Freitag, 13. Juli 2018

Sehnsucht




Los! Schlaf jetzt! schreibt der Mann vor wenigen Minuten - aber ich kann nicht... Ich kann einfach nicht einschlafen, ich kann keine Ruhe finden, alles in mir vibriert, ist erfüllt von Sehnsucht. Ich will bleiben, ich will gehen, ich will mich kümmern und dennoch.. hinausfliegen in die Welt..
Ich möchte irgendwohin ans Meer, da, wo es warm ist, da, wo ich die nackten Füße im Sand vergraben kann, wo er zwischen den Zähnen knirscht, weil ich nicht aufhören kann zu lachen, die Flasche Weißwein zwischen dir und mir hin und her zu reichen und einen Schluck zu nehmen, das Kleid aufzuknöpfen, der Wäsche zu entsteigen und mich hineinzuwerfen in das Meer... Das Prickeln auf der Haut zu fühlen, einzutauchen, die unfassbare Tiefe zu ahnen und die wunderbare Weite des Meeres zu spüren.. Frei sein, so wunderbar frei fühlen, nur für diesen Augenblick wenigstens völlig losgelöst zu sein von Alltag, von Gedanken.. Dich an den Händen zu greifen und mich doch wieder loszumachen und wieder einzutauchen in das Wasser, wieder und wieder, bis es einem schwindlig wird.. So lange, bis wir frieren und an das Ufer zurückkehren, uns einhüllen in dickes flauschiges Tuch..
Abende, die wir barfuß irgendwo sitzen, frisches Brot zerkrümeln, uns einen Weißwein einschenken und uns erzählen, was uns gerade in den Sinn kommt... Vergangenes, Kindheitserinnerungen, Ängste, Freude, Herzglücksklopfen und die Augen glänzen... Während unsere Haut noch immer nach dem Salz des Meeres schmeckt und atmet und aus den Haaren immer noch ein wenig Sand rieselt... Während wir übereinander beugen und dieses eine Funkeln in den Augen des anderen wahrnehmen...

Schon zu Beginn des Jahres habe ich gespürt, dass sich etwas in mir verändert. Ich bin ruhiger geworden, gelassener - aber bewusster. Zugleich achte ich genauer auf Klangfarben um mich herum, in mir. Manchmal denke ich, ich lebe in meiner ganz eigenen, zurechtgebastelten Welt - und vielleicht ist das hin und wieder tatsächlich so. Eine Welt, in die ich mich dann und wann zurückziehe, wenn ich es draußen nicht aushalte, wenn nichts davon zu dem Klang in mir selbst passt.
Es gibt niemanden, der alles von mir weiß, und ich möchte ebenso nicht alles vom anderen wissen. Ich möchte mich selbst fühlen können, ohne dass mich das Außen beeinflusst und meine Wahrnehmung irritiert, und ich möchte die Bandbreite fühlen zwischen mir und dem anderen. Eine Bandbreite, die vieles erahnen lässt ohne die Gewissheit, ob es je so sein wird. Eine Neugier, die nie gestillt wird. Eine Freude auf den anderen, die nicht versiegt, selbst wenn er zum abertausendsten Mal durch die Tür tritt.
Mir ist bewusst, dass sich die Realität nicht aussperren lässt - aber ich selbst... ich verliere mich, wenn ich den Klang in mir nicht höre, nicht fühle. Dann blende ich alles aus, dann sperre ich sie aus, diese Nachrichtensendungen; diese Kommentare, in denen Menschen übereinander herfallen, die sich überhaupt nicht kennen, aber verbal unbedingt aufeinander einhauen möchten; diese Posts, in denen das eigentlich Wunderbare zwischen zwei Menschen hoffnungslos reduziert wird - und ich mich frage, ob sich so die Zerrissenheit eines Menschen offenbart, der zum einen bewusst leben möchte und zugleich erschreckend wenig Wertschätzung zeigen kann..
Ich lese Gedanken anderer, die eigenes Durchlebtes widerspiegeln und weitaus mehr Erinnerungen wachrufen als die Tatsache, dass ich mir jedes Jahr errechne "Jetzt wäre es 13, 14, 15 Jahre alt".
Ich tauche ein in Beziehungen anderer und frage mich, ob ich selber so leben wollte. Oder könnte.
Jeder Mensch führt das Leben, das er sich ausgesucht hat - und es möge mir niemand sagen, er käme da nicht heraus. Nicht zu können meint zu oft nicht zu wollen - und die Gründe sind so vielfältig wie es eben Menschen gibt. Manchmal bin ich überrascht und auch ein Stück weit erschüttert, wenn ich bemerke, wie sehr man sich aus Angst an etwas klammert, das einem in Wahrheit längst nicht mehr guttut. Ich möchte da sein, ich möchte zuhören, aber ich muss gestehen, ich kann es nicht immer aushalten - und bevor die dünne Haut zerreißt, ziehe ich mich zurück in meine ureigene Klangfarbenwelt..
Dann fühle ich mich wieder, dann fühl ich wieder diese wunderbare Sehnsucht in mir, die alles um mich herum wieder an die richtige Stelle rückt.

Eigentlich haben wir uns vorgenommen, lieber öfter zu reisen und dafür nicht lange an einem Ort zu verweilen. Im Moment bin ich mir aber gar nicht so sicher, ob wir das so rum richtig machen.. Von hier aus, von L aus ist es nicht so arg weit bis zum Meer, aber von da, von M, das ist so unfassbar weit, zu weit für ein zwei Tage und Nächte - und dabei wünsch ich mir das so sehr...
Morgen komme ich nach Hause zurück und dann müssen wir noch mal darüber sprechen..

Kommentare:

Sanni hat gesagt…

Toll wie Du imma schreibst...ich liebe es deine Nahen Gedanken zu lesen und wenn du viel schreibst.ich bins Lebensfilm übrigens von Wordpress. Anders gehts ned für mich hier. Nicht vernetzt

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Sanni, heute Morgen, bevor ich ins Auto stieg, überlegte ich noch, den Post wieder zu löschen, weil ich nicht mehr sicher wusste, was ich da alles geschrieben hatte und ob ich das überhaupt alles so stehen lassen wollte.
Als ich vorhin Deinen Kommentar las (fragte ich mich übrigens spontan, wie es Dir eigentlich geht? Du schreibst leider gar nicht mehr), da dachte ich "Ach lass alles so stehen, weil ich ja zu dem stehe, das ich denke und fühle - und wer möchte, liest, und wer nicht möchte, lässts". :)
Ganz vielen lieben Dank für Deine Zeilen!