Dienstag, 21. Februar 2017

Die Störenfriedas - Das Ding mit der Eigenverantwortung

Aufmerksam geworden auf diesen Blog bin ich durch einen Beitrag bei Facebook, den ich mir anschließend in Ruhe durchlas, ein paar Themen zusätzlich im Internet nachlas - und irgendwie immer noch mit einem fassungslosen Kopfschütteln dasitze.
Erst überlegte ich mir eine entsprechende Anmerkung im Kommentarbaum bei FB, verwarf diesen Gedanken aber, als mir bewusst wurde, dass man mit zwei, drei Gedanken da nicht auskommt; überlegte mir dann einen Kommentar im Blog selbst - den ich aber auch wieder verwarf angesichts der teils wütenden, bissigen Kommentare im Hinblick auf den Mann.

"Dazu gehört ENDLICH auch, dass die -männliche- Verursachung einer Schwangerschaft rechtlich den Pflichten der (potentiellen und realen) Mütter angeglichen wird;
wenn schon Frauen wegen ihrer Selbstbestimmungsrechte in Verhütung und Abtreibung mit Sanktionen bedacht werden,
warum nicht AUCH ENDLICH mal die Väter ?
Heutzutage kein Problem mehr, dank Gentechnik; wenn also ein Mann eine ungewollte Schwangerschaft verursacht, so soll er in Folge auch dafür geradestehen (müssen).
Denkbar; Schmerzensgeld (Abtreibung ist für die Frau gesundheitlich und mental belastend !)
Eintragung in ein Register (wie das die kath. Kirche via Beichte machte..)
Schliesslich muss ein Mann selbstverantwortlich mit seinen Geschlechtsorganen umgehen (können).
Auch das wichtige Thema VERHÜTUNG ist nicht `nur` ein Frauenthema. Oder ?
Und bei wiederholter (männlicher) Tat der Verursachung ungewollter Schwangerschaften muss z. B. auch mal schlicht; Bestrafung
angedacht werden. Der Männer."

Also ganz ehrlich und aus meiner ganz persönlichen Sicht heraus (die ich ja nun auch durch und durch eine FRAU bin!): Wenn zwei Menschen Sex miteinander haben wollen, dann tragen beide auch die Verantwortung, gar keine Frage. Mich persönlich interessiert aber weniger die Frage nach der Verantwortung: Wenn ich Sex, aber kein Kind (oder Krankheiten) riskieren möchte, dann sorge ich erst mal selber dafür, dass das auch nicht passiert. (Ich lasse jetzt hierbei mal außer Acht, dass Schwangerschaften trotz Verhütung passieren können und Sex nicht immer einvernehmlich vorgenommen wird; ich lasse es deshalb aus, weil es in diesem Beitrag vordergründig nicht darum geht). Schmerzensgeld also für die Abtreibung, weil eine Frau sich auf den Mann verließ? Wo bleibt da ihre eigene Verantwortung - für sich und ihren Körper? Wieso ist automatisch der Mann schuld, nur weil die Frau auch nur nicht darüber nachdachte? Sollte es nicht BEIDEN unabhängig voneinander wichtig genug sein, sich zu schützen? Hat er kein Kondom dabei und ich auch nicht, wird sichs halt aus den Rippen geschwitzt, so einfach ist das.
Ich bin ehrlich: Solche Frauen wie jene Kommentatorin machen mir "Angst".

Vordergründig geht es in dem Beitrag aber um etwas ganz anderes, um die Rechte einer Mutter nach einer Trennung, die mit der neuen Verordnung zum Unterhaltsvorschuss ab Juli 2017 einhergehen (sollen).
Ich lese den Text und denke an meine eigenen Erfahrungen zurück (und muss aus Gründen eines Persönlichkeitsrechts auch genau aufpassen, was ich jetzt schreibe).
16 Jahre Beziehung, 15 Jahre Ehe, im Januar 2003 zog ich aus, im Januar 2006 wurde die Scheidung vollzogen. Bezahlt habe ich für den Jungen, der zunächst beim Vater bleiben wollte, im Gegenzug für den Jüngeren gab es nichts. "Versuch das und du überlebst das nicht", und ich hatte genug Anlass, das ernst zu nehmen.
Gemeinsames Sorgerecht für beide, das Aufenthaltsbestimmungsrecht für den Jüngeren aber lag bei mir. Hierum wurde sich auch nicht gestritten - ich vermute, aus Nichtkenntnis der Möglichkeiten. Was bedeutete: Ich musste ihn zwar über alles informieren (Impfungen, welche Schule, besondere Zahnbehandlungen, nötige Operationen etc.), aber die finalen Entscheidungen traf letztlich ich. Das bedeutete laut Auskunft meiner Anwältin, die ich ein halbes Jahr nach der Trennung dann doch hinzuziehen musste aufgrund seiner Forderungen nach Trennungsunterhalt und einiger anderer Vorfälle, dass ich innerhalb Deutschlands durchaus meinen Wohnsitz auch ohne Zustimmung des Vaters hätte verlegen dürfen, wenn ich zum Beispiel nachweisen hätte können, dass ich eine neue, stabile Beziehung eingegangen wäre bzw. einen besseren oder stabilen guten Verdienst als Existenzgrundlage für das Kind und mich erhalten könnte.
Solange es kein Scheidungsurteil gab, konnte ich ohne Unterschrift des Vaters nicht mal die Stadt wechseln; mit dem Scheidungsurteil aber benötigte ich diese nicht mehr. Das einzige, das ich nicht hätte ohne seine Zustimmung tun dürfen: ins Ausland ziehen.
Vielleicht hatte ich an dieser Stelle einfach auch "Glück", dass dem Vater die Wochenendbesuche an jedem durchschnittlich 3. Wochenende im Monat ausreichend waren. Ein Wechselmodell, wie es heute je nach Möglichkeit praktiziert wird, kannte ich nicht, würde ich aber immer so lange befürworten, solange das Kind sich wohl damit fühlt. Im Blog der Störenfriedas wird zum Ausdruck gebracht, dass dieses Wechselmodell gesetzlich bestimmt werden darf - doch das habe ich bislang im Internet so nicht gefunden. Die Neuregelung, wie ich sie bislang nachlesen konnte, bestimmt zunächst "nur" den Unterhaltsvorschuss. Dass es diesen nicht mehr nur für maximal 6 Jahre und auch nicht mehr nur bis zum 12. Geburtstag des Kindes gibt, sondern ohne diese Beschränkungen bis zum 18. Geburtstag übernommen wird, wenn der Vater nicht zahlen kann oder will.

Und dann denke ich an jemanden aus meiner Familie.
Sie heiraten, bekommen zwei Kinder, kaufen ein Haus. Er reicht die Scheidung ein, nachdem sie wiederholt fremdgegangen war und ihm nun eröffnet: "Er ist die Liebe meines Lebens, was würdest du dann tun?" Sie zieht mit den Kindern aus zu ihrem neuen Freund, für die Kreditschulden muss er allein aufkommen ("Ich kann nicht, ich verdiene ja nix.") und - gemessen an seinem Einkommen - den Unterhalt für beide Mädchen zahlen. Er zahlt sich "dumm & düselig", während sie ihr neues Leben im neuen Haus mit dem neuen Freund einrichtet. Die Bank macht ihm Druck, während er anwaltlich Möglichkeiten untersuchen lässt, ob er tatsächlich den vollen Betrag an Kindesunterhalt zahlen muss, während sie ihrer Verpflichtung, die Kreditschulden mit zu tilgen, nicht nachkommt. Diese Thematik wird übrigens von Bundesland zu Bundesland verschieden betrachtet: Da, wo er herkommt und wo seine Ex-Frau und die Kinder wohnen, steht das Kindeswohl vor den gemeinsam "angeschafften" Schulden. Heißt, er muss den vollen Satz Unterhalt zahlen, eine "Verrechnung" ist nicht zulässig und die Teil-Beträge, auf die die Ex-Frau zunächst freiwillig verzichtete, muss er in vollem Umfang an sie zurückzahlen. Als sie das erfährt, besteht sie auch darauf.
Das Haus kann nach ewigem Hin und Her mehr schlecht als recht verkauft werden, die Rest-Kreditsumme geht eigentlich auf beide über. Da seine Ex-Frau aber nach wie vor kein anrechenbares Einkommen bezieht, wendet sich das Kreditinstitut an ihn. Er soll weiterhin zahlen. Da bleibt ihm nur noch eine Möglichkeit und er meldet Privatinsolvenz an. Er kann nicht mehr. Alles, was er hatte, ist restlos verbraucht. Das Haus, das sie unbedingt wollte, gibt es nicht mehr, die Frau gibt es nicht mehr - geblieben ist ein Arsch voll Schulden, den er allein in diesem Leben nicht mehr abtragen kann.
Er ist Anfang 30. Soll das Leben mit Anfang/ Mitte 30 schon zuende sein? Irgendwann fasst er - der Optimist in Person - neuen Mut, lernt eine neue Frau kennen, die sich von den Umständen seines Lebens nicht schocken lässt. Sie ziehen zusammen, das heißt, er zieht zu ihr in ein anderes Bundesland, zahlt weiter für seine Kinder aus der Ehe - und bekommt dann mit seiner neuen Freundin ein weiteres Kind. Er zahlt noch heute für die Jüngere, weil die nach der abgebrochenen Ausbildung eine zweite begonnen hat.
"Vieles stinkt zum Himmel", resümiert er ruhig, wenn wir telefonieren - und nach dem, was er mir alles so erzählt, stehen selbst mir als Frau und Mutter die Haare zu Berge, "aber es sind meine Mädchen und letztlich gehts um sie."

Für mein Empfinden gibt es immer zwei Seiten zum Betrachten. Für mein Empfinden kommt genau das im oben verlinkten Blog zu kurz. Die Frauen fürchten um ihre Rechte, um ihre Freiheit, während ich zu meinem Bruder sage "Wenn ich Mann wäre, ich glaube, ich hätte nicht den Mut, mit einer Frau ein Kind haben zu wollen." Für mein Empfinden kommt auch zu kurz, wie viele Mütter ihre Kinder als Druckmittel einsetzen, das Kind dem Vater entziehen. Was die Väter überhaupt veranlasste, sich eines Tages stark zu machen und sich auch für ihr Recht einsetzen, ein Vater überhaupt sein zu können. Nicht nur zahlen zu müssen und alle möglichen Pflichten zu haben - sondern auch das Recht haben zu dürfen, sich um ihr Kind auch kümmern zu können, sofern sie den Willen und die Möglichkeit dazu haben. Manchmal denk ich, dass der Mann wie eine eierlegende Wollmilchsau betrachtet wird: Er soll nicht zuviel arbeiten, aber genug Geld mit nach Hause bringen. Wenn die Beziehung oder Ehe dann zerbricht, soll er nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Frau bezahlen, denn die hat ja ihm zuliebe auf ihre berufliche Entwicklung verzichtet. Wieso eigentlich ihm zuliebe? War es nur seine Entscheidung, ein Kind haben zu wollen? Oder nicht genauso auch ihre? Insofern begrüßte auch ich als Frau und Mutter die Regelung, dass die Frau nicht mehr jahrelang Unterhalt für sich selbst beanspruchen konnte mit der Aussage: "Ich muss ja zu Hause bleiben und das Kind erziehen." Das Kind, das erst in die Kita, später in die Schule geht und mindestens einen halben Tag nicht zu Hause ist. Sondern dass sie mit dem 3. Geburtstag stärker in die Eigenverantwortung genommen wurde. Dass sie selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen hatte.
Die Frauen schreien immer nach Gleichberechtigung - aber wenns ums Geld geht, wollen sie vor allem vom Mann, den sie nicht mehr lieben, versorgt werden?
Ich habe zeit meines Lebens gearbeitet, erst für das Familieneinkommen, später für die Existenz der Kinder und mich. Bekommen habe ich dafür gar nichts, aber ich hatte auch das Glück, meistens so zu verdienen, dass ich nicht unters Existenzminimum rutschte. In den Urlaub konnten wir nicht fahren und mein Auto war immer ein kleines, meist überholungsbedürftiges. Während der Vater der Kinder zweimal im Jahr in den Urlaub fuhr und flog und ein Auto fuhr, das ungelogen mehr als das Zehnfache von meinem kostete - und mir im Gegenzug vorjammerte, dass das alles ja nur möglich war mit der neuen Freundin. Er selber hätte ja so gar nix.
Und ich? Ehrlich gesagt - ich wollte einfach nur Ruhe haben. Ruhe für die Kinder, Ruhe in meinem Kopf. Abgesehen von der Angst um mich selbst. Auch auf ihn nicht angewiesen sein und nicht abhängig von regelmäßigen oder unregelmäßigen Zahlungen. Ohne Streit ums Geld, weil Unterhalt ausblieb oder eigenmächtig gekürzt wäre. Wir waren selbst Anfang 30, wir waren beide jung und gesund und aus meiner Sicht hatten wir beide die Chance, neu anzufangen - jeder nach seinen Möglichkeiten. Und die hat wohl auch jeder für sich genutzt. Es obliegt nicht meiner Einschätzung oder meiner "Macht", ob der Vater sich im Spiegel betrachten kann oder nicht. Weil das für mich nicht wichtig ist. Wichtig ist für mich einzig und allein, dass es meinen Kindern gut geht. Dass ich selber alles dafür und dazu tun konnte. Und eins kann man mir glauben: Leicht waren die Jahre weiß Gott nicht. Aber ich hatte ein Leben. MEIN Leben! Das war mir mehr wert als alles andere.

"Ein wirklich großartiger Artikel, perfekt recherchiert und einfach die Beschreibung der täglichen Realität für uns hart arbeitende Alleinerziehende. Mein Ex-Mann hat meine berufliche Weiterentwicklung als Friseurin dermaßen hintertrieben, daß ich mich nur noch durch heimliches Weglassen der Pille dagegen wehren konnte. Danach hat er mich mit meinen zwei Kindern einfach sitzen gelassen, hat sich ein junges dummes Häschen genommen und zahlt jetzt kaum noch Unterhalt. Männer sind einfach nur noch Sch…. und gehören echt abgeschafft."

"...dass ich mich nur noch durch heimliches Weglassen der Pille dagegen wehren konnte."
Wirklich, da fällt auch mir als Frau nichts mehr ein. Als hätte es nicht jede andere Lösungsmöglichkeit gegeben.
Das Kind als Druckmittel... Du bist schuld, dass ich beruflich nicht weitergekommen bin, na gut, bekomm ich eben Kinder, ob du willst oder nicht, und du zahlst dann halt eben für uns.
Oh Gott, mir wird schlecht davon, echt jetzt.
Kommentare wie diese machen es meiner Ansicht nach möglich, dass Feminismus und der berechtigte Wunsch nach Gleichberechtigung so belächelt und nicht ernst genommen werden.
Ein Mann aus meiner Kontaktliste bei FB hat diesen Blogpost "geliked". Ich kann das nicht. Ich als Frau, der dieser Artikel ja aus der Seele sprechen müsste, kann das nicht.

Theorie und Praxis. Was auf dem Papier immer relativ einfach und vielleicht auch solide ausschaut, birgt in der Praxis oft derart viele Schlupflöcher - für beide Seiten! - dass es immer welche gibt, denen all diese Regelungen nicht gerecht werden. Die die Verlierer dieses "Spiels" sind. Und leider zeigt die Praxis, dass das in der Regel vor allem die Kinder sind. Leider zeigt die Praxis, dass viele Eltern sich und ihre Befindlichkeiten und nicht ihre Kinder im Fokus haben.
Und dabei hat man sich mal geliebt. Meistens jedenfalls.

Montag, 20. Februar 2017

My husband has the money - Udaipur, Tag 11





An das indische Frühstück kann ich mich echt gewöhnen. Fast jeden Morgen bekomme ich kleine, frische Pancakes, frisch geschnittene Melonen- und Ananasstückchen und extra für mich zubereitetes Rührei. Eine Zusammenstellung, die vermutlich so gar nicht zusammenpasst, aber danach darf man bei mir sowieso nicht gehen. Ich esse alles durcheinander, wie ich es gerade mag und worauf ich gerade Lust habe. Auch gebe ich zu, dass dies keine typisch indische Mahlzeit ist, wenn man berücksichtigt, dass ich mich immer nur für "blankes" Rührei entscheide, weil mir die indische Würzung einfach zu scharf ist. Überhaupt stelle ich mit Freuden an jedem weiteren Tag in Indien fest, dass nicht jede Mahlzeit gnadenlos scharf gewürzt ist (auch wenn es sich nicht um eine Süßspeise handelt).
Angesichts der Temperaturen von bis zu 38 Grad genügt eine solche Mahlzeit auch vollkommen, um bis zur eigentlichen Kaffeezeit gar keinen Appetit oder gar Hunger auf Weiteres zu verspüren. Und uns damit anschließend auf die meist zwei- bis vierstündige Weiterreise über Land zu machen.

Hier werden Autobahnen gebaut, indem eine Baggerschaufel alten Asphalt wegkratzt, Frauen die Brocken in Metallschüsseln tun, sich diese auf den Kopf setzen und wegtragen. Dann werden die Wege geebnet, aufgeschüttet, glattgezogen und mit Asphalt überzogen. Alles, was irgendwie möglich ist, wird mit reiner Menschenkraft gebaut, Maschinen sehen wir sonst keine. Ich starre aus dem Fenster, auf die Menschen, auf die zusammengekratzten Asphalthaufen, sehe die aus Holz, Blech und Steinen notdürftig zusammengebauten Häuschen am Straßenrand, die Unterkünfte für die "Bauarbeiter"...
Denke daran, in welch technisierter Welt wir selbst leben und wie schnell wir jammern, wenn uns etwas zu schwer wird.

Das Nahen bewohnter Gebiete kündigt sich wie gewohnt mit der Anhäufung von Plastikmüll an. Ich lasse Landschaften, Städte an mir vorüberziehen, den Kopf in die Hand gestützt oder angelehnt. Sehe um die Mittagszeit die Schulkinder auf dem Heimweg, den sie oft zu Fuß zurücklegen, hin und wieder von Familien abgeholt werden oder auch, wenn es die Familie sich leisten kann, mit dem Bus fahren. So entdecke ich auch das Hinweisschild "German Bakery", gleich darunter ein Hinweisschild für ein italienisches Lokal und der amüsierte Inder erklärt uns, dass in Indien sehr gerne etwas als "deutsche Backwaren" oder "italienische Spezialitäten" angepriesen wird, es aber nicht wirklich etwas mit dieser Esskultur zu tun habe.
Herr Blau möchte mir unbedingt einen Tempel zeigen, den er zuletzt vor sechs Jahren besichtigt hatte (und von dem ich grad kein Foto finden kann). Und nun ist er einmal mehr enttäuscht, wie viel sich verändert hat. Nicht nur, dass man nicht mehr alles frei fotografieren darf, man darf auch nicht mehr alles betreten.
"Frauen mit Menstruation ist es verboten zu betreten. Bei indischen Frauen weiß man, dass die sich daran halten. Bei allen anderen ist man sich nicht sicher, darum wurde es verboten."
Dafür laufen zwei Gurus eifrig herum, segnen einen ungefragt und ungeduldig innerhalb von drei Sekunden, drücken einem anschließend den roten Punkt auf die Stirn und halten sofort die andere Hand mit der Geldschale hin.
An einem mannshohen Elefanten aus Marmor machen wir Pause und beobachten amüsiert eine Engländerin, die den Guru abzuwehren versucht: "Sorry, my husband has the money!"
Die Hartnäckigkeit der Gurus kennt keine Grenzen. Sie bleiben der Frau so lange an den Fersen, bis diese entnervt auf ihren Mann trifft und der einige Münzen auf dem Geldteller zurücklässt.
"Das gabs früher alles gar nicht", zeigt sich Herr Blau verblüfft und enttäuscht, während ich mit dem nackten Fuß in Taubenkacke trete.

Irgendwann erreichen wir Udaipur, eine beliebte Stadt mit mehreren Seen. Hier wurden Filme wie "Octopussi" und "Der indische Ring" gedreht; auch soll  der "Tiger von Eschnapur" gedreht worden sein, auf einer kleinen Insel im Pichhola-See, die nicht größer ist als das Hotelanwesen selbst - und die wir von unserem kleinen Fenster aus sehen können. Die wir später mit einem Boot auch etwas mehr aus der Nähe betrachten - doch all zu nah darf man an diese Insel nicht heran.

Dafür besichtigen wir das Schloss - 300 Meter lang, 100 Meter breit und 32 Meter hoch. Geführt werden wir von einem deutsch sprechenden Guide, der in Reichenbach im Vogtland gelebt und später auch in Dresden studiert hat. Die Welt ist ein Dorf :)
Auch den "Garten der Ehrendamen" schauen wir uns an, lümmeln auf der Bank im angenehmen Schatten nahe des Springbrunnens. Ein Garten mit Swimmingpool, den sich eine Prinzessin von ihrem Vater gewünscht hatte. Tja nun. Mein Vater ist "nur" gelernter Ofensetzer. Ein schöner Kachelofen wäre das einzige Denkmal, das er mir setzen könnte :)



Sonntag, 19. Februar 2017

Vielleicht. Vielleicht auch nicht.


Als ich als zweites von drei Kindern geboren wurde, so erzählte mir meine Mutter, war sie nur wenige Tage nach der Entlassung aus dem Krankenhaus irritiert: Öffnete ich die Augen, konnte sie in dem einen keine Iris, geschweige denn überhaupt irgendetwas erkennen. Alles war rot und gelb.
Also packte sie mich ein und stellte mich auf der Notfallstation des Krankenhauses vor.
Der öffnete meine Augen, schaute hinein und sagte: "Ja mein Gott, da ist halt bisschen Fruchtwasser ins Auge gekommen, bisschen entzündet, kein Grund, Theater zu machen."
Wer meine Mutter kennt übrigens, weiß, dass gerade sie jemand ist, den nichts so schnell aus der Ruhe bringt, den ich selbst auch nie irgendwie aufgeregt oder gar hysterisch erlebt hätte. Und dass sie auch jemand ist, der erst dann einen Arzt aufsucht, wenn der Arm oder das Bein, das schmerzt, schon halb abgefallen ist. 
"Ich dachte nur, nicht dass sie erblindet, das sah so gefährlich aus", so in der Art rechtfertigte sich meine Mutter, latent eingeschüchtert und der Arzt fragte sie: "Was sind Sie eigentlich von Beruf?"
"Erzieherin."
"Ach, Pädagogin also. Na das erklärt ja auch alles, die übertreiben sowieso immer."

Pädagogen-Kinder, so hieß es früher, seien die am schlechtesten erzogenen Kinder. Woher diese Auffassung kommt, kann ich gar nicht sagen. Wir sind drei Kinder, zwei Jungs, ein Mädchen. Jeder von uns ist seinen individuellen, aber mehr oder minder geradlinigen Weg gegangen. Zumindest empfinde ich das so.
Mein jüngster Bruder war der erste von uns dreien, der die Scheidung von seiner Frau einreichte.
Ich war die zweite.
Mein großer Bruder "folgte" uns nur zwei oder drei Jahre später.
"Da hast du wohl in der Erziehung was falsch gemacht", ließ mein Vater sich unmittelbar danach sagen - und das ausgerechnet von jemandem, mindestens einmal geschieden, mindestens zum zweiten Mal verheiratet, mit einer Privatinsolvenz am Hals und diversen erfolglosen Jobs. Das an sich finde ich nicht ver- oder beurteilenswert - aber: Warum Menschen, die alle erst mal bei sich selber anfangen sollten, gerne mit dem Finger auf andere zeigen, über andere urteilen, ohne sich dabei um Umstände, Beweggründe oder sonstiges zu kümmern oder diese je erfahren zu haben, werde ich vermutlich nie verstehen, will ich aber auch gar nicht. Mich hat eher bestürzt, dass mein Vater sich so etwas sagen ließ.

Als ich zum ersten Mal schwanger war, habe ich mir keine Bücher gekauft über das "richtige" Verhalten in der Schwangerschaft, was darf ich, was sollte ich jetzt essen, trinken und auch nicht, bla bla. Auch Geburtsvorbereitungskurse habe ich nie besucht (ich muss gestehen, ich persönlich fand das irgendwie albern, mit mehreren werdenden Müttern und vielleicht sogar noch Vätern da herumzusitzen und zu liegen und mir da einen wegzuhecheln). Auch habe ich mir nie irgendwelche Erziehungsratgeber gekauft. Ehrlich gesagt, braucht man die auch gar nicht: Es gibt genug Menschen in jedem Umfeld, die einem sagen wollen, was man wie tun sollte und was nicht.
Ganz egal, ob es sich dabei um Pädagogen handelt oder nicht - es weiß sowieso jeder am besten und jeder ist am glühendsten von seiner eigenen Auffassung und Lebensweise überzeugt. Nur so und nicht anders hats zu gehen! Prinzipiell kümmere ich mich nicht um die Meinungen anderer, weil ich nicht deren Leben leben will, sondern mein eigenes. Nur wenn mir zugetragen wird, was über mich getratscht wird, dann ticke ich aus. Da kenne ich nix. So wie bei der alten Dame aus dem Erdgeschoss, die sich darüber mokierte, dass ich so viele Windeln in den Müll bringen würde - und ob ich zuviel Müll in der Küche stapeln würde? Und die davon ausging, dass ich die Windeln durch die Toilette verabschieden würde - woher schließlich sollte die Rohrverstopfung kommen? Als ich davon erfuhr, bin ich direkt von der letzten Etage bis runter ins Erdgeschoss marschiert und habe bei ihr geklingelt. Wie sie dazu käme, solche Aussagen im Haus zu tätigen - und dann hielt ich ihr eine von diesen Pampers unter die Augen (natürlich keine benutzte): "Wollen Sie ernsthaft glauben, dass man so etwas tatsächlich in die Toilette tun würde? Wollen Sie ernsthaft glauben, dass man so etwas auch nur versuchen wollte, runterzuspülen?" Sie war puterrot im Gesicht, ich war auf hundertachtzig.
"Ich habe doch nicht... Ich würde doch nie!..."
"Wenn Sie Fragen haben oder etwas wissen wollen, dann klingeln Sie doch einfach und fragen mich danach."
"Na ja, aber Sie.. Sie gehen doch fast jeden Tag zum Müllcontainer."
"Mein Baby produziert pro Tag etwa sechs Windeln, dazu die Nachtwindeln, soll ich mir die etwa alle in der Wohnung aufheben?" (Übrigens, wenn man Bio-Lebensmittel kauft, weil man so ökologisch wertvoll leben soll - wieso haben dann die Bio-Lebensmittel haargenauso viel Verpackungsmüll?)
An diesen Dialog erinnere ich mich noch so genau als wäre es erst vor zwei Tagen gewesen - und dabei ist es nun schon rund 25 Jahre her. (Wohin ich aber gestern die Nagelschere legte, verdammt, ich weiß es einfach nicht mehr!)
Wie genau die Leute einen beobachten und bewerten, ging mir spätestens dann auf, als es hieß, ich würde meine Wäsche verkehrt auf die Leine hängen. Ich weiß zwar nicht, was man da verkehrt machen kann, aber na gut, ich habe auch nie danach gefragt, wie es ihrer Meinung nach hätte richtig sein sollen.
Ich habe mich auch nie dafür gerechtfertigt, dass mein Baby den süßen Brei aus Gläschen bevorzugte - oder auch den selbst zubereiteten Grieß. Spätestens mit dem Entdecken von weichem Leberwurstbrot war diese Phase ohnehin vorbei. Und fürs Gläschen kaufen rechtfertige ich mich auch heute noch nicht. Diese Gelassenheit im Zeiteinteilen und diese Freude am Selbermachen hat sich bei mir eben erst entwickelt, als meine Kinder schon groß waren. Immerhin sind sie sogar groß geworden! Und physisch gesund, auch mit sehr gesundem Gebiss. Glaubt man ja gar nicht, oder?
"Jetzt kaufen Sie ihm doch das bisschen Schokolade", maulte die Oma an der Kasse hinter mir, weil das Kind im Einkaufswagen so einen Spektakel machte.
"Nö, mach ich nicht. Wissen Sie vielleicht, wie viel wir von dem Zeug zu Hause haben?"
Später, als er drei Jahre war, warf er sich nach meinem kategorischen Nein im Supermarkt auf den Boden und zeterte (gibts übrigens auch so eine herrliche Werbung dazu, finde ich klasse!) und ich zuckte die Schultern, stieg über ihn hinweg und schritt zur Kasse. "Du kannst ihn doch da nicht liegenlassen", meinte mein Ex-Mann irritiert, "die Leute gucken doch!"
"Ist mir doch egal. Er wird schon kommen, wenn er uns nicht mehr sieht."

Letztlich hatte ich aber auch nie den Anspruch an das Leben, immer alles richtig zu machen oder gemacht zu haben. Ich hab da einfach nie drüber nachgedacht. Ich habe mein Kind vergöttert, weil es mein erstes war, das ich mit 20 Jahren bekommen habe. Dafür war ich die Inkonsequenz in Person - bis sein Bruder auf die Welt kam und ich einfach keine Zeit mehr dafür hatte. Trotzdem sind meine Söhne erwachsen geworden, haben ihre Abschlüsse, ihre Wohnung, ihr Leben, sie haben ihre Vorstellungen, ihre Ziele, haben sich nie auf Kosten anderer bereichert oder profiliert, sie lieben ihre Familie und stehen zu dem Scheiß, den sie selber fabrizieren. Also ist aus ihnen ja doch etwas geworden? Trotz fehlendem Geburtsvorbereitungskurs, trotz fehlender Erziehungsratgeber und missachteter Meinungen aus dem Umfeld, trotz Gläschenbrei und Papierwindeln? Trotzdem ich sie beide nur je knapp drei Monate stillen konnte, was ich jetzt auch nicht so schlimm fand - auch wenn es praktisch ist, dass man das Essen immer dabei hatte? (Essen auf "Rädern" bekommt da irgendwie grad ne ganz neue Bedeutung ;)). Ich liebe meine Kinder, mehr denn je, aber ich hab sie trotzdem nicht mit in meinem Bett schlafen lassen (wenn sie sich morgens mit ihrem Teddy zu einem kuschelten, hey, das war was anderes!), das Basteln haben sie im Kindergarten gelernt und wenn ich mal in Ruhe putzen oder Wäsche machen wollten, haben sie eben die Teletubbies geguckt. Das gibt ja auch heute noch immer gleich einen Aufschrei "Waaaahhh, das Kind wird vor dem Fernseher geparkt!" Ja und, steh ich auch dazu. Wann soll man das sonst alles machen? Nachts, wenn die Kinder schlafen und man selber kaum noch die Augen offen halten konnte?
Nie werde ich das Beratungsgespräch vergessen, in dem ich Rotz und Wasser heulte und die nette Dame mir erst ein Taschentuch überreichte mit der Frage "Erzählen Sie mir doch mal von Ihrem Tag, vielleicht organisieren Sie sich ja nur falsch?" und am Ende der Geschichte wortlos, aber verständnisvoll ein Bestätigungsformular über den Tisch, "falls sich das nicht schon mit dem Entfernen der Empfängnisverhütung von selbst erledigen wird".

Vielleicht wäre mein Großer heute ein aktiver Fußballer, wenn wir sein Talent, seine glühende Begeisterung eher erkannt und entsprechend gefördert hätten.
Vielleicht wäre mein Jüngster nicht nach der 7. Klasse vom Gymnasium abgegangen, nachdem er dort eine Ehrenrunde hatte drehen müssen, die Kinderärztin nach seinen sich inzwischen beinah monatlich einstellenden Bauchschmerzen und Übelkeitsphasen bei wiederholtem befundfreien Blutbild anklingen ließ, dass das möglicherweise doch eher psychische Ursachen hätte und der Junge selbst schließlich befand: "Ich will nicht mehr aufs Gymnasium."
Vielleicht hätten beide Kinder heute ein Abi und ein Studium begonnen, wenn wir ihren Ehrgeiz mehr ge- und befördert hätten, anstatt uns jahrelang in einem schlechten Rosenkrieg auseinanderzusetzen.
Und vielleicht hätte ich tatsächlich Erziehungsratgeber lesen und mir fremde Meinungen annehmen müssen.
Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.
Stattdessen war ich der Überzeugung, meinen Kindern meine Wertvorstellungen von Respekt und Achtung mitzugeben, von einem Bewusstsein für die Schwächeren um uns herum und ihnen vor allem meine bedingungslose Liebe mitzugeben, die sich wiederum aber nicht darin ausdrückt, mein Leben lang auf ihnen zu hocken. Dass ich sie, wenn ich bei ihnen bin, bekoche und manchmal bebacke, ihre Wäsche wasche und bügle, das mache ich, weil es MIR Spaß macht. Und weil ich es nicht mehr jeden Tag tun muss ;)
Ich genieße es, dass jeder von uns sein Leben führt und wir trotzdem immer zusammen sind. Auch über die räumliche Distanz. Jeder geht seinen eigenen Weg und genießt, dass wir einander haben. So zumindest habe ich mir das auch immer vorgestellt. Auch ganz ohne Ratgeber.

Donnerstag, 16. Februar 2017

Königskinder

...Blogger und Wordpress.
Ich habe ja nun einige Wordpress-Blogs im Abo, aber oft muss ich feststellen, dass ich den Hinweis auf einen neuen Post erst bekomme, wenn "alle Messen schon gesungen sind". Phasenweise bekomme ich auch gar keine Benachrichtigung mehr, wundere mich, dass derjenige nix mehr schreibt und wenn ich dann den Blog zielgerichtet aufrufe - zack - da hat der- oder diejenige munter weitergeschrieben und ich hab nur nix davon mitbekommen.

Anfangs half es, dem abonnierten Blog zu entfolgen und ihn Tage später neu ins Abo zu nehmen. Manchmal musste ich das auch mehrmals machen und manchmal - ich gebe es zu - hab ich dann auch die Lust dran verloren.

Sehr merkwürdig finde ich auch, dass Wordpress-Blogger bei mir eine (scheißblöde) Captcha-Frage beantworten müssen (oder auch zwei oder auch drei etc.): Ich mag die auch nicht und habe diese Option extra in meinen Blogger-Einstellungen deaktiviert. Trotzdem werden Wordpress-Blogger abgefragt, weshalb ich stattdessen hin und wieder Kommentare via whatsapp oder per E-Mail bekomme. Also dachte ich, gebe ich es so frei, dass in den ersten 5 Tagen nach Erscheinen eines Posts keine Kommentarmoderation oder sonstige Einschränkungen notwendig sind (die blöden Spammer mit ihren Viagras & Co. greifen sich ja ausschließlich ältere Posts heraus) - aber nee, funktioniert für Wordpress-Blogger trotzdem nicht.

Können die nicht miteinander? Königskinder oder einfach nur erzneidische Konkurrenten? Herrschaftszeiten - wir wollen doch nur lesen und schreiben! Egal wo.

Montag, 13. Februar 2017

Die selektive Wahrnehmung des weiblichen Gehirns



Der Mann muss lernen für eine wichtige Prüfung, die in wenigen Wochen ansteht. Wie früher zu Schulzeiten oder Berufsschulzeiten hat er sich Karteikarten angefertigt - es mögen um die 50 oder 60 Stück sein, und irgendwann soll ich ihn dann auch mal abfragen.

So Fragen wie "Benennen Sie die X/Y-Theorie nach McGregor". Wen meinen die? Ewan McGregor? Immerhin ist der der einzige, den ICH mit diesem Namen kenne und spontan sieht mein inneres Auge mich in einem roten knappen Glitzerkleid im Moulin Rouge herumtänzeln. Bunte Menschen, bunte Gesichter.. Na gut, dafür müsste ich auch nicht gleich nach Paris eilen, ist ja grad Faschingszeit.
Jedenfalls sehe ich justament alles Mögliche vor meinen Augen, aber ich vermute, das nichts davon zur korrekten Antwort gehört.
"Die X-Theorie besagt, dass der Mitarbeiter Abneigung gegen Arbeit hat", werde ich belehrt und ich kreische begeistert "Aber das passt ja auf jeden mindestens an jedem Montagmorgen!"

"Hast du dir früher in der Schule eigentlich auch Eselsbrücken gebaut?"
"Ich? Nein. Ich hab so lange gelernt, bis es im Kopf war. Früher hatte ich noch Ausdauer."
"Aber wie würdest du dir denn merken, was der Unterschied zwischen erwarteten additiven Gesamtkosten und zwischen den linearen Gesamtkosten ist?"
Als ich ihn anschaue, begegnet mir in der Mitte des Blickfeldes eine aufgerissene Ritter Sport Marke "Schoko Brownie". Es versteht sich nur von selbst, dass genau hier nicht nur mein Blick, sondern auch meine Aufnahmefähigkeit stoppt und sein Redefluss genauso genüßlich an mir vorüberrieselt wie ein Stück dieser Schokolade auf meiner Zunge zergeht.
"Ich hab schon längst abgeschalten", unterbreche ich ihn großmütig.
"Na klasse. Wozu rede ich überhaupt."
"Was weiß ich denn, wovon du sprichst? Ich muss doch diese Prüfung nicht machen."
"Es ist aber eigentlich ganz einfach. Es gibt zwei Formeln, mit denen man es berechnet. Und in einer Formel gibts nur Plus und Minus und in der anderen nur Mal oder Geteilt durch. Die Formel mit Plus und Minus ergibt die additiven Gesamtkosten und..."
"...Mal und Geteilt durch ergibt das andere."
"Genau. Und wie merkst du dir nun linear und additiv?"
"Na jaaaaa! Plus und Minus sind doch, wenn man sie aufschreibt, irgendwie lineare Zeichen. Also Linien. Also sind die linearen Zeichen die Formel für die nicht linearen Gesamtkosten. Also für die additive Gleichung."
Fassungsloses Kopfschütteln beim Mann. "Weibliche Logik. Das war ja so klar."

Nun ja.
Ich habe Feierabend, ich habe heute den ganzen Tag genug nachdenken müssen, da will ich wenigstens abends meine Ruhe haben. Zu dieser Tages- bzw. Abendzeit kann ich nur noch wahrnehmen, was ICH will. Was MICH interessiert.
Und so sinnlose Sachen machen wie mal nachzugucken, wie ich in zum Beispiel 10, 30 oder gar 50 Jahren (die grenzenlosen Optimisten!) aussehen könnte.
Also wenn Ihr mich fragt: Ich finde mich mit 97 am coolsten!
Auch wenn die 97er Dame einen ordentlichen Silberblick zu besitzen scheint.
Aber wie ich mich kenne, habe ich dann ganz offensichtlich nur ein Glas Weißwein zuviel getrunken.




Freitag, 10. Februar 2017

Das Leben nach dem Sterben



Ich bin nicht sicher, ob es mir gelingt, diesen Post (aus Gründen) nicht all zu persönlich zu schreiben, aber ich möchte es versuchen..

Ich bin das mittlere von drei Kindern und wie es bei vielen "Sandwichkindern" so ist, gehen sie zwischen ihren Geschwistern unter - oder sie empfinden es zumindest so. Schon recht früh habe ich mir etwas für mich selbst gewünscht, das nur mir gehört. Auch und vor allem Liebe. Wie wenig ich tatsächlich damit umgehen konnte, zeigte mir die erste "große" Liebe: Mehr als einen einzigen schüchternen Kuss vor der Haustür gab es nicht, er wagte es nicht und ich erst recht nicht.
Die erste zaghafte Beziehung scheiterte bereits nach wenigen Wochen, weil er einfach keine Geduld mit mir hatte.
Die erste richtige Beziehung scheiterte aus verschiedenen Gründen und weil ich meinen heutigen Ex-Mann kennen lernte und von zu Hause fortging. Damals glaubte ich, ich wäre am Ende meiner Reise angekommen und das würde von nun an mein (hoffentlich erfülltes) Leben sein. Glaubte, dass die Ohrfeige ein Ausrutscher war. Dass Beleidigungen und Erniedrigungen ja nicht von Herzen, sondern "nur" aus der Wut heraus kamen, an der ich möglicherweise auch schuld war. Weil, eigentlich liebte er mich doch, auch wenn er immer ausführte: "Ich muss dir nicht sagen oder zeigen, dass ich dich liebe, du weißt auch so, dass das so ist und außerdem kann ich das auch nicht so zeigen." Wenn ich genau diese sechzehn gemeinsamen Jahre betrachte, über die ich heute keine Lust mehr zu sprechen habe, die mir aber immer noch 14 Jahre nach dem Ende - wie gerade jetzt - eiskalte Finger und ein Zittern verursachen - war es vermutlich nur eine Frage der Zeit und mit Sicherheit auch nicht schwierig, mich in einen Mann zu verlieben, der so ganz anders war.
Mir eröffnete sich damit eine bis dahin völlig unbekannte Welt und ich fand heraus, dass all mein sehnsüchtiges Träumen und Verlangen tatsächlich nicht nur in Kinofilmen existierte, sondern dass ich einfach nur den falschen Mann geheiratet hatte. Ich kann nicht beurteilen, ob ich bis dahin eher unscheinbar gewesen war, aber ich kann zumindest sagen, dass ich in diesem einen Jahr angefangen habe, mein eigenes Ich zu entwickeln. Ich fand heraus, was ein Milchkaffee ist und dass ich die Farben rot und weiß liebe. Dass ich keine blond gefärbten Haare mehr wollte und dass mir an der Grenze zum erheblichen Untergewicht einige Kilogramm mehr durchaus besser standen - und ich trotzdem immer noch eine Frau war, die man lieben konnte. Dass Liebe sich aber auch nicht darüber definiert und Liebe auch vor allem ein Miteinander bedeutet. Eine Zweisamkeit, die am Vormittag des 3. Aprils 2003 von jetzt auf gleich endete. Viel zu viele Fragen, auf die keine Antworten mehr kamen. Viel zu viele Empfindungen, die kein Ventil mehr hatten. Viel zu viel Schmerz, dessen Abgrund mich kaum tiefer reißen konnte. In dieser Zeit habe ich nicht gelebt, ich habe funktioniert. Tagsüber eine krampfhaft aufrecht erhaltene Fassade, die nur nachts komplett demontiert werden konnte, wenn keiner hinsah und keiner zuhören konnte. Dieses elende Loch in der Brust, das ich nicht zu schließen vermochte.
Man glaubt, man steht niemals mehr auf und manchmal glaubt man, dass das auch egal ist, ob oder ob nicht. Man ist nicht mehr man selbst, man sieht nur noch nach außen so aus, während in einem drin alles schon tot ist.
Genau dasselbe ist mir drei Jahre später an einem Tag im August noch mal passiert.
Da fragt man nichts mehr, da fühlt man nichts mehr.
Man hadert mit sich und der Welt, warum und wofür es das gebraucht hatte. Diese Frage führte mich immer wieder zu einer Erkenntnis zurück: Ohne dem wäre ich noch immer in dieser Ehe, vermutlich. Was bis heute dann aus mir geworden wäre, darüber denke ich nicht nach. Ich weiß nur, dass alles passieren durfte, aber nicht das. Nie nie wieder dieser Mensch und diese Ehe. Dann lieber allein als so.
Und ich glaube, dass genau hierin mein "Motor" liegt. Der, der mich antreibt, für mich und für meine Vorstellungen einzutreten. Ich glaube an die romantische, zärtliche Liebe, weil für mich persönlich Liebe ohne Romantik nicht geht. Ich glaube daran, weil ich sie erfahren habe. Weil ich sie heute leben kann. Mir sind nach 2003 einige Menschen begegnet, die gut waren, die auch gut zu mir waren oder für mich gewesen wären. Und trotzdem war es einfach... nicht DAS. Wie oft habe ich mit mir gehadert und gedacht: "Stell dich doch verdammt noch mal nicht so an, was willst du eigentlich, so bleibst du immer alleine."
Aber ich konnte niemanden neben mir aushalten, der mich nicht erfüllte. Der es nicht vermochte, die Sehnsucht in mir zu stillen und mich ankommen zu lassen. Wenn du neben jemandem liegst und daran denkst, dass dir einfach was fehlt, dann weißt du, dass du nicht da bleiben kannst, wo du gerade bist. Dann war ich doch lieber allein. Anfangs ohne, später aus eigener Überzeugung heraus.

Betrachte ich mein Leben heute, sehe ich, dass ich um so vieles weitergekommen bin. Dass ich sicherlich liebend gern auf die eine oder andere Erfahrung verzichtet hätte, weil sie mir einen Teil meiner Unbeschwertheit genommen haben. Weil sie mich verändert haben und ich mir nicht sicher bin, ob das nun gut für mich war oder nicht. Aber ich bin innerlich nicht mehr tot. Heute bin ich mehr denn je ich selbst, auch wenn ich damit nicht "jedermanns Geschmack" bin und auch nicht jeder das gut so findet wie es ist. Aber ich bin ich, ich muss und ich will auch nicht jedem gefallen und mit all dem Gewesenen habe ich zumindest gelernt, für mich selber einzustehen und zu kämpfen. Um da hinzukommen, wo ich hin wollte, als Mädchen, als junge Frau und auch jetzt noch immer.

Wenn das Gewesene der Preis dafür war, dann war er sehr hoch, verdammt hoch.
Das Leben heute aber ist ein so viel besseres, schöneres als es vor der Begegnung 2002 war. Und das ist es, was am Ende zählt.




Montag, 6. Februar 2017

Fragen und Erkenntnisse


Im Rahmen eines - nun sagen wir - Testlaufes darf ich im Moment keinen Kaffee mehr trinken. Ich bin also auf Entzug. (Na gut, es hieß dann - vermutlich ob meines latent schockierten Gesichtsausdruckes: Bitte nur ganz wenig Kaffee! Und den erlaube ich mir dann zum Frühstück.) Einen Zombie macht das wohl gerade nicht aus mir, aber ich gebe zu, es verhilft mir zurück zu meiner typisch nordischen Mentalität: Ich rede noch weniger als sonst. Weil ich einfach nicht in Fahrt komme.
(Habe letztens gelesen, dass es im Norden "Moin" heißt und dass "Moin Moin" schon Gesabbel bedeute. Kann das völlig nachvollziehen.)
Manchmal ist dem Mann das unheimlich, dann will er mir pausenlos was erzählen, von Aktienkursen und Bewegungen an der Börse, von Achtzylindern und überhaupt. Alles Dinge, die mich brennend interessieren. Gähn. Und das macht er auch dann, wenn ich gerade meine Kopfhörer aufhabe, weil krachend laute Musik am ehesten meine aus verschiedenen Gründen derzeit aufgewühlte Gedankenwelt beruhigt. Dann wiegt er so lange seine Arme in Windradmanier, bis ich auf ihn und auf sein Mitteilungsbedürfnis aufmerksam werde und nach dem dritten, vierten "Ampelsignal" entnervt die Kopfhörer von den Ohren ziehe. (Manchmal drehe ich mich weg, damit ich in Ruhe die Augen verdrehen kann, und dann sagt Herr Blau: "Ich seh das, Frollein!") Übrigens finde ich klasse, dass es nach dem letzten Handy-Update auch so einen entsprechenden Smiley gibt. Der ist aktuell mein Favorit.

Mich beschäftigen zum Beispiel derzeit so Fragen wie... Wie geht das eigentlich, jemandem ein schlechtes Gewissen zu machen, indem man gar nichts tut? Und ich meine mit gar nichts tatsächlich gar nichts. Ich bin wie immer. Ich bin nur ruhiger. Na gut, stiller. Was zum einen am deutlichen Koffeinmangel liegt. Und zum anderen an der Tatsache, dass in keinem Vertrag steht, dass ich immer den Clown machen muss. Aber wieso kann man überhaupt ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn man doch eigentlich von seinen Entscheidungen überzeugt ist?
Zum anderen geht mir derzeit die Erkenntnis auf, dass vermutlich gar nicht darin das "Schlimmste" liegt, dass sich eine Tür schließt. Sondern dass das "Schlimmste" die Zeit dazwischen ist, bis man weiß, wo und welche neue Tür sich öffnet. Diese Ungewissheit dazwischen. Seit 2002 habe ich viel zu oft Phasen der Ungewissheit erlebt und muss sagen, ich konnte nur schwer damit umgehen.
Momentan schlafe ich nachts so ein, zwei Stunden. Dann träume ich oft, dass ich am Meer stehe oder darin bade - und immer träume ich von Wellen, die über mir sind. Nie aber reißen sie mich mit fort. Ich finde sie auch nicht beängstigend, ich finde sie geil und schreie vor Begeisterung. Also im Traum.
Heute Morgen habe ich mal nachgeschlagen, ob und was mein Kopf mir damit sagen wollen würde.
Es deutet auf Veränderungen hin, die durchaus sehr positiv sein können.
Na dann. Packen wir es doch an.

Samstag, 4. Februar 2017

The Only Thing



Man sagt immer, das Beste, das man je hervorgebracht habe, seien das Kind oder die Kinder. Ob man so weit gehen kann, das zu sagen, weiß ich gar nicht, denn das würde ja bedeuten, dass man ohne Kinder nichts Wirkliches "erschaffen" könnte..

Und eigentlich hatte ich mir vorgenommen, ab diesem Jahr keine "offenen" Briefe mehr an Dich und Deinen Bruder zu schreiben. Ihr wisst auch so, dass ich Euch liebe, und das ist im Grunde ja auch das Wichtigste.
Dennoch...

Gestern Abend haben wir auf dem Sofa gelümmelt, beinah wollten uns immer wieder die Augen zufallen, dem Mann und mir, und dann klickten wir uns in die Filmdatenbank und kamen so zu "The Third Person". Ein Film mit anfangs parallelen Handlungssträngen, die scheinbar erst mal nichts miteinander zu tun haben. Und die am Ende auch völlig anders miteinander verknüpft sind als wir zunächst annahmen..
Nur eines bleibt all den Handlungssträngen gleich: die Verbindung zwischen Eltern und Kind.
Der Verlust, gleich welcher Art.

Ich habe dabei an Dich gedacht, einmal mehr. Im Ohr noch den wunderbar entspannten Klang Deiner Stimme vom Telefonat ein paar Augenblicke zuvor. Selten erlebe ich Dich so entspannt, so gut aufgelegt. Noch weißt Du nicht offiziell, dass Dein Weg in ein paar Wochen endet und woanders langführen wird. Offen gestanden, mich bringt neben all der aktuellen Schmerzproblematik vor allem das um den Schlaf in der Nacht. Weil ich vor allem nicht einschätzen kann, was es mit Dir macht. Seit jener Nacht vor wenigen Jahren, in der Du mir Dinge anvertrautest, die sonst niemand von Dir weiß, sind wir uns nicht nur näher als sonst, habe ich auch viel mehr Sorge um Dich.
Ruhlos wälze ich mich nun hin und her, vor meinen Augen laufen Gespräche ab, die geführt wurden und möglicherweise und auch sehr wahrscheinlich in der nächsten Zeit geführt werden.
Wenn es ein Mensch verdient hat, um seiner selbst willen angenommen, respektiert und nicht mehr herumgeschubst zu werden, dann bist es vor allem Du. Du mit Deiner wunderbar einfühlsamen, sensiblen Seele, der es schwer fällt, sich auf Neues einzustellen, sich hineinzufinden - und dann aber in Ruhe verlässlich seine Bahnen zieht. Wer Dich zum Freund hat und Dein Vertrauen nicht enttäuscht, der kann sich Deiner absoluten Loyalität sicher sein. Der hat einen Freund fürs Leben.
Von Klatsch und Tratsch hältst Du nichts, Du kümmerst Dich nicht um das Leben anderer; es sei denn, jemand könnte Deine Unterstützung brauchen. Dann gibst Du alles und vergisst gerne dabei auch Dich selbst.
Vor einigen Tagen las ich in einem anderen Blog von 27jährigen mit Bambiblick und was man von ihnen hielte. Und ich fragte mich, was jene Menschen wohl über Dich gesagt hätten oder sagen würden. Wie sie Dich sehen würden. In vier Tagen wirst Du 27.

Erst vor kurzem ging mir durch den Kopf, wie das alles so war, seit Du auf die Welt gekommen bist. So ein unfassbar wissbegieriges, entdeckungsfreudiges Kind. Du wolltest alles immer ganz genau wissen und Du hast so lange nicht aufgehört zu fragen, bis Dein Wissensdurst gestillt war. Du warst so herrlich offenherzig, zutraulich, so dass ich manchmal auch befürchtete, es wäre ein leichtes, Dich zu entführen und mir wegzunehmen, weil Du einfach nie glauben oder Dir vorstellen konntest, dass es auch Menschen gibt, die es nicht gut mit einem meinen. Dein Vater hat oft geäußert, Du würdest ein Mitläufer sein oder werden, einfach um dazuzugehören, aber irgendwie wusste ich immer: Nein, Du nicht. Du siehst mir nicht nur ähnlich, Du bist mir auch sehr ähnlich.
Man glaubt schnell von Dir, Du seist so ruhig und still und so anpassungsfähig, dass man es leicht mit Dir hätte. Aber weit gefehlt. Du hast absolut Deinen eigenen Kopf und Du tust nichts, wovon Du nicht selber überzeugt bist.
Du hast sehr viel durchgemacht, viel mehr, als ich weiß. Daran liegt es, dass Du heute niemandem mehr vertraust und es auch lange dauert, ehe Du Dich öffnest.
So wie Du mir lange nicht verziehen hast, warum und dass ich mich von Deinem Vater getrennt hatte. Du wolltest damals lieber bei ihm bleiben und hast fast ein Jahr lang kaum mit mir gesprochen. Und wenn, dann war Deine Ablehnung in jedem Satz, in jedem Klang spürbar. Bis zu jenem Abend, den ich Dich zu mir an den Küchentisch gebeten habe. Ganz in Ruhe mit Dir sprach. Nein, ich habe nicht versucht, Dir Dinge zu erklären, die Du nicht wissen wolltest, und ich habe auch nicht versucht, Dich von mir und meinem Weg zu überzeugen.
Aber ich habe deutlich gemacht, was ich mir für uns drei wünschte: ein Miteinander, ein Zusammensein, einen respektvollen Umgang ohne Kraftausdrücke - oder Du solltest mir offen sagen, dass Du nicht mehr zu mir kommen wolltest. Dann haben wir beide nichts mehr gesagt, Du hattest Deine Hände in Deinem Schoß liegen, dann bist Du aufgestanden und zu Deinem Bruder gegangen. Ich habe noch ewig in der Küche gesessen und heimlich geweint.
Von da an war alles anders zwischen uns. Du bist immer öfter zu uns gekommen und immer länger geblieben und eines Tages bliebst Du einfach ganz bei uns.
Wenn Du etwas auf dem Herzen hast oder nicht weiter weißt, rufst Du zuerst bei mir an.
"Sie sind seine wichtigste Bezugsperson", hat Deine Therapeutin erst im Dezember zu mir gesagt.
"Mir wird oft vorgehalten, dass ich viel zu weit weg bin."
"Ja, das hat mir Ihr Sohn auch schon erzählt und mich macht das ganz wütend. Sie sollen ja nicht auf ihm hocken, er muss ja sein Leben auch selber lernen zu leben. Für jemanden da sein, heißt ja nicht, sein Händchen zu halten."
Sie kennt mich, ich war selber lang genug bei ihr. Deswegen auch glaubte ich Dich von Anfang an in guten Händen bei ihr.

Mein Junge, wenn ich Dich heute umarmen will, muss ich mich auf die Zehenspitzen stellen, und dabei bin ich auch nicht gerade klein. Und wenn ich Dich zur Begrüßung oder zur Verabschiedung umarme, verdrehst Du die Augen und lächelst: "Jetzt geht DAS wieder los."
So wie ich immer die Augen verdrehe, wenn ich erlebe, wie unfassbar chaotisch Du in Deinem eigenen Reich bist und wie wenig glücklich Dein Händchen für Technik ist. Ich habe inzwischen aufgehört zu zählen oder mich aufzuregen, wie viele Handies, Kopfhörer und sogar Fernsehgeräte Du verschlissen hast. Ich bin mir fast sicher, dass es nicht an fehlender Wertschätzung liegt, denn das meiste ersetzt Du Dir selbst von Deinem knappen Geld. Du bittest auch nur um Hilfe, wenn es gar nicht mehr geht, und so dankbar Du auch für finanzielle Unterstützung bist: Eigentlich willst Du es nicht. Du willst auf eigenen Beinen stehen, Dein eigenes Geld verwalten und davon sparen. Du willst selbständig sein und selbständig leben und Du willst nicht, dass man Dir ständig vorschreibt, wie das auszusehen hat.
Deine Oma und ich, wir haben es immer getan und wir glauben auch heute an Dich. Wir wissen, dass Du in vielen Dingen Zeit brauchst, mehr als andere, aber wir wissen auch: Du gehst Deinen Weg, unbeirrbar. Wie eine Lehrerin es von Dir einst sagte: "Er ist wie ein Motor, der ganz langsam anläuft. Aber wenn er dann einmal läuft, ist er nicht mehr aufzuhalten."
Und ich erinnere mich an Deinen praktischen Lehrausbilder, der über Dich sagte: "Diesen Jungen gebe ich nicht auf, der ist mir zu wertvoll."
Mehr als zuvor wünsche ich Dir Menschen, die genau das in Dir sehen, was Du auch wirklich bist, die genau das wertschätzen, wie Du bist - und bei denen Du ankommen darfst.

Und manchmal, wenn ich bei Dir bin und wir uns gegenüberliegen, abends beim Fernsehen, Du auf Deinem Bett, ich auf dem Sofa, dann betrachte ich Dich, sehe Deinen fragenden Blick und Dein Lächeln mit den herrlich tiefen Grübchen, und dann weiß ich: Du bist mit Deinem Bruder das Beste, das ich je hervorgebracht habe.

Freitag, 3. Februar 2017

Schenk mir die Weisheit und so Bla Bla

Quelle: http://image.stern.de/6478812/uncropped-906-529/64abd406e73e2b6597683884e4cf078/GM/nichtschwimmer.jpg

"Mir ist mal aufgefallen, dass du immer nörgliger wirst mit dem Alter. Alles nervt dich."
"Das stimmt!"
"Bei mir ist das anders. Je älter ich werde, desto gelassener werde ich."
"Das stimmt und das nervt mich auch!"

Jetzt könnte man ja darüber philosophieren, ob es sich tatsächlich um eine mir eigene mentale Gelassenheit oder vielleicht sogar um Desinteresse handelt. Oder um der Weisheit letzter Schluss, dass ich kapiert habe, mich nicht sinnlos über Dinge aufzuregen, die ich sowieso nicht ändern kann.
Aber ehrlich gesagt, habe ich momentan überhaupt gar keine Lust , darüber zu philosophieren.
Also doch Desinteresse?
Hm.
Meine Wahrheit ist, ich fände es einfach nur schön, wenn Menschen (mehr) genießen könnten, dass es ihnen gut geht.

Samstag, 28. Januar 2017

Riding Home Today



Manchmal denke ich schon, dass ich einen Spleen habe.
Ich mag keine fremden Badezimmer, erst recht nicht, wenn sie öffentlich sind.
Ich übernachte nicht gern woanders, ich schlaf am liebsten zu Hause.
Ich esse nicht gern vom Besteck oder Geschirr, das gerade ein anderer benutzt.
Ich mag nicht die Sachen anderer Menschen anziehen.
Ich mag nicht die Kosmetika anderer Menschen benutzen.
Ich mag nicht auf den Mund geküsst werden - außer vom Mann.
Ich mag nicht von Fremden angefasst werden.
(Insofern werde ich auch nie Kandidatin bei Shopping Queen werden.)

Aber es ist schon echt verrückt. Wenn ich M verlasse und auch nur einen, zwei oder mehrere Tage woanders verbringe, kann ich spätestens dann die Nächte voll durchmachen. Beinah so, als befände ich mich auf Speed. Dann sitze ich großäugig und putzmunter wahlweise auf Sofa oder Bett, mache die Nächte fast komplett durch (oder schlafe schlecht, wenn ich es doch versuche) und bin tagsüber dennoch nicht müde.
Kaum aber trete ich in M durch die Tür, fällt schlagartig alles von mir ab, kehrt die Ruhe in der Seele ein und falle ich wahlweise auf Sofa oder Bett - und stehe zumeist auch ein ganzes Wochenende nicht mehr wirklich auf.

Heute nun fahr ich wieder zurück nach M, den Schlafentzug bemerke ich insbesondere an der nun doppelt quälenden Intensität des andauernden Schmerzes, aber dann dreh ich den Regler nach rechts und die Musik vibriert durch den kleinen Raum. Den einzigen kleinen Raum, der für wenige Stunden mir ganz allein gehört, den ich mit Musik füllen kann, so laut und so viel ich will..
Und ja, ich hab auch gelesen, dass es jetzt Cannabis auf Rezept gibt, sofern man eine willige Kasse bedient und außerdem an den "richtigen" Krankheiten leidet. Aber ich frage mich grade, wenn ich das denn je beantragte und überhaupt bekäme, dann dürfte ich vielleicht kein Fahrzeug mehr führen? Und dann wärs vorbei mit diesen krachend musikerfüllten Stunden? Hm. Muss ich noch drüber nachdenken, was mir wichtiger ist. Oder wie Herr Blau immer sagt: "...dann tuts noch nicht genug weh."

Freitag, 27. Januar 2017

"Heute ist unser Tag." Jeden Tag!



Als ich zum allerersten Mal in Dein kleines Auto stieg und mich neben Dich setzte, glaubte ich noch für einen Moment, Du seist nur eine von den unzähligen Mitfahrgelegenheiten, derer ich mich bediente.
"Macht es dir etwas aus, wenn ich etwas esse?" hast Du mich gefragt und ich verstand die Frage nicht: "Ist doch dein Auto?"
Und dann hast Du sie ausgepackt, diese irre Brotbüchse mit fingerdick geschnittenem Brot und mit irgendwas belegt, das mindestens genauso dick war - und irgendwie habe ich mich fast sofort wie zu Hause gefühlt. Wie ganz früher als Kind, als ich noch klein war und in genau so einer Brotbüchse Kekse versteckte, die ich nicht mit den Brüdern teilen wollte. Du hast gegessen und wir haben geredet, erzählt, Erinnerungen hervorgekramt, als würden wir uns schon ewige Zeiten kennen und hätten uns nur mal eben wiedergesehen.

Noch heute erinnere ich mich an diese Begegnung; ich weiß zwar nicht mehr, ob es Frühjahr, Sommer oder auch schon Herbst war, aber es war sonnig und es ging uns gut.
Von da an sind wir bei jeder möglichen Gelegenheit gemeinsam gefahren, mal ich mit Dir, mal Du mit mir.

Auch als wir zu Deinem Geburtstag ans Meer gefahren sind, konnte es nur genau so gehen und kein bisschen anders. Und wir haben es beide geliebt, genau so wie es war. Chaotisch, planlos, aber kein bisschen ziellos. Wir wussten immer genau, was wir wollten und irgendwie haben wir auch genau das immer erreicht.

Heute schaue ich auf Dich und immer und immer wieder überkommt es mich, dieses Gefühl, so als würde sich mit Dir noch einmal mein ganzes Leben wiederholen. So als stünde ich neben mir und schaute mir selber zu.
Als Du mir heute Abend von Deinem neuen Plan schriebst, da lächelte ich einmal mehr ungläubig.
Es ist immer noch Dein Leben. Es ist immer noch Dein Weg.
Aber es war eben auch meins.
Wir glauben, dass wir lieben, weil wir eigentlich nur fort wollten aus dem Leben bisher. Weil wir glauben, das hier sei die Endlösung und das einzig Mögliche. Wir fühlen uns schuldig an Dingen, die wir nicht zu verantworten haben. Wir verbringen Stunden um Stunden beim Therapeuten, weil "in meine Praxis kommen nicht die, die es nötig hätten, sondern die, an denen es ausgelassen wird". Wir zerfressen uns und hadern mit uns, weil wir glauben, wir müssten dem Spagat aus Fulltimejob, Haus und Kind gerecht werden und können es doch nicht. Wir sehen in den Spiegel und sehen etwas ganz anderes als das, was uns eingetrichtert wird, und irgendwann verschwimmen dann doch die Linien, verschieben sich die Blickwinkel und dann glauben wir zu sehen, dass wir tatsächlich das sind, was er uns sagt: ein Nichts, ein Niemand, hässlich, scheiße und unfähig in allem.. Immer öfter denken wir: Nee, das ist es nicht gewesen, das kann es echt nicht gewesen sein. Nicht so.

Und heute Abend schreibst Du mir: "..Und ich kann mich orientieren, wie du alles geschafft hast."
Nein, mach das nicht. Mach Dein eigenes... Ich bin echt sehr gespannt, wohin Dich Dein Weg führt..
Nur für heute, jetzt und hier.. lass uns unbedingt ganz bald noch mal ans Meer fahren!!! Nur wir zwei!!




Dienstag, 24. Januar 2017

Die Flut an Farben, Gerüchen und Eindrücken - Jodhpur, Tag 9



Jodhpur ist, glaube ich, eine Stadt, die die Klischees von Indien erfüllt: laut, bunt, schmutzig; es ist heiß, es ist unfassbar staubig, und dennoch überrollt mich die Flut an Gerüchen und Farben, und immer wieder fällt mir auf: Das Bunte an Indien sind vor allem die Frauen. Sie kombinieren die verrücktesten, leuchtendsten Farben, die ich je gesehen habe, ihre Arme sind voller Reifen, kaum eine Frau, die nicht auch weiteren Schmuck an den Ohren, in der Nase, um den Hals und an den Händen trägt. Und es steht ihnen! Ich selbst bevorzuge Schlichtheit, aber wenn ich all diese Frauen sehe mit ihren bunten Kleidern und ihrem Körper voll Schmuck, dann bin ich fast versucht, auch so aussehen zu wollen - und das einzige, das mich zurückhält, ist das Bewusstsein, wie ein Christbaum auszusehen. Es passt einfach nicht zu uns Europäern, finde ich. 
Und dann denke ich: Es ist gut wie es ist. Würden wir alle gleich aussehen, wäre es ja langweilig.

Wie vor jeder größeren Stadt werde ich von Herrn Blau gebrieft: "Schau ihnen nicht in die Augen, das verstehen sie als Aufforderung, als Interesse, und dann wirst du sie nicht mehr los."
Offen gestanden, mir fällt das schwer. Menschen interessieren mich und Augen faszinieren mich. 
An ihnen erkennst du einfach sofort, ob ein Mensch tatsächlich lächelt oder nur die Zahnreihen freilegt. Und ich will doch entdecken, ich will sehen, ich will hinschauen und jedem, der mir etwas anbietet, lächle ich ein "No, thanks" entgegen. Ich kann nicht einfach vorbeigehen und so tun, als nähme ich sie gar nicht wahr. Es sind immer noch Menschen, die am Abend eines Tages etwas Geld vom Verkauf mit heimbringen sollen oder müssen. 

Jodhpur, eine Stadt mit rund einer Million Menschen - und man spürt es. Sobald das Auto irgendwo hält, sind sie da, die jungen Mädchen und Frauen mit den Kindern auf dem Arm, den Babies im Arm, und immer wieder krampft sich in mir alles zusammen, wenn ich die kleinen dürren Füßchen sehe, die ausgemergelten Körper der Frauen. 
"Die Frauen wollen nur Geld für Opium", werden wir vom Inder wiederholt gewarnt, wir sollen sie nicht beachten und die ganz hartnäckigen verscheucht er mit einer energischen Handbewegung und ein paar Worten auf Hindi. Noch heute verfolgt mich dieses Geräusch der ersten drei Finger an der Hand, mit der die Frauen und halbwüchsigen Kinder an die Scheiben klopfen. Tok Tok Tok. 



Und Inder sind unglaublich beflissen. Hast du erst einmal ihren Shop betreten, fragen sie nur kurz, wonach du suchst - und dann laufen sie hin und her, erzählen im Vorbeigehen auf Englisch und breiten eines nach dem anderen vor dir aus.
"Du musst sie stoppen", sagt Herr Blau, "du musst schon sagen, wonach du suchst, sonst haben wir hier bald den ganzen Laden ausgebreitet vor uns liegen."
"Ich weiß gar nichts mehr", entgegne ich, "ich bin... komplett überfordert gerade."
Am Ende kaufen wir nichts, denn während ich auf der Suche nach bestimmten Farben und Mustern bin, die ich trotz aller Fülle nicht finden kann, ist Herr Blau ernüchtert von den Preisen, die auf seiner letzten Reise vor 6 Jahren noch ganz andere gewesen waren.
Beinah haltlos benehme ich mich dafür im Gewürzshop, in dem ich vor allem eins wahrnehme: Kardamon. Kardamon soll schmerzstillend wirken, das wussten wir schon vor unserer Reise..



Und ich mag unseren Guide. Ein sehr höflicher und wohltuend unaufdringlicher Mensch; beinah der einzige, der mir in Erinnerung geblieben ist, ohne dass ich erst in unserem Tagebuch nachschlagen muss. Man merkt ihm an, dass er ein Programm abspult, zu oft hat er vermutlich Jodhpurs Geschichte schon erzählt und die Touristen in den Forts herumgeführt.
Im Schloss eines Maharadschas sind verschiedenste historische Uhren ausgestellt, und wir erkennen wieder, was wir einst in einer Reportage gesehen haben: Historische Uhren, für deren Wartung und Reparatur die besten Uhrmacher der Welt zusammenkommen, eine kleine Gruppe in einem Tanzsaal des Palastes, der für die rund zwei Wochen in eine Art Werkstatt umfunktioniert wird. Irgendwie ein cooles Gefühl, die Dinge, die man bislang nur aus dem TV kannte, nun auch live zu sehen.

Vor dem Eingang zum "Baby Taj Mahal", einer sehr kleinen Nachbildung des Originals.


Ein Zelt... Ein Zelt mit echtem Bad, echter Dusche und allem PiPaPo.
Sogar mit einer Klimaanlage ausgestattet, was angesichts der Temperaturen von fast 40 Grad angenehm ist,
besonders nachts.
Ich bin sehr dankbar dafür, aber die Bilder der Menschen draußen vor dem Tor gehen mir nicht aus dem Kopf.
Die Unterschiede können kaum... größer sein.


Montag, 23. Januar 2017

Da, wo wir zuhause sind



Der Ort, wo ich geboren wurde, ist so ganz anders als der Ort, an dem ich jetzt lebe.
Man sagt, man ist immer dort zuhause, wo man geboren worden ist, aber ich bin mir da gar nicht so sicher.
Ich würde nicht dorthin zurückgehen wollen.
Es wäre mir.. zu still in den Wintermonaten, und es wäre mir zuviel in den Sommermonaten.

Von diesem Zuhause ging ich vor über 28 Jahren nach L und tat mich unglaublich schwer mit diesem Ort. Genau genommen entdeckte ich ihn auch erst für mich, nachdem ich mich von meinem Mann trennte und aus diesem Zuhause ausgezogen war. Noch heute sehe ich mich manchmal dort sitzen, am Fenster dieser neuen Wohnung, noch ganz leer, mit nichts außer dem Sofa, dem großen Bild und der Musikanlage auf dem Holzfußboden. Sehe mich am Fenster stehen, auf die Kastanienbäume gegenüber starren und mich versuchen zu erinnern, wie die Farbe meiner Träume ausgesehen hatte.
Wie ich eigentlich leben wollte. Nicht die Frage dominierte, mit wem, sondern wie.
Wie Puzzleteile fielen nach und nach die Erinnerungen an diese Farbe der Träume in meinen Kopf zurück, hinter meine Stirn und fügten sich dort ebenso nach und nach zu einem Bild zusammen.

Ich habe noch nie so gelebt wie ich es mir erträumte.
Ich habe noch nie das Leben geführt, das ich eigentlich hätte führen wollen.
In einer Wohnung mit Holzdielen und viel Platz für Bücher, Schallplatten - und das Malen.
Noch nie in einer Wohnung mit einem Schild an der Tür, das Herz & Namen verbindet.
Noch nie in einer Wohnung, in der ich mich wie früher als Kind auf das Fensterbrett zurückziehen konnte, hinunterzuschauen auf Straßen und Menschen, wie sie ihr Brot einkaufen und gleich draußen vor der Tür hineinbeißen, weil es warm am besten schmeckt. Menschen, die sich zufällig wiedersehen und einander herzlich umarmen und zusammen weitergehen. Menschen, die einem anderen ungeduldig die Vorfahrt nehmen und über den wild gestikulierten Vogel lachen oder die Schultern zucken. Menschen, die abends heimkommen und im Haus gegenüber Licht machen, die Vorhänge zuziehen oder zu mir herüberschauen. Menschen, die in den Bus oder die Bahn steigen und zur Arbeit fahren oder von dort kommen. Menschen, die an ihrem Roller lehnen, reden, lachen, einander verliebt anschauen und sich eine Strähne aus den Augen streichen, während sie ob der Sonne die Augen zusammenkneifen.
Leben, inmitten diesem Leben wollte ich leben.
So sehr, wie ich auch wieder am Meer leben wollen würde, irgendwo.
Das Beste für mich wäre eine Metropole, nah genug am Meer und doch... lebendig genug, um die Abende auf Fensterbänken zu verbringen und Stimmungen aufzufangen. Vermutlich gibt es sie so nicht. Ich muss mich also entscheiden, was ich will. Die Metropole oder das Meer.
Eines Tages muss ich mich entscheiden..

Denn Zuhause.. ist irgendwie doch dort, wo unser "Herz" zuhause ist. Sowohl als auch.
Ich habe keine Angst vor dem Warten.
Auch wenn ich nicht wissen kann, wie viel Zeit einem bleibt.

Dienstag, 17. Januar 2017

...aber was fehlt, ist das Gefühl.


Wenn der Schmerz im Körper überhand nimmt und Wochen überdauert, dann geht mir irgendwann ein wenig die Energie aus. Irgendwann und ein wenig. Was ich bis dahin versuche zu verbergen, kostet Energie, und wenn diese ausgeht, verleitet es mich zu Postings wie unlängst bei FB, die ich einen Tag später wieder lösche und mich schäme für diese Schwäche, Schwäche zu zeigen. 
"Es wird nicht gejammert und es wird nicht gebettelt", hat mich mein Vater früher gelehrt - also versuche ich nichts zu sagen, so lange, wie ich es ertragen kann, so zu tun, als sei gar nichts. 

"Wenn Sie nicht sagen, dass Sie Hilfe brauchen, dann können Sie auch nicht erwarten, dass Sie Hilfe bekommen."
"Aber ich erwarte doch überhaupt nichts."

Wo viel Licht ist, ist auch Schatten. Wo Entwicklungen - auch und insbesondere in der Medizin, in der Humangenetik und überhaupt - viel Gutes bewirken können, ist auch viel Missbrauch. Da, wo die Dinge eine Eigendynamik entwickeln, die man irgendwann gar nicht mehr kontrollieren kann..
Wo wir vor ein paar Jahren noch ein kleines Kärtchen besaßen, am Abend im schnell übergezogenen Kapuzenshirt, die ungekämmten Haare zu einem Zopf zusammengebunden im spärlichen Neonlicht Videofilme im Laden zwei Straßen weiter ausliehen, genügen heute die Onlineregistrierung und ein Klick mit der Tastatur, um das sehr schmerzhafte Strecken und Beugen der Finger, des Armes, des Beines auf dem Sofa zu umgehen und zu warten, bis das Level wieder erträglich wird. 
Ich gebe zu, derzeit möchte ich am liebsten kaum etwas anderes tun. Natürlich fragt das Leben nicht danach, die Arbeit muss erledigt werden, und auch das Leben zu Hause will ja gelebt werden. Am Leben teilhaben, nicht nur zuschauen und alles vorbeiziehen lassen. 
Aber ich genieße sie, die Abende, an denen wir uns die virtuelle Videothek auf den heimischen Bildschirm holen.
"Ex Machina" ist rein dem Titel nach nicht die Art Filme, die mich reizen - doch dieser hier überraschte mich. Ein fein konstruiertes Szenario aus Mensch und Maschine, aus Klang, Bild und Gefühlen.
Ich weiß gar nicht, wie alt der Wunsch des Menschen ist, künstliche Intelligenz zu schaffen. Diese Technik immer weiter zu vervollkommnen und zu perfektionieren - und demzufolge weiß ich auch nicht, wie alt die Gier des Menschen ist, diese perfektionierte Technik für sich und seine Zwecke zu missbrauchen.
Ich weiß auch nicht, ob es je einen Film gab, der uns nicht aufzeigte, dass selbst im ausgeklügelsten System der winzigste Programmierfehler zu verheerenden Folgen führte. Abgesehen von Baymax, vielleicht. 
"Ich versteh das Ende nicht", sagte Herr Blau, "warum hat sie das gemacht?"
Ich wandte meinen Kopf und schaute ihn nachdenklich an.
"Weil sie lediglich wusste, dass sie eines Tages abgeschalten würde. Ihre hohe Intelligenz signalisierte ihr, überleben zu wollen. Sie hat präzise funktioniert. Aber was ihr fehlte, war das Gefühl. Das ist etwas, das man nicht programmieren kann. Noch nicht jedenfalls. Stattdessen hat sich die Fehlbarkeit der Menschen gezeigt. Weil sie eben nicht nur denken, sondern auch fühlen."

Meistens bin ich froh, ein Mensch zu sein.
Manchmal aber denke ich, wenn die Maschine keine Gefühle haben kann, dann fühlt sie auch keinen Schmerz. Und manchmal.. wäre das besser für mich. 
Aber auch.. nur manchmal.

Montag, 9. Januar 2017

...Du bekommst ein Buch.

Urheber: Ryan McGuire
Quelle: http://www.gratisography.com/

Ich habe als Kind unglaublich viel und gern gelesen. Wenn ich daran denke, tauchen immer wieder dieselben Erinnerungsfetzen in meinem Kopf auf. Ich im Haus meiner Großmutter. Sie wohnte zu ebener Erde, kleine Zimmer, knarrende Dielen. Kleine Fenster, aber herrlich tiefe Fensterbänke, auf denen ich so oft saß, malte, spielte oder in Büchern blätterte. Ab und an hob ich den Kopf und dann konnte ich sehen, wie die Großmutter im Konsum gegenüber Milch und Spritzringe einkaufte.
Ich habe es geliebt, dort zu sitzen, ganze Tage konnte ich dort verbringen. Wenn ich aus dem Schrank rechts unten die Bücher hervorkramte, dann schlug er mir entgegen, der Geruch aus altem Holz, Pfefferminz und alten, verblichenen Buchseiten. Noch heute, wenn ich die Augen schließe und mich darauf zurückbesinne, kann ich mich an diesen Geruch erinnern, als würde er mich tatsächlich umgeben. An die Perlenketten in den Schatullen, von denen sie sagte: "Das kannst du alles haben, wenn ich mal nicht mehr bin."
Ich erinnere mich an ihr Schlafzimmer mit dem Gitterbett für mich, in das sie mich legte und ein Tuch über das Gestänge hängte, um mich vor dem einfallenden Licht aus der guten Stube zu schützen; ich erinnere mich an die dunklen Holzmöbel und dem Emailletopf unter ihrem Bett, denn ein Badezimmer gab es nicht. Man bediente das Plumpsklo im Hof, vor dem es mich immer gruselte, die Wäsche wurde im Topf gekocht und im Zuber gewaschen, gebadet habe ich in einer Zinkwanne auf dem Küchentisch.
Ich habe darin gesessen, den Schaum auf den Beinen verteilt und dann, weil mir das rechte Wort nicht einfiel, sagte ich zu ihr: "Oma, aber jetzt sind meine Federn ganz nass!"
Ihr Küchenbüfett habe ich geliebt, eins mit vielen kleinen Schubladen und -lädchen, alle habe ich geöffnet und hineingesehen, wann immer ich in den Ferien bei ihr war.
So lange ich denken kann, trug sie diese irren Kittelschürzen und darüber diese dunkelblaue grobe Strickjacke mit den braunen Hirschhornknöpfen. Doch das Haus verließen wir nie, ohne uns gut anzuziehen und das Haar sorgfältig zu kämmen.
In ihrem Haus duftete es immer nach Äpfeln, Frischgebackenem und eingekochten Johannisbeeren.
Sie hat sich die Männer genommen, die ihr gefielen, ohne sich aber je zu verschenken und sich auch überhaupt nicht darum gekümmert, was die Leute im Dorf über sie redeten. Ich glaube, sie hat ihr Leben tatsächlich geliebt, aber ich bin nicht sicher, ob die letzten Jahre so waren, wie sie es sich vorgestellt oder gewünscht oder erträumt hatte.

Ich bin schon lange kein Kind mehr und meine Großmutter ist vor rund dreißig Jahren verstorben. Jedoch diese Zeit mit ihr und bei ihr ist so lebendig in meinem Kopf, als müsste ich nur einige wenige Schritte zurückgehen, um nachzuschauen.
Aus diesen frühen Jahren gibt es keine gemeinsamen Fotos, gibt es nichts mehr, das mich an sie erinnert. Nichts außer den Erinnerungen in meinem Kopf. Sie sind die intensivsten meiner Kindheit, die ich habe. An kaum etwas sonst erinnere ich mich, seltsamerweise. Bei ihr jedoch geht meine Erinnerung so weit zurück, dass ich noch immer weiß, wo und wie sie mich wickelte und mich davon abhielt, in ihrer Nachttischschublade nach ihren Tabletten zu kramen.

Heute, viele Jahre später, entdecke ich, dass ich aus dieser Zeit mit ihr und bei ihr sehr viel mehr mitgenommen habe, als ich vielleicht je angenommen hätte.
In meinem Besitz befinden sich heute einige wenige, aber wunderschöne Holzmöbel aus längst vergangener Zeit.
Strickjacken sind für mich das, was anderen Frauen Schuhe oder Handtaschen bedeuten - und bei jeder grob gestrickten werde ich immer noch schwach..
Ich lese noch immer sehr gern und ich liebe es, an einem Fenster zu sitzen, eine Tasse Kaffee oder Kakao vor mir, und ein Buch aufzuschlagen. Nichts geht über den Geruch bereits vergilbter Seiten, nichts geht über diesen beinah liebevollen Handgriff, mit dem man eine Buchseite zwischen den Fingern hält, bevor man sie umschlägt. Nichts geht über die Taschenbücher mit ihren abgestoßenen, abgewetzten Rändern und dem zerknitterten Einband, weil man so oft in ihnen las, dass man sie beinah auswendig kennt und trotzdem möchte man immer wieder in ihnen lesen. Ähnlich einem Gesicht, eingebettet in Runzeln und Lachfalten, aus dem dir wache, aufmerksame Augen entgegenschauen, und dieses Gesicht erzählt dir so viel mehr vom Leben - und in dieses Gesicht möchtest du immer wieder schauen, weil du nicht aufhören kannst, dir diese Geschichten immer wieder anzuhören..
Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir heute nicht mehr an einem Waschbrett stehen, unsere Kinder in Zinkwannen baden müssen, indem wir das Wasser vorher auf dem Kohleofen erhitzten, dass das warme Wasser aus der Wand kommt und ich meine Toilette weder mit Spinnen und anderem Getier und auch nicht mit der halben Hausgemeinschaft teilen muss.
Entwicklung ist etwas ganz Tolles.
"Aber bitte, bitte schenk mir niemals einen eReader", bat ich Herrn Blau schon vor langer Zeit.

Sonntag, 8. Januar 2017

Jahrmarkt der Eitelkeiten



Ich liebe Inspiration. Ich liebe Kopfkino. Ich liebe es, wenn die Phantasie anregende Blüten treibt.
Dazu muss man mir nicht alles sagen oder zeigen - es genügt die Andeutung.
Das ist für mich wie mit einem nackten Körper. Komplett entblößt reizt er mich nicht.

Ähnlich empfinde ich es beim Schreiben und beim Lesen anderer Lebensgeschichten.
Ich wünsche mir, eintauchen zu können in die fremde Welt, die mir dargeboten wird. Aber ich will gar nicht alles wissen, nicht alles bis in das letzte Detail. Die komplett entblößte, nackte Seele reizt mich nicht. Sie lässt mir keinen Raum für Interpretation mehr, für das Spiel in meinem eigenen Kopf.
Damit erhebe ich natürlich keinen Anspruch auf die Rechtmäßigkeit meiner Interpretation - doch darum gehts mir auch nicht. Weil ich nicht bewerten, sondern mitgenommen werden möchte. Für einen Moment lang entführt in eine Welt, die mir möglicherweise fremd oder doch nicht so fremd ist, die anders ist vielleicht als meine oder auch nicht, in der ich aber immer etwas von mir wiedererkenne - oder glaube zu erkennen. Ich möchte lesen von anderem Denken, anderem Tun, möchte mich hineindenken, mich hineinfühlen können. Es gibt immer irgendetwas, das man für sich selbst mitnimmt. Das den Zugang zu den ureigensten Gedanken und Wünschen freilegt..

Über die Jahre des Schreibens und insbesondere Lesens hinweg überkam mich hin und wieder das Gefühl, auch das Schreiben, das Spiel mit dem Wort und die damit gekonnte Inszenierung von Gedanken und Gefühlen in anderen Köpfen gleiche zuweilen auch beinah einem Politikum. Manchmal verwunderte es mich, aber irgendwann verstand ich diese Form des Gedankenaustauschs letztlich auch als das sich Befinden inmitten von Menschen, die die Dinge nicht so sehen und empfinden müssen wie der Autor selbst. Dann liegt es an unseren Eigenschaften, nicht zuletzt auch an unserer Erziehung, wie wir darauf reagieren. Insofern ist es wie im realen Leben auch: Je erfolgreicher jemand ist, desto mehr gibt es Menschen, die es neiden. Je weniger erfolgreich man ist, desto eher neigt man zum Assimilieren, schlüpft in eine (Kunst-) Figur, die es so nicht gibt, aber dem Mainstream entspricht und damit eine möglichst große Zahl an Lesern lockt.
Ist es das, was ich sehen möchte?
Mir muss niemand folgen, nur weil ich mich bei ihm eintrug.
Ich entfolge niemandem, nur weil er bei mir nicht (mehr) liest.
Ich lese, was mich interessiert, und ich höre auf damit, wenn es mich nicht mehr interessiert.
Zugleich fehlt mir irgendwie.. immer mehr dieses.. wie soll ich es beschreiben.. wunderbar Normale. Ich vermisse den gleichnamigen Blog von Miss Friederike, den es nicht mehr gibt. Ich vermisse ihren Blog "Latenerezza", den es auch schon so lange nicht mehr gibt. Vermutlich hatten sie niemals den Anspruch darauf, etwas Besonderes zu sein - und war es womöglich gerade deshalb. Weil ihre Autorin es wie kaum jemand verstand, ihre Gedanken und Empfindungen des Alltags in Seidenpapier zu verpacken und einem beinah liebevoll über den Ladentisch zu reichen.

Stattdessen begegnen mir immer öfter Blogs, die sich in ihrer bis zum Perfektionismus getriebenen Ironie, ihrem geübten Zynismus gefallen und zu überschlagen versuchen, dabei längst real verblichene Autoren zitieren (wenn ich noch mal irgendwo Bukowski lese, erbreche ich mich!) oder sich auf ihn berufen, weil das jetzt einfach mal den Zeitgeist trifft - und nicht, weil sie ihn, respektive seine Werke tatsächlich kennen UND schätzen. Es mag zunächst faszinierend klingen, gekonnt auf alles und jedes zu schimpfen, alles und jeden zu diskreditieren - mich persönlich jedoch (und ich kann ja auch immer nur für mich selber sprechen) langweilt es. Weil es mir zu unecht ist. Weil es nichts auslöst. Worin ließe sich auch Inspiration finden, tagtäglich mit den Füßen in einem Eimer Gülle zu stehen und immer wieder eine weitere Kelle Abfall dazugeschüttet zu bekommen?
Für meine Inspiration kann ich mir natürlich selber meine Quellen auswählen.
Auch kann ich selber darüber entscheiden, ob ich meine Füße tagtäglich in Gülle baden will oder nicht.
In der Welt der mittlerweile unzähligen "lauten" Blogs fehlt mir nur immer mehr genau dieser Feingeist einer Miss Friederike oder einer Lou oder einer Elise, dieses Gespür für die Verbindung von Wort und Gedanken. Diese "stillen", aber unfassbar schönen Blogs der empfindsamen Menschen mit ihrer schönen Seele.
Die sich wohltuend abheben. Weil nicht jeder laut und schmutzig sein muss. Ständige Stille wäre wenig aushaltbar, das ist richtig. Ständige Schreierei aber auch.

Montag, 2. Januar 2017

Das Leben der Anderen

 Die letzte Nacht des Jahres 2016. Menschen setzen sich Partyhütchen auf oder kleiden sich in ihr kleines Schwarzes. Stellen den Sekt kalt und das Essen auf den Tisch, geben sich "Diner for one" zum zwölfunddrölfzigsten Male oder drehen die Musik auf und werfen Papierschlangen und Konfetti.
Während wir in der glitzerkalten Nacht ein Ticket am Parkscheinautomaten zogen und auf einem der vielen freien Sitze im Wartebereich der chirurgischen Notaufnahme Platz nahmen. Wie alle kann ja schließlich jeder. Wir also anders.
Angesichts eines verbliebenen Akkustandes von lediglich 3 Prozent ("Es waren doch grad noch 44?" - "Bei Kälte geht es zack runter, weißt du doch." - "Ich sag ja, Winter ist scheiße." - "Du sollst nicht immer fluchen." - "Du bist nicht mein Vaaaaa-ter.") beschränkte ich mich auf das Lesen einer angebotenen Zeitschrift aus dem Jahr 2011 und widerstand nur schwer der Versuchung, die letzten Groschen am Kaffeeautomaten neben mir einzulösen angesichts einer möglichen Verlängerung am Parkscheinautomat. Manchmal bin ich tatsächlich vernünftig.
Da war die junge Frau, äußerlich scheinbar unversehrt, aber verdammt blass um die Nase.
Da war die alte Dame mit dem blutigen Kinn. Beide in sich versunken, abwartend. Und eben allein. Oft denke ich in solchen Momenten an die Worte von Ella, die mir vor langer Zeit mal in einem Kommentar antwortete, dass man sich einfach nur trauen müsste, sich an einen Tisch mit anderen, fremden Menschen zu setzen - und dass man oft genug positiv überrascht würde. Vielleicht aber ist der Tisch in einem Gasthaus eben auch etwas anderes als der Wartebereich einer Notaufnahme? Weil man ohnehin schon mit sich zu tun hat und auch keinen Wert auf Konversation mit Fremden legt - auch nicht an einem Silvesterabend?
Sie kamen (vermutlich) allein, sie warteten allein, sie gingen allein, still und grußlos. 
Jeder für sich. Ob wohl jemand zu Hause auf sie wartete?

Ganz anders die fünf Menschen mit scheinbar rotgefrorenen Händen und einem offensichtlich ausreichenden Pegel an Alkohol - und einer Dose Sekt und Red Bull in der Hand.
"Muss das sein - mit Alkohol in der Hand in die Klinik?" flüsterte der Mann neben mir und ich kicherte: "Helau, es ist Silvester!" 
Diese fünf Menschen waren weder allein noch still noch leise und innerhalb der nächsten fünfundvierzig Minuten erfuhren wir alle so einiges über den Patienten, der erst lautstark seine Frau herunterputzte, dann mit ihr und der Truppe kurzzeitig verschwand und anschließend in einem Rollstuhl und deutlich ruhiger mit allen zurückkehrte. 
Wir erfuhren, dass er C. hieß, unter einem sehr schmerzhaften, wohl faustgroßen Abzess in der Leistengegend litt, bereits vor einem halben Jahr nach einer schweren Lungenentzündung zwei Schlaganfälle erlitten hatte, wonach er für drei Wochen ins Koma fiel. Und dass er und seine Frau in dieser Klinik ihr Kind verloren hatten.
"Warum wolltest du unbedingt in diese Klinik?" fragte ihn seine Frau immer wieder. "Diese scheiß Klinik!"
Unablässig streichelte sie ihm durch die Haare, nötigte ihn zum Trinken aus der Wasserflasche und redete unaufhörlich mit ihm, während er die Augen längst geschlossen hatte, dann und wann nur ein leises Grunzen von sich gab und vermutlich zwischendurch immer wieder einschlief. "Rede mit mir, C.! Verdammt, rede mit mir!"
"Ich mach mir Sorgen!" sagte seine Frau zur Krankenschwester, die im Beisein zweier weiterer Krankenschwestern eine andere Patientin aufrief.
"Sehen Sie denn nicht, wie schlecht es ihm geht? Er kann kaum noch laufen oder stehen."
"Ja das sehe ich, aber er sitzt ja jetzt im Rollstuhl. Sitzen geht ja noch, oder?"
Der Mann neben mir und ich wechselten einen Blick.
"Und ich sehe auch, dass er sich wohl was gespritzt hat. Deswegen ist er jetzt ja auch ruhig."
Der Mann neben mir und ich wechselten erneut einen Blick.
"Das ist hart", flüsterte ich.
"Vielleicht kennen sie das Paar ja schon", flüsterte er zurück. 
"Was soll das?" kreischte die Frau. "Was glauben Sie denn, wer wir sind? Ich habe studiert! Ich habe Abitur! Wir sind doch keine scheiß Junkies!"
"Das ist diese scheiß Stadt, in der sie alle glauben, sie seien etwas Besseres! Ich hasse diese Stadt! Ich hasse diese Klinik! Meine Schwester hat hier gearbeitet und gekündigt, weil sie es nicht mehr ausgehalten hat!"
"Da hat sie aber recht", flüstere ich dem Mann zu, "ich denke auch oft, dass die Leute hier scheiße arrogant sind und dann frage ich mich, wieso eigentlich und mit welchem Recht?"
Eine Stunde später ist die Behandlung abgeschlossen, der Arztbrief gedruckt und ich gehe nicht, ohne den Patienten alles Gute zu wünschen. Nur eine Frau mit langen blonden Haaren, die sehr krank ausschaut, hebt den Kopf und lächelt. Wir lächeln uns an.
"Kennst du sie? Habt ihr miteinander gesprochen?" fragt der Mann. 
"Nein. Hab mich nicht getraut, das wirkt immer so aufdringlich."

Daran dachte ich auch heute, als wir im Cafe an dem einzigen Tisch mit noch ausreichend Sitzmöglichkeit Platz nahmen, an dem schon eine ältere Dame saß, eine Suppe aß und einen Tee dazu trank.
Irgendwann verabschiedete sich der Mann mit den Worten "Jetzt geh ich mal aufs Örtchen" und dann saß ich da mit der Dame, die ihre Suppe ausgelöffelt hatte und stumm an mir vorbeischaute.
Ich betrachtete ihren roten grobgestrickten Pullover, ihre verwaschenen blauen Augen, die mich an meine Großmutter erinnerten, dann dachte ich an Ellas Worte und ich dachte daran, wie blöd es doch irgendwie ist, dass man gemeinsam an einem Tisch sitzt und kein Wort miteinander wechselt.
Gib dir doch mal einen Ruck, sagte ich mir, und dann ging alles irgendwie wie von selbst.
"Hat Ihnen denn die Suppe geschmeckt?" fragte ich und die Dame schaute mich freundlich an.
"Ja, das machen sie hier schon sehr gut. Eine gute Tomatensuppe."
Wir unterhielten uns angeregt über Rezepte, über Gewürze, über Indien, über das Reisen, sie erzählte von ihrer Tochter, von Menschen, die über die Weihnachtszeit hier in die Stadt kämen, um alle möglichen medizinischen Anwendungen und Operationen zu bekommen. Und die ganze Zeit dachte ich, wie leicht das alles war, wie leicht das alles ging und wie wenig im Grunde dazu gehört, die Brücke zu einem anderen fremden Menschen zu bauen.
Ich hab mich noch mal zu ihr umgesehen, bevor wir den Raum verließen.
Unsere Blicke trafen sich und wir lächelten.

Das neue Jahr 2017, es ist noch so jung und für eine Zehntelsekunde hatte ich die Hoffnung gespürt, es könne vielleicht doch ein gutes Jahr werden?
Klappe ich FB auf, will diese kleine Hoffnung schrumpfen. Zunächst. Kaum ein Posting, kaum ein Statement, das ohne die Ereignisse von Silvester 2015 und 2016 auskommt. Kann man eigentlich überhaupt noch etwas richtig machen? Kann man überhaupt noch etwas sagen, eigener Meinung sein, ohne dafür mit dem Rücken an die Wand oder in eine unpassende Schublade gedrängt zu werden?
Doch dann stelle ich fest: Die Kommentare sind fast ausschließlich sachlich, sie zeigen Ansichten, sicherlich verschiedene Meinungen und Ansichten - aber sie bleiben trotz aller Emotionalität.. sachlich. 
Sollte das tatsächlich die erste zarte Wende andeuten? Dass Menschen einander wieder mehr zuhören und andere Meinungen zulassen, ohne sich verbal zu vergreifen? Dass man wieder miteinander diskutiert, argumentiert? 
Das Jahr 2016 - es ist vorbei. 
Ich schaue eher zuversichtlich auf das neue Jahr 2017 - und ich wünsche uns allen, dass es ein gutes Jahr wird.