht sehen möge. Nicht erkennen möge, dass da jemand im Bett liegt. Doch er hockt sich vor ihr Bett, natürlich weiß er, dass sie da ist. Er sagt nichts, er rührt sie auch nicht an, doch sie spürt diesen süßen, klebrigen Duft, den er ihr in das Gesicht zu fächeln scheint. Ebenso spürt sie, wie dieser Duft ihren Körper lähmt, ihre Gedanken lähmt und sie weiß, wenn sie jetzt nicht reagiert, wird er ihr etwas Schreckliches antun. In dem Moment, als er nach ihr greifen will, schreit sie laut, durchbricht diesen Bann, diesen lähmenden süßen Geruch – sie hebt den Arm und zerschlägt damit genau diesen Moment.
Alles ist vorbei. Der Mann ist fort. Der Geruch ist fort. Die Musik, das Pfeifen – nichts ist mehr zu hören. Sie fühlt ihren Herzschlag bis in den Hals hinauf, in ihren Schläfen pocht es. Mit zitternden Händen macht sie Licht. Da ist niemand. Hier ist niemand. Mit ebenso zitternden Beinen steht sie auf, macht in jedem Zimmer Licht, nimmt ihr Telefon in die Hand, geht weiter in die Küche. Alles ist wie immer, nichts ist gestohlen, nichts ist ausgetauscht. Sie berührt ihre Möbel, so als müsse sie sich vergewissern, dass alles wirklich so ist, wie sie es auch sieht. Die Tür zur Terrasse ist fest verschlossen, auch die Haustür ist wie immer von innen versperrt. Überall löscht sie wieder das Licht, nur nicht in ihrem Schlafzimmer. Bis zum Morgen liegt sie so, in der Angst, wieder einzuschlafen und so die Kontrolle über ihre Gedanken zu verlieren, in der Angst, dem ausgeliefert zu sein, das in ihrem Unterbewusstsein schlummerte.
Sie nimmt nur wahr, wie der Regen auf das blecherne Fensterbrett schlägt. Und es klingt wie… wie wenn Folie knistert.

1975 - 2012 Die Sprache der immer wiederkehrenden Träume

Das Haus ihrer Eltern. Das Grundstück ihrer Eltern. Es ist dunkel, es ist Abend und sie steht allein auf der Wiese. Schaut hinüber zu dem Tor, hinter dem ein Mann steht, der auf sie schaut. Er ist vollständig in Schwarz gekleidet und über seinen Körper laufen weiße Zahlen. Sie spürt die Bedrohung, sie fürchtet sich vor ihm und denkt: "Er kann ja nicht durch das Tor." Da wirft er mit einem Messer nach ihr und trifft ihre rechte Hand. 
Sie schreit und schreit - und als sie schweißnass erwacht, schmerzt ihre rechte Hand. 
Dieser Traum begleitet sie jahrelang, er wiederholt sich wieder und wieder, so lange, wie sie Kind ist. 


***

Da war ein Mann, er sah gar nicht aus wie ihr Mann, er sprach auch nicht wie ihr Mann – und dennoch war er es. Sie saßen nebeneinander, irgendein Lokal, sie erinnert sich an helle, warme Orangefarben. Die ganze Zeit über hat er sie angelächelt, es lag eine unglaubliche Zuneigung, Wärme zwischen ihnen, obschon sie einander im Traum überhaupt nicht berührten. Und er sagte: “Lass uns heiraten.” Und sie antwortete: “Wirklich? Meinst du das wirklich?” Und er lächelte immer nur die ganze Zeit und dann nahm er sie an die Hand. “Ich meine immer, was ich sage.”
Von einem Moment auf den anderen fand sie sich wieder auf einem Marktplatz, inmitten einer Menschenmenge – und dort wurden die Menschen mit Schaufeln erschlagen, während sie flüchtete.



***

Sie irrte durch die Stadt, eine ihr völlig fremde Stadt, sie schaute in Häuser und Passagen hinein, sie erkannte nichts davon, sie fand den Weg nicht. Und mit einem Mal war ihr Mann da, ihr Mann und dieser Jeep, von dem er sagte: „Fahr einfach“, obwohl er doch weiß, dass sie es einfach nicht mag, mit so großen Autos zu fahren.
Doch dann sind sie eingestiegen, sie beide und irgendwie waren da noch mehr Menschen mit im Jeep, Menschen, deren Gesicht sie nicht erkannte, Menschen, die sie einfach nicht kannte.
Und sie ist losgefahren, mit einem Mal mitten im Wald, mitten im Dickicht, und wie sie das Fahrzeug auch dreht und wendet, sie kommt nicht voran, sie fährt sich fest, sie kommt nicht mehr heraus – und aus ihren Augen springen Wuttränen: „Ich habe dir doch gesagt, dass ich es verdammt noch mal nicht kann!“




***

Ein Besuch mit ihrem Mann im Tierheim. Zwei Hunde wie zwei Brüder, zwei süße kleine hilflose Hunde, die zueinander gehören, die man eigentlich nicht trennen darf – und doch können sie nur einen Hund mitnehmen.
„Wir holen dich nach“, verspricht sie dem anderen Hund.
Und irgendwann ist sie wieder allein im Tierheim, sie holt den zweiten Hund – und dann steht da dieser Mann vor ihr, unwirklich groß und breit, ein grobnarbiges Gesicht, dunkle Haare, fleischige Lippen, und er steht so nah vor ihr, er bedrängt sie und sie weiß genau: Sie kann sich hier aus eigener Kraft nicht befreien.
Also zerrt sie die Schubladen des Apothekenschrankes neben ihr auf, sie zerrt alle möglichen Kräuter, Kügelchen heraus, ähnlich einem Pfefferkorn, sie schleudert es diesem Mann in sein Gesicht, sie wischt es ihm in die Augen – doch der lacht nur und packt grob nach ihr.

Sie ist aus dem Schlaf geschreckt.
Seit den letzten Träumen, die so bedrohlich wirken, ist ihr aufgefallen, dass sie in solchen Situationen immer versucht, sich gewaltsam aus diesem Traum zu reißen. So als wäre ihr bewusst, dass sie träume und so als versuche ihr Verstand zu sagen: „Wach auf! Öffne deine Augen! Bewege dich, damit du erwachst!“ – und mit zumeist einer Armbewegung erwacht sie dann auch.
Sie spürt das Pochen ihres Blutes am Hals. Der Blick auf das Zimmer, schon erhellt von der Morgensonne, die Ruhe in diesem Zimmer, die Behaglichkeit, all das beruhigt sie.
Es ist doch alles in Ordnung. Oder?

Sonntag, 26. Februar 2017

2009


irgendwann einmal hatte sie es ihm versprochen: “ich kümmere mich um mich.” und so geht sie eine zeitlang regelmäßig zu den anonymen emoholikern, wie sie das scherzhaft ausdrückt. “wir haben kein problem mit dem trinken, aber ein problem mit unserem gefühlsrausch”, so hat sie es mal gesagt und ob ihr diese einzelnen stunden etwas bringen oder nicht, das vermag sie nicht einzuschätzen. sie setzt sich dazu, sie hört zu, sie äußert sich kaum, schweigt meist und saugt aber dennoch alles auf, das hier gesagt oder getan wird.
manchmal weiß sie nicht einmal, wofür sie es tut. sie hat es ihm versprochen, also tut sie es. manchmal, wenn sie lieber malen oder ein buch in der sonne lesen will, dann ruft sie an und meldet sich krank, murmelt etwas von durchfall – diese ausrede zieht immer, solange sie sie nicht missbraucht.
und dann findet sie sich auch schon wieder, inmitten der bekannten gesichter, eigentlich sind es immer dieselben, die sich hier zusammenfinden, voneinander berichten und die froh und irgendwie auch dankbar sind, dass ihnen wenigstens hier jemand zuhört. geduldig. abwartend. und vielleicht mit ein paar worten, die helfen sollen, ein wenig klarheit in die eigenen gedanken zu bringen, die sich gern verstricken, wenn man sich zu lange selbst nur im kreise dreht.
“erzähl doch von dir mal etwas”, wird sie aufgefordert und sie scheut sich. wie sie das immer tut. manchmal will sie einfach nicht reden, nichts von sich preisgeben, oft aber empfindet sie ihre eigene welt als zu klein gegen das, was die anderen mit sich bringen.
“wo hat die denn überhaupt ein problem?” bricht in diese gedanken die stimme einer älteren, scheinbar resoluten frau, die ihr herbes wesen mit zuviel schminke und zu enger kleidung feminin betonen möchte. “seht sie euch doch an! sieht so jemand aus, der probleme hat? der ernsthaft sorgen hat?”
sie spürt, wie etwas in ihr in bewegung gerät, gleich dem pendel einer uhr, hin und her, hin und wieder her; sie spürt, wie sie eine unruhe überkommt, doch noch ist sie äußerlich vollkommen ruhig, noch sagt sie nichts und fühlt sich wie gelähmt von den worten dieser anderen frau: “sie ist doch noch jung, sie ist gesund und sie sieht auch gesund aus. und hier, hier sind leben, die am seidenen faden hängen. leben, die täglich darum kämpfen, überhaupt aus dem haus gehen zu können. das sollten wir bereden!”
erinnerungen kommen in ihr hoch. bilder. worte.
sie spürt das zittern in ihrer stimme, noch bevor es in den körper übergeht, und dann beginnt sie leise, aber deutlich zu sprechen: “ich habe sicherlich nicht so etwas durchgemacht wie du oder sie oder ihr alle. ich will mich auch nicht mit euch vergleichen oder gar an euch messen. aber auch ich habe dinge erlebt, die für mich zur belastung geworden sind. es gibt immer etwas, das noch schlimmer ist, und doch kann ich mich nicht immer nur am schmerz oder problem eines anderen menschen messen. denn davon wird mein eigenes nicht kleiner, nicht geringer. es mag sein, dass es mich erdet, ja, das tut es. aber helfen tut es mir nicht. ich weiß, wie es ist, in einen raum eingeschlossen und verletzt zu werden. wie es sich anfühlt, machtlos und vollkommen wehrlos zu sein. ich weiß, wie es ist, wenn du von einem mann verfolgt wirst, der dich zwingen will, mit ihm zu gehen, der dich zwingen will, ihn überall anzufassen. der vor dir steht mit heruntergelassener hose und seinem penis in der hand. noch heute wache ich manchmal auf und spüre seinen gehetzten atem in meinem nacken, sehe ich seine hände, die nach mir fassen wollen, höre ich seine schritte, wie er mich durch den park hetzt. ich war ungefähr neun jahre alt. noch heute habe ich angst im dunkeln und meide jeden platz und jeden raum, in dem ich mich allein und schutzlos fühle. noch heute kommen immer wieder diese alpträume, in denen man mich jagt, mich packt, in denen man mir ein messer durch die haut stoßen oder meine knochen zerbrechen will, sobald ich mich auch nur irgendwie wehren oder um hilfe rufen wollte.
ich hatte diese alpträume schon als kind und auch schon vor vor diesem erlebnis mit diesem mann und kann nicht sagen, ob und was ich da vielleicht noch verdrängt habe.
auch ich habe schon momente erlebt, nach denen ich am fenster stand und dachte: wenn du dich jetzt einfach nur rausfallen lässt, dann ist endlich alles vorbei, niemand kann dir mehr weh tun, du wirst nie mehr schutzlos sein. vielleicht geht es mir heute noch immer besser wie dir, das mag sein. vielleicht sehe ich gesünder aus als du, auch das mag sein. aber ich komme hierher, weil ich angst habe, weil mir mein körper weh tut, weil ich nachts nicht schlafen kann. ich will endlich ruhe finden, ich will, dass es endlich aufhört und dass das nicht mein leben beherrscht, sondern ich mein leben. weil ich genießen will, was ich habe, bevor es mich vielleicht verlässt, ohne dass ich je wirklich erfahren hab, wie viel mir wirklich geschenkt wurde. ich habe angst, meinen partner zu verlieren. jeder mensch leidet für das, was er erlebt hat, und jeder mensch leidet auf seine weise. mag sein, ich sehe nicht krank aus. doch wie es mir wirklich geht, das wissen die wenigsten, und ich muss niemandem beweisen, wie schlecht es mir geht. ich muss es euch und auch sonst niemandem zeigen, wie es in mir wirklich aussieht und was geschieht, wenn ich abends allein bin. ich muss nichts sagen und nichts zeigen, weil es euch nichts bringt und mir nichts hilft.”
eine weile ist es ruhig und niemand sagt ein wort. in ihrer stimme lag bis zuletzt jenes zittern, das ihre innere unruhe ausdrückt, ihre augen haben einen punkt an der wand fixiert, damit sie niemandem in das gesicht schauen musste. ihre finger umkrampfen das taschentuch, zerreißen es in tausend kleine stücke und sowohl dies als auch ihr fuß, der hin und her wippt, zeigen, wie angespannt sie ist.
“es ist gut so”, sagt eine andere frau, “und es ist wahnsinn, wie du dich ausdrückst und dich damit positionierst. wie du dein recht einforderst. so soll es auch sein.” sie schaut diese frau an, doch ihr blick schweift ab, kann sich auch später auf dieses gesicht nicht mehr besinnen. da ist es wieder, dieses gefühl der abwertung: was hast du schon für kummer, was hast du schon für sorgen? gefühle, die ihr schon seit der kindheit so gut bekannt sind.
und so kehrt es wieder. und immer wieder. es zerfrisst sie. dieses gefühl, nicht genug zu sein. dass das, was sie ist und was sie ausmacht, nicht ausreicht, um sie lieben und annehmen zu können. dass sie erst tun und leisten und geben muss, nur damit sie überhaupt erst einmal wahrgenommen wird.
was kann sie schon auch entgegensetzen, wenn ein mensch sagt: “hier hängt ein leben an einem seidenen faden”? 
sie verlässt den raum nach dieser stunde und sie weiß, dass sie nicht wiederkommen wird. ganz gleich, was er sagen wird. sie wird es nicht mehr tun. es muss einen anderen weg für sie geben. sie wühlen und stochern ergebnislos in ihrer seele, in ihren erinnerungen und am ende bleibt sie nicht nur mit diesen "offenen, zerwühlten schubladen" zurück, sondern auch mit diesem gefühl, dass sie sich möglicherweise… einfach nur ihr ganzes leben lang "sinnlos angestellt hat".


“Sie sind ein Mensch mit ausgesprochen feinen Antennen. Und mit ausgeprägten Emotionen, sowohl im positiven als im negativen”, so hörte sie es in einer der vielen Stunden mit ihrer Ärztin. “Sie haben nur im Lauf der Jahre gelernt, diese Emotionen zu kontrollieren und auch, wenn es Ihrer Meinung nach nicht passt, zu unterdrücken oder auch hintenanzustellen. So etwas passiert, wenn das nahe Umfeld für die Gedanken und Gefühle eines Kindes und später eines erwachsenen Menschen keine Zeit und keine Geduld hat.”
Sie ist also ein kontrollierter Emo-Gnom. So zumindest hatte sie in jener Stunde diese Auslegung zusammengefasst.

Dienstag, 21. Februar 2017

Die Störenfriedas - Das Ding mit der Eigenverantwortung

Aufmerksam geworden auf diesen Blog bin ich durch einen Beitrag bei Facebook, den ich mir anschließend in Ruhe durchlas, ein paar Themen zusätzlich im Internet nachlas - und irgendwie immer noch mit einem fassungslosen Kopfschütteln dasitze.
Erst überlegte ich mir eine entsprechende Anmerkung im Kommentarbaum bei FB, verwarf diesen Gedanken aber, als mir bewusst wurde, dass man mit zwei, drei Gedanken da nicht auskommt; überlegte mir dann einen Kommentar im Blog selbst - den ich aber auch wieder verwarf angesichts der teils wütenden, bissigen Kommentare im Hinblick auf den Mann.

"Dazu gehört ENDLICH auch, dass die -männliche- Verursachung einer Schwangerschaft rechtlich den Pflichten der (potentiellen und realen) Mütter angeglichen wird;
wenn schon Frauen wegen ihrer Selbstbestimmungsrechte in Verhütung und Abtreibung mit Sanktionen bedacht werden,
warum nicht AUCH ENDLICH mal die Väter ?
Heutzutage kein Problem mehr, dank Gentechnik; wenn also ein Mann eine ungewollte Schwangerschaft verursacht, so soll er in Folge auch dafür geradestehen (müssen).
Denkbar; Schmerzensgeld (Abtreibung ist für die Frau gesundheitlich und mental belastend !)
Eintragung in ein Register (wie das die kath. Kirche via Beichte machte..)
Schliesslich muss ein Mann selbstverantwortlich mit seinen Geschlechtsorganen umgehen (können).
Auch das wichtige Thema VERHÜTUNG ist nicht `nur` ein Frauenthema. Oder ?
Und bei wiederholter (männlicher) Tat der Verursachung ungewollter Schwangerschaften muss z. B. auch mal schlicht; Bestrafung
angedacht werden. Der Männer."

Also ganz ehrlich und aus meiner ganz persönlichen Sicht heraus (die ich ja nun auch durch und durch eine FRAU bin!): Wenn zwei Menschen Sex miteinander haben wollen, dann tragen beide auch die Verantwortung, gar keine Frage. Mich persönlich interessiert aber weniger die Frage nach der Verantwortung: Wenn ich Sex, aber kein Kind (oder Krankheiten) riskieren möchte, dann sorge ich erst mal selber dafür, dass das auch nicht passiert. (Ich lasse jetzt hierbei mal außer Acht, dass Schwangerschaften trotz Verhütung passieren können und Sex nicht immer einvernehmlich vorgenommen wird; ich lasse es deshalb aus, weil es in diesem Beitrag vordergründig nicht darum geht). Schmerzensgeld also für die Abtreibung, weil eine Frau sich auf den Mann verließ? Wo bleibt da ihre eigene Verantwortung - für sich und ihren Körper? Wieso ist automatisch der Mann schuld, nur weil die Frau auch nur nicht darüber nachdachte? Sollte es nicht BEIDEN unabhängig voneinander wichtig genug sein, sich zu schützen? Hat er kein Kondom dabei und ich auch nicht, wird sichs halt aus den Rippen geschwitzt, so einfach ist das.
Ich bin ehrlich: Solche Frauen wie jene Kommentatorin machen mir "Angst".

Vordergründig geht es in dem Beitrag aber um etwas ganz anderes, um die Rechte einer Mutter nach einer Trennung, die mit der neuen Verordnung zum Unterhaltsvorschuss ab Juli 2017 einhergehen (sollen).
Ich lese den Text und denke an meine eigenen Erfahrungen zurück (und muss aus Gründen eines Persönlichkeitsrechts auch genau aufpassen, was ich jetzt schreibe).
16 Jahre Beziehung, 15 Jahre Ehe, im Januar 2003 zog ich aus, im Januar 2006 wurde die Scheidung vollzogen. Bezahlt habe ich für den Jungen, der zunächst beim Vater bleiben wollte, im Gegenzug für den Jüngeren gab es nichts. "Versuch das und du überlebst das nicht", und ich hatte genug Anlass, das ernst zu nehmen.
Gemeinsames Sorgerecht für beide, das Aufenthaltsbestimmungsrecht für den Jüngeren aber lag bei mir. Hierum wurde sich auch nicht gestritten - ich vermute, aus Nichtkenntnis der Möglichkeiten. Was bedeutete: Ich musste ihn zwar über alles informieren (Impfungen, welche Schule, besondere Zahnbehandlungen, nötige Operationen etc.), aber die finalen Entscheidungen traf letztlich ich. Das bedeutete laut Auskunft meiner Anwältin, die ich ein halbes Jahr nach der Trennung dann doch hinzuziehen musste aufgrund seiner Forderungen nach Trennungsunterhalt und einiger anderer Vorfälle, dass ich innerhalb Deutschlands durchaus meinen Wohnsitz auch ohne Zustimmung des Vaters hätte verlegen dürfen, wenn ich zum Beispiel nachweisen hätte können, dass ich eine neue, stabile Beziehung eingegangen wäre bzw. einen besseren oder stabilen guten Verdienst als Existenzgrundlage für das Kind und mich erhalten könnte.
Solange es kein Scheidungsurteil gab, konnte ich ohne Unterschrift des Vaters nicht mal die Stadt wechseln; mit dem Scheidungsurteil aber benötigte ich diese nicht mehr. Das einzige, das ich nicht hätte ohne seine Zustimmung tun dürfen: ins Ausland ziehen.
Vielleicht hatte ich an dieser Stelle einfach auch "Glück", dass dem Vater die Wochenendbesuche an jedem durchschnittlich 3. Wochenende im Monat ausreichend waren. Ein Wechselmodell, wie es heute je nach Möglichkeit praktiziert wird, kannte ich nicht, würde ich aber immer so lange befürworten, solange das Kind sich wohl damit fühlt. Im Blog der Störenfriedas wird zum Ausdruck gebracht, dass dieses Wechselmodell gesetzlich bestimmt werden darf - doch das habe ich bislang im Internet so nicht gefunden. Die Neuregelung, wie ich sie bislang nachlesen konnte, bestimmt zunächst "nur" den Unterhaltsvorschuss. Dass es diesen nicht mehr nur für maximal 6 Jahre und auch nicht mehr nur bis zum 12. Geburtstag des Kindes gibt, sondern ohne diese Beschränkungen bis zum 18. Geburtstag übernommen wird, wenn der Vater nicht zahlen kann oder will.

Und dann denke ich an jemanden aus meiner Familie.
Sie heiraten, bekommen zwei Kinder, kaufen ein Haus. Er reicht die Scheidung ein, nachdem sie wiederholt fremdgegangen war und ihm nun eröffnet: "Er ist die Liebe meines Lebens, was würdest du dann tun?" Sie zieht mit den Kindern aus zu ihrem neuen Freund, für die Kreditschulden muss er allein aufkommen ("Ich kann nicht, ich verdiene ja nix.") und - gemessen an seinem Einkommen - den Unterhalt für beide Mädchen zahlen. Er zahlt sich "dumm & düselig", während sie ihr neues Leben im neuen Haus mit dem neuen Freund einrichtet. Die Bank macht ihm Druck, während er anwaltlich Möglichkeiten untersuchen lässt, ob er tatsächlich den vollen Betrag an Kindesunterhalt zahlen muss, während sie ihrer Verpflichtung, die Kreditschulden mit zu tilgen, nicht nachkommt. Diese Thematik wird übrigens von Bundesland zu Bundesland verschieden betrachtet: Da, wo er herkommt und wo seine Ex-Frau und die Kinder wohnen, steht das Kindeswohl vor den gemeinsam "angeschafften" Schulden. Heißt, er muss den vollen Satz Unterhalt zahlen, eine "Verrechnung" ist nicht zulässig und die Teil-Beträge, auf die die Ex-Frau zunächst freiwillig verzichtete, muss er in vollem Umfang an sie zurückzahlen. Als sie das erfährt, besteht sie auch darauf.
Das Haus kann nach ewigem Hin und Her mehr schlecht als recht verkauft werden, die Rest-Kreditsumme geht eigentlich auf beide über. Da seine Ex-Frau aber nach wie vor kein anrechenbares Einkommen bezieht, wendet sich das Kreditinstitut an ihn. Er soll weiterhin zahlen. Da bleibt ihm nur noch eine Möglichkeit und er meldet Privatinsolvenz an. Er kann nicht mehr. Alles, was er hatte, ist restlos verbraucht. Das Haus, das sie unbedingt wollte, gibt es nicht mehr, die Frau gibt es nicht mehr - geblieben ist ein Arsch voll Schulden, den er allein in diesem Leben nicht mehr abtragen kann.
Er ist Anfang 30. Soll das Leben mit Anfang/ Mitte 30 schon zuende sein? Irgendwann fasst er - der Optimist in Person - neuen Mut, lernt eine neue Frau kennen, die sich von den Umständen seines Lebens nicht schocken lässt. Sie ziehen zusammen, das heißt, er zieht zu ihr in ein anderes Bundesland, zahlt weiter für seine Kinder aus der Ehe - und bekommt dann mit seiner neuen Freundin ein weiteres Kind. Er zahlt noch heute für die Jüngere, weil die nach der abgebrochenen Ausbildung eine zweite begonnen hat.
"Vieles stinkt zum Himmel", resümiert er ruhig, wenn wir telefonieren - und nach dem, was er mir alles so erzählt, stehen selbst mir als Frau und Mutter die Haare zu Berge, "aber es sind meine Mädchen und letztlich gehts um sie."

Für mein Empfinden gibt es immer zwei Seiten zum Betrachten. Für mein Empfinden kommt genau das im oben verlinkten Blog zu kurz. Die Frauen fürchten um ihre Rechte, um ihre Freiheit, während ich zu meinem Bruder sage "Wenn ich Mann wäre, ich glaube, ich hätte nicht den Mut, mit einer Frau ein Kind haben zu wollen." Für mein Empfinden kommt auch zu kurz, wie viele Mütter ihre Kinder als Druckmittel einsetzen, das Kind dem Vater entziehen. Was die Väter überhaupt veranlasste, sich eines Tages stark zu machen und sich auch für ihr Recht einsetzen, ein Vater überhaupt sein zu können. Nicht nur zahlen zu müssen und alle möglichen Pflichten zu haben - sondern auch das Recht haben zu dürfen, sich um ihr Kind auch kümmern zu können, sofern sie den Willen und die Möglichkeit dazu haben. Manchmal denk ich, dass der Mann wie eine eierlegende Wollmilchsau betrachtet wird: Er soll nicht zuviel arbeiten, aber genug Geld mit nach Hause bringen. Wenn die Beziehung oder Ehe dann zerbricht, soll er nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Frau bezahlen, denn die hat ja ihm zuliebe auf ihre berufliche Entwicklung verzichtet. Wieso eigentlich ihm zuliebe? War es nur seine Entscheidung, ein Kind haben zu wollen? Oder nicht genauso auch ihre? Insofern begrüßte auch ich als Frau und Mutter die Regelung, dass die Frau nicht mehr jahrelang Unterhalt für sich selbst beanspruchen konnte mit der Aussage: "Ich muss ja zu Hause bleiben und das Kind erziehen." Das Kind, das erst in die Kita, später in die Schule geht und mindestens einen halben Tag nicht zu Hause ist. Sondern dass sie mit dem 3. Geburtstag stärker in die Eigenverantwortung genommen wurde. Dass sie selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen hatte.
Die Frauen schreien immer nach Gleichberechtigung - aber wenns ums Geld geht, wollen sie vor allem vom Mann, den sie nicht mehr lieben, versorgt werden?
Ich habe zeit meines Lebens gearbeitet, erst für das Familieneinkommen, später für die Existenz der Kinder und mich. Bekommen habe ich dafür gar nichts, aber ich hatte auch das Glück, meistens so zu verdienen, dass ich nicht unters Existenzminimum rutschte. In den Urlaub konnten wir nicht fahren und mein Auto war immer ein kleines, meist überholungsbedürftiges. Während der Vater der Kinder zweimal im Jahr in den Urlaub fuhr und flog und ein Auto fuhr, das ungelogen mehr als das Zehnfache von meinem kostete - und mir im Gegenzug vorjammerte, dass das alles ja nur möglich war mit der neuen Freundin. Er selber hätte ja so gar nix.
Und ich? Ehrlich gesagt - ich wollte einfach nur Ruhe haben. Ruhe für die Kinder, Ruhe in meinem Kopf. Abgesehen von der Angst um mich selbst. Auch auf ihn nicht angewiesen sein und nicht abhängig von regelmäßigen oder unregelmäßigen Zahlungen. Ohne Streit ums Geld, weil Unterhalt ausblieb oder eigenmächtig gekürzt wäre. Wir waren selbst Anfang 30, wir waren beide jung und gesund und aus meiner Sicht hatten wir beide die Chance, neu anzufangen - jeder nach seinen Möglichkeiten. Und die hat wohl auch jeder für sich genutzt. Es obliegt nicht meiner Einschätzung oder meiner "Macht", ob der Vater sich im Spiegel betrachten kann oder nicht. Weil das für mich nicht wichtig ist. Wichtig ist für mich einzig und allein, dass es meinen Kindern gut geht. Dass ich selber alles dafür und dazu tun konnte. Und eins kann man mir glauben: Leicht waren die Jahre weiß Gott nicht. Aber ich hatte ein Leben. MEIN Leben! Das war mir mehr wert als alles andere.

"Ein wirklich großartiger Artikel, perfekt recherchiert und einfach die Beschreibung der täglichen Realität für uns hart arbeitende Alleinerziehende. Mein Ex-Mann hat meine berufliche Weiterentwicklung als Friseurin dermaßen hintertrieben, daß ich mich nur noch durch heimliches Weglassen der Pille dagegen wehren konnte. Danach hat er mich mit meinen zwei Kindern einfach sitzen gelassen, hat sich ein junges dummes Häschen genommen und zahlt jetzt kaum noch Unterhalt. Männer sind einfach nur noch Sch…. und gehören echt abgeschafft."

"...dass ich mich nur noch durch heimliches Weglassen der Pille dagegen wehren konnte."
Wirklich, da fällt auch mir als Frau nichts mehr ein. Als hätte es nicht jede andere Lösungsmöglichkeit gegeben.
Das Kind als Druckmittel... Du bist schuld, dass ich beruflich nicht weitergekommen bin, na gut, bekomm ich eben Kinder, ob du willst oder nicht, und du zahlst dann halt eben für uns.
Oh Gott, mir wird schlecht davon, echt jetzt.
Kommentare wie diese machen es meiner Ansicht nach möglich, dass Feminismus und der berechtigte Wunsch nach Gleichberechtigung so belächelt und nicht ernst genommen werden.
Ein Mann aus meiner Kontaktliste bei FB hat diesen Blogpost "geliked". Ich kann das nicht. Ich als Frau, der dieser Artikel ja aus der Seele sprechen müsste, kann das nicht.

Theorie und Praxis. Was auf dem Papier immer relativ einfach und vielleicht auch solide ausschaut, birgt in der Praxis oft derart viele Schlupflöcher - für beide Seiten! - dass es immer welche gibt, denen all diese Regelungen nicht gerecht werden. Die die Verlierer dieses "Spiels" sind. Und leider zeigt die Praxis, dass das in der Regel vor allem die Kinder sind. Leider zeigt die Praxis, dass viele Eltern sich und ihre Befindlichkeiten und nicht ihre Kinder im Fokus haben.
Und dabei hat man sich mal geliebt. Meistens jedenfalls.

Montag, 20. Februar 2017

My husband has the money - Udaipur, Tag 11





An das indische Frühstück kann ich mich echt gewöhnen. Fast jeden Morgen bekomme ich kleine, frische Pancakes, frisch geschnittene Melonen- und Ananasstückchen und extra für mich zubereitetes Rührei. Eine Zusammenstellung, die vermutlich so gar nicht zusammenpasst, aber danach darf man bei mir sowieso nicht gehen. Ich esse alles durcheinander, wie ich es gerade mag und worauf ich gerade Lust habe. Auch gebe ich zu, dass dies keine typisch indische Mahlzeit ist, wenn man berücksichtigt, dass ich mich immer nur für "blankes" Rührei entscheide, weil mir die indische Würzung einfach zu scharf ist. Überhaupt stelle ich mit Freuden an jedem weiteren Tag in Indien fest, dass nicht jede Mahlzeit gnadenlos scharf gewürzt ist (auch wenn es sich nicht um eine Süßspeise handelt).
Angesichts der Temperaturen von bis zu 38 Grad genügt eine solche Mahlzeit auch vollkommen, um bis zur eigentlichen Kaffeezeit gar keinen Appetit oder gar Hunger auf Weiteres zu verspüren. Und uns damit anschließend auf die meist zwei- bis vierstündige Weiterreise über Land zu machen.

Hier werden Autobahnen gebaut, indem eine Baggerschaufel alten Asphalt wegkratzt, Frauen die Brocken in Metallschüsseln tun, sich diese auf den Kopf setzen und wegtragen. Dann werden die Wege geebnet, aufgeschüttet, glattgezogen und mit Asphalt überzogen. Alles, was irgendwie möglich ist, wird mit reiner Menschenkraft gebaut, Maschinen sehen wir sonst keine. Ich starre aus dem Fenster, auf die Menschen, auf die zusammengekratzten Asphalthaufen, sehe die aus Holz, Blech und Steinen notdürftig zusammengebauten Häuschen am Straßenrand, die Unterkünfte für die "Bauarbeiter"...
Denke daran, in welch technisierter Welt wir selbst leben und wie schnell wir jammern, wenn uns etwas zu schwer wird.

Das Nahen bewohnter Gebiete kündigt sich wie gewohnt mit der Anhäufung von Plastikmüll an. Ich lasse Landschaften, Städte an mir vorüberziehen, den Kopf in die Hand gestützt oder angelehnt. Sehe um die Mittagszeit die Schulkinder auf dem Heimweg, den sie oft zu Fuß zurücklegen, hin und wieder von Familien abgeholt werden oder auch, wenn es die Familie sich leisten kann, mit dem Bus fahren. So entdecke ich auch das Hinweisschild "German Bakery", gleich darunter ein Hinweisschild für ein italienisches Lokal und der amüsierte Inder erklärt uns, dass in Indien sehr gerne etwas als "deutsche Backwaren" oder "italienische Spezialitäten" angepriesen wird, es aber nicht wirklich etwas mit dieser Esskultur zu tun habe.
Herr Blau möchte mir unbedingt einen Tempel zeigen, den er zuletzt vor sechs Jahren besichtigt hatte (und von dem ich grad kein Foto finden kann). Und nun ist er einmal mehr enttäuscht, wie viel sich verändert hat. Nicht nur, dass man nicht mehr alles frei fotografieren darf, man darf auch nicht mehr alles betreten.
"Frauen mit Menstruation ist es verboten zu betreten. Bei indischen Frauen weiß man, dass die sich daran halten. Bei allen anderen ist man sich nicht sicher, darum wurde es verboten."
Dafür laufen zwei Gurus eifrig herum, segnen einen ungefragt und ungeduldig innerhalb von drei Sekunden, drücken einem anschließend den roten Punkt auf die Stirn und halten sofort die andere Hand mit der Geldschale hin.
An einem mannshohen Elefanten aus Marmor machen wir Pause und beobachten amüsiert eine Engländerin, die den Guru abzuwehren versucht: "Sorry, my husband has the money!"
Die Hartnäckigkeit der Gurus kennt keine Grenzen. Sie bleiben der Frau so lange an den Fersen, bis diese entnervt auf ihren Mann trifft und der einige Münzen auf dem Geldteller zurücklässt.
"Das gabs früher alles gar nicht", zeigt sich Herr Blau verblüfft und enttäuscht, während ich mit dem nackten Fuß in Taubenkacke trete.

Irgendwann erreichen wir Udaipur, eine beliebte Stadt mit mehreren Seen. Hier wurden Filme wie "Octopussi" und "Der indische Ring" gedreht; auch soll  der "Tiger von Eschnapur" gedreht worden sein, auf einer kleinen Insel im Pichhola-See, die nicht größer ist als das Hotelanwesen selbst - und die wir von unserem kleinen Fenster aus sehen können. Die wir später mit einem Boot auch etwas mehr aus der Nähe betrachten - doch all zu nah darf man an diese Insel nicht heran.

Dafür besichtigen wir das Schloss - 300 Meter lang, 100 Meter breit und 32 Meter hoch. Geführt werden wir von einem deutsch sprechenden Guide, der in Reichenbach im Vogtland gelebt und später auch in Dresden studiert hat. Die Welt ist ein Dorf :)
Auch den "Garten der Ehrendamen" schauen wir uns an, lümmeln auf der Bank im angenehmen Schatten nahe des Springbrunnens. Ein Garten mit Swimmingpool, den sich eine Prinzessin von ihrem Vater gewünscht hatte. Tja nun. Mein Vater ist "nur" gelernter Ofensetzer. Ein schöner Kachelofen wäre das einzige Denkmal, das er mir setzen könnte :)



Sonntag, 19. Februar 2017

Vielleicht. Vielleicht auch nicht.


Als ich als zweites von drei Kindern geboren wurde, so erzählte mir meine Mutter, war sie nur wenige Tage nach der Entlassung aus dem Krankenhaus irritiert: Öffnete ich die Augen, konnte sie in dem einen keine Iris, geschweige denn überhaupt irgendetwas erkennen. Alles war rot und gelb.
Also packte sie mich ein und stellte mich auf der Notfallstation des Krankenhauses vor.
Der öffnete meine Augen, schaute hinein und sagte: "Ja mein Gott, da ist halt bisschen Fruchtwasser ins Auge gekommen, bisschen entzündet, kein Grund, Theater zu machen."
Wer meine Mutter kennt übrigens, weiß, dass gerade sie jemand ist, den nichts so schnell aus der Ruhe bringt, den ich selbst auch nie irgendwie aufgeregt oder gar hysterisch erlebt hätte. Und dass sie auch jemand ist, der erst dann einen Arzt aufsucht, wenn der Arm oder das Bein, das schmerzt, schon halb abgefallen ist. 
"Ich dachte nur, nicht dass sie erblindet, das sah so gefährlich aus", so in der Art rechtfertigte sich meine Mutter, latent eingeschüchtert und der Arzt fragte sie: "Was sind Sie eigentlich von Beruf?"
"Erzieherin."
"Ach, Pädagogin also. Na das erklärt ja auch alles, die übertreiben sowieso immer."

Pädagogen-Kinder, so hieß es früher, seien die am schlechtesten erzogenen Kinder. Woher diese Auffassung kommt, kann ich gar nicht sagen. Wir sind drei Kinder, zwei Jungs, ein Mädchen. Jeder von uns ist seinen individuellen, aber mehr oder minder geradlinigen Weg gegangen. Zumindest empfinde ich das so.
Mein jüngster Bruder war der erste von uns dreien, der die Scheidung von seiner Frau einreichte.
Ich war die zweite.
Mein großer Bruder "folgte" uns nur zwei oder drei Jahre später.
"Da hast du wohl in der Erziehung was falsch gemacht", ließ mein Vater sich unmittelbar danach sagen - und das ausgerechnet von jemandem, mindestens einmal geschieden, mindestens zum zweiten Mal verheiratet, mit einer Privatinsolvenz am Hals und diversen erfolglosen Jobs. Das an sich finde ich nicht ver- oder beurteilenswert - aber: Warum Menschen, die alle erst mal bei sich selber anfangen sollten, gerne mit dem Finger auf andere zeigen, über andere urteilen, ohne sich dabei um Umstände, Beweggründe oder sonstiges zu kümmern oder diese je erfahren zu haben, werde ich vermutlich nie verstehen, will ich aber auch gar nicht. Mich hat eher bestürzt, dass mein Vater sich so etwas sagen ließ.

Als ich zum ersten Mal schwanger war, habe ich mir keine Bücher gekauft über das "richtige" Verhalten in der Schwangerschaft, was darf ich, was sollte ich jetzt essen, trinken und auch nicht, bla bla. Auch Geburtsvorbereitungskurse habe ich nie besucht (ich muss gestehen, ich persönlich fand das irgendwie albern, mit mehreren werdenden Müttern und vielleicht sogar noch Vätern da herumzusitzen und zu liegen und mir da einen wegzuhecheln). Auch habe ich mir nie irgendwelche Erziehungsratgeber gekauft. Ehrlich gesagt, braucht man die auch gar nicht: Es gibt genug Menschen in jedem Umfeld, die einem sagen wollen, was man wie tun sollte und was nicht.
Ganz egal, ob es sich dabei um Pädagogen handelt oder nicht - es weiß sowieso jeder am besten und jeder ist am glühendsten von seiner eigenen Auffassung und Lebensweise überzeugt. Nur so und nicht anders hats zu gehen! Prinzipiell kümmere ich mich nicht um die Meinungen anderer, weil ich nicht deren Leben leben will, sondern mein eigenes. Nur wenn mir zugetragen wird, was über mich getratscht wird, dann ticke ich aus. Da kenne ich nix. So wie bei der alten Dame aus dem Erdgeschoss, die sich darüber mokierte, dass ich so viele Windeln in den Müll bringen würde - und ob ich zuviel Müll in der Küche stapeln würde? Und die davon ausging, dass ich die Windeln durch die Toilette verabschieden würde - woher schließlich sollte die Rohrverstopfung kommen? Als ich davon erfuhr, bin ich direkt von der letzten Etage bis runter ins Erdgeschoss marschiert und habe bei ihr geklingelt. Wie sie dazu käme, solche Aussagen im Haus zu tätigen - und dann hielt ich ihr eine von diesen Pampers unter die Augen (natürlich keine benutzte): "Wollen Sie ernsthaft glauben, dass man so etwas tatsächlich in die Toilette tun würde? Wollen Sie ernsthaft glauben, dass man so etwas auch nur versuchen wollte, runterzuspülen?" Sie war puterrot im Gesicht, ich war auf hundertachtzig.
"Ich habe doch nicht... Ich würde doch nie!..."
"Wenn Sie Fragen haben oder etwas wissen wollen, dann klingeln Sie doch einfach und fragen mich danach."
"Na ja, aber Sie.. Sie gehen doch fast jeden Tag zum Müllcontainer."
"Mein Baby produziert pro Tag etwa sechs Windeln, dazu die Nachtwindeln, soll ich mir die etwa alle in der Wohnung aufheben?" (Übrigens, wenn man Bio-Lebensmittel kauft, weil man so ökologisch wertvoll leben soll - wieso haben dann die Bio-Lebensmittel haargenauso viel Verpackungsmüll?)
An diesen Dialog erinnere ich mich noch so genau als wäre es erst vor zwei Tagen gewesen - und dabei ist es nun schon rund 25 Jahre her. (Wohin ich aber gestern die Nagelschere legte, verdammt, ich weiß es einfach nicht mehr!)
Wie genau die Leute einen beobachten und bewerten, ging mir spätestens dann auf, als es hieß, ich würde meine Wäsche verkehrt auf die Leine hängen. Ich weiß zwar nicht, was man da verkehrt machen kann, aber na gut, ich habe auch nie danach gefragt, wie es ihrer Meinung nach hätte richtig sein sollen.
Ich habe mich auch nie dafür gerechtfertigt, dass mein Baby den süßen Brei aus Gläschen bevorzugte - oder auch den selbst zubereiteten Grieß. Spätestens mit dem Entdecken von weichem Leberwurstbrot war diese Phase ohnehin vorbei. Und fürs Gläschen kaufen rechtfertige ich mich auch heute noch nicht. Diese Gelassenheit im Zeiteinteilen und diese Freude am Selbermachen hat sich bei mir eben erst entwickelt, als meine Kinder schon groß waren. Immerhin sind sie sogar groß geworden! Und physisch gesund, auch mit sehr gesundem Gebiss. Glaubt man ja gar nicht, oder?
"Jetzt kaufen Sie ihm doch das bisschen Schokolade", maulte die Oma an der Kasse hinter mir, weil das Kind im Einkaufswagen so einen Spektakel machte.
"Nö, mach ich nicht. Wissen Sie vielleicht, wie viel wir von dem Zeug zu Hause haben?"
Später, als er drei Jahre war, warf er sich nach meinem kategorischen Nein im Supermarkt auf den Boden und zeterte (gibts übrigens auch so eine herrliche Werbung dazu, finde ich klasse!) und ich zuckte die Schultern, stieg über ihn hinweg und schritt zur Kasse. "Du kannst ihn doch da nicht liegenlassen", meinte mein Ex-Mann irritiert, "die Leute gucken doch!"
"Ist mir doch egal. Er wird schon kommen, wenn er uns nicht mehr sieht."

Letztlich hatte ich aber auch nie den Anspruch an das Leben, immer alles richtig zu machen oder gemacht zu haben. Ich hab da einfach nie drüber nachgedacht. Ich habe mein Kind vergöttert, weil es mein erstes war, das ich mit 20 Jahren bekommen habe. Dafür war ich die Inkonsequenz in Person - bis sein Bruder auf die Welt kam und ich einfach keine Zeit mehr dafür hatte. Trotzdem sind meine Söhne erwachsen geworden, haben ihre Abschlüsse, ihre Wohnung, ihr Leben, sie haben ihre Vorstellungen, ihre Ziele, haben sich nie auf Kosten anderer bereichert oder profiliert, sie lieben ihre Familie und stehen zu dem Scheiß, den sie selber fabrizieren. Also ist aus ihnen ja doch etwas geworden? Trotz fehlendem Geburtsvorbereitungskurs, trotz fehlender Erziehungsratgeber und missachteter Meinungen aus dem Umfeld, trotz Gläschenbrei und Papierwindeln? Trotzdem ich sie beide nur je knapp drei Monate stillen konnte, was ich jetzt auch nicht so schlimm fand - auch wenn es praktisch ist, dass man das Essen immer dabei hatte? (Essen auf "Rädern" bekommt da irgendwie grad ne ganz neue Bedeutung ;)). Ich liebe meine Kinder, mehr denn je, aber ich hab sie trotzdem nicht mit in meinem Bett schlafen lassen (wenn sie sich morgens mit ihrem Teddy zu einem kuschelten, hey, das war was anderes!), das Basteln haben sie im Kindergarten gelernt und wenn ich mal in Ruhe putzen oder Wäsche machen wollten, haben sie eben die Teletubbies geguckt. Das gibt ja auch heute noch immer gleich einen Aufschrei "Waaaahhh, das Kind wird vor dem Fernseher geparkt!" Ja und, steh ich auch dazu. Wann soll man das sonst alles machen? Nachts, wenn die Kinder schlafen und man selber kaum noch die Augen offen halten konnte?
Nie werde ich das Beratungsgespräch vergessen, in dem ich Rotz und Wasser heulte und die nette Dame mir erst ein Taschentuch überreichte mit der Frage "Erzählen Sie mir doch mal von Ihrem Tag, vielleicht organisieren Sie sich ja nur falsch?" und am Ende der Geschichte wortlos, aber verständnisvoll ein Bestätigungsformular über den Tisch, "falls sich das nicht schon mit dem Entfernen der Empfängnisverhütung von selbst erledigen wird".

Vielleicht wäre mein Großer heute ein aktiver Fußballer, wenn wir sein Talent, seine glühende Begeisterung eher erkannt und entsprechend gefördert hätten.
Vielleicht wäre mein Jüngster nicht nach der 7. Klasse vom Gymnasium abgegangen, nachdem er dort eine Ehrenrunde hatte drehen müssen, die Kinderärztin nach seinen sich inzwischen beinah monatlich einstellenden Bauchschmerzen und Übelkeitsphasen bei wiederholtem befundfreien Blutbild anklingen ließ, dass das möglicherweise doch eher psychische Ursachen hätte und der Junge selbst schließlich befand: "Ich will nicht mehr aufs Gymnasium."
Vielleicht hätten beide Kinder heute ein Abi und ein Studium begonnen, wenn wir ihren Ehrgeiz mehr ge- und befördert hätten, anstatt uns jahrelang in einem schlechten Rosenkrieg auseinanderzusetzen.
Und vielleicht hätte ich tatsächlich Erziehungsratgeber lesen und mir fremde Meinungen annehmen müssen.
Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.
Stattdessen war ich der Überzeugung, meinen Kindern meine Wertvorstellungen von Respekt und Achtung mitzugeben, von einem Bewusstsein für die Schwächeren um uns herum und ihnen vor allem meine bedingungslose Liebe mitzugeben, die sich wiederum aber nicht darin ausdrückt, mein Leben lang auf ihnen zu hocken. Dass ich sie, wenn ich bei ihnen bin, bekoche und manchmal bebacke, ihre Wäsche wasche und bügle, das mache ich, weil es MIR Spaß macht. Und weil ich es nicht mehr jeden Tag tun muss ;)
Ich genieße es, dass jeder von uns sein Leben führt und wir trotzdem immer zusammen sind. Auch über die räumliche Distanz. Jeder geht seinen eigenen Weg und genießt, dass wir einander haben. So zumindest habe ich mir das auch immer vorgestellt. Auch ganz ohne Ratgeber.