Mittwoch, 29. November 2017

Rise



"In the darkest times, 
hope is something you give yourself. 
That is the meaning of inner strength!" 
- Iroh -





Ich bin die, die der Böllerei zur Jahreswende nichts abgewinnen kann. Aber ich bin die, die eine einzelne Rakete in den Nachthimmel schickt. Eine einzige, begleitet mit stummen Worten, die hinter meiner Stirn wohnen. Tief in mir die Hoffnung auf ein gutes neues Jahr. Ich glaube daran, weil ich daran glauben möchte. Weil ich die Hoffnung haben möchte

Kann man lernen, ein hoffnungsvoller Mensch zu sein? Kann man es lernen, nach vorn zu denken, positiv zu denken und zu fühlen? Kann man es wirklich lernen, seinem Ich die Ruhe und die Gelassenheit zu geben, dass sich am Ende alles finden wird?
"Du bist der optimistischste Mensch, den ich kenne", hat mir vor Jahren mal jemand gesagt - und manchmal dachte ich: Das muss daran liegen, dass ich immer schon die Hoffnung hatte, dass alles gut würde. Als ich noch ein Kind war, da hatte ich Sehnsucht. Sehnsucht nach einem Leben voller Liebe. Möglicherweise habe ich deshalb geheiratet, kaum dass ich neunzehn Jahre alt war. Nur um irgendwann zu erkennen, dass es der falsche Weg war, die falsche Entscheidung, der falsche Mann.
Und die einzig richtige Entscheidung daraus zu treffen: lieber allein leben als mit dem falschen Mann.
"Um sie musst du dir keine Gedanken machen, die schafft das, sie ist eine Powerfrau."
"Ich bewundere dich, wie du das alles machst und durchstehst."
"So ein Leben ist wirklich nicht leicht. Ich ziehe da echt den Hut vor."
Worte der längst vergangenen Jahre. Wie viel davon stimmt, kann ich tatsächlich nicht einschätzen. Ich habe mich nie als eine Macherin empfunden. Eher war ich der Träumer, das Gänseliesel auf der bunten Wiese der großen weiten Welt, erstaunt über das, was sie alles sah und entdeckte - und ich war der Träumer, der noch immer die Hoffnung gleich der Zuversicht hegte, dass alles gut würde.
Rückschläge waren nie der Anlass, nach dem Sturz auch liegenzubleiben und sich zu ergeben.
Rückschläge trafen mich in den Kniekehlen, aber sie brachen mich nicht. 
Oft dachte ich: Ich weiß gar nicht, was die alle wollen - ich mache nur meinen Job, im Unternehmen, zu Hause bei den Kindern. Ich bin gesund (na ja gut, zumindest bin ich nicht todsterbenskrank, alles andere kriegt man irgendwie hin), meine Kinder sind weitestgehend gesund, ich habe ein Einkommen und damit mein Auskommen und alles wird irgendwie schon werden, da gehts anderen sehr viel schlechter, sind andere viel beschissener dran.
Aber die Wahrheit ist.. Man kann sich nicht permanent nur an denen messen, denen es eben noch beschissener geht. Man kann sich nicht nur erden - auch wenn mir das oft guttut.

Gerade die letzten zweieinhalb Jahre haben mich sehr oft an die Grenze meiner eigenen Belastbarkeit geführt. Dann denke ich an jenen Kollegen, der sich in seinem Auto totgefahren hat vor zehn Jahren. Tempo 200+ und ohne Sicherheitsgurt. Er kannte das Risiko, und heute denke ich manchmal: Er hat kompensiert.. Das, was zu viel war. Das, was er nicht geregelt bekam. Das, was ihm über den Kopf wuchs.
Daran denke ich, wenn ich mit etwa 200 kmh über den Highway fliege und mich frage: Wenn der da vorn jetzt rauszieht, ohne zu blinken, kann ICH dann noch bremsen?
Dann frage ich mich: Was wird vor allem aus meinen Söhnen? Wer ist dann für sie da? Wer kümmert sich um ihre Sorgen, ihre Gedanken, ihre Fragen? Wer schaut auf ihren Kontoauszug und sagt: "Warum sagst du denn nichts?" Wer hilft ihnen immer wieder auf die Beine, motiviert sie immer wieder neu auch nach der x-ten Niederlage? Wer hilft ihnen, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten? Wer schaut nach ihnen und fragt sie, wie es ihnen geht?

Und dennoch... Als ich heute das Zuhause der Jungen erreichte und den Brief von gestern las "Versagungsbescheid", da musste ich mich dann doch erst mal setzen. Seit Wochen schlafe ich kaum, weil sich mir nicht die Frage stellt, WIE ich das alles schaffe, sondern OB. Ein Versagungsbescheid, weil der Ex-Arbeitgeber seiner Verpflichtung zur Arbeitsbescheinigung nicht nachkam und das Amt seine Post, die wir schickten, nicht liest. Widerspruch einlegen, ja natürlich. Haben wir prompt heute erledigt. Und ich bin auch zuversichtlich, dass dieser bürokratische Akt zugunsten des Jungen ausgehen wird. Aber wann...
Der Kühlschrank war leergefegt, also bin ich etwas für unser Abendessen einkaufen gegangen, habe Essen zubereitet und Wäsche sortiert. Ich mache das nicht, weil sie das wollen oder ich es muss. Sondern weil ich es will. Und weil es das Kopfchaos beruhigt.
Dennoch sitze ich jetzt hier in der Küche, schreibe auf dem Laptop und.. möchte am liebsten einfach nur noch weinen. Es ist tatsächlich nicht ganz so einfach, wenn alles immer nur an einem hängt und man auch nicht nur für sich selbst verantwortlich ist.
Warum kann nicht einmal etwas einfach gut ausgehen? Warum kann es nicht einmal ohne einen Kampf gut ausgehen?
Aber du lebst und es geht euch so schlecht nicht, pocht es hinter meiner Stirn, also mach da was draus. Das werde ich auch - denn eine Alternative gibt es nicht.
Nur ob ich zu diesem Jahreswechsel eine Glücksrakete in den Nachthimmel schicken möchte, weiß ich noch nicht. Es ist nicht, dass ich keine Hoffnung mehr hätte. Aber vielleicht sollte ich diese Hoffnung in realere Dinge kanalisieren.

Kommentare:

Anna hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Anna hat gesagt…

Natürlich schickst du eine Glücksrakete in den Nachthimmel. Ich tu's auch (ich hasse diese Böllerei^^) und dann denke ich an dich. Abgemacht? Sonst kann ich euch aus der Ferne nur wünschen, dass sich alles zum Guten wendet. Für deine Jungs, für dich...

Und ich überlege, ob es vielleicht auch an der Jahreszeit liegt, dass "man" so ein wenig ins Straucheln gerät? Mir geht es ähnlich. Meine nicht optimal getroffenen Entscheidungen fliegen mir um die Ohren und die Tage habe ich mich gefragt, wann es endlich mal leicht wird - und sei es nur dadurch, dass ich es mir nicht schwerer mache als nötig, das wäre schon ein ganz fantastischer Einstieg.^^ Ich hadere auch ein wenig mit diesem "starke Frau" oder diesem "du bist die, die mir Kraft gibt" und beneide die, die zugeben können, dass sie eben auch mal down sind, nicht mehr weiterwissen. Wenn du von klein auf gelernt hast, dass du deinen Kram mit dir alleine auszumachen hast, weil sich niemand für deine Befindlichkeiten interessiert, dann tust du das. Dann machst du alles mit dir alleine ab, ohne zu heulen, zu jammern oder um Hilfe zu bitten. Oder ohne zu zeigen, wie sehr du gerade in die Knie gehst. Dabei bist du gar nicht stärker als andere. Du jammerst nur nicht und lässt nicht ständig das waidwunde Rehlein raushängen...

Sorry, ich gerate ins Schwafeln. Dennoch: Ich fühle mit dir, auch wenn's dir nicht wirklich was bringt.

gretel hat gesagt…

Tatsächlich habe ich noch nie eine Rakete in den Nachthimmel geschickt. Silvester ist mein Hasstag. Da kommt mir immer nur ein einziger Gedanke - wieder ein Jahr Lebenszeit vorbei.
Und das wird mit jedem Jahr schlimmer, weil endlicher...
Klar hat wahrscheinlich jeder mal das Bedürfnis nach Ruhe, einfach anlehnen, mal machen lassen. Aber letztendlich glaube ich, dass es ganz gut ist, wenn man das tiefe Gefühl hat, man bekommt sein Leben selbst auf die Reihe, ist nicht Abhängig von Gunst und Missgunst. Diese Selbstwahrnehmung von "ich bekomme das hin - irgendwie, wenn auch nicht perfekt" halte ich für unbezahlbar.
Amtliche Bescheide können einen schon mal in die Knie zwingen. Bei mir macht das das Finanzamt ganz super.
Es wird!
Liebe Grüße

Namen sind Schall und Rauch hat gesagt…

Hallo. Ich glaube, ich habe hier noch nie kommentiert. Aus bestimmten Gründen. Wie dem auch sei, ich wollte Dir Zweierlei sagen: Du schreibst wirklich sehr schön und intensiv. Auch in diesem Post waren - mal wieder - sehr viele kluge Worte. Danke dafür. Ferner wollte ich Dir auf diesem Wege einfach mal viel Glück wünschen. Das braucht es nämlich einfach manchmal im Leben. Ich zweifle nicht, dass es bald wieder bergauf geht. Alles Gute!

Anna hat gesagt…

Habe online übrigens gerade auf FB eine ganz wunderbare "Medizin" gegen eine trübe Stimmungslage gefunden. Einen zauberhaften Clip namens "Es gibt die anderen und dann gibt es mich". Ich sage nur: Tanzstunde (im Kindergarten?) u. rosa Tüllröckchen. Ich glaube, Hopfen und Malz sind erst verloren, wenn ich über so was nicht mehr lächeln kann. Ich schick dir ein bisschen Sonne rüber. ;)

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Anna, vielen lieben Dank für Deine Worte. Übrigens - das FB-Filmchen kenne ich, ich habe es selber erst vor kurzem in meiner Chronik geteilt ;) Total süß, die Kleine!!
Weißt Du, es hat, glaube ich, bei mir aktuell grad nicht wirklich was mit dem November zu tun. Ich fühl mich nicht traurig - aber belastet bis zu den Haarspitzen. Und manchmal, in solchen Momenten wie gestern mit solchen Briefen wie gestern, da geht mir einfach der Atem aus, die Energie aus, weil ich denke: Gottverdammte Scheiße, wieso kann nicht einfach auch mal nur irgendetwas glatt laufen in diesem Leben - ohne dass man sich alles und jedes erkämpfen muss??
Ich wünschte mir wirklich einfach nur ein kleines bisschen Leichtigkeit zurück in diesem meinem Leben. Etwas, aus dem ich die Zuversicht, die Hoffnung schöpfen kann, den Mut, immer wieder aufzustehen - ohne dass ich mir selber immer wieder mantramäßig soufflieren muss "Ohmmmmmm... alles wird gut"...
Und ich wünschte mir, dass ich alles schaffe, wie ich es mir zurechtgelegt und überlegt hatte...

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Gretel, noch vor wenigen Jahren habe ich genau das gesagt: Dass ich dem Alleinleben so dankbar bin dafür, dass es mich gelehrt hat, wie viel Kraft tatsächlich in mir steckt. Dass ich tatsächlich Dinge bewegen und zurechtrücken kann. Dass ich allein überhaupt erst mal bestehen kann.
Viel zu lange hatte ich es mir ausreden bzw. einreden lassen - und mir am Ende selber nicht mehr getraut. Insofern: Alles war gut so wie es war, egal wie es war. Nur... Ich kenne nichts anderes als Kampf.. Ich kenne nichts anderes, als jegliche Verantwortung allein zu tragen - für mich und andere. Egal ob in einer Ehe, einer Beziehung. Jetzt bin ich keine 20, keine 30 mehr und auch die 40 habe ich längst passiert. Jetzt bin ich müde.. und wünschte, es würde einfach nur mal wieder ein wenig einfacher.. unbeschwerter.. leichter eben.
Und wenn ich es mal so sagen darf: Ich finde es abartig: Da ruft das Amt um 11:32 Uhr beim Sohn an. Weil sie ihn aufgrund seines Vorstellungsgesprächs nicht kriegen und ab 12:00 Uhr montags nicht mehr erreichbar sind, stellen sie eben einfach einen Versagungsbescheid aus. Ohne ihm die Gelegenheit zu lassen, reagieren zu können. Ohne auch mal schriftlich nachzufordern oder wenigstens eine gottverdammte E-Mail zu schicken. Wir leben doch nicht mehr im Zeitalter der Brieftauben, Herrgott noch mal!! Ich hab so eine Wut auf die - die sich einfach einen Scheiß darum kümmern, was so ein Bescheid, so eine Vertrödelung von Zeit für den Anspruchsberechtigten bedeutet. Sie wissen mit seinen Unterlagen, dass er für sich ganz allein verantwortlich ist und mit den Jobs gar keine Reichtümer anhäufen konnte, mit denen er sich jetzt über Wasser halten könnte. Es kotzt einen einfach nur an.
Und ja, das Finanzamt kann das auch ganz gut, hab ich schon Geschichten gehört - zum Fürchten.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Lieber Herr "Schall & Rauch" - stimmt, ich glaube, Du hattest hier noch nie kommentiert - und umso schöner ist es, dass Du es jetzt doch getan hast. Herzlichen Dank für Deine Worte, ich meins ehrlich.

ganga hat gesagt…

Liebe Helma,
ich verstehe sehr gut, wie es dir geht, was du meinst, wenn du vom dauernden Kämpfen sprichst. Immer ist irgendetwas, es kehrt einfach keine Ruhe ein, dass es einmal wieder etwas gleichförmiger dahin geht und man sich auf Wesentliches im Leben konzentrieren kann. Auf das was Spass macht und Entspannung bringt und dass für länger Zeit.

Ich werde mir einige Raketen kaufen und damit das Alte ausräuchern und Buntes und Fröhliches soll entstehen. So soll es bei dir auch sein.
Ich wünsche dir wieder Leichtigkeit im Leben und das sich alles zum Guten wendet
liebe Grüße
Ganga