Dienstag, 17. Juli 2018

Du und Dein Meer

Irgendwo las ich die Tage, dass Menschen ab und an auf große Gewässer starren müssten, sie würden sonst komisch. Und gerade jetzt würde mir das so richtig, richtig gut tun. Gerade jetzt würde es meiner Seele so richtig wirklich gut tun, bevor sie mich doch noch klein kriegen oder in die Knie zwingen.
Ich mag nicht auf Berge steigen, nicht mal ansatzweise, ist mir viel zu öde und anstrengend - aber am Meer kann ich stundenlang entlanglaufen, mich hin und wieder in den Sand legen, aufstehen, weiterlaufen, Steine auflesen, Muscheln finden, die ich ganz sicher ganz bestimmt noch nicht habe, um sie daheim ins Glas zu füllen. Weiterlaufen. Immer weiter. Einen Weg verfolgen, den es so gar nicht gibt. Jemandem, der Berge über alles liebt, wird man vermutlich die tiefe Leidenschaft für das Meer nicht wirklich erklären können.
"Du schon", hat der Mann vor zwei Tagen gesagt, "denn genau mit deiner Schreiberei übers Meer im Internet damals hast du mich eingefangen. So hab ich dich gefunden."
Früher dachte ich immer, ich sei überall da zu Hause, wo ich mich spontan wohl fühlte. Früher glaubte ich immer, ich sei ein Zugvogel, der nie wirklich irgendwo sesshaft würde. Der es nur eine begrenzte Zeit irgendwo aushielte und der dann eines Tages wieder weiter müsste. An einen neuen Ort, der mich für sich einnehmen würde.
Kennt Ihr das Gefühl, einen Platz, einen Ort, eine Stadt zu betreten - und Ihr fühlt Euch sofort wohl und könntet Euch spontan vorstellen, dort zu leben, zu lieben, zu lachen, in Cafes die nackten Beine ausstrecken und ein Buch lesen, die Tasse heißen Kaffees vor einem, ab und zu den Blick heben und über die Menschen schweifen lassen, sich nirgendwo festhalten lassend, um diesen dann wieder zu senken und weiterzulesen...
So habe ich mich in Amsterdam gefühlt. Oh Gott, ist das lange her, seit ich dort war. Fünfzehn Jahre, um genau zu sein. Diese Wohnungen direkt über den Grachten, die mit den riesengroßen Fenstern und den Fensterbänken, auf denen man in der Sonne sitzen, lesen, Gras rauchen oder einfach nur dabei sein sein konnte, ohne mittendrin zu sein.
So habe ich mich in Scheveningen gefühlt. Dieser Ort am Meer, an dem ich zwar kaum Muscheln fand, aber mich sofort in die wundervolle Atmosphäre verliebte, die der Strandbars, aneinandergereiht wie an einer Perlenkette, die Musik von überall her, die goldene Abendsonne über dem Meer, barfuß im Sand, die kleine Flasche Wein in der Hand, das Haar offen und das Herz ganz weit...
Heute weiß ich, ich bin wirklich nur am Meer zu Hause - wo auch immer das Wasser ans Ufer heranrollt. Alles andere wird bis dahin ein Zwischenstopp bleiben - wo auch immer das gerade ist.

"Du und Dein Meer", wurde ich vor einer Weile augenrollend belächelt. Dann lache ich immer nur und denke still, aber glücklich: Ach, ihr Unwissenden ;)

Gerade klopft mein Herz ganz sehr, weil ich es allein nur durch das Aufschreiben wieder fühlen, sehen, hören kann, weil all meine Sinne die Erinnerung an das Meer erfassen - und alles fällt von mir ab..

Kommentare:

Deichkindsreallife hat gesagt…

Seit ihr hier an meinem MEER wohne, und nicht zuletzt auch noch mit dem weltbesten Ehemann an meiner Seite, weiß ich, wie es sich anfühlt ANGEKOMMEN zu sein. Einfach großartig ! Einfach großartig ! ;)

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Genau darum geht’s: anzukommen. Sowohl als auch :)

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Hallo Helma, so wie es beim Biorhythmus Eulen und Nachtigallen gibt, was auch angeboren ist, so gibt es wohl auch Meer-Menschen und Bergmenschen, Naturmenschen und Stubenhocker. Ich wünsche dir immer dann mehr Meer, wenn du es gerade ganz dringend brauchst. In Hamburg war ich näher dran, am Meer.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Clara, ja vermutlich ist das so :) Der Mann war schon immer eine Nachtigall und ein Bergmensch. Früher war ich absolut die Eule und eben der Meer-Mensch; jetzt bin ich, glaub ich, weder Eule noch Nachtigall - aber immer und immer Meer-Mensch ;)

Beate hat gesagt…

Hallo Helma,
Ich bin sonst stille Leserin, mag deinen Blog sehr!
Heute muss ich auch mal kommentieren...;-)
Ich kann deine Leidenschaft ( Strandspaziergänge...."schwärm") zum Meer voll und ganz nachvollziehen, geht es mir doch genauso.
Am der See geboren, lebe ich nun seit vielen Jahren in Hamburg, habe aber das Glück, mehrere Wochen im Sommer an meiner geliebten Ostsee zu verbringen ( Dauercamping sei Dank...;-))
Irgendwann möchte auch ich wieder dauerhaft an der Ostsee leben...
Ganz lieber Gruß von der Ostsee!
Beate




Hedera hat gesagt…

Als Kind rannte ich im jährlichen Italien Urlaub immer zuerst an den Strand und freute mich wie Bolle. Aufgrund der Abneigung meiner Eltern auch die Meere an Nord- oder Ostsee jemals zu besuchen (wohl zu kalt), dauerte es 30 Jahre, bis ich den Weg zur Ostsee fand. Und nun wohne ich bereits 21 Jahre hier, sehe jeden Tag auf der Arbeit das Meer und freue mich immer noch daran. Gehe zwar so gut wie nie hinein (tatsächlich zu kalt für mich) aber ich liebe das Wasser ebenso wie du, denke ich. Und ich bin so gerne auf dem Wasser, die Urlaube mit meinem Ex auf einem Boot liebte ich wirklich aber das ist auch schon Jahre her....und nach jedem beendeten Urlaub freue ich mich immer wieder nach Hause fahren zu können, wenn das Wasser in Sicht kommt, wenn (evtl. je nach Jahreszeit) die Segel der Boote zu sehen sind, weiß ich...

ich bin zu Hause

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Beate, ich freu mich über Deine Worte! :) Und ich bin ja auch an der See geboren, auch aufgewachsen, später aber fortgegangen. Eines Tages werde ich wieder dort leben. Nicht "zu Hause", aber ich werde dann zu Hause sein <3

Liebe Hedi, hey, es freut mich echt, wieder von Dir zu lesen! Bei Deinem letzten Satz hab ich Gänsehaut bekommen!!

nberlin hat gesagt…

Ein wunderbarer Text zum Meer, so geht es mir auch. Allerdings gebe ich mich notfalls auch mit einem See zufrieden, Hauptsache Wasser.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Haha, Nadine, ja das stimmt schon, das sagt der Mann auch immer, weil er mir die Bergseen und so schmackhaft machen will. Schafft er aber nicht, mich kann er nicht täuschen ;) Als ich noch in L wohnte, wohnte ich sehr nah an einem See, insofern bin ich mir nicht sicher, ob ich mich auf Dauer damit zufrieden geben könnte ;)
Allerdings, wir waren mal am Gardasee mit einem California, parkten die allererste Nacht quasi am Ufer des Sees und erwachten am Morgen vom Wellenrauschen, so dass ich den Mann irritiert fragte "Bist du nachts noch weiter ans Meer gefahren statt am Gardasee zu bleiben?" :)