Donnerstag, 1. November 2018

Zeit der Märchen



Wir schreiben den 1. November und ich lächel in mich hinein, weil ich es in diesem Jahr tatsächlich hinbekommen habe, mir rechtzeitig kleine, aber (ich hoffe) wundervolle Überraschungen zu den Geburtstagen in diesem Monat ausgedacht zu haben.
Wir schreiben den 1. November und ich lächel in mich hinein, weil die Unrastigkeit der letzten Tage und Wochen von mir abgefallen ist in Anbetracht der fünf freien Tage, die sich vor mir ausbreiteten wie ein weicher, flauschiger Teppich, auf dem ich mich nur niederlegen musste, während der Raum von Musik erfüllt würde.. Ich liebe sie so sehr, diese Abende, an denen ich nichts denken, nichts erfüllen muss, in denen ich nur fühlen darf und kann..

"Was fangen wir an mit den freien Tagen?" hatte der Mann gefragt und natürlich konnten wir uns nicht einig darüber werden. Ich war dafür, den Lebensraum neu zu gestalten, am liebsten in zartem hellgrau und "was mit Holz an der Wand".
"Lieber im Frühjahr", antwortete der Mann, wohl wissend, dass wir diesen Plan schon in diesem Jahr gehegt hatten..
Also haben wir nichts von alledem getan, sondern uns in die Bahn gesetzt und die Stadt Nürnberg besucht. Erkunden, entdecken, sich treiben lassen - das war der Plan. Oh, ich habe es geliebt, dass es an jeder Ecke, in jeder Straße wundervoll nach Kaffee und frischem Gebackenen atmete. Die Menschen dort sind unfassbar freundlich und zugewandt, ist mir aufgefallen.
Was machte es mir, dass die Bahnfahrt schon auf der Hinfahrt auf halber Strecke endete und man auf einen Bus umsteigen musste, damit die Fahrt überhaupt weiterging? Was machte es mir, dass ich mir einen wundervoll himbeerroten Schal kaufte, den ich anschließend in einer Lokalität vergaß und beim Zurücklaufen feststellen musste, dass man diesen inzwischen mitgenommen hatte?
Die Stimmung des Mannes war längst auf den Nullpunkt gesunken.
"Siebzehn Euro für nichts", grummelte der Mann.
"Ich geh noch mal zurück und kaufe mir den nochmal", antwortete ich.
"Noch mal siebzehn Euro?"
"Ich habe lieber vierunddreißig Euro bezahlt und aber auch einen Schal, als siebzehn bezahlt zu haben und aber gar nichts zu haben." Er hat zu dieser meiner Milchmädchenrechnung nichts mehr gesagt, sein Blick jedoch war eindeutig. Also habe ich meine Arme um seinen Hals geschlungen, ihn geküsst und gesagt "Jetzt schau nicht so grummlig. Es ist so ein schöner Tag heute, wir könnten ja einfach anfangen, ihn auch zu genießen."
Was machte es also mir, dass die Strecke für den Rückweg zwar wieder freigegeben worden war, jedoch die Anschlussbahn auf halber Strecke einfach so ausfiel?
"Das gibt es doch gar nicht", kopfschüttelte der Mann, "der nächste fährt erst in einer halben Stunde, das ist einfach nicht unser Tag!", während ich jubelte "Zeit für noch einen Becher Kaffee!"
Und dankbar war, dass die nächste Anschlussbahn auch beinah pünktlich in den Bahnhof einfuhr, wir einen guten Platz bekamen und ich die Zeit nutzte, dem Mann Lieder aus der Zeit meiner Kindheit in das Ohr zu singen. Blödellieder, bis er wieder lachte und sagte "Du kannst vielleicht Lieder kennen!"

Er schlief irgendwann am Abend auf dem Sofa neben mir ein, ging irgendwann später zu Bett, während ich noch bis fünf Uhr morgens dieses wunderbare Lebensgefühl genoss, die vielen kleinen Kerzen überall, die tiefschwarze Nacht vor dem Fenster - und die Krimiserien.

Dieses erfüllte Gefühl begleitet mich noch immer und in meinem Kopf, in meiner Seele sind gerade so wenig Wünsche, jedoch dafür Wünsche, die mir so arg wichtig sind.. von denen ich mir erhoffe, dass sie sich erfüllen - für die Menschen, an denen ich so hänge..
Ob es die langsam beginnende Vorweihnachtszeit ist, die mich so.. wie soll ich es sagen.. so weich stimmt, so zärtlich, so zuversichtlich?
Ich denke an Menschen, deren Wege sich in Kürze wieder ändern werden - und ich denke an eine Sendung am gestrigen Abend, in der die Angestellte zu ihrem Vorgesetzten sagte "Du wusstest wie er ist und du wolltest ihn trotzdem. Jetzt lass ihm auch die Zeit, sich zu zeigen."
Welche Bedeutung diese Worte für mich haben, wissen nur die engsten Menschen um mich herum - und ich möchte es auch gar nicht weiter ausbreiten.. Ich aber schaue auf die Menschen um mich herum, wie sie von A nach B hasten, wie sie von A nach Z streben und weder sich noch den Menschen um sie herum die Zeit geben, sich zu zeigen.. Ergebnisse zählen, das ist mir bewusst. Aber noch mehr zählt der Mensch, der, der will, auch wenn er nicht immer so kann. Wenn mir so jemand begegnet, bin ich der geduldigste Mensch der Welt. Ich bin die, die so lange auf die Beine hilft, bis jemand stark genug geworden ist, die eigenen Flügel auszubreiten und in die Welt zu starten. Ich bin die, die an jemanden glaubt, so lange, bis er ihr das Gegenteil beweist. Ich bin die, die sich Zeit nimmt...
Für die nicht die Quantität zählt - sondern die Qualität eines Menschen.

Auch aus diesem Grund werde ich mich niemals an einem Bloggertreffen beteiligen, bei dem man in der Menge untergeht.. Wenn ich jemandem begegne, dann möchte ich wirklich den anderen kennenlernen, wissen, wie es sich live und in Farbe anfühlt, ob in der realen Kommunikation ein wechselseitiges Nehmen & Geben klingt, ob man sich etwas zu sagen hat auch in der realen Welt - oder auch nicht. Schon vor Jahren, als ich mich zum allerersten Mal in die digitale Welt der Singles begab, lehnte ich wahllose Treffen für mich ab. Zack & Hopp war einfach nicht meins, ich glaubte daran, dass ich auch im geschriebenen Wort herauslesen konnte, ob die Begegnung eine besondere für mich würde oder auch nicht. Ganz gleich, mit welchem Ende.
Selbstverständlich verfolge ich bei einem Treffen mit einem Blogger ein völlig anderes Ziel - aber am Ende zählt für mich ein und dasselbe: der Mensch dahinter..

"Fall on me with all your light
with all your light..."

Vielleicht liegt es an der beginnenden Vorweihnachtszeit, dass ich einmal mehr an Märchen glauben wollen möchte.. Und mir wünschte, es würde wieder mehr zählen, worauf es wirklich ankommt...
..Einfach wieder an Wunder glauben - denn manchmal geschehen sie ja doch...

Kommentare:

Bohli hat gesagt…

Wunder sind es immer Wert daran zu glauben Helma. Nicht nur an Weihnachten. Viel Spaß mit dem günstigen Schal :-)

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

😋🙂

amorsolalex hat gesagt…

Stell dir einfach vor, dass mit diesem himbeerroten Schal zu Weihnachten eine Mama beglückt wird, von ihrem Teenager-Sohn. Oder eine Frau sich freut, dass ihr sonst so einfallsloser Mann endlich mal ihren Geschmack getroffen hat. ;)
(Auch wenn ich es nicht nachvollziehen kann, dass man die am Tisch gefundene Tüte nicht am Tresen abgibt, sondern einsteckt.)
Und ja, um es mit einem anderen Lied aus der Jugend zu sagen: Wunder passier'n.. :)

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Schöne Vorstellung - aber ich denke, es war die eine Mutter mit ihren zwei gnadenlos quengelnden Töchtern, von denen die eine uuuuunbedingt diese eine Mütze haben wollte.. Denn die drei kamen nach mir auf meinen Platz. Als ich zurückgeeilt kam, waren sie alle weg - die Mutter mit den Kindern und meine Tüte 🙄
Die sehr nette Verkäuferin schlug auf den Tresen und rief „Diese Saubande, da griegt man do e Hass, oder?“
Wir haben beide gelacht - aber am Ende war es eben meine eigene Schussligkeit 😜😎

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

P.S. Ich hätte sie auch abgegeben bzw wäre ihr nachgeeilt, denn sie sah mich und ich sah sie. 🙂

Goldi hat gesagt…

:-* vielleicht ist es die Weihnachtszeit, vielleicht ist es aber auch die innere Ruhe, die einkehrt und sich dauerhaft ausbreitet :-*

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Goldi, wenn Du mich fragst... dann glaube ich eher letzteres :)