Donnerstag, 10. Mai 2018

Sound and Pulse and Volume



Am Anfang dachte ich, es läge am Wetterwechsel. Neunzehn Grad in M und tags drauf an der Küste Null Grad und Schneesturm - da muss man ja matschig im Kopf werden.
Wieder daheim dachte ich, es läge an den harten Betten dort. Dass ich nur verspannt sei.
Dann nahm ich so simple Dinge an wie: falsche eingestellte Brille. Eine Entzündung des Gehörgangs, von der ich nur noch nix gemerkt hatte. Bis hin zum Lagerschwindel. Oder dass ich mittlerweile in dem Alter angekommen bin, wo einem eben auch mal blümerant sein darf.
Ich witzelte darüber, ich scherzte darüber, doch je länger der Kreisel in meinem Kopf anhielt, desto ernsthafter wurden meine eigenen Gedanken. Mittlerweile fühlt sich mein ganzes Ich so an, als sei ich permanent extrem unterzuckert.
All die neurologischen Spielchen von früher - ich beherrsche keins mehr davon.
Kann nicht auf einer geraden Linie laufen - nicht mit offenen Augen, mit geschlossenen schaffe ich nicht mal einen einzigen Schritt, ohne aus dem Gleichgewicht zu kommen.
Mein Zeigefinger trifft meine Nasenspitze nicht mehr, sondern den Hals oder bestenfalls das Kinn.
Meine Zeigefinger treffen auch nicht mehr aufeinander, statt dessen umarme ich mich eher praktisch selbst.
Nicht gut, weiß ich.
Kramte Unterlagen hervor, um nachzusehen, wann der letzte Scan vom Kopf gemacht wurde.
Belas mich nächtelang über alle möglichen Dinge, obschon ich weiß, dass man das nicht soll.
Zugleich aber immer auch die Stimme von damals im Ohr: "Sie werden es merken, wenn Sprache und Motorik nicht mehr stimmen. Oder eins von beidem. Wenn sich das plötzlich verändert, melden Sie sich bitte umgehend."
Nun. Umgehend. Das ist ja so dehnbar, finde ich. Also in meiner Auslegung.
Der "Zustand" hat sich plötzlich verändert, okay, aber es gibt auch so viele andere Möglichkeiten. Harmlose Möglichkeiten.
"Und? Schon einen Termin geholt?" fragte der Mann ein paar Abende lang zur Begrüßung, wenn er heimkam.
Ihm entgeht nicht, dass ich immer unsicherer werde, im Gehen, im Schauen.
Ihm entgeht (natürlich) nicht, dass ich sehr viel mehr schlafe als noch vor wenigen Wochen und trotz zwölf Stunden Nachtschlaf (ja, den kann ich gut grad) von fünfzehn Minuten Fußweg so müde werde, dass ich anschließend mindestens ein, zwei Stunden schlafen könnte.
Noch bis vor kurzem konnte man mir Briefe, Protokolle oder sowas via Telefon diktieren - das Mitschreiben war kein Problem. Meine Fähigkeit, bis zu 600 Zeichen in der Minute zu tippen, dürfte sich deutlich reduziert haben - auch deshalb, weil ich mich ständig verschreibe und korrigieren muss. Auch jetzt grad, hier beim Blogpost. 'S nervt e bissl.
"Lass mich das besser stenografieren", bat ich den Chef - aber auch hier versage ich, weil ich oft zu lange überlegen muss, wie man was schreibt. Ist ja nicht so, dass es für jedes Wort ein Steno-Kürzel gibt. Man lernt ein Alphabet, man lernt viele Kürzel - aber viele Wörter muss man sich in dem Moment überlegen, wenn man sie diktiert bekommt und aufschreiben soll. Das ist normal und war bislang auch kein Problem. Bislang eben.
Was hingegen super funktioniert, ist mein Gedächtnis. Wo mir früher vieles entfiel, habe ich heute so ziemlich alles fehlerlos im Kopf. Bis auf die Preise der zuletzt gekauften Badezimmerartikel ;)

Inzwischen habe ich einen Termin beim Hausarzt, nachdem auch die früher betreuende Neurologie in L vermeldete "Tut mir leid, Termine erst im September."
Inzwischen nehme ich mich selber ernst, nehme jeden Abend diese Gedanken mit in mein Bett, während ich den Kopf auf das Kissen bette und in die Nacht starre, bis mir kurz darauf die Augen zufallen. Derzeit träume ich ziemlich wild, chaotisch - und beängstigend. Von Ziegen, denen im Akkord die Kehle durchgeschnitten wird, begleitet von einer komischen Melodie, in der sich das Geschrei der Ziegen verliert.. Von Menschen, die getötet werden. Von Begegnungen mit Menschen, die ich zwar aus meinem früheren Leben kenne, jedoch so niemals begegnet bin. Da gehts um Schuld, um Verzeihung, um das Aussprechen.
Ich schlafe derzeit jeden Abend allein ein und ich erwache allein jeden Morgen mit den Gedanken, von denen ich nicht einmal sagen würde, dass sie mich ängstigen. Aber sie hängen an mir, an meinen Armen, an meinen Beinen, sie beschweren mich und heute Morgen, als ich die Augen öffnete und das Zimmer sich etwas um mich drehte, da ertappte ich mich bei dem Gedanken, das Universum darum zu bitten: Was auch immer du dir jetzt wieder für mich ausgedacht hast - lass es wenigstens noch zwei Jahre gutgehen, bitte.
In zwei Jahren dürfte Sohn I sich im aktuellen Job bitte hoffentlich gefestigt haben.
In zwei Jahren dürfte Sohn II seine aktuelle Ausbildung bitte hoffentlich gut abgeschlossen haben.
Ich wünsch mir zwar natürlich auch für danach nix Schlechtes, nur dann.. braucht mich niemand mehr so wirklich, dann kann auch jeder ohne mich weitermachen. Sollte ich dann vielleicht irgendwo in einem fahrbaren Stuhl sitzen und das Zählen von Raben auf dem Dachfirst zur Tagesaufgabe haben.
Weiß man ja nicht.

Und natürlich begehrt der Optimist in mir gerade auf: "Würdste mal deine Ohren nicht immer so derbe mit Musik vollknallen, würds dir jetzt auch viel besser gehen. Bei DER Lautstärke tät mich jedenfalls nicht wundern, wenn sich da deine Sinneshärchen biegen!"

Wahrscheinlich wirds darauf hinauslaufen.

Kommentare:

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Helma, ich weiß, dass Umarmen aus der Ferne nur symbolisch wirkt - ich wünsche dir und mir und allen deinen um-dich-herum-Seienden, dass es etwas ist, was behandelt werden kann, was wieder verschwindet, was nicht richtig schlimm ist.
Mir war ja auch monatelang schwindlig und keiner wusste, woher es kommt. Entweder habe ich mich daran gewöhnt oder es ist besser geworden - ich rammele jetzt nicht mehr so oft gegen Türkanten und kann sogar bedingt Fahrrad fahren. Aber ich darf das alles, denn ich bin so viel älter als du!
Ich mag dich, aus verschiedenen Gründen!
Liebe Grüße von Clara

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Danke für Deine Worte, Clara. Irgendwie könntsch jetzt e bissl wie heulen. 😘

Anonym hat gesagt…

Helma, Du musst unbedingt mit Hilfe Deines Hausarztes dafür Sorgen, dass Du schleunigst einen Facharzttermin bekommst. Einfach nur, damit Du wieder zur Ruhe kommst, weil bestätigt wird, dass es eine harmlose Ursache für Deine Probleme gibt.
Ich wünsche Dir von Herzen nur das Allerbeste 🍀💚
Liebe Grüße
Ricci

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Am 22., Ricci. Danke 💚

Helga Nase hat gesagt…

Du warst sicher schon beim Chiropraktiker bzw. Osteopathen, oder?
Ich weiß nicht, wie das in Deutschland abläuft, aber kannst du mit akuten Symptomen nicht in eine neurologische Ambulanz gehen?
Hoffentlich ist das bald wieder besser, ich wünsche es dir sehr!

Anonym hat gesagt…

Liebe Helma, plötzlichen Schwindel habe ich auch hin und wieder, nur lässt der nach maximal einem Tag wieder nach. Es klingt nicht gut für mich, dass sich das so lange hinzieht.
Lass dir vom Hausarzt eine Überweisung mit dem neuen 12stelligen Code geben, (nur)mit dem bekommst du über die Terminservicestellen des Medizinischen Dienstes einen Termin innerhalb von vier Wochen.
Ich drücke sehr die Daumen für eine schnelle Besserung!

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Helga Nase, nein, der Termin steht auch noch aus.
Die Symptome sind zwar plötzlich aufgetreten, aber ehrlicherweise hat dies ja schon zu Ostern begonnen. Neurologische Ambulanzen - ich glaub, das gibts so nur als Unit in einer Klinik. Wenn ich denen aber erzähle, dass ich das schon seit Wochen beobachte, werden die mir das Fell über die Ohren ziehen und sagen "Dann müssen Sie jetzt auch nicht in die Ambulanz kommen."
Ich glaub, größer als alles andere ist meine Furcht vor Zurückweisung oder Nichtakzeptanz. Bevor mir das passiert, gehe ich lieber nen Schritt zurück. Bin komisch, ich weiß ;)
Vielleicht denke ich aber auch zuviel bzw. zu sehr nach.
Es ist übrigens im Gespräch, über 400 Notfallambulanzen in Kliniken in D zu schließen, weil die Kosten explodieren und zu viele Leute die Ambulanzen "missbrauchen" und mit Wehwehchen auftauchen, die durchaus auch der Hausarzt in seinen regulären Sprechzeiten anschauen hätte können.

Liebe Frau K., der Mann hat Mittwochabend in der Neurologie seines Vertrauens angerufen. Wie er das gemacht hat, weiß ich zwar nicht, er hat wohl nur kurz geschildert, worums geht und nun habe ich am 25. dort einen Termin. Und das als Kassenpatient und dann noch bei nem Doc, der einen sehr guten Ruf hat und dem der Terminkalender platzt ;)

Froillein Wilma hat gesagt…

Briefe an Helma...

oder heute aus aktuellem Anlass, wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg eben zum Propheten gehen... himmelherrgottnochema... und nö, ich werde mich ganz sicher nicht dem Unabänderlichen fügen und mich den Gegebenheiten anpassen, das Leben is viel zu kurz für Knäckebrot mein Püppchen... du bekommst jetzt Post von mir und dann kannst du meinetwegen in deinem stillen Kämmerlein hocken und die alten Erinnerungen bekichern,
mir wurscht, ehrlich... da musste durch.
Also... tja, womit fang ich an... ich war gestern am See... und irgendwie ist es
„unser See“ geblieben,
ich bin übrigens auch unverändert 28 z, dagegen sprechen zwar deutlich sichtbare Krähenfüßchen an den Augen, aber... warum verflucht, können sich die eigentlich nicht an unsichtbareren Stellen des Körpers ansiedeln bspw. unter den Fußsohlen, da jehören die namenstechnisch doch auch hin oder nich... ja und die Schwellungen an meiner Hüfte, die ich ohne Frage einer aggressiven Form der Schokoladenallergie verdanke, wären doch eine sinnvolle Aufpolsterung meiner Oberweite...
ich schweife ab, ich bin 28 z... damit is alles jesacht, mein ich.
Jedenfalls war ich am See und bin Tretboot gefahren.
Echt.
Janz alleene!
Und keine Ahnung, ob du davon weißt, es gibt einen Briefkasten auf dem See, man kann mit dem Tretboot dorthin treten und ich wollte dir diesen Brief auf diesem Wege zukommen lassen...
tja, da guckste Puppe,
also ich in diesem Falle,
denn ohne Adresse schickste hier nüscht weg, das is irgendwie wie der Brief an den Weihnachtsmann jedes Jahr und egal, wo du jetzt bist, für mich biste arg weit wech und fast wie am Nordpol und du fehlst mir sooooo sehr...

Ich vermisse den Senf auf meinem schwarzen Mantel...
den Blusenklau in der Tiefgarage...
den Eiskaffee am See..
dein Kichern auf meinem Balkon bei Pfirsichbowle...
deinen entsetzten Blick, in Verbindung mit einem unkontrollierten Angstgriff im Auto, als ich dir mitten in Big Berlin verkünden musste, dass ich hier auch noch nie war, dass das mit dem Parken aber theoretisch kein Problem sein dürfte, es aber praktisch mindest 2 Glühwein bedurfte... ääääähm... nuja...
Ich vermiss deine warmen Augen,
die immer ganz tief in mein Herz schauen konnten,
deine Stimme, die einen so sehr beruhigt,
dein herzhaftes Lachen
und deine unfassbare Milchkaffeesucht...
Und jetzt war ich am Wochenende am Meer und ich saß mit’ner dicken Decke im Strandkorb und ner vollen Thermoskanne Glühwein,
die nackten Füße im warmen Sand und den Kopf voll mit dir... und ich fresse einen Besen, sollte die blöde Flaschenpost aufgrund des derzeit anlandigen Windes jemals den Strand von Rügen in Richtung Süden verlassen...
... du weißt ja... manchmal muss man einfach nur ans Meer fahren, um glücklich zu sein...
Drück dich meine Süße.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Jetzt.. hast Du mich ziemlich eiskalt erwischt.. ♥️ Ich meld mich..