Montag, 8. Februar 2021

31

 


Ja Hase, in diesem Jahr habe ich irgendwie den Zeitpunkt verpasst, Dir rechtzeitig um 0 Uhr diesen Geburtstagsgruß zu schreiben. Da waren wir die letzten zwei Tage doch mehr auf die Wetterlage fokussiert und darauf, ob ich nun zu Euch kommen kann oder nicht - und nun sitze ich hier mit meiner ersten Tasse schönen heißen Kaffee (kennst mich ja :)) und schreibe Dir diesen Brief. Denn da sein kann ich in diesem Jahr nun nicht, aber glücklicherweise gibt es heutzutage viel mehr Möglichkeiten, den anderen zu erreichen. DICH zu erreichen.

Dieses Foto von Dir neben noch ein paar anderen fiel mir vor wenigen Wochen in die Hände. Wonach ich eigentlich gesucht hatte, weiß ich gar nicht mehr. Aber ich saß dann da auf dem Fußboden, schaute mir die Fotos durch und lächelte tatsächlich auch mit ein bisschen Wehmut. Wie klein und unbedarft Du da noch warst. So wissbegierig,so fröhlich. Ich weiß noch genau, wann und wo dieses Foto aufgenommen wurde. Bei Deinen Großeltern, die beide heute nicht mehr da sind, seit vielen Jahren schon nicht mehr. Die Brille, die Du da trägst, ist die Brille Deiner Großmutter. Und so klein Du damals auch warst, als sie starb - in Deiner Erinnerung ist sie nicht nur immer noch gegenwärtig, sondern Du kannst Dich auch an vieles noch erinnern. An viel mehr, als ich gedacht hätte. 

Ich schaue auf die Fotos von damals und schaue auf Dich heute. Wie groß Du geworden bist - und mit 1,95 m der größte von uns allen. Du schaust also auf uns alle hinunter - doch das aber nur körperlich. Denn in Deinem Wesen bist Du alles andere als herablassend. Im Gegenteil, Du bist zwar reserviert und zurückhaltend (geworden), aber Du bist wertschätzend (also zumindest mit Menschen ;)) und vor allem unfassbar sozial. 
Dir ist in Deinem Leben niemals etwas geschenkt worden, Du musstest Dir alles erkämpfen und für alles kämpfen. Wenn ich mir ein was im Leben wünschte, dann das, dass Du endlich ankommst, dass Du zur Ruhe kommst. 
Als Dein Bruder im letzten Jahr entschied, sein Zimmer umbauen zu müssen und dass die noch junge Wohnwand leider keinen Platz mehr finden würde und Du sagtest: "Na also DIE würdsch ooch nehmen", da war dies der Startschuss für Deinen Bruder und mich, Dir eine Grundlage zu schaffen. Wir waren uns einig: Was auch immer kommen kann und soll und wird, das fängt immer an einem grundlegenden Punkt an - und der, so meinten wir, beginnt in Deinem Zuhause. 
Dein bunt zusammengewürfeltes Zimmer aus Möbelstücken, die nicht nur alt, sondern auch abgewohnt und einfach nicht schön waren. Nichts, wo man sich wirklich gern jemanden einladen wollen würde.
Schau ich heute drauf, denke ich: JETZT kann er, wenn er es will. 
Sogar Dein Bruder sagt: "Es ist das erste Mal in den sechs Jahren, dass sein Zimmer schöner ist als meins."
Ungefähr zur selben Zeit hast Du Deinen neuen Job angetreten. Nicht, weil Dein alter Chef Dich nicht mehr wollte - ganz im Gegenteil. Zum ersten Mal in Deiner Laufbahn hast Du es erlebt, das jemand um Dich kämpfte, Dich einfach halten wollte. Er hatte Dir einiges versprochen, wenn Du dafür bleibst - und wenn Du mich fragst: Ich hatte das Gefühl, dass er es auch tatsächlich ernst meinte. 
Die Crux war eben nur: Man kann nie sagen, wie lange er sich an diese Zusagen gehalten hätte - und ob er Dir eines Tages nicht doch das eine oder andere wieder "weggenommen" hätte. Eine unkalkulierbare "Größe". Die, wo Du jetzt bist, birgt auch Unsicherheit - denn Du wirst zweimal für ein Jahr befristet. Ein normales Prozedere in Konzernen, habe ich von mehreren Seiten gehört. Es kommt also auf Dich an. Wie Du Dich machst, ob Du Dich engagierst und wie Du Dich einfügst.
Und auch hier muss ich sagen, hast Du mich ausgesprochen überrascht.
Eigentlich kenne ich Dich als einen Menschen, der seine Rituale pflegt und an seinen Gewohnheiten hängt. Veränderungen liegen Dir nicht.
Als Du zum Beispiel Dein "neues" Zimmer am Abend betratst, war das einzige, das Du sagtest: "Mutsch, du weißt doch, ich will mein Bett nicht ans Fenster!"
Und der zweite Satz war: "Wo ist meine Matratze?"
Damals musste ich wirklich lachen. Denn das alte schmale Bett war natürlich rausgeflogen und mit diesem auch die Matratze, die sich langsam, aber sicher durchlag.
"Mir egal", sagtest du, "ich hab mir meine Kuhle da reingesessen und die will ich zurück."
Natürlich gabs die nicht zurück und Du wusstest das auch. 
"Ein einfaches Danke würde mir auch reichen", habe ich gelacht und mir die schmerzenden Muskeln gerieben, während Dein Bruder nur mit den Augen rollte. 
Aber so bist Du inzwischen geworden: Harte Schale, weicher Kern. Du bist in Deinem Leben so oft verletzt worden, dass Du Dich heute schützt. Es ist gar nicht mal so schwer, durch Deine Schale zu dringen, aber manchmal denke ich, dass es Zeit wird, dass Du Dein Leben mit jemandem teilst. Nicht weil Du nicht allein sein kannst. Ganz im Gegenteil, das kannst Du sehr gut.
Aber eigentlich möchtest Du das gar nicht - auch wenn Du nicht daran glaubst, dass sich das je ändern würde. (Ich schon, wie Du weißt, und ich kann Dir wirklich ehrlich nicht sagen, woher ich dieses sichere Gefühl habe. Es ist auch keine Hoffnung, sondern tatsächlich.. ein sicheres Bauchgefühl.) 
Und doch stelle ich fest: Je länger Du allein lebst, desto mehr pflegst Du Deine Gewohnheiten, desto mehr kultivierst Du sie. Das bedeutet nicht, dass Du Dir damit Deinen Weg verbaust - aber Du bist ein Mensch,  den man entdecken muss, den man für sich entdecken muss. 
Wobei... Wenn ich das hier so schreibe und wenn ich darüber nachdenke... Da sind wir beide uns ja auch irgendwie ähnlich. Auch mir fiels nie wirklich schwer, Anschluss zu finden - aber ich war auch nie jemand, den man auf den ersten Blick unbedingt für sich gewinnen wollte. 
An der Stelle... denke ich dann doch wieder, dass es im Grunde egal ist, was Dein Umfeld denkt: Du machst Dein Ding. So war es immer schon. Wie oft hieß es "Das kann er nicht/ das schafft er nicht" - und Du hast allen das Gegenteil bewiesen. Ich liebe Deinen Kampfgeist, Deinen Ehrgeiz, Deine Loyalität, ich liebe vor allem Deine Persönlichkeit. Du bist unbedingt verlässlich. Gibst Du einmal Dein Wort, weichst Du davon auch nicht mehr ab. Du bist zutiefst aufrichtig. Zwar kennst Du Notlügen, aber Du magst sie nicht - und grundsätzlich Lügen lehnst Du ab. Das kommt für Dich nicht in Frage. Und ich liebe das wirklich an Dir. Weil es vor allem eins vermittelt: Auf Dich kann man bauen, auf Dich kann man sich verlassen. Du hast ein sehr starkes Wesen. Irgendwie musste ich mich bei Dir niemals sorgen, ob Du vom Weg abkommst, ob Du an falsche Freunde gerätst, ob Du Dir irgendwann mal was spritzen würdest oder gar kriminell werden könntest. Du bist einfach niemand, der alles dafür geben würde, irgendwo dazuzugehören. Du besitzt ein ausgesprochenes Gerechtigkeitsempfinden - und sobald Du spürst, dass da etwas in eine falsche Richtung geht, dann tust Du es nicht. Du würdest nie niemals jemandem schaden. 

Du glaubst nur nicht an Dich.
Dass Dein alter Chef Dich halten wollte, hieltst Du nicht für ein Kompliment an Dich, sondern sahst das ganz pragmatisch: "Ich bin ja auch der einzige, der sich jeden Dienst aufdrücken lässt."
Das sehe ich anders. Denn wenn man seinen Job nicht gut macht, dann spielt es keine Rolle, ob man in 6 Stunden oder in 10 Stunden "versagt". Und wenn man nicht gut in seinem Job ist, dann will man denjenigen auch keine 10 Stunden haben - dann ist man froh, wenn derjenige nach 6 Stunden heimgeht. Und sich über kurz oder lang was Neues sucht. 
Schon vor einem Jahr hatte Dein Chef Dich von sich aus angesprochen und Deine Entwicklung gelobt. Dass Du so weitermachen sollst und man dann über eine Gehaltserhöhung sprechen kann. 
Ob er zu dem Zeitpunkt schon wusste, dass Dir manche Kollegen das Leben richtig schwer machten? Dass sich ein Umgang eingeschlichen hatte, der sich zum Mobbing entwickelte?
Im letzten Sommer hat Dein Chef Dich darauf angesprochen und Ihr habt sehr lange miteinander gesprochen. Erst da hast Du nach und nach einiges erzählt oder bestätigt. Eigentlich musste er es Dir aus der Nase ziehen, denn Du bist ein Mensch, der die Dinge für sich selbst klären und regeln will - und nicht zum Vorgesetzten geht. So wie die eine Kollegin Dich anmaulte: "Dann geh doch zu M. und beschwer dich über mich." Und Du sagtest: "Wieso sollte ich das tun, ich will nur meine Ruhe und meine Arbeit machen. Ich will mit den Leuten auskommen."
Und das sehe ich genauso: Man muss nicht mit jedem befreundet sein. Aber wenn man schon einen ganzen Tag lang miteinander arbeitet, dann sollte man schauen, dass man miteinander auskommt. Sich Dinge sagen kann, die nicht gut laufen, aber auch nicht jeden Tag aufeinander einhacken oder sich unnötig das Leben schwer machen. 

Ich bin noch heute überrascht, wie problemlos der Wechsel für Dich im letzten Jahr war. Auf die Frage, wie es Dir im neuen Job gefällt und ob Du Dich wohlfühlst, rollst Du immer nur mit den Augen: "Wieso fragt mich das jeder?" Und ich sage dann: "Weil es uns wichtig ist zu wissen, ob es dir gut geht."
Und das ist ja auch nicht nur mir wichtig :)
Du erzählst fast nichts von Deiner neuen Arbeit. Aber eins ist mir aufgefallen: Du wirkst entspannter. Ausgeglichener. Natürlich gibt es Tage, wo Dir manches zuviel ist und Du einfach nur in Ruhe gelassen werden willst. Die haben wir alle. Aber die grundlegende Tendenz... Du fühlst Dich gut an. Und Du glaubst gar nicht, wie wahnsinnig mich das für Dich freut. 
Es gab Zeiten, da hast Du öfter mal angerufen, wenn irgendwas schiefging oder Du bei irgendwas Hilfe brauchtest. Inzwischen meldest Du Dich fast gar nicht mehr :)

Auf meinem Schreibtisch hier stehen zwei Fotos: Das da oben mit der Brille und das andere mit Deinem Bruder, das Ihr mir vor drei Jahren zu Weihnachten geschenkt habt. Dazwischen liegen rund 30 Jahre. Ich schau sie mir oft im Wechsel an und so oft denke ich: Ich wünschte mir die Zeit zurück, als Du noch so klein warst. Wie vieles würde ich heute anders machen. Die Zeit mit Dir und dann später mit Deinem Bruder würde ich heute so gern und viel mehr genießen. 
Mir tut es bis heute weh, dass ich Vergangenes nicht mehr ändern bzw. auch nicht zurückholen kann. Denn es zählt wirklich nur das Eine: dass es Dir und Deinem Bruder gut geht. Dass Ihr zufrieden seid. Dass Ihr Euch ein Leben aufbauen könnt, das Euch glücklich macht. 
Dass Du Furcht vor Enttäuschungen hast, weiß ich.
Aber vor allem weiß ich, dass Du das kannst - und dass Du in Deinem ganz eigenen Tempo gehst, auch wenn Du selbst manchmal denkst, das würde sowieso nie und überhaupt. Auch wenn Du selber manchmal ungeduldig bist.

Du hast schon früher oft gesagt: "Ist ja klar, dass du an mich glaubst, ich bin ja auch dein Kind."
Aber eins kannst Du mir glauben: Es liegt nicht daran, dass Du mein Kind bist, sondern es liegt daran, dass ich an Dich als Mensch glaube. Weil Du so bist wie Du bist. Weil Du eine Persönlichkeit hast. Und weil es viel mehr Menschen wie Dich geben sollte. Das meine ich wirklich ehrlich.
Ich weiß genau, wie Du jetzt guckst, wenn Du das liest. Augenbrauen hoch, Augen rollen, der Mund verzieht sich. Und wenn ich daran denke, schmunzle ich. 

Ich lieb Dich wirklich, mein Junge, und ich bin wahnsinnig stolz auf Dich. Für das, was Du bis hierher aus Dir gemacht hast - und für das, wie Du Dich bis heute entwickelt hast.
Und ich freu mich wirklich auf alles, was jetzt noch kommt und wie es für Dich weitergehen wird.
Und ich freu mich darauf, dabei sein zu können, selbst von hier aus. 

Alles Liebe zu Deinem Geburtstag, mein Hase.
Heute Abend werden wir dann mal videotelefonieren - denn wir hätten da noch eine Überraschung für Dich :*

Deine Mama

Donnerstag, 21. Januar 2021

Im Wandel der Zeit

 

Als die Jugend unlängst bei ihrem Vater weilte, schickte mir der Jüngere über whatsapp ein paar Fotos aus einem Album, das der Vater bis heute nicht hergeben will - obwohl viele Fotos daraus nicht mal etwas mit ihm zu tun haben, weil wir uns da schlicht noch gar nicht kannten.

Aber ich war glücklich damit, dass ich überhaupt ein paar "Zeitzeugen" aus den früheren bis frühen Jahren zurückbekommen konnte - und fands irgendwie auch total lustig. Da schaut man sich Bilder an und guckt drauf wie auf eine fremde Person.
Ich selbst finde ja schon witzig und auch erstaunlich, wie man sich so verändert mit den Jahren - und werde trotzdem selbst von denen wiedererkannt, die ich schätzungsweise dreißig Jahre nicht mehr gesehen hab. 


Auf dem ersten Foto muss ich 6 oder 7 Jahre alt gewesen sein, auf dem zweiten 15, auf dem dritten und vierten 17, auf dem fünften 20 und auf dem letzten mache ich der Angela Davis eindeutig Konkurrenz!
Heute käme ich nicht nochmal auf die Idee, mir das Haar blond färben zu wollen - aber ist schon lustig und irgendwie auch interessant, wie man sich so entwickelt..

Daran musste ich auch denken, als mich heute ein ganz lieber Freund, der gerade den wohl wichtigsten Kampf seines Lebens kämpft, fragte, wie es mir denn ginge, privat und beruflich.
Wohl auch, um ihn ein wenig abzulenken, antwortete ich etwas ausführlicher auf seine Fragen, auch hinsichtlich der dienstlichen Belange, hinsichtlich angekündigter beruflicher Perspektiven, und er antwortete mir: "Das klingt doch super, das Zeug dazu hast Du!"
Ich selbst finde ja irgendwie schon immer wieder interessant, dass mein Umfeld mir wesentlich mehr zutraut als ich mir selbst. Manchmal frage ich mich schon, was andere Menschen in mir sehen - und warum.
Doch wenn ich so darüber nachdenke, wann genau diese Entwicklung eigentlich wirklich begonnen hat, dann reicht die Erinnerung um viele Jahre zurück. An jenen Punkt, als meinem damaligen Vorgesetzten ein Vertrag angeboten wurde, jedoch nur unter der Bedingung, dass ich dann auch das Projektoffice leiten würde. Bis heute weiß ich nicht, wer das initiierte und warum, mir war ja nicht mal bewusst, dass überhaupt auch nur irgendjemand auf mich geschaut oder geachtet hätte. Also auf meine Arbeitsweise. Und natürlich hatte ich Angst davor. Ich ein Office leiten, von Null auf an und ganz allein?
Andererseits reizte mich die Vorstellung, etwas Neues auszuprobieren. Rauszukommen aus dem bisherigen Trott, dem bisherigen Alltag. Mich selber ausprobieren zu können. Aber würde ich das überhaupt schaffen können?
Mein damaliger Ehemann war strikt dagegen. Er rechnete mir vor, dass sich allein der Arbeitsweg mindestens verdreifachen würde.
"Macht doch nix", antwortete ich verträumt (wie fast immer), "dann lege ich mir eben  meine Musikkassetten ein." (Moment... Musikkassetten? Scheiße, wie alt bin ich eigentlich? Ich dachte, ich wär immer noch irgendwo zwischen 20 und 30 :))
Und dann habe ich jemanden gefragt, der mir zu jener Zeit unfassbar viel bedeutet hat. Und der sagte "Wenn du es selber möchtest, dann tu es. Du kannst das."
Dieser Mensch hat an mich geglaubt. Immer. Jeden Tag unserer gemeinsamen Zeit. Er hat nie gesagt "Das kannst du nicht."
Er hat immer nur gesagt: "Sag mir, was du tun möchtest. Und wenn es irgendetwas gibt, das ich dazu tun kann, dann sag es mir, dann mach ich es."
Es war die beste Entscheidung meines Lebens, zugesagt zu haben. Den Sprung gewagt zu haben, nach dem sich ein Sprung an den anderen anreihte.
Irgendwie fällt mir in diesem Zusammenhang ein Uraltzitat aus einem Buch wieder ein: "Bin aus den Morgensorgen gekrochen wie ein Vogel aus dem Ei. Hab die Schale durchbrochen und spaziere jetzt frei."

Rückblickend kann ich sagen.. Dass es genau dieses Gefühl ist, das wir Menschen brauchen. Dass es mindestens eine Person gibt, die bedingungslos an dich glaubt. Und rückblickend kann ich sagen, dass mit diesem Wissen und meiner damaligen Entscheidung, mich aus der damaligen Komfortzone herauszubewegen und neue Schritte zu wagen, auch der Anstoß überhaupt waren für meine Entwicklung bis heute und hierher. All die Summe der Erfahrungen, Erkenntnisse, all die durchweinten Nächte, die aufgeschrammten Knie und zwischendrin immer wieder neuen Glücksmomente - all die waren es wert, all die mussten genau so sein, um genau heute hier so stehen zu können wie ich eben stehen kann. 

Ich weiß, dass ich nicht jedem schmecke - aber das muss ich auch nicht und das war auch niemals mein Ziel. Ich kann auch nicht beantworten, ob jede persönliche Entwicklung gut oder auch negativ ist. Ich bin nicht nur ein guter Mensch, und ich weiß das. Genau wie die meisten anderen hab auch ich meine dunklen Seiten, meine Schwächen, meine Untiefen. Der Soulweepr schrieb zuletzt, er habe zu Beginn des Jahres seine Kontaktliste im Telefon aufgeräumt und sei minutenlang damit beschäftigt gewesen.
Ganz so lange wie er habe ich zwar nicht gebraucht, aber auch das ist relativ neu an mir: Mich zu lösen von Menschen und Dingen, die nicht (mehr) in mein Leben gehören. Die dort vielleicht nie hineingehört haben. Und es hat tatsächlich irgendwie etwas Befreiendes...
Im Gegensatz zu ihm habe ich diese Entscheidung nicht daran festgemacht, ob ich ein Jahr oder länger nichts vom anderen gehört hatte. Denn genau genommen.. ist es ja so: Der Weg zu mir ist genauso weit wie der Weg zum anderen. Heißt, wenn man mit jemandem in Kontakt bleiben möchte, dann kann man sich auch selbst bewegen, anstatt darüber zu hadern, dass es der andere nicht tut. Solange man das auch selbst möchte, natürlich.
Ich für mich entscheide nach dem Bauchgefühl: Gibt es eine Verbindung, egal wie lange man sich hörte oder auch nicht mehr hörte? Gibt es eine Verbindung von mir zu dem anderen Menschen? Möchte ich, dass er in meinem Leben bleibt? Es ist eine dieser Verbindungen, die man nicht erklären kann.. Die sind da, im Kopf und wo auch immer, ich kann sie fühlen, ganz gleich, wie nah oder fern jemand ist - und ob es ein halbes Leben dauert, bis man wieder voneinander hört und sieht.. Manche Verbindungen.. sollen einfach sein.. Manches bleibt für ein ganzes Leben, ganz gleich, ob der andere es mit dir teilt oder auch nicht.
Und manchmal hab ich so das Gefühl, dass diese Seite an mir die einzige ist, die sich in all den Jahren nicht verändert hat.
Ob das nun gut oder nicht gut ist, das sei dahingestellt.

Dienstag, 12. Januar 2021

Wahre Liebe unter Brüdern

 Woran ich merke, dass ich wieder zu Hause bei den Jungen bin? An Dialogen wie diesen:

Sohn I probiert die neue Winterjacke an, ist aber wie immer bei solchen Dingen nicht ganz bei der Sache.

Ich begutachte wohlwollend: "Da hatten die Rezensenten doch tatsächlich recht: Man muss die Jacke echt größer bestellen, in seinem Fall sinds glatt zwei Nummern größer."

"Kein Wunder bei der fetten Qualle", kommentiert Sohn II.

"Also bitte!" entrüste ich mich.

"Hä? Wer ist größer?" fragt Sohn I.

"Dein Pimmel jedenfalls nicht", antwortet Sohn II.

"Mein Pimmel ist immerhin größer als dein Hirn!" kontert der Große.

Wer hat diese Brut eigentlich erzogen? 

Donnerstag, 7. Januar 2021

Unverfälschte Bilanz 2020

Churchill hat ja mal gesagt: "Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selber gefälscht habe" . Und als ich die Jahresbilanz beim Finchen las, dachte ich, dass ich das bestimmt recht interessiert in ein paar Jahren wieder lesen werde (soferns den Blog dann überhaupt noch gibt) und resümiere, ob "früher wirklich alles besser war" oder doch alles nur ne gestörte Wahrnehmung ;)

Zugenommen oder abgenommen?
Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht sicher. Wirklich nicht. Die Waage sagt "Herzlich willkommen auf dem neuen Polsterlevel", die Gürtelschnalle wiederum sagte gestern "Weihnachten an den Keksen gespart, oder was?"
Als ich das erste Mal nach längerer Zeit nach Weihnachten (manchmal liebe ich es augenscheinlich doch ein wenig masochistisch) auf die Waage stieg, mochte ich die Zahl eher nicht glauben. Stieg runter und wieder drauf, da warens 1,5 kg mehr. Entmutigt stieg ich noch mal drauf, wars 1 kg weniger. 
Drecksteil.
Ich denke, ich verlasse mich weiterhin auf meine Klamotten. Solange die Nähte halten, dürfte alles im grünen Bereich sein. Letztlich ist für mich entscheidend, dass ich mir gefalle. 

Haare länger oder kürzer?
Nun, ich habe es tatsächlich geschafft, im Mai nach dem Ende des Lockdowns für die Friseure einen Termin zu erhaschen und da ging schon ein gutes Stück wieder ab. Also wenn ich so Fotos von Mai und aktuell vergleiche: Inzwischen ist das alles mehr als gut wieder nachgewachsen. Hätte ich mit allem so wenig Probleme wie mit dem Haarwuchs... 

Mehr ausgegeben oder weniger?
Mehr. Allein durch den Umbau bei uns hier in M, den Rest dann für den Umbau des "Jungenzimmers" in L. Das hat mir schon ewig an den Hacken geklebt, dass ich es immer schön für den Jungen haben wollte, aber auch respektierte, dass der sich von den (ollen) Möbeln seines Vaters nicht trennen mochte. Insofern bin ich dem Jüngsten immer noch dankbar, dass er seine erst vor drei Jahren gekaufte Wohnwand abgeben wollte und der Älteste sagte "Na also DIE würdsch nehmen." Das war dann mein Auftakt und die Arbeiten konnten schlussendlich im November umgesetzt werden. Dass haargenau zum selben Zeitpunkt die Waschmaschine ihren Geist aufgab, hättsch da nun nicht wirklich gebraucht, aber mich fragt ja keiner.

Die teuerste Anschaffung?
Ja, eben die Waschmaschine, wenn man "teuerste Anschaffung" auf ein Einzelteil bezieht. Alles andere hat sich aber auch gut summiert. 

Das leckerste Essen oder Getränk?
Ich denke jeden Morgen beim ersten Käffchen "Booaarr ist DER lecker!" Genießen kann ich ;)
Und sonst... Hab ich eher nicht so wirklich Essen oder Trinken, wo ich denke "Das war das beste Essen/ Getränk, das ich je hatte." Wenns schmeckt, dann schmeckts - und das tuts oft.

Der beste Film/ die beste Serie?
Ist bei mir ähnlich wie beim Essen und Trinken: Mir gefällt vieles, da brauchts für mich keine Superlative. 

Urlaub 2020?
Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Italien. Für die Italienfahrt war ich diesmal dran mit dem Fahren, also mit meinem kleinen Schwarzen. Habe mich erstmals auch in eine für mich bisher unbekannte italienische Stadt getraut. Fahrkilometer machen mir dabei nix aus, aber ich hab irre Respekt vor größeren Städten. Da habe ich genauso Angst wie aktuell, wenns ordentlich schneit (oder friert). Wann immer sich das umgehen lässt, umgehe ich es auch, aber manchmal muss ich eben dann durch. Das sorgt im blauen Ziggenheim auch immer für ordentlich Zündstoff zwischen dem Mann und mir, aber ich kann da schwer aus meiner Haut. Nach Rom rein oder nach Berlin rein oder Hamburg oder ins Ruhrgebiet - da führt bei mir kein Weg rein. 
Verlasse mich ansonsten auch aufs Navi, und auch das sorgt am Ende immer irgendwie für kleinere und größere Eskalationen. 
Wie zum Beispiel 2012 - wir auf ner Rundreise Gardasee - Toscana - Venedig. Damals mit so nem VW Bus, den nur der Mann fuhr, weil ich mir das nicht zutraue. Das hat ihn damals schon genervt, das sorgte für ordentlich Diskussionen - und genau da rein piepte gefühlt alle 400 Meter irgendsoein komisches Tom-Tom-Navi  "Achtung! Gefahrenquelle voraus!", bis dem Mann bei schätzungsweise 120 kmh endgültig der Faden riss , er das Tom-Tom aus der Halterung riss und es wutentbrannt in den Fond schmiss. In solchen Fällen hat es sich für mich bewährt, Ruhe zu bewahren, vielleicht einen Keks zu essen und aus dem Fenster zu gucken. Meistens dauert es eh nicht lange, bis er irgendwas fragt und dann kann ich ganz zuckersüß so tun, als hätte nicht gerade erst der Asphalt gebrannt. 

2020 zum ersten Mal getan?
Hm. Eigentlich wüsste ich jetzt nicht wirklich ne Antwort drauf. 
Ach doch, ja, dass ich in diesem Jahr erstmals begonnen habe, Steine zu bemalen. Anfangs als kleine Zugabe zu eigentlichen Geschenken, aber inzwischen hab ich ne kleine Schachtel voller Steine, die ich bemalen und dann da und dort an die Isar zurücklegen möchte. Wer einen findet, nimmt sich den mit (wenn er mag, ich denke da eher an Kinder, die sind noch begeisterungsfähig ;)) und freut sich. 
Dieses Gefühl mag ich: Was Schönes hinaus "in die Welt" tragen.
Irgendwie - finde ich - sollte es viel mehr Zeit und Raum für schöne Dinge geben als sich permanent immer nur auf das zu fokussieren, was man aktuell nicht darf. Ja, mich nervt da auch einiges, aber irgendwie habe ich auch wirklich die Hoffnung, dass es in diesem Jahr vor allem wieder Entspannungen für die Eltern und überhaupt die Berufstätigen gibt. Dass der Mittelstand diese ganze Scheiße übersteht und dass die Menschen aufhören, übereinander herzufallen, bloß weil einer anders denkt als der andere. Wenn, dann zuhören und argumentieren gefiele mir persönlich besser.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Auf die Corona-Hysterie. Ja, ich habe Respekt davor und kann aufgrund dessen vieles akzeptieren und mitmachen, aber Angst habe ich keine. Und ich finde gut, dass die Chinesen separate Statistiken führen: Eine erfasst die Zahl der tatsächlich Erkrankten (und Verstorbenen), die andere die Zahl der Symptomlosen (und die Zahl ist übrigens deutlich höher). Als ich darüber las, dachte ich schon auch, dass das hierzulande zu weitaus weniger Hysterie geführt hätte und vielleicht auch zu hier und da anderen Entscheidungen. 
Das war jetzt nur ein Ding.
Auf was hätte ich persönlich noch gut verzichten können? Hm. Mir fällt da nicht wirklich was dazu ein - also habe ich vermutlich wohl ein ganz gutes Jahr gehabt. 

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Hm tja, das müsst Ihr die Beschenkten fragen! Meine Kinder jedenfalls waren zu Weihnachten tatsächlich happy und der Mann war über das Geschenk an ihn sehr überrascht. 
Er hat auch noch nie im Vorfeld auch nur annähernd erraten können, was ich mir für ihn ausgedacht hatte.
"Weil du dir immer was dabei denkst", sagte er. "Weil du irgendwann im Laufe eines Jahres irgendwas hörst, was ich sage, oder siehst, was ich tue, und das hebst du dir dann auf."
Ist doch gut, wenn das klappt - aber ich gebe zu, manchmal ist es auch echt schwierig ;)
Und die eine oder andere Überraschung für andere ist mir offensichtlich auch geglückt, wenn ich an die Reaktionen denke. Allein das fühlt sich doch irgendwie gut an.

Beste Entscheidung?
Endlich unsere Wohnung hier in M umzubauen und dann im Herbst auch das Zimmer des Jungen. Er hat zwar nie so richtig Danke gesagt - aber an seinem ganzen Verhalten spüre ich doch, dass er sich wirklich wohlfühlt und sich freut, dass es jetzt so ist wie es ist. Und mir geht es gut, wenn es den Jungen gut geht. 

Schlechteste Entscheidung?
Hm, gibts da eine? Muss ich überlegen... Mir fällt da gerade nichts ein. Außer ein paar Fehlkäufe hier und da. Ich sag ja, 2020 scheint allgemein nicht das schlechteste Jahr für mich gewesen zu sein.

Angst 2020?
Angst... Ist es Angst? Irgendwie erfüllt es mich mit langsamer, aber stetig steigender Sorge, dass und wie es brodelt in der Welt. Gewaltbereitschaft macht mir Angst, nach wie vor und das wird sich im Jahr 2021 vermutlich nicht wirklich bessern. Auch nicht mit einem Biden in Amerika. Ich kann nicht mal sagen, woran genau ich das festmache, aber wann immer ich diesen Mann sehe, empfinde ich spontan Abwehr. Irgendwas an ihm stört mich ziemlich dolle. 

Seltsam 2020?
Dass mir nach 15 Jahren die Freundschaft gekündigt wurde, nur weil ich gegen die Corona-Impfung bin. Ja vermutlich haben der eine oder andere Kommentator recht, wenn sie sagen, dass ich den anderen mit meiner Auffassung dazu eher getriggert hatte, als dass es mit mir persönlich zu tun hatte.
Aber das Ergebnis ist dennoch dasselbe. 

Wutanfall 2020?
Na ja.. Wutanfall.. Wüsste ich jetzt direkt nicht. Aber dass die Gastronomie trotz aller (teuren) Hygienekonzepte schließen musste, versteh ich immer noch nicht. Dazu gabs - ich glaube, im Dezember - eine Bundespressekonferenz und ein Journalist fragte, warum man sich dazu entschlossen hatte. Erst wurde herumgeeiert und erst bei der dritten Nachfrage beantwortet, dass "man sich eben für ein was entscheiden musste, und die Wahl fiel dabei eben auf die Gastronomie." Hä was? Diese Art und Weise kann doch niemand nachvollziehen.
Unabhängig davon: Angela Merkel meinte auf der Pressekonferenz im Oktober, ein Lockdown sei unvermeidbar, weil aufgrund der steigenden Zahlen nicht mehr nachvollzogen werden könne, wo die Infizierungen eigentlich stattfänden, aber man vermute den privaten Bereich. Und das wäre für mich eher auch logisch - oder begegnet Ihr Euch privat unter Familienangehörigen und Freunden mit Maske? Irgendwann fällt halt der Lappen.
Wäre es dann nicht umso besser gewesen, den Menschen die Möglichkeit für Begegnungen zu lassen - aber in einem kontrollierbaren Bereich?? Da, wo es bewährte Konzepte gibt? Wo es Nachverfolgungsmöglichkeiten gibt? Wer die Möglichkeit hat, sich bis abends 20.30 Uhr in einem Lokal zu sehen, der brauchts nicht, sich dann auch noch privat (heimlich) zu treffen. 

Persönlicher Höhepunkt des Jahres 2020?
Dass der Ältere einen anderen Job gefunden hat, auf den er sich mindestens 5 mal in den vergangenen Jahren beworben hatte. Zwar wird er zweimal für ein Jahr befristet, und das birgt natürlich ein gewisses Risiko, wenn man bedenkt, dass er dafür einen festen Arbeitsvertrag aufgegeben hat. Aber am Ende muss man eben auch bedenken, was für einen Vertrag er aufgab. Drei Monate nach Arbeitbeginn verkürzt worden von ursprünglich 42 auf 36 Stunden und trotzdem Arbeiten von montags bis samstags mit durchschnittlich 9 - 10 Stunden bei Mindestlohn. Zweimal hat der Chef ihm angekündigt, ihm mehr Geld geben zu wollen, es aber nicht umgesetzt - und als ers tun wollte, hatte der Junge bereits die Zusage vom neuen Arbeitgeber.
Was mich aber wirklich am meisten von allem für meinen Jungen gefreut hat: dass der "alte" Arbeitgeber alles versucht hat, ihn zu halten. Und als er wusste, dass der Junge an der Entscheidung zu gehen festhält, ihm einräumte, jederzeit zurückkommen zu können, "wenn du merkst, dass das andere doch nichts für dich ist." Diese Chance bekommt er als einziger, für alle anderen galt bisher eins: "Ist man raus, bleibt man raus."
Ich denke, dass es insgesamt für seine persönliche Entwicklung wichtig war und ist, auch so etwas erfahren zu können. Wir haben auch ziemlich lange am Kündigungsschreiben gefeilt. Es sollte trotz allem wertschätzend sein - und offensichtlich wurde damit auch der richtige Nerv getroffen.

Persönlicher Tiefpunkt des Jahres 2020?
Das war einmal im Frühjahr, nachdem der Hausarzt meinen Fall übergeben hatte an das Zentrum für seltene Erkrankungen in L und deren lapidare Antwort dazu kam - und im Sommer nach dem zweiten Termin bei der Endokrinologin. Noch im ersten Termin hatte sie eine ganze Liste an möglichen Untersuchungen avisiert, nur um dann nach dem zweiten Termin alles, wirklich alles zu kippen. Warum, das weiß ich bis heute nicht. Meine Nieren arbeiten, wenn auch ziemlich verzögert, aber sie arbeiten. Was grundsätzlich erstmal wichtig ist. Die Nebennieren produzieren das körpereigene Cortison und damit brauche ich keine medikamentöse Unterstützung, jedenfalls theoretisch nicht. Praktisch ist es jedoch so, dass nur Cortison allein bisher geholfen hat. Leider in einer Dosis, die nicht auf Dauer angewendet werden kann - oder in schätzungsweise zehn Jahren sind meine Knochen hinüber. 

Ich hatte sie jedoch anfangs nicht so verstanden, als dass die Cortisongabe das einzige Mittel der Wahl bleiben sollte. Eigentlich hatte ich sie eher so verstanden, als dass verschiedene Dinge abgeklärt werden sollten - und damit geschaut würde, welcher Weg sich nun für mich eröffnen ließe. Nach dem zweiten Termin aber war mit einem Mal Schluss, das zuvor prophylaktisch ausgestellte Rezept entsorgte ich weisungsgemäß - und danach.. fiel ich ziemlich tief. Wenn auch nur für ein paar Tage, aber ich fiel. 

Der Hausarzt meinte noch im Februar, dass die sehr eindeutige Reaktion des Körpers auf das Cortison "richtungsweisend" sei, nur weiß er nicht, in welche Richtung. Infektion, Entzündung ja, aber wo? Im Kopf? Im Nervensystem? In den Sehnen? In der Muskulatur? Zumal die Problematik in all den Jahren zwar in beiden Fußsohlen und in beiden Händen, sonst aber ausschließlich auf die linke Körperhälfte beschränkt ist. 
Damit kann einfach niemand etwas anfangen, 2005 nicht, 2017 nicht und ab 2018 mit den seither deutlichen neurologischen Ausfällen auch nicht. 
Manchmal bin ich mental etwas gestrauchelt, 2020 gleich zweimal, aber.. The Show must go on, irgendwie. Und dann, in den allerschlimmsten Momenten, da habe ich immer noch meine Musik ♥️

2020 war mit einem Wort...?
2020 eben. 

Notizen 2019 bzw. Wunschzettel 2020/
Notizen 2020 bzw. Wunschzettel 2021:

Die Notizen könntsch mir vielleicht hier im Blog nachlesen, aber Wunschzettel hatte und habe ich keine. Ich plane nicht wirklich und nehme mir auch nichts vor: Wenn ich etwas ein ganzes Jahr lang nicht geschafft oder gemacht habe, dann war dazu entweder (noch) keine Möglichkeit oder es war nicht wichtig genug. 
Ich brauche keine Vorsätze, die ich sowieso nicht einhalte.
Letzlich bleibt mir immer nur ein einziger Wunsch: mich glücklich fühlen zu dürfen. Darauf baut am Ende ja doch alles irgendwie auf. 

Montag, 4. Januar 2021

JaSk!

 Als ich heute Vormittag mein erstes Geburtstagskind in diesem neuen Jahr anrief, um ihr zu gratulieren, da wünschte sie mir - weil wir seit Dezember nicht noch mal gesprochen oder geschrieben hatten, "Ein fröhliches JaSk"! 
"Hä was?"
"Ein fröhliches Jahr mit viel JA und viel Skol!"

Eigentlich wollte ich sie wirklich nur kurz (aber dafür eben persönlich) anrufen und gratulieren, um sie dann wieder zurückzuentlassen in die Familie und diese ganzen Feierlichkeiten. 
Aber natürlich artete das wieder aus und wir wurden nach zwei Stunden "zwangsunterbrochen".
Wir haben aber auch echt immer wieder so viele Themen, kommen vom hundertsten in tausendste - für mich tatsächlich eher untypisch. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die mich "zum Reden" bringen. Und telefonieren an sich mag ich eh schon nicht. Ich fühl mich dann so... "gefesselt"... Kann maximal barfuß auf dem Holzfußboden hin und her laufen oder mich darauf legen, die Beine übereinander gelegt und an die Wand gelehnt oder mit dem Blick hinaus ins Grüne oder in den Sternenhimmel. Es passiert schon selten, dass ich viel erzähle und selbst wenn ich still bin und nur zuhöre, mache ich oft Sachen nebenbei. Vorzugsweise die, die der andere nicht hört oder mitkriegt (wie zum Beispiel den Spüler ausräumen - oder was dachtet Ihr?) Und das ist eben schwierig beim Telefonieren, denn da.. geht so gut wie nix nebenbei.

Sie erzählte mir, sie habe von ihrer Chefin ihr Horoskop geschickt bekommen - und selbst wenn sie nicht an sowas glaubt, fand sie es doch lustig und vor allem passend.
Justament bekam ich mein eigenes "serviert", zwar eher als Typbeschreibung und weniger als Vorhersage - aber amüsiert hat es mich dennoch! Die bereits erfolgte Übersetzung erschien mir an der einen oder anderen Stelle etwas holprig, aber da ich den originalen Wortlaut nicht bekam, nahm ich diesen :)

Das Hauptmerkmal des Zwillinge-Hahn-Zeichens ist eine veränderliche Laune. Es ist unmöglich, seine Handlungen vorauszusehen und die Motive von Handlungen zu verstehen.
Ha! Das hatte schon mein Ex immer gesagt "Ich denke immer, ich kenne dich, und dann machst du Dinge, von denen ich merke: Ich kenne dich überhaupt nicht." Und der aktuelle Mann empfindet es ähnlich ;)
Es gibt so viele Ideen in seinem Kopf, dass er keine Zeit hat, eine Verhaltensstrategie zu entwickeln. Das stimmt! In manchen Fällen: leider!! Hinzu kommt, abhängig von äußeren Umständen: Die Stimmung des Zwillinge-Hahns ändert sich blitzschnell. Er neigt nicht zur Introspektion, zählt nicht die weiteren Schritte, sondern folgt einfach seinen Gefühlen. Deshalb müssen Verwandte besonders sensibel und aufmerksam darauf sein. Ein nachlässig geworfenes Wort in seiner Ansprache – Hahn-Zwillinge ist tödlich beleidigt. Na ja... tödlich beleidigt würde ich persönlich jetzt nicht sagen - aber man kann mich mit nur einem (falschen) Wort treffen, das ist wohl wahr. Dann ziehe ich mich oftmals zurück, manchmal für einen Moment, manchmal für länger. Obwohl ziemlich schnell den Konflikt vergessen und verhält sich, als ob nichts passiert wäre. Bei den meisten Themen stimmt das. Aber gerade im Zwischenmenschlichen ist das nicht ganz so einfach. Zwar verhalte ich mich schnell so, als sei nichts passiert - aber es wirkt sehr lange in mir nach. Mitunter jahrelang - und dann weiß ich auf Tag und Minute noch genau, was wie passiert ist ;) Und an geeigneter Stelle grabe ich diese Keule auch wieder aus. Natürlich. Frauen machen sowas :)  Das ist die Natur des Zwillinge-Hahns: kindliche Spontaneität und Aufrichtigkeit.

Hartnäckige, emotionale Hahns-Zwillinge finden sich oft in peinlichen Situationen wieder. Öhm.... Oft nicht. Aber wenn, dann nachhaltig ;) Sie halten es nicht für notwendig, ihre Meinungen zu verbergen, sie sprechen immer direkt, was sie denken. Das stimmt definitiv nicht - nicht für mich. Für mich stimmt eher mein eigener Leitsatz "Ich sage nicht immer, was ich denke. Aber wenn ich was sage, dann meine ich es auch so." Sie sind aktiv und unermüdlich in ihrem Wunsch, ihre Richtigkeit zu beweisen. Zwillinge-Hahns sind bereit, endlos die Beziehung mit anderen zu erfahren. Und während des Streites vergessen sie die Gründe für ihre Unzufriedenheit. Das vergiss mal! Die ersten gehen zur Versöhnung und kaschieren keinen Groll: Der Skandal ist kein Grund, die Kommunikation zu stoppen. Zwillinge-Hahns sind bezaubernd und spontan, machen zumindest einen solchen Eindruck. Sie sind jedoch vernünftig, intelligent und glauben fest an ihren Erfolg. An welchen Erfolg?? Wenn ich an meinen Erfolg glauben würde, würde das ja bedeuten, dass ich einen Plan hätte. Ich habe aber keinen. Ein Ziel vielleicht. Aber wie ich da hinkomme, weiß ich im Vorfeld so gut wie nie. Das einzige, das ich anwende hier und da, is ne Strategie. Und dann guck ich, obs klappt oder ich doch nen anderen Weg nehmen sollte ;) Sie sind in der Lage, profitable Transaktionen abzuschließen, *Ihr seht mich grad vor Lachen auf dem Holzfußboden hin und her rollen!* sie streben danach, ihr Leben zu verbessern. Männer und Frauen dieser Kombination lieben Komfort und Luxus, Im ersten Moment dachte ich: "Watt?? Luxus?? Aber dann dachte ich: Man muss sich vielleicht auch fragen, ab wann etwas Luxus ist. Wenn man zum Beispiel jede Woche Badewasser einlässt oder sich für Fünf Euro Achtzig einen großen Milchkaffee in der Sonne bestellt (die Schweine; als ich sagte, ich hätte doch nur den Kaffee gehabt und ohne Kuchen, da lachten die bloß!), dann ist das tatsächlich auch Luxus. achten besonders auf ihre Garderobe. Ähm ja, das stimmt wohl. Wobei mir nicht die Marke wichtig ist, sondern mein eigenes Gefühl: Fühl ich mich wohl darin? Gefalle ich mir? 

Der Hahn-Zwillinge ist ein guter Redner: Er ist sehr überzeugend in seinen Reden. Na ja.... Ick weeß ja nich. Lass ihn nicht immer über seine Taten berichten, sondern glaube fest an eine gute Zukunft. Positiv, aktiv und freundlich zu anderen – führt leicht Menschen hinter sich. Sicher, er besteht nicht zu sehr auf der Rolle des Führers, er weiß, wie er die richtige Position einnehmen kann, abhängig von der Situation. Über ne Führungsrolle hab ich nie nachgedacht, echt nicht, ich schwörs, ich bin da eher reingeschubst worden. Mir gehts immer nur um eins: Fair muss es sein.  Er weiß, wann es möglich ist, sorglos und fröhlich zu sein, und wenn es notwendig ist, seine besten Qualitäten zu zeigen: Verantwortung, Verstand, Diskretion. Zwillinge-Hahn liebt es zu träumen, *jauchz!* er zeichnet sich durch eine reiche Fantasie und entwickelte Einbildungskraft aus. Bei Bedarf ändert sich leicht seine Sichtweise. Das stimmt zwar, ist aber nicht ganz so luftikus-artig, wie das klingt. Es ist eher abhängig von Argumenten. Wenn die mich überzeugen, dann weht das Mäntelchen halt in die andere Richtung. Er ist in der Lage, gewöhnliche Dinge zu tun und zu glauben, dass dies sein Traum ist. Passt sich leicht an neue Bedingungen an und wird niemals ohnmächtig. Hier hättsch gerne mal das Original gelesen. Ohnmächtig meinten die ganz sicher nicht - aber der Rest stimmt ;) 

Leicht entflammt Zwillinge-Hahns sind unbeständig in ihren Vorlieben. Heute, begeistert von einer Person und morgen – zu anderen. Na das stimmt jetzt nicht ganz so. Ich entgeistere mich eigentlich nur aufgrund des Verhaltens des anderen. Je mehr ich mich wiederfinde, desto anziehender wirkt jemand auf mich. Aber manches erschreckt mich eben auch und dann isser vorbei, der Zauber ;)  Und sie glauben aufrichtig an ihre Gefühle und planen eine Ehe. Windige, instabile Zwillingsschwänze *kreisch!!!!* erfüllen nicht nur ihre Verpflichtungen nicht, sondern verlangen sie auch nicht von anderen. Sie sind nicht eifersüchtig, sie sind keine Besitzer. Das stimmt, ich besitze nicht. Wenn ich das Gefühl habe, nicht wirklich gewollt zu sein, bin ich eher sofort weg. Sie begehen rücksichtslose Taten im Namen der Liebe, Das ist gemein, aber leider wahr. sie können auf sich aufmerksam machen. Mit dem Zwillinge-Hahn wird es nicht langweilig und schon eine kurze Romanze mit ihm wird die angenehmsten Eindrücke hinterlassen. Das kann ich doch nicht einschätzen, aber ich denke eher nicht. 

Das Liebeshoroskop zeigt das Hauptgeheimnis der Kompatibilität mit dieser aufbrausenden Person – keine Kritik. Trotz seines Stolzes und seiner Hartnäckigkeit ist der Zwillinge-Hahn sehr abhängig von den Meinungen von nahen Menschen. Aufbrausend bei Kritik eher nicht - aber es wirkt sehr lange in mir nach. Dann hinterfrage ich alles und jedes und zuallererst mich selbst. Aber ich ticke aus, wenn es ungerecht oder gar beleidigend wird.  In seinem Leben, vielen Schwierigkeiten und Problemen – dieser geborene Kämpfer ist immer auf der Hut vor Ordnung und Gerechtigkeit. Die Familie sollte sein Schutz und seine Unterstützung werden. Im Umgang mit geliebten Menschen ist er weich und geschmeidig und gibt ihnen leicht die Rolle des Anführers. Er duldet keine Bemerkungen und reagiert emotional auf die harmloseste Kritik: er verliert sofort die Beherrschung. Na ey, ich bin doch keene 12 mehr! E bissl was habsch schon gelernt inzwischen :)

Ein unternehmungslustiger, aktiver Hahn schafft es nicht immer mit unvorhersehbaren Zwillinge fertig zu werden. Es ist schwierig, die Handlungen dieser frivolen Vertreter des Luftschildes vorauszusehen. Das Ergebnis: Zwillinge-Hahn zeichnet sich nicht durch Verantwortung und Seriosität aus. Springbrunnen von Ideen, anfällig für überstürzte Aktionen und mutige Experimente. Der Zwillinge-Hahn ist schwer als idealer Angestellter zu bezeichnen – er ist durchaus in der Lage, das Team zu führen. Er streitet gern, erfüllt oft nicht die ihm übertragenen Aufgaben.
Also diesen Absatz kann ich irgendwie so nicht unterschreiben. Weil, wenn dem Ganzen so wäre, stünde ich vermutlich nicht in der Position, in der ich gerade bin - und in die ich noch kommen soll. Ich schiebe das jetzt mal auf ne hundsmiserable Übersetzung - wer war das?! :) 

Widerspenstig Zwillinge-Hahn ist am besten geeignet, um mit einem flexiblen Zeitplan zu arbeiten. Braucht Freiheit, erträgt keine strenge Kontrolle. Kann nur in einer Atmosphäre von Wohlwollen und vollem Vertrauen schaffen. Diese Person mit einer entwickelten Sprache und einer reichen Fantasie kann jeden mit seinen Ideen erfassen. Kann Schriftsteller, Künstler, Kunsthistoriker, Schauspieler oder erfolgreicher Geschäftsmann werden. Energisch, beweglich, der Kampfgeist ist stark in ihm, so wird er sich nicht irren, wenn er ernsthaft Sport treibt.
Dieser Absatz hier ist wohl der beste Beweis für ne schlechte Übersetzung - aber ich denke, die Kernaussage stimmt in jedem Fall ;) 

Zwillinge Frau, geboren im Jahr des Hahns, ist nicht allzu offen gegenüber anderen. Sie führen einen aktiven Lebensstil, sprechen mit großer Freude, behüten aber sorgfältig ihre Geheimnisse und Geheimnisse. Da ist was dran ;) Helle, unabhängige Frauen machen Zwillinge-Hahn den angenehmsten Eindruck, Männer verbringen gerne Zeit in ihrer Gesellschaft. Emotionaler, etwas unberechenbarer Mensch macht es nichts aus, verheiratet zu werden und einen zuverlässigen Verteidiger zu finden. Ich finde tatsächlich immer noch, dass die Ehe etwas ganz Wundervolles ist. Jedoch nur mit dem Richtigen. Es gibt zwar keine Garantie, dass sie zu vorbildlichen Hausfrauen werden. *schkönntmischbeömmeln* Ihr ganzes Leben lang suchen sie nach ihrer Berufung, sie werden in jedem Beruf stattfinden können, wenn sie auch etwas Beharrlichkeit zeigen. Ne! Definitiv nicht in jedem Beruf! Es ist leicht, sich davon zu befreien, ebenso schnell enttäuscht, aber verlieren Sie nicht die Anwesenheit des Geistes.
Mann o Mann.. Her mit dem Originaltext, bitte ;) 

Was soll ich sagen.. Ich habe in obigen Zitaten nicht wirklich Neues über mich herausgefunden - aber es hat mich einmal mehr köstlich amüsiert. Und jetzt habe ich mir den Mund trocken geredet, ich brauch jetzt ein Käffchen und muss mir noch das Haar fönen. Auf gehts :)

Donnerstag, 31. Dezember 2020

Falies Nawidatt

... ja na oder so ähnlich. Irgendwie hab ichs die Tage nicht auf die Reihe gekriegt, mal noch was zu schreiben von wegen allen möglichen Wünschen und so - und jetzt versuche ich mich heute Abend allen Ernstes darin, obwohl ich schon mindestens zwei Likörschen und das dritte Glas roten Sekt verköstigt bekommen hab (jawohl, bekommen - alleene hättsch mir den nieeee ausm Kühlschrank geholt, aber ich wohn ja nich alleene hier). 

An den paar Worten bis hierher habe ich mich schon gefühlt fuffzsch mal verschrieben, vertippt, ver-was-weiß-ich - aber hey, ich kann doch hier nich weggehen, ohne das alte olle Jahr zu verabschieden und Euch jetzt aber wirklich mal von Herzen ein gutes neues Jahr zu wünschen. Auf dass es für viele von uns ein leichteres, entspannteres werden möge.
Verdammich, wir haben doch wirklich nur dieses eine Leben, keiner von uns weiß, wie lange - und irgendwie würde zumindest ich wirklich ungern abtreten mit dem Gefühl, nicht alles gelebt zu haben, was ich mir auf die Fahne.. ne, die Wishlist.. ach ne, die Löffelliste geschrieben hab. 
Hab ich denn eigentlich überhaupt ne Löffelliste? fällt mir grad so ein.
Eigentlich hab ich mir doch nie wirklich Gedanken darüber gemacht, was ich will oder wohin ich will. Eigentlich hab ich mich doch eher immer lieber treiben lassen, bin mal hier, mal dort angedockt und dann doch wieder weitergezogen. Weil, wenn mir eins immer wichtig war, dann, dass das Leben mit Liebe gefüllt.. äh ne.. ERfüllt sein sollte. Ich wollte ankommen, ich wollte zur Ruhe finden - und na ja hey, irgendwann habsch dann doch noch gemerkt, dass das gar nichts mit nem Mann zu tun hat, sondern mit mir selber. Na ja und den Rest würde ich mir dann schon so irgendwie zurechtbasteln.

Andere Leute wollen alle möglichen Sachen machen. Mal ne Weltreise, n Haus bauen oder wenigstens kaufen, die Karriereleiter bis auf die letzte Sprosse hochächzen, viel Kohle verdienen und so n Kram. 
Was will ich eigentlich? 
Isch hab keene Ahnung, ehrlich gesagt. Immer noch nich. Ich will eigentlich nur.. das Leben mit Liebe füllen und Glück haben dürfen. Und keine Existenzangst mehr haben müssen, denn ehrlich, diese Jahre waren scheiße. 

Heute morgen, ich war gerade aus den Federn gekrochen, noch ganz warm vom Schlaf und so, da stand mein Käffchen schon aufm Tisch und die Sonne schaute drauf und beseelt von diesem Anblick schlug ich dem Mann vor, doch einen ausgedehnten Spaziergang zu machen, so weit mich die schmerzenden Knochen tragen würden. Also ich hatte ja gemeint, irgendwann am Tag, solange es noch hell war.
Der Mann verstand aber: Kaffee austrinken, anziehen, raus. 
Öhm.
Der hat mich echt wirklich so lange gestriezt und genervt, bis ich tatsächlich nach ner Stunde schon angezogen war. Passiert mir sonst nich so schnell, jedenfalls nicht an freien Tagen und erst recht nicht an denen, wo ich eigentlich auch nix vorhab. Er hat sich (oder mich?) dann mit einem lecker Käffchen rehabilitiert und ich habe diese Entschuldigung großmütig angenommen. Wenn also nix mehr geht - n Käffchen geht doch immer. Da brauchts keine Blumen oder so n Schietkram, keinen Diamanten oder so n Protzzeug. Kaffee handgemahlen oder wenigstens selber gekauft - und die Zigge is glücklich :)
Sagt doch mal, der Mann hat doch eigentlich Schwein, oder? 

Irgendwer hatte in seinem Status heute so n Wimmelbildchen oder wie die heißen. Die drei ersten Worte, die man liest, bestimmen das Jahr 2021.
Ja watt soll ich sagen. Ich hatt halt grad nix zu tun und habs probiert. 
Gesundheit, ne, ich glaub, Gesundheit war das nich, das war irgendwas anderes, so ähnlich vermutlich, das zweite hab ich vergessen, ach ne, das war Heilung! und das dritte war Liebe. 
Heilung klingt ja tatsächlich mal verlockend. Immerhin darf ich seit zwei Wochen kein Cortison mehr nehmen und was soll ich sagen... der Schmerzpegel is an manchen Tagen schon wieder scheiße hoch. Nicht erst seit zwei Wochen, das kam schon wieder, nachdem das Cortison deutlich runtergesenkt worden war. Trotz der Alternativpillen, die es nunmehr mit dazu gab und die leider nich wirklich ne Wirkung zeigen. Also der Schmerzpegel ist jetzt nich so, dass ich gleich verzweifeln täte, aber doch so, dass ich mir überlegen muss, ob ich zum Beispiel die mir wertvolle Tasse nicht besser beidhändig hochhebe und auf welche Seite ich mich lege. Ob ich die Treppen schaffe oder doch lieber den Lift nehme. Wie weit ich zu Fuß komme oder ob ich doch ne Abkürzung nehme. Das is nich kritisch und auch nich lebensbedrohlich, aber trotzdem isses scheiße. Weils nämlich weh tut, jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde, pausenlos und manchmal denke ich immer noch: Das haltsch keene fuffzsch Jahre mehr aus. Aber dreißig reichen ja vielleicht auch. Oder zwanzig. 
War der Mann doch tatsächlich verwundert, weil er meinte, er hätte das gar nich so mitgekricht. Ja was glaubt er denn, dass ich ihm was vorjammere oder mir n Schild an die Stirn hefte "Heute ma nich ansprechen"?! Wie lange kennter mich? 
Gestern hattsch dann doch noch irgendwie so n Geistesblitz und dachte: Warte mal.. wenn die gute alte DDR-Rheuma-Salbe an den Fußsohlen geholfen hatte, dann vielleicht auch an anderen Stellen? An denen, wo es besonders heftig weh tut?
Als dann der Mann sich dann nächtens über mich beugte, musste er aber dann doch lachen: "Ich rieche schon den Sex des Alters."
"Ach warte mal ab, wenn ich dann erst noch die Zähne rausnehme", gackerte ich ein bisschen mit. 
"Dann darfste auch wieder  zubeißen", konterte er.

Wahrscheinlich werde ich das alles bereuen, morgen, wenn ich wieder nüchtern bin. Also bereuen, was ich hier alles so ausplausche. Aber heute is mir das grad alles irgendwie wurschtpiepegal!
Ich weiß auch gar nicht, ob das hier überhaupt alles Sinn macht, was ich so aufgekritzelt hab, oder ob das genauso durcheinander geht wie mein Gedankengestöber im Kopf, weil, eigentlich wollt ich Euch ja wirklich nur eins sagen: Kommt gut ins neue Jahr und seid glücklich. Das hamwir uns alle verdient, irgendwie :)

Donnerstag, 17. Dezember 2020

Das wahre Gesicht

 Mir als Zwillinge-Geborener wird ja immer gerne nachgesagt, dass ich ein Mensch mit zwei Gesichtern sei. Deshalb sei mir nicht zu trauen. Dass mein Ex mir das am Ende unserer Ehe erklärte, konnte ich sogar nachvollziehen. Dass mein Chef mir das manchmal gerne vorhält, eher nicht, weil ich immer eine klare Linie verfolge: Fair muss es sein. Wenn ich einmal die Handlung eines Mitarbeiters kritisch empfinde, bedeutet das nicht, dass ich gleich den ganzen Menschen kritisch sehe - und es bedeutet auch nicht, dass dieser Mitarbeiter deswegen nicht auch positive Seiten hat. Dass der Chef das nicht trennen kann (oder will), ist sein Ding, nicht meins. 

Ich habe in meinem persönlichen Umfeld einige Freunde und ich habe virtuell wenige Freunde, mit denen ich grundlegend eine gemeinsame Basis empfinde. Es ist keiner dabei, der sich - in welcher Form auch immer - radikalisiert oder der völlig neben der eigenen Spur läuft. Schon zu Zeiten der Flüchtlingskrise und jetzt im Corona-Jahr zeigen die Menschen deutlicher Ansichten, die ich manchmal verwundert, manchmal irritiert betrachte und zur Kenntnis nehme, manchmal mit ihnen in (mitunter leidenschaftliche) Diskussionen verfalle - aber eins bleibt uns immer gleich: Wir mögen uns. So wie wir sind. Vielleicht gab es manchmal auch eine Zeitlang Funkstille, weil man etwas zu hitzig aneinander geraten war oder weil man einfach dachte: E bissl Abstand tut vielleicht auch mal ganz gut. Aber eine Freundschaft zu beenden... Grad wenn sie seit vielen Jahren besteht... 

Ich habe gelesen und gehört, dass manch einer von ihnen Freundschaften verloren hat ob ihres Standpunktes, doch für mich selbst hatte ich mir diese Frage bisher noch nie gestellt. Ich sah den Anlass nicht dafür. Weil ich gerade bei den persönlichen Freunden immer eins sehe: den eigentlichen Menschen dahinter, der mir etwas bedeutet. Kann man nicht verschiedener Meinung und trotzdem befreundet sein?

Gestern las ich im Status eines realen, persönlichen Freundes eine Mediennotiz über die Corona-Impfung. Warum sie besser sei als ihr Ruf - und warum die Bedenken unbegründet seien. Diesen Artikel habe ich mir fast bis zuende durchgelesen und dann habe ich den Freund gefragt, ob er selber auch daran glaubt, was er da vermittelt. (Ja, die Frage hätte ich mir eigentlich sparen können, denn irgendwann vor Jahren gehörte er selbst zur Medizin und dass er grundsätzlich alles befürwortet, wusste ich ja schon.) 
Er antwortete mir mit Verweis auf verschiedene Statistiken, aber eine belastbare Argumentation, die für die m/RNA-Impfung spricht, konnte er mir nicht geben. Natürlich kann er das nicht - das können selbst die Obersten vom RKI nicht, die zumindest an der Stelle im Oktober offen antworteten: „Wir gehen alle davon aus, dass im nächsten Jahr Impfstoffe zugelassen werden. Wir wissen nicht genau, wie die wirken, wie gut die wirken, was die bewirken, aber ich bin sehr optimistisch, dass es Impfstoffe gibt.“ (Quelle: https://correctiv.org/faktencheck/2020/12/09/unwissenheit-ueber-covid-19-impfstoffe-aelteres-interview-mit-rki-chef-wieler-wird-irrefuehrend-verbreitet/)

Wenn seit rund 25 Jahren an einem DNA-Impfstoff geforscht wird, wo es noch kein einziger bisher in die Zulassung geschafft hat - wie vertrauenswürdig ist es dann, innerhalb von nur sieben oder acht Monaten einen Impfstoff gegen ein neu mutiertes Virus zu finden, von dem man bis zu seinem ersten Auftreten in Europa noch so gar nichts wusste? Und wenn man dazu in öffentlich-rechtlichen Medien über die Wirkungsweise liest, warum darf man dann nicht Zweifel oder eben auch Furcht davor haben, was diese Impfung vielleicht in meinem eigenen Körper auslöst? Erkenntnisse darüber gibt es so ja nicht, können auch nicht vorliegen. 
"Welche Risiken und Nachteile gibt es? Bei DNA-Impfstoffen besteht theoretisch die Möglichkeit, dass die in die Zelle verbrachte DNA in das eigentliche Erbgut der Wirtszelle eingebracht wird. Als mögliche Folgen werden eine verstärkte Tumorbildung oder Autoimmunkrankheiten befürchtet. Umfangreiche Studien im Tierversuch haben keinen Hinweis darauf gegeben. Im Gegensatz zu DNA-Impfstoffen werden RNA-Impfstoffe nicht in den Zellkern transportiert. Daher besteht auch nicht die theoretische Gefahr, dass diese in das Erbgut von Körperzellen integriert wird. Theoretisch wäre es möglich, dass andere bereits im Körper vorhandene Viren die Impf-RNA in DNA "umschreiben", so dass diese sich doch in das Erbgut einer Zelle integrieren und dort Folgeschäden auslösen könnte. Eine solche Umschreibung wird jedoch nicht beobachtet. [...]" (Quelle: https://www.tagesschau.de/faktenfinder/gentechnik-impfung-101.html)

Vielleicht verändert diese Form der Impfung also nicht meine DNA, bewirkt aber womöglich die Bildung von Tumoren? Natürlich ist mir bewusst, dass mir das jederzeit auch ohne diese Impfung widerfahren kann - aber muss ich dieses Risiko denn zusätzlich eingehen? Muss ich das, solange keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen (können)? Im Faktencheck von Correctiv wird ausgeführt, dass Wieler im Oktober ja nur so reden konnte, weil er die Ergebnisse noch nicht kannte, die dann Anfang November vorlagen. Ernsthaft? DAS soll mir die Sorge nehmen? Tut sie nicht. Weil es für mich persönlich keinen Unterschied macht, ob man 7 oder 8 Monate getestet und zusammengefasst hat. An allen sonstigen Impfstoffen wird doch sonst jahrelang getestet und ein aufwendiges Prozedere angewandt, bis eine Zulassung überhaupt erst möglich ist. 

Grundsätzlich zähle ich nicht zu den Impfgegnern. Meine Kinder und ich haben die übliche Grundimmunisierung und vor vier Jahren ließ ich mich auch gegen Hepatitis impfen, bevor wir nach Indien flogen. (Sicherlich habe ich mich ab und an schon mal gefragt, ob die nach einem halben Jahr nach der Reise - also gut ein Jahr nach der ersten Impfung - erstmals auftretenden Probleme daher kommen könnten, aber.. DAS zu hinterfragen, DEM nachzuforschen und das dann auch zu beweisen... geschenkt.) Einen sogenannten Vakzin-Impfstoff zu bekommen, habe ich so nie wirklich hinterfragt, weil ich mir immer sagte: Das ist in etwa wie sich im wahren Leben einen Virus einzufangen. Und entweder reagiert mein Körper darauf oder er tut es nicht. 
Aber einen DNA-Impfstoff nach nicht mal einem Jahr Testphase zu bekommen, dessen tatsächliche Auswirkungen erst mit den kommenden Jahren statistisch belastbar erfasst werden können? 

Als ich diese Gedanken gestern Abend über whatsapp dem Freund stellte, überraschte mich dann doch die recht heftige Reaktion, die vor allem eins beinhaltete: beleidigendes Vokabular und persönliche Abwertung all derer, die sich gegen die Impfung entscheiden - und eine persönliche Abwertung meiner Person. 
Das hat mich überrascht und es hat mich verletzt. Nicht nur, dass man als Art Egoistenschwein und Idiot bezeichnet wird, als "Anhänger Bhakdis, mit dem man nicht diskutieren kann", sondern auch mit "was ist denn dein bisschen Muskel-/Schmerz gegen uns Hochrisikopatienten?" Er empfahl mir, für den Fall einer Triage (sein Lieblings-Schlagwort momentan) eine Vollmacht zu unterzeichnen, dass ich im Fall eines Falles erst nach den Geimpften behandelt werden möchte, auch dann, wenn mir vorher die Luft ausgeht. Sein Kind sei schließlich grad in Quarantäne, weil Kontakt zu einer positiven Person - und ich fragte: "Du, das hat meine Freundin mit zwei Kindern schon mehrfach hinter sich [Kita und Schule, ein Trauerspiel für Eltern und Kinder, Anmerkung der Redaktion], was willst du mir denn jetzt damit sagen?"
 Nichts. Er wollte mir nichts mehr sagen - und ich kann grad nicht einschätzen: weil er keine Argumente hatte oder keinen Bock? Letzteres hätte ich sogar verstanden und akzeptiert. Wenn er gesagt hätte "Du pass auf, wir kommen da nicht zueinander, wir haben da grundverschiedene Standpunkte, belassen wir es dabei" - dann wäre es auch gut gewesen. Und ich hätte es verstanden und respektiert.
Und was antwortete er statt dessen?
Dass es ihm leid täte, aber die Freundschaft sei hiermit beendet, er könne da nicht weiter. 
Weil ich zu diesem Zeitpunkt noch unterwegs war und keine andere Möglichkeit hatte, schickte ich ihm eine Sprachnachricht, woraufhin er antwortete "Sprachnachrichten sind obsolet."
Wow. Okay. Also wenns mehr dazu nicht mehr zu sagen gab... Fünfzehn Jahre Freundschaft. Mit viel Begleitung und vielen Sendepausen zwischendurch, von denen man aber immer wusste: Der andere ist immer noch da. Und jetzt... das? 
Wofür? Ich habe das nicht verstanden, gestern Abend nicht - und ich verstehe es immer noch nicht.
Versuche zu reflektieren, was ich an welcher Stelle wie vielleicht missverständlich ausgedrückt haben könnte. Versuchte zu verstehen, warum ich ein Egoistenschwein bin, das wissentlich den Tod aller in meinem Umfeld befindlichen Hoch-/Risikopatienten in Kauf nimmt, obwohl ich sämtliche AHA-Regeln mitmache und nur diese Impfung für mich ablehne. Versuchte zu verstehen, warum er Angst um seinen Arsch hat, aber nicht versteht, dass ich mich genauso um meinen Arsch sorge? Weil ich sagte, dass ich aktuell genug Probleme mit meinem Körper habe und nicht noch mehr Probleme brauche - was ist falsch daran? Weil ich nicht zwangsläufig dran sterben muss? 
Ich fragte mich (und ihn), warum er mich nach den fünfzehn Jahren Freundschaft nicht besser kannte als mir zu unterstellen, ein Anhänger von irgendjemandem zu sein, von dem ich maximal weiß, wie man den Namen schreibt, aber mich noch nie mit seinen Aussagen und Thesen befasst hatte. Dass er mir nicht zugestand, mir eigene Gedanken zu machen aufgrund dessen, was auf offziellen, also anerkannten Seiten bekannt gemacht wurde.
Am Abend saß ich irgendwie geknickt und immer noch überrascht von all dem auf meinem Sofa, aber ich sagte mir dann auch: Wenn es so einfach für ihn ist.. Wenn er tatsächlich keine anderen Argumentationen als Beleidigungen hat, oder anstatt einfach zu sagen "Du pass auf, passt grad nicht für mich, ist mir zuviel", dann soll es so sein. Dann trennen sich von hier an die Wege. 
Er hatte mich dann ohnehin blockiert. So sei es dann.

Vor ein paar Wochen oder Monaten (ich hab so ein scheiß schreckliches Zeitgefühl) las ich irgendwo, dass Corona auch ein was Gutes hätte: Es würde viele (schmerzhafte) Wahrheiten zutage bringen, die man mitunter nicht für möglich gehalten hätte. Und vermutlich gehören solche Erfahrungen auch dazu. 
In einem ganz anderen Zusammenhang hatte ich erst vor zwei Tagen zu jemandem gesagt: "Schönwetterfreunde braucht kein Mensch. Wirklich kennenlernen tust du jemanden erst in Belastungsmomenten. Wenns drauf ankommt. Wer dann noch für dich da ist, auf den kannst du bauen. Auf alle anderen kannst du scheißen."

Dienstag, 15. Dezember 2020

Jerusalema


Dass ich schon seit etlichen Jahren kein Radio mehr höre, stelle ich vor allem immer wieder in der Rubrik "Musik & Hits" bei Quizduell fest. Ich hab überhaupt keine Ahnung mehr, was heute so gehört wird, ich kenne nur noch die Musiker von "früher" und bei manchen Bandnamen würde ich eher beispielsweise eine Käsesorte statt einer angesagten Band vermuten. 

Vor zwei Tagen entdeckte ich bei Facebook das Tanz-Video vom Herzzentrum Leipzig, untermalt mit einem Hit, der schon 2019 viral gegangen sein soll. An mir völlig vorbeigegangen - wie gesagt: selber schuld, wenn man nur eigens angelegte Songlisten rauf & runter hört ;) 
Bei diesem Video jedenfalls hatte ich eine Wahnsinns-Gänsehaut, nicht nur der Intention wegen, nicht nur Sehnsucht nach Leipzig und überhaupt wegen. Denn allem voran empfand ich vor allem eins: pure Lebensfreude. Das Bedürfnis, vom Drehstuhl aufzustehen und mitzumachen. Tanzen für den Moment, und dann am liebsten weitertanzen zur Tür hinaus...
Leider hat das Herzzentrum ihr wunderbares Video nicht auf youtube veröffentlicht (aber wer auch bei FB ist: https://www.facebook.com/heliosparkklinikum/ ), dafür fand ich eine Kurzversion der Uniklinik Leipzig. Sicherlich habe ich beim Rumstöbern auf youtube festgestellt, dass sich an dieser Tanzchallenge bereits etliche Kliniken bundesweit beteiligt hatten, aber ich wollte eben... Leipzig ♥️

Am vergangenen Wochenende habe ich mich vertieft darin, Überraschungen für einige wenige, für mich besondere Menschen vorzubereiten, weil es soviel mehr Spaß macht, etwas von sich abzugeben, das anderen (hoffentlich) Freude bereitet. Dabei habe ich diesen Song in Endlosschleife gehört und mich wunderbar dabei gefühlt. Und ich habe mich gefragt, was ich wohl tun würde, wäre ich allein, hätte nicht wirklich jemanden bei mir und so kurz vor den Weihnachtstagen auch nicht wirklich die Chance darauf, daran etwas zu ändern. Würde ich mich in das Schicksal ergeben oder würde ich mir etwas überlegen? Das Jahr 2003 fiel mir wieder ein, Weihnachten 2003. Die Jungen bei ihrem Vater, die Familie hunderte Kilometer weit weg und ich dort in meiner kleinen Wohnung mit dem mir gegenüber gebrochenen Versprechen: "Ich lasse dich Weihnachten doch nicht alleine."
Ich sah mich wieder mit der Flasche Rotwein (bis heute trinke ich keinen Rotwein mehr) in meinem Bett liegen und so lange auf das Leben anstoßen, bis ich vor lauter Selbstmitleid und einigen Prozenten im Blut erst das Heulen anfing und dann irgendwann darüber einschlief.
Würde ich das so wieder haben wollen?
Im Leben nicht. 
Aber damals setzte irgendso ein Denk- und Fühlprozess ein, den ich erst Jahre später wirklich bewusst in Worte fassen konnte: Ich kann mich nicht auf einen anderen Menschen verlassen, ich will mich auch nicht mehr auf einen anderen Menschen verlassen, weil ich dann völlig abhängig davon bin, ob der andere Mensch sein Wort hält oder nicht. Und tut er es nicht, stürze ich ab und falle tief. 
Mir ist das ja damals nicht zum ersten Mal passiert - da aber zum letzten Mal.
Von dem Moment an habe ich Stück für Stück (bewusst und unbewusst) daran gearbeitet, nie mehr abhängig von einem anderen Menschen zu sein. Nicht mehr davon abhängig zu sein, ob jemand mit mir sein konnte oder wollte. Es musste immer einen Plan A und einen Plan B geben, und Plan A beinhaltete zunächst vor allem erstmal mich und das, was ich mir für den Tag X vorgenommen hatte. Plan B war demzufolge höchstens die wundervolle Ergänzung. 
Was mich schon immer auf die Beine und nach vorn gebracht hat, war der unbedingte Wille nach Leben. Waren die Hoffnung und die Zuversicht. Woraus ich immer geschöpft habe, war und ist nach wie die Lebensfreude. Das bedeutet natürlich nicht, dass man nicht trotzdem dann und wann am Boden liegt und heult, aber spätestens nach drei Tagen kotzte ich mich selber an, stand auf, duschte, zog mir einen Lidstrich und ging wieder hinaus in die Welt. 



Was in damaliger Zeit, teils nächtelangen Gesprächen und Philosophierungen über das Leben und die Liebe eher noch wie eine unvorstellbare These für mich anmutete, entwickelte sich über die Jahre für mich zu einem Lebenskonzept: Heute kann ich sehr gut allein leben, mir selbst sehr gut genug sein und mein Leben auch dann mit genug Leben und Lieben füllen, wenn ich allein bin. Ja, ich bin dankbar für jeden Menschen in meinem Leben und dankbar dafür, dass ich es aktuell nicht allein leben muss. Jedoch die Furcht vor dem Alleinsein habe ich verloren - und das war eine meiner wichtigsten Lehren aus früheren Jahren. 

Was würde ich also heute mit all meinem Wissen anfangen? Was würde ich heute in Tagen wie diesen tun wollen? Ich würde mich sozial engagieren. Ehrenamtlich, aus Gründen. Ich würde das Internet rauf und runter lesen, mich informieren, wo Hilfe und Unterstützung gebraucht wird - und wo sie aktuell überhaupt angenommen werden darf. Ich glaube, dass die Dankbarkeit von Menschen das wirklich großartigste Geschenk ist, das man bekommen kann. Die Dankbarkeit in ihren Augen, in ihrem Lächeln. Nie vergesse ich das Lächeln in den Augen des alten Mannes, der im letzten Jahr bei uns immer am U-Bahn-Ausgang auf den eiskalten Steinplatten saß. Dem ich immer etwas zu essen und einen heißen Tee brachte und mich neben ihn kniete. Diese kleinen blauen Augen in dem überaus faltigen, runzligen Gesicht. Die Worte, die er zu mir sagte und die ich nicht verstand. Manches geht einfach ohne Worte. Wie er lächelte mit dem Mund fast ohne Zähne. 

Auch wenn du denkst, dass du nichts hast, hast du immer noch genug, um anderen davon abzugeben. Dann bist du nicht nur nicht allein, du bist dann auch.. beschenkt. Und alles ist immer noch besser, als zu Hause mit einer Flasche Rotwein dem Selbstmitleid zu frönen. Jedenfalls, wenn es länger als drei Tage dauert. 

Montag, 7. Dezember 2020

What If I'm Wrong


Es ist noch längst nicht acht Uhr und ich bin so müde, dass ich mich am liebsten schlafen legen möchte. Doch dann würde ich verpassen, wenn der Junge nach Hause kommt. Und auch, wenn er immer die Augen verdreht, wenn ich ihn ganz sehr umarme, so weiß ich doch, dass er sich freut, wenn ich zu ihnen nach Hause komme. 
Ein klein wenig Weihnachtsstimmung habe ich schon in ihr Zuhause gebracht, habe ihnen ein Abendessen zubereitet und möchte die Zeit, die wir hier haben, genießen. Gerade jetzt möchte ich umso mehr, dass sie es gut haben..

Vor gut einer Woche, vielleicht ist es auch noch ein paar Tage länger her, da debattierte ich mit einer Freundin über persönliche Befindlichkeiten und auch über die aktuellen Entwicklungen. Irgendwann schrieb sie mir, dass ich auf jedes schlüssige Argument ihrerseits ein schlüssiges Gegenargument hätte - und das war ein Moment, in dem ich mich irgendwie schlecht fühlte mit dieser Aussage. Mir ist bewusst, dass ich bei aller "Pflegeleichtigkeit" durchaus auch mal anstrengend sein kann. Nur geht es mir nicht darum, mich im Recht zu fühlen oder auf meiner Meinung zu beharren. Mit jedem Dialog habe ich die Chance, mich selbst zu hinterfragen, meinen Standpunkt zu hinterfragen - und diesen auch anzupassen oder gar zu wechseln, sofern die Argumente sich für mich stimmig anfühlen. Das bedeutet aber auch, nicht alles widerspruchslos hinzunehmen, sondern auch mal so lange zu fragen, bis mein Bauchgefühl mir signalisiert: Okay, gut jetzt. 
Doch je tiefer wir in die Debatte stiegen, desto mehr wurde mir vor allem eines bewusst: Eigentlich.. bin ich müde. Eigentlich weiß ich viel zu wenig. Eigentlich habe ich überhaupt keine Ahnung von vielen Dingen - und erlaube mir dennoch, eine Meinung zu haben. Eine Sicht auf die Dinge, von der ich genauso weiß, dass es vollkommen egal ist, was ich denke und was ich nicht denke. Ob ich falsch liege oder nicht. Es spielt einfach keine Rolle. 
Mit eben jener Freundin debattierte ich schon vor gut einem Jahr darüber, ob und was ich einem bestimmten Menschen glauben kann und glauben soll. Irgendwann in dieser Diskussion fragte sie mich: "Warum ist es dir so wichtig, ob das stimmt oder nicht?"
Damals konnte ich ihr nur vage auf diese Frage antworten, inzwischen weiß ich konkret, wann mir die Wahrheit wichtig ist: wenn es etwas mit mir selbst macht. Wenn ich nach Offenbarungen anderer nicht mehr schlafen und an kaum etwas anderes denken kann. Wenn ich nach Wegen suche, ob und wie ich dem anderen helfen kann, wenn man gemeinsam weint - dann will ich wissen, dass all das.. nicht auf einer Lüge basiert. Ich will nicht, dass mit dem Empfinden eines anderen Menschen gespielt wird - und ich will auch nicht, dass mit meinem Empfinden gespielt wird. 

Nach der letzten Aufzeichnung aus einer Sendeanstalt, in der drei Klinikärzte zu Gast waren, die mir die Freundin übermittelte und während der ich tatsächlich einige Male versucht war, zwischendrin auszuschalten und doch bis zur fast letzten Minute durchhielt, schrieb ich ihr meine - durchaus kritischen - Gedanken dazu und schloss mit der Intention, in der kommenden Zeit das Thema ruhen lassen zu wollen. Nicht weil ich die Diskussion scheute. Aber ich spürte, wie es in meinem Kopf arbeitete - und das in dem Bewusstsein, wie verschenkt diese Kopfarbeit war. Aktuelle Entscheidungen stehen, ob uns allen das nun so gefällt oder wir das in den Auslegungen gut heißen. 
Und als sie mir antwortete, dass ihr in vielen Dingen auch einfach das (Hintergrund-) Wissen fehlt und sie deshalb auf diejenigen vertraut, die Entscheidungen beeinflussen bzw. treffen dürfen, alles andere für sie zu schwierig und anstrengend sei, da dachte ich: Ja, sie hat recht. Es ist anstrengend und es ist irgendwie sinnlos anstrengend. 
Wofür tut man sich das an, wenn das Leben selbst.. die Lebenszeit so kostbar ist?
Vor siebzehn Tagen hat sich ein Mensch für immer verabschiedet. Ein Mensch, der per Definition vielleicht gerade so kein Kind mehr war, in seinem Wesen und aus verschiedenen medizinischen Gründen jedoch  das Kind geblieben war. Vielleicht ist dieser Abschied kein überraschender gewesen - aber zu sehen, wie sehr die Eltern unter diesem Abschied leiden, das ist kaum in Worte zu fassen. Und du kannst auch nicht wirklich etwas tun, außer ihnen zuzuhören, wann immer sie mit dir reden wollen, mit ihnen zu weinen, außer sie an dich zu drücken und einfach nur festzuhalten. Ihnen den Rücken freizuhalten von all den "irdischen" Dingen, für die ihnen noch immer Raum & Zeit fehlen. Tage, an denen sie sagen, sie möchten am liebsten überhaupt nicht aufstehen. Tage, an denen sie nur trinken, statt zu essen, und alles wieder zu erbrechen. 
Und mich berührt es umso mehr, weil ich selbst immer gesagt habe: Du kannst alles im Leben überstehen und irgendwie überwinden - aber nicht, wenn du dein eigenes Kind begraben musst. Selbst wenn du irgendwann an den Punkt gekommen bist, wo du ihn gehen lassen willst, weil alles andere auch kein wirkliches Leben mehr ist. Trotzdem bringt es dich um, wenn es eines Tages dann doch soweit ist und du derjenige bist, der seinem Kind die Augen schließen und ihn nach dem Waschen in den Sarg legen musst. 
In dem Moment spielt keine Rolle mehr, woran du glaubst oder glauben möchtest - da ist einfach nur noch Schmerz, den man versucht, mit aufzufangen, indem du auch nur irgendwas tust, dass es den Eltern leichter macht, sich nicht auch noch darum kümmern zu müssen. 
Und kaum bekommst du deine eigenen Gedanken und Empfindungen, dein Mitgefühl irgendwie wieder zurück in die Fassung, da erfährst du von der Diagnose eines anderen, den Du wirklich magst, und es zieht dir den Boden weg. In den Nächten danach konnte ich nicht mehr schlafen, las im Internet rauf und runter, was genau diese Diagnose bedeutet, wie sind vor allem die Chancen, aus dieser Scheiße lebend rauszukommen. Zog mir einen Film nach dem anderen rein, betäubte mich mit Musik. Allein wie er es seiner Frau und seiner Tochter sagen muss und wie er damit hadert, es irgendwie den Eltern sagen zu müssen.. Ich lese es, weil ihm für das Sprechen die Worte fehlen - und die Vorstellung dessen, wie er sich mit all dem fühlen muss, reißt mich mitten durch.
In solchen Momenten - aber da kann ich auch nur für mich sprechen - bin ich einfach nur dankbar, wenn ich in den Weihnachtstagen bei meinen Kindern sein kann, wenn ich den Mann mit mir nehmen kann, damit er bei seiner Mama sein kann. Vielleicht dürfen wir fünf alle an Weihnachten zusammen sein, vielleicht nun doch nicht - aber wie es auch kommen mag: Ich denke nicht mehr pro und nicht mehr contra - ich denke nur noch eins: Ich bin dankbar, wenn ich bei meinen Kindern sein darf. Ganz egal, ob es das Weihnachten ist, wie wir es uns gewünscht hätten, oder dass es vielleicht doch hätte anders gehen können. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte... dann, dass niemand einsam sein muss. Aber selbst auf meiner Blümcheninsel in meinem Kopf weiß ich, dass die Realität eine ganz andere ist. 

Und meinen nächsten möglichen Urlaub möchte ich mit meinen Eltern verbringen. Ganz egal, ob es nur vier oder fünf oder sieben Tage sein können oder dürfen. Hauptsache, man ist beieinander. 
bikerlara hat das auf Twitter - für mich wundervoll - in Worte gefasst: "Glück kann durch einander kommen." Und wir wissen schließlich einfach nicht, wie viel Zeit wir mit einander haben. Sicher ist nur, dass sie begrenzt ist. 

Samstag, 21. November 2020

Die verlassenen Kinder

 Hm, natürlich weiß ich im Grunde, warum ich die letzten Tage so müde war und so zeitig schlafen ging. Zum einen war da die gut gefüllte letzte Woche. Und zum anderen die Tatsache, dass ich seit dem Wochenende kaum geschlafen hatte. Es war gar nicht mal soooo sehr, dass der Kopf soviel gewälzt hätte. Ich war einfach... wach. Fit. So als hätte ich irgendwas genommen oder mindestens zwanzig Tassen Kaffee getrunken. Habsch aber nicht. 
Und während zu Beginn der Woche der Mann relativ zeitig schlafen ging, lümmelte ich bis in die Morgenstunden auf dem Sofa und zappte mich durch die Mediatheken. Und blieb hängen an einer Doku über Mütter aus der DDR, die mit dem Fall der Mauer alles zurückließen und weggingen. Die vor allem das eigentlich Wichtigste zurückließen: ihre Kinder.

Wenn ich zurückdenke.... Zur Wende war ich schwanger und freute mich auf mein erstes Kind. Ich hatte einen Job, eine Neubauwohnung mit warmem Wasser aus der Wand (was ja damals beileibe nicht selbstverständlich war). Sicherlich bin ich damals auch mal in den Westen gefahren, um mir das anzuschauen, wie das dort nun wirklich aussieht - aber dort bleiben wollte ich jetzt auch nicht. Damals war ich kaum zwanzig Jahre alt, eher schüchtern und ängstlich und mit wenig Selbstvertrauen ausgestattet. Veränderungen machten mir eher Angst, weil ich mir selber nicht zutraute, damit umgehen zu können. 
Dass ich zwei Kinder bekommen habe, hat mich in meiner ganzen Entwicklung den entscheidenden Schritt nach vorn gebracht. Einfach, weil mich insbesondere die Umstände mit und um den Älteren dazu zwangen, mich mit allen möglichen Ämtern und Institutionen herumzuschlagen. Aber das kam erst später, einige Jahre nach der Wende.
Wenn ich heute an diese ersten Jahre mit Kind/ern zurückdenke, dann sage ich mir heute: Ich habe diese Zeit unbedingt zu wenig genossen. Eingespannt in Vollzeitjob, Haushalt und Kindererziehung habe ich auch aufgrund des Drucks "von außen" den Fokus eher darauf gehabt, dass die Wohnung in Ordnung und vorzeigbar war, dass ich gutes Geld verdiente. 
Mein Tag begann regelmäßig 3.30 Uhr, damit ich 5.15 Uhr die Kinder wecken, waschen, anziehen und befrühstücken konnte, bevor ich sie mir 6.00 Uhr unter den Arm klemmen und mich auf den Weg zu Hort und KiTa machen konnte. Zur Arbeit hetzen, 6.30 Uhr den Dienst antreten, zwischen 16.00 und 17.00 Uhr heim, die Kinder abholen, einkaufen, Abendessen zubereiten, Schularbeiten kontrollieren oder beaufsichtigen, die Kinder baden, zu Bett bringen, Ordnung ins Zuhause bringen - und dann selber tot umfallen bis zum nächsten Morgen 3.30 Uhr. 
Hätte sich daran etwas geändert, wenn man den Lebensmittelpunkt von Ost nach West verlegt? 
Natürlich nicht.
Aber hätte ich mir jemals auch nur ansatzweise vorstellen können, mein Kind zurückzulassen?
Diese Frage habe ich mir niemals gestellt - aber ich stellte sie mir Montagnacht, als ich die Doku anschaute. Ich sah die Aufnahmen der Kinder von einst, manche kaum zwei Jahre alt, andere 6, 7 oder 11. Kinder, die ohne jegliche Vorwarnung in der Wohnung zurückgelassen wurden. Meist verabschiedet mit den Worten: "Ich geh mal rüber nach Westberlin, bin heute Abend wieder da und bringe euch was mit." Das sagte eine dreifache Mutter zu ihrem Ältesten. Ließ auf dem Küchenschrank sechs oder acht Stullen zurück und ging. Nach drei Wochen (!) sind Nachbarn aufmerksam geworden - Gott sei Dank. Ein anderes Kind hatte dieses Glück nicht..
Eine einzige Mutter wurde ausfindig gemacht und befragt, warum sie ihr Kind zurückgelassen hatte. Ihre Begründung war, dass der Junge ja gar nicht ihr leibliches Kind sei und deshalb auch öfter geäußert habe: "Du hast mir gar nichts zu sagen." Und dass er eben auch seine Hausaufgaben immer nicht gemacht habe. Der Reporter fragte ungläubig nach: "Weil er seine Hausaufgaben nicht gemacht hat?"
Von dem Jungen hat sich irgendwann die Spur verloren. Schulausbildung, Berufsausbildung und dann drei Jahre arbeitslos, so haben sie ihn nochmal angetroffen. Was aus ihm geworden ist, ist nicht bekannt. 

Ich konnte danach nicht einschlafen. Reflektierte mein eigenes Leben, eigene Entscheidungen und die, denen ich zugestimmt hatte. Ich weiß, dass ich falsche Entscheidungen getroffen bzw. zugelassen habe. Dabei hilft mir nicht, dass ich es damals nicht besser wusste bzw. dass es für damals die richtige Entscheidung gewesen sein mochte - heute weiß ich, was falsch war. Das ist ein Grund mit, warum ich heute so derart an den Jungen "dran" bin. Es geht mir nicht um Kompensierung für etwas, das ich nicht ändern kann. Es geht mir darum zu zeigen: Ich bin da, egal was kommt. Ich bin da, egal was ihr braucht. Wenn ihr jemanden braucht, auf den ihr euch verlassen wollt, dann bin ich da.

Es gibt so unfassbar viele Eltern, die keinen Kontakt zu ihren Kindern haben und auch nicht wollen - und ich kann mir das einfach nicht vorstellen. Ich kann mir nicht vorstellen, ein Kind mit mir im Bauch herumzutragen und dann, wenn es da ist, irgendwann vergessen oder verdrängen oder ablehnen.
Es gibt so viele Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen, verprügeln. Wie bringen die das fertig? Was fühlen die dabei - und fühlen die überhaupt nur irgendetwas?
Wie konnten die Mütter von einem Tag auf den anderen weggehen, ihre Kinder zurücklassen und sich nie wieder darum kümmern, was aus ihnen geworden ist? Kinder, die sich selbst entweder völlig verloren haben - oder die sich bis heute mit Verlustängsten quälen? Die bis heute darunter leiden, dass die eigene Mutter sie nicht mehr wollte? 
Solche Menschen will ich gar nicht verstehen. Ich sehe den Vier- oder Fünfjährigen in seinem Schlafanzug auf der Pritsche im Kinderheim sitzen, wie er in die Kamera schaut und sagt: "Die Mama ist weg. Die kommt nicht wieder. Nie wieder." Und dann lächelt er und du sitzt fassungslos davor und denkst, das gibt es doch gar nicht..

Und da war er wieder.. Der Gedanke, das Bedürfnis, meinen Job zu wechseln und noch mal ganz von vorn anzufangen. In einer ganz anderen Richtung. Mich kümmern da, wo es andere nicht (mehr) wollen.
"Der Gedanke an sich ist ja gut", sagte der Mann, "aber bist du auch vorbereitet auf das ganze Elend, was du dann zu sehen bekommen würdest?"
Da bin ich unsicher, das gebe ich zu. Aber wie kann man Kinder nicht liebhaben können? Wie kann man sich nicht kümmern wollen? 
Mir ging das auch 2016 in Indien so. All die verwahrlosten, hoffnungslos verschmutzten Kinder mit ihren so dürren Beinchen, dass man sich wunderte, dass sie darauf stehen konnten. Wie oft wünschte ich, ich hätte sowas wie eine Kindereinrichtung, wo man all die Kinder baden könnte, ihnen zu essen geben und sie spielen lassen könnte. Wenigstens tagsüber, und abends holen die Eltern sie wieder ab.. Dass sie es wenigstens tagsüber gut hätten, anstatt im Staub zu liegen, darauf angewiesen, dass ihre Eltern Geld oder wenigstens was zu essen erbetteln können..

Kein Kind bittet darum, auf die Welt kommen zu dürfen. Aber jedes hat es verdient, dass man es bedingungslos liebt. Wieviel zerstörte Menschen weniger hätten wir, würden Eltern ihre Kinder bedingungslos lieben und auch genauso behandeln?