Dienstag, 26. April 2022

"Wer heiraten will, muss lieben können"

 
 
Über diesen Artikel bin ich heut gestolpert, während ich nach der Arbeit einfach nur die Beine hochlegen und mich der Musik hingeben wollte. Draußen ist es schon längst dunkel geworden, vom eigentlich trüben Tag haben die kleinen Lampions draußen dennoch genügend Licht mitgenommen, das sie nun aufflammen ließ.. Ich liebe diese Stimmung so sehr.. Dieses Verträumte, die Stille, diese furchtlosen Momente, solange man an nichts denken muss..

Der Mann ist noch unterwegs, irgendeine Party, zu der er eigentlich gar nicht gehen wollte - und meistens sind genau die die besten. So will es das Gesetz. Insofern breite ich mich hier aus in diesem dunklen Raum, nur schwach beschienen vom Licht des Bildschirms, von den kleinen Lampions draußen vor dem Fenster, löse mich auf in tausende kleine, zart vibrierende Noten, verteile mich im Zimmer, bin überall und nirgends und doch hier.. So wie meine Gedanken.
Bis ich dann jenen Artikel las und in mich hinein fragte, wie ich jetzt und hier und ganz spontan auf diese fünf Fragen antworten würde?

Was erwartest Du vom Leben?
Nichts. Tatsächlich nichts. 
Irgendwann mal, vor vielen Jahren, da hat mich jemand, zu dem ich schon seit ein paar Jahren keinen Kontakt mehr habe, gelehrt, dass der Mensch keine Erwartungen haben dürfte. Weil er selbst dann zwangsläufig enttäuscht werden muss. Und weil sein Gegenüber zwangsläufig nur verlieren konnte.
Was kann ein anderer Mensch für das, was wir uns wünschen, wonach wir uns sehnen?
Vielleicht passt es gar nicht zu dem, was der andere Mensch gerade geben möchte oder kann?
Und warum sollte es die Aufgabe eines anderen Menschen sein, die eigenen Erwartungen zu erfüllen?
Vor noch mehr Jahren, in einem "anderen" Leben, da sagte jemand zu mir: "Ich will derjenige sein, der dich glücklich macht." Zu jener Zeit fand ich den Gedanken schön. Ich liebte das Gefühl für mich, das aus diesen Worten entsprang. Obschon wir vermutlich beide schon zu jener Zeit wussten, dass es so nicht werden würde. Nicht werden konnte. 
Der Schmerz danach blieb sehr lange. Und als mir dann jemand begegnete, der mir sagte, der Mensch dürfe keine Erwartungen haben, da fragte ich wütend, ob das dann eine Art Freifahrtschein sei, dass jeder machen könne, was er wolle, ganz gleich, was es für den anderen bedeutete?
Damals wusste ich nicht, dass ich mit dieser Empfindung vollkommen falsch lag. Aber irgendwann habe ich das verstanden. Begriffen. Mitgenommen. Und für mich umgesetzt. 
Heute mit dem Mann in meinem Leben, da schmunzle ich oft und denke, dass genau diese Erkenntnis mir hilft in meinem Leben. Mehr als ihm. Ich erwarte beispielsweise nicht, dass man mir die Tür aufhält oder in den Mantel hilft. Ich erwarte nicht, dass der Nachbar in seiner Wohnung raucht statt vor seiner Haustür, was dank der räumlichen Gegebenheiten dann unweigerlich durch unsere Wohnung zieht. Ich erwarte nicht, dass sich jemand um mich kümmert oder für mich einkauft, wenn ich krank im Bett liege.
Aber ich freu mich immer sehr, wenn genau das geschieht. Ich freu mich über jede einzelne Geste oder das Lächeln eines fremden Menschen im Vorbeigehen, in der U-Bahn, irgendwo in der Stadt, weil er nichts tun muss, aber es trotzdem tut. Für mich oder einfach so. 
Und ich bin sehr dankbar darüber, dass der Mann und ich ein gemeinsames Leben haben, weil wir es so wollen. Dass wir Mann & Frau werden wollen, nicht müssen. 

Was erwartest Du von der Liebe?
Nichts mehr. 
Ich empfinde es ähnlich wie mit dem Leben: Ich habe keine Erwartungen mehr. 
Bevor der Mann und ich zusammenzogen, da hatte ich mir schon etwas beklommen die Frage gestellt, wie dieses Leben werden würde. Ob das überhaupt passt, wenn er als Frühaufsteher den Tag mit unfassbar viel Leben füllen möchte, während ich Wochenenden geradezu zelebrieren kann in all ihrer Herrlichkeit. Puzzeln, Malen, Musik hören, vielleicht ein bisschen Wäsche bügeln, das Zuhause gemütlich machen. Im Moment backe ich total gern und ich liebe diesen Geruch nach Vanille und Orange, diese warme Behaglichkeit. 
Ich liebe es, dass der Mann sich überraschen lässt und mit mir gemeinsam die Beine ausstrecken kann. Auch allein zum Beispiel wie ein Irrer auf dem Fahrrad durch die Gegend hechtet und es liebt, wieder nach Hause zu kommen. Da, wo ich bin. Meistens jedenfalls :)
Ich liebe den Gedanken, dass er sich an jedem einzelnen Tag darauf freut, zu mir nach Hause zu kommen. Wie er mich dann anschaut. Wie er dann lächelt, wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle und meine Arme um seinen Hals lege. 
Ich liebe es, dass wir Abende lang Musik hören, mitsingen oder auch einander aus unserer Kindheit erzählen. Von Dingen, die uns bewegt haben, die wir geliebt haben. Wie wir waren. 
Ich liebe es, wenn wir nebeneinander liegen, uns etwas vorlesen und unsere Gedanken dazu mitteilen.
Und ich liebe es sehr, wenn wir das Buch, das Handy, den Beitrag dann aus der Hand legen...

Kannst Du mit Realitäten umgehen?
Heute ja.
Ich gebe zu, meine Vorstellung von Leben und Liebe war schon ein bisschen Disney-World, ohne Disney je gekannt zu haben. DDR halt. Da gabs sowas nicht. Trotzdem - und warum auch immer - war mein Blick auf das Leben und die Liebe ein völlig verklärter, verträumter. 
Wenn ich heute so manche DDR-Filme gucke, dann wundere ich mich immer, wie hysterisch die Frauen teils waren. Wie schnell die sich über irgendwas aufgeregt und dann losgeschimpft haben.
Als junges Mädchen ist mir das gar nicht so aufgefallen, heute aber schon. 
Und je mehr mich die Realität einholte, desto klarer wurde der Blick, so dass ich zwar denke, ich hab heut schon noch immer ein Faible für das Romantische. Aber die Dimension hat sich verschoben. Vieles, das ich früher romantisch fand, empfinde ich heut als Kitsch. 
Es darf nicht zu dolle sein, sonst werde ich misstrauisch. Und fühl mich unwohl :)
 
Bist Du bereit zu scheitern?
Ja. Ganz klar: Ja.
Irgendwann in meiner Singlezeit las ich von irgendwem den Satz: "Wer in der Liebe eine Garantie haben will, soll sich einen Kühlschrank kaufen, da gibts zwei Jahre drauf."
Ich für mich lebe den Gedanken, dass ich niemandem gehöre - und auch mir niemand gehört. Kein Mensch ist der Besitz eines anderen. 
Dass man sich auch verlieren kann, wenn man sich liebt. 
Dass man auch aufhören kann, einander zu lieben. 
Heute weiß ich, dass ich daran nicht zerbrechen werde. Dass mein Leben auch dann immer noch lebenswert ist - und liebenswert. Ich weiß auch sehr genau, wie dieses Leben dann aussehen würde.
Heute weiß ich, dass ich auch allein bestehen kann. 
Und nie mehr mit einem Mann zusammenziehen werde. Vielleicht hätte ich dann Katzen. Vielleicht auch einen Hund. Ich hätte Freundinnen und vielleicht auch einen Liebhaber. Viele Bücher und genug Platz für mein Malzeug und meine Musik. 
Es wäre auch ein schönes Leben. 
So wie es mit dem Mann jetzt und hier auch ein schönes Leben ist :)

Liebst Du Dich selbst?
Ja, ich denke schon.
Ich weiß noch, als mein geschiedener Mann und ich meinen Eltern gemeinsam sagten, dass ich mich trennen möchte. Der allererste Satz meines Vaters war: "Wie könnt ihr das nur tun, in der heutigen wirtschaftlichen Lage." Und nach einer Weile kam der zweite Satz: "Komm mir bloß nicht mit 'ich muss mich selbst finden' und so'n Scheiß!"
Das habe ich zu jenem Zeitpunkt weder gesagt noch gedacht. 
Aber heute weiß ich, dass genau diese einsamen Jahre, die ich so oft verflucht habe, das Beste waren, das mir passieren konnte. 
Ich musste lernen, allein zu leben. 
Ich musste lernen, allein zu bestehen.
Allerdings lernte ich auch, niemandem so zu vertrauen, dass es mich abhängig macht. Ich lernte, nicht alles auf eine einzige Karte zu setzen und darauf zu vertrauen, dass schon alles gut würde. 
Heute gibt es in meinem Leben immer ein Netz mit doppeltem Boden.
In meinem heutigen Leben habe ich mir alles so angelegt, dass ich jederzeit und überall neu beginnen könnte. 
Das ist Selbstfürsorge, denke ich, und die gehört auch dazu, sich selbst anzunehmen und zu lieben. 
Nein zu sagen, wenn ich etwas nicht möchte. 
Aber ich gestehe, dieser Punkt ist ein Punkt, an dem ich noch etwas konsequenter arbeiten muss.

Wenn ich meinen eigenen Text so überfliege, noch bevor ich ihn veröffentlicht hab, dann denke ich, dass mir vermutlich doch einiges an Romantik und Leichtigkeit abgegangen ist in den letzten Jahren.
Aber dann lausche ich wieder auf den Klang der Musik, dann löse ich mich wieder auf in all die abertausend kleinen vibrierenden Noten, verliere mich in der Nacht draußen vor meinem Fenster. Erinnere mich an ganz vieles, das ich mag und das ich liebe - und dann wird tief in mir alles wieder.. ganz weich und anschmiegsam. Und sehnsuchtsvoll. Und überhaupt.

Mittwoch, 20. April 2022

Achterbahnen


Als Kind bin ich auf Bäume geklettert, in Kettenkarussells gestiegen, auf Bohlen in einigen Metern Höhe balanciert - und nichts davon hat mir Angst gemacht. Vielleicht, weil in meinem Kopf, in meiner Phantasie zwar alle möglichen Dinge möglich waren, die eher nicht real waren. Aber die Angst kam mit den Jahren. Vielleicht, weil Dinge real wurden, die eigentlich nur in der Phantasie möglich sind. 

"Was wollen wir an unseren freien Tagen machen?" hatte der Mann mich zu Beginn der letzten Woche gefragt. Ideen hatten wir einige. Die Überlegung, für ein paar Tage irgendwohin zu fahren, hatten wir verworfen. Nach den letzten angespannten Wochen würde uns eine Pause von allem guttun. Eine Pause, in der wir durch nichts und niemanden gefordert sein würden. 

Schon kurios, dass man, wenn man weiß, da sind ein paar freie Tage, bis dahin auch irgendwie alles erledigt haben und wissen möchte. Obwohl ja eigentlich egal ist, ob davor oder danach, denn was sind schon vier freie Tage?
Nichtsdestotrotz stattete ich dem Rheumadoc noch fix meinen Besuch ab. Nicht ganz so erfolgreich, aber das hatte ich schon geahnt. Wenn man nachts erwacht, weil man sich aufgedeckt hatte und nun die Decke wieder bis an den Hals ziehen wollte, aber nicht kann, dann weiß man schon, was einen erwartet. Und dass die Spritzen allein nicht reichen. 
Vergangenen Mittwoch dann wollten wir hier in M anmelden, dass der Mann und ich nun Mann & Frau werden wollen. Schon kurios: Du lebst in A, möchtest aber in B heiraten. Dazu musst Du erstmal eine beglaubigte Abschrift aus dem Geburtenregister beistellen. Und wenn Du schon mal verheiratet warst, musst Du eine beglaubigte Abschrift Deiner Eheurkunde mit Trennungsvermerk beistellen. Alternativ könntest Du auch Dein Scheidungsurteil vorlegen. Und wenn Du das alles hast, musst Du in A Deinen Willen zur Ehe anmelden, prüfen lassen und die sagen dann in B bescheid, dass alles rechtens ist und Du das so machen darfst. 
Nur dass hier in M das Scheidungsurteil nicht ausreicht. Die wollen die beglaubigte Abschrift der Eheurkunde mit Trennungsvermerk. 
Dem Mann verging beinah schon wieder alles, während ich behutsam meine Hand auf sein Knie legte und in meinem Kopf ein leises Ommmmm erklang.
"Was meinen Sie, ist dann anders?" fragte er latent genervt. "Hier ist mein Ausweis, ein amtlich beglaubigtes Dokument. Und hier ist mein Scheidungsurteil mit original Unterschrift und Stempel."
Ja. Aber ne. In M (also A :D) reicht das nicht. In B schon, wie die Standesbeamtin vermeldete. Aber da wohnen wir ja eben nicht. 
"Wenn das hier alles nichts wird", sagte der Mann später zu mir, "dann lassen wir das alles sein, fahren nach Dänemark und heiraten dort. Da brauchen wir nur unsere Ausweise und sonst nichts. Und dank EU ist die Ehe dann auch hier rechtskräftig. Und dann können die mich alle mal am Arsch lecken."
Ich bin da friedfertiger: Wir können es sowieso nicht ändern, wir sind abhängig von den Beamten, ob einem das nun gefällt oder nicht. Und als Alternative hätten wir ja dann eben noch Dänemark. Da wollte ich sowieso mal hin :)

Also nahm ich - wieder draußen vor der Tür - vergnügt seine Hand, bis ich die Nachricht las. 
Die Nachricht von meinem Jungen, dass er in die Klinik muss, weil sein Gesicht linksseitig gelähmt ist. Und sein linkes Auge nicht mehr schließt. 
Wie fühlt man sich, wenn man gerade noch ein Hoch erlebt, von wegen Wir werden wirklich Mann & Frau und Ich muss in die Klinik, Verdacht auf Schlaganfall?
Von einem Jungen mit 26 Jahren? Sportlich, fit, gesund?
Zwar blieb ich ruhig am Telefon und auch für den Rest des Tages - aber ich konnte nicht aufhören zu zittern. Bis zwanzig Uhr arbeitete ich alles ab, das noch auf meiner Liste stand. Was auch zum Streit mit dem Mann führte, weil er es nicht verstehen konnte: "Dein Kind liegt in der Klinik und du hast nichts Besseres zu tun als zu arbeiten!"
Womit er grundlegend recht hat, aber: Für den Moment lenkte die Arbeit mich ab, sie musste ohnehin erledigt werden - dafür hatte ich mir den Tag drauf freigenommen und wir waren am Nachmittag pünktlich in der Klinik. Die Besuchszeiten gaben ja ohnehin auch nichts anderes her: 1 Besucher pro Tag - ab 15.00 Uhr für maximal 30 Minuten. Ob wir also noch Mittwochabend gefahren wären oder eben Donnerstag früh - es hätte mir nichts geholfen, denn eher hätte ich nicht zu ihm gedurft. 
Sie haben ihn komplett durchgecheckt, inklusive Nervenwasseruntersuchung. Alles in Ordnung, es fehlt nur noch die Detailauswertung vom MRT. Zumindest am Hirnstamm ist alles in Ordnung, keine Entzündung, keine Raumforderung zu sehen. Medikamentenmäßig wird er in Richtung Schlaganfall behandelt, also mit Blutverdünner und Cortison. Aber inzwischen ist er wieder zu Hause, das ist erstmal das Wichtigste. 
Am Abend haben wir zusammen gesessen, meine beiden Jungen, die Freundin vom Jüngeren und ich. 
Wenn er spricht, geht es eigentlich. Es klingt ein bisschen nuschelig, auch weil die Zunge linksseitig nicht richtig funktioniert. Aber wenn er lacht, muss ich wegschauen, weil sich dann Herz & Magen in mir komplett verkrampfen. Für mich als Mama ist es emotional schwierig, ihn so zu sehen. 
Es ist beim Essen passiert, erzählt er. Erst krampfte es im Hals, dass er nicht mehr schlucken konnte. Dann hing der Mundwinkel und dann ließ sich das Auge nicht mehr schließen. Wo sie gerade noch gelacht hatten von wegen Quasimodo, wussten sie dann: "Okay, jetzt ist es nicht mehr lustig."
Wie geht er selbst damit um... Seit er ein Baby war, ist er ein Mensch, der absolut tiefenentspannt ist und in sich ruht. Als Baby, als Kind und jetzt als Erwachsener. Von mir hat er das in der Ausprägung nicht, von seinem Vater erst recht nicht - aber ich liebe ihn auch dafür und ich habe das Gefühl, dass ihm das aktuell auch hilft, mit der Situation umzugehen. 
Natürlich frag ich mich, wie konnte es passieren?
Jeder einzelne behandelnde Arzt hat ihn nach der Covid-Impfung gefragt und sich Notizen gemacht. 
"Das war dann schon irgendwie auffällig", sagt der Junge. 
"Offiziell darfs ja nicht gesagt werden", hat ihm die Klinik-Logopädin gesagt, "aber wir beobachten das schon vermehrt derzeit."
Natürlich bin ich bestürzt über die Situation, aber das vor allem, weil ich mir Sorgen um meinen Jungen mache. Zugleich bin ich dankbar, dass er wieder daheim ist und dass es ihn nicht noch schwerer getroffen hat. Und ich hoffe und vertraue auf die Kraft seiner Jugend. Darauf, dass er eben so jung und durchtrainiert ist. Er übt jetzt jeden Tag und nachts muss er eine Art Uhrenglas über dem Auge tragen, damit das Auge, das nicht schließt, nicht austrocknet. 
Und was mich schon auch betroffen macht, ist dieses (allgemein bekannte) "Offiziell darfs ja nicht gesagt werden". Ich für mich denke, dass alle Ergebnisse gesammelt und auch betrachtet bzw. ausgewertet werden sollten, und zwar seriös. "Kein zeitlicher/kausaler Zusammenhang" klingt für mich beispielsweise nicht nachvollziehbar, wenn man das selbst bei Reaktionen sagt, die innerhalb von 2 bis 7 Tagen eintreten. Mich erschüttert, dass Patienten so wenig ernst genommen werden, so wie Ken Schneider zum Beispiel. Mich erschüttert die Untererfassung, die ganz offensichtlich ist, aber nur sehr wenig bis gar nicht offen kommuniziert wird. Und wenn man beginnt, nachzulesen, dann findet man immer mehr Betroffene, die von Nebenwirkungen berichten, die einander unfassbar ähneln. Zu dem Zeitpunkt, als ich auf diese Sendung und Seite kam, gab es 964 Kommentare. Ich habe sie alle gelesen, wirklich jeden einzelnen. Bis morgens 4.30 Uhr. Und was mich nachhaltig erschüttert(e), war zum einen, wie sehr sich alle Geschichten ähneln, und zum anderen die Umgangsweise mit diesen Patienten. Das Abwiegeln. Das Schieben in die Psychoschublade. Das Abblocken, sobald man die Frage nach der Impfung stellte. 
Wie oft habe ich das selbst erlebt in den 17 Jahren. Ich habe immer noch Furcht vor dieser Impfung, nicht mehr als vor der Zeit, bevor das auch meinem Jungen passierte. Aber auch nicht weniger - und am meisten Furcht habe ich davor, mit dem, was auch immer dann käme, wieder allein gelassen zu werden. 
Da halte ich es mit Ken Schneider, der da sagte: "Ich halte den ehrlichen Umgang nicht nur moralisch für angebracht. Es ist auch klug, so zu kommunizieren. Die offensichtliche Vertuschung, wie sie hierzulande passiert, soll wohl Impfskeptiker von der Entscheidung gegen die Spritze abhalten. Unterm Strich dürfte die Skepsis so aber nur größer werden." 
Auf mich persönlich passt dieser Satz in jedem Fall. 

Samstag, 12. März 2022

...somebody told me to believe in better times

Am 24. Februar hat sich mein ehemaliger Chef von dieser Welt verabschiedet. Es heißt, er habe zuletzt sehr isoliert gelebt, selbst den Besuch der eigenen Schwester habe der Sohn nicht zugelassen. Über die Gründe könnte man allenfalls nur spekulieren, eine Beurteilung maße ich mir auch nicht an. Gleichwohl ist es wohl eine Art und Weise, wie man sich sicherlich nicht für immer verabschieden möchte. Irgendwie beklemmend auch der Gedanke, dass jemand anderes für Dich und über Dich entscheidet und Du nichts dagegen tun kannst. 

Der 24. Februar war auch der Tag, an dem Putin beschlossen hatte, in die Ukraine einzumarschieren und das Land zu bombardieren. In meinem Kopf hatte ich immer noch die ukrainische Studentin, die wenige Tage zuvor noch gesagt hatte, dass sie sich einen Krieg in der heutigen Zeit gar nicht würde vorstellen können. Dass sie einfach nicht glaube, dass es zu einem Krieg kommen könnte. In einem Europa, in dem wir uns so modern und aufgeschlossen und aufgeklärt fühlen. Und mit einem Mal war sie da, die Furcht, dass auch uns ein Krieg passieren könnte. Dass es nicht gelingen würde, die Krise auf diplomatischem Wege zu beenden. Wir fahren über die Straßen und laufen über die Wege, über uns ein strahlenblauer Himmel, alles mutet so friedvoll an - und dann denkt man an all jene Menschen nur etwa zwei Flugstunden von uns entfernt, die denselben Himmel sehen, dieselbe Sonne, dieselben Sterne - und für die das Leben von heute auf morgen nicht mehr das Leben ist, das sie kannten. Ich musste darüber nachdenken, wie sicher ich mich all die Jahre gefühlt hatte - aber was ist schon Sicherheit...

Wie müssen sich die russischen Frauen und Mütter fühlen, die ihre Männer, ihre Söhne für diesen Krieg hergeben müssen, ob sie es befürworten oder auch nicht? Wie müssen sich die ukrainischen Frauen und Mütter fühlen, die ihre Männer, ihre Söhne zurücklassen müssen, weil denen eine Flucht nicht erlaubt ist? Wie würde ich mich fühlen, wenn ich meine Söhne, meinen Mann, meine Brüder hergeben soll für einen Krieg, den ich niemals wollte? Den Menschen beschließen, denen es nur um Macht, Geld und die Ressourcen eines anderen Landes geht, die aber selbst niemals in den Krieg ziehen? Die sich hinter ihren sicheren Mauern zurücklehnen, Entscheidungen treffen, die ihr eigenes Leben nicht beeinflussen und nicht verändern? Die niemanden hergeben müssen, allenfalls aber die Liebsten lieber im sicheren Ausland "parken"?

Ich hab nie zuvor eine solche Angst vor Krieg bekommen wie in diesen Tagen. Ich hab nie zuvor eine solche Beklemmung und Sorge um meine Liebsten empfunden. Als einzig positiv empfand ich die Solidarität, mit der sich "die Welt" für die Ukraine zusammenschloss. Dass selbst Länder wie Schweden sich offen bekannten und die Ukraine militärisch unterstützen. Ich hoffte auf das passende diplomatische Auftreten, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass ein Mensch wie Putin sich von Sanktionen und sich weiter verschärfendem Druck von außen zur Aufgabe bringen ließe. Im Gegenteil, Menschen wie ihn an die Wand zu drängen, empfinde ich als ausgesprochen gefährlich. In solchen Momenten fragte ich mich, ob eine Kanzlerin wie die Frau Merkel nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre; zugleich überlegte ich auch, meine Einschätzung über Scholz dahingehend zu revidieren, als dass er vermutlich ähnlich diplomatisch und vorsichtig auftritt wie sie. Während mich mehr und mehr das Gefühl überkam, dass die Grünen gar nicht so pazifistisch denken und handeln, wie sie das eigentlich selber immer verkaufen. Von wegen "Sicherheit, Frieden und Abrüstung"...

Ich muss gestehen, ich habe viel zu wenig Ahnung von dieser ganzen Thematik und mir ist auch bewusst, dass ich viel zu wenig über die ganzen historischen Vorgänge weiß, die heute in den Ukraine-Krieg gipfelten. Über (gebrochene) NATO-Versprechen, (gebrochene) Vereinbarungen und rote Linien, die man versprach, nicht zu überschreiten und es  nach und nach dann doch tat. Dennoch begann ich mich irgendwann zu fragen, wem und was man eigentlich glauben soll. Das begann mit dem Live-Ticker des ÖR, der unter jeder einzelnen Meldung darauf verwies, dass es sich um nicht verifizierbare Meldungen handele. Warum schreibt Ihr die Scheiße dann auf, wenn Ihr gar nicht wisst, ob das alles überhaupt so stimmt?? Das begann mit den Aussagen, dass "die aus dem Osten sowieso Putin-Freunde sind, begründet aus der Historie in der DDR-Ära". Und Aussagen, dass es ja Nazis seien, die aktuell hinter Putin stünden. Das begann mit den Aussagen, dass die Ukraine zu den Ländern mit der höchsten Korruption in Europa gehört. (Kann man auch nachlesen unter https://www.laenderdaten.info/korruption.php) Das begann mit den Aussagen Selenskyis, dass die NATO-Länder mit schuld seien am Tod ihrer Frauen, Männer und Kinder, weil sie die Flugverbotszone ablehnte. Mit seinen Aussagen, dass sie dort auch für uns sterben würden. Dass sie die Bewohner Kiews nicht gehen lassen wollten, weil sie befürchteten, dass die Russen Kiew dann gnadenlos bombardieren und zerstören würden. (Und wenn man diesen Gedanken zu Ende denkt... sind dann die Zivilisten dort für Selenskyi das lebende Schutzschild?) Darf, sollte ein Staatschef so polemisch denken und reden? Was passiert mit den Millionen Unterstützungsgeldern, die nicht nur aus Deutschland fließen? Kommen sie wirklich da an, wofür sie gedacht sind - oder versickert das ganze in irgendwelchen Kanälen, von denen wir hier gar keine Ahnung haben, aber mit Geld erstmal unser Gewissen beruhigen?

Heute Abend, ein Abend, an dem ich eigentlich bei der Mama am Küchentisch sitzen wollte, sie hatte an mich drücken wollen, da saß ich stattdessen mit dem Mann und einem gemeinsamen Freund in einem unserer Lieblingslokale beim Kaffee - und ich fragte, wann das alles begonnen hätte. Meinem Empfinden nach kommt der Deutsche aus seinem Eskalier- und Katastrophenmodus nicht mehr heraus. Und in diesem Modus gibt es nur noch Schwarz und Weiß, nur noch Pro oder Contra - und Contra ist immer ablehnens- und verachtenswert und vor allem braun. Immer öfter hatte ich gelesen oder gehört: "Natürlich darfst du deine eigene Meinung haben, aber du musst auch die Reaktion vertragen." Was aber, wenn die Reaktion nicht in einem - von mir aus auch leidenschaftlich geführten - Diskurs endet, sondern in die Einstufung von Gruppen, Bewegungen, in die man gar nicht gehört und damit auch in die berufliche Existenz eingreift? So wie zum Beispiel beim Amtsarzt des Gesundheitsamtes Aichach-Friedberg - und noch anderen? Warum ist man ein Querdenker, wenn man Wege zu hinterfragen oder auch zu kritisieren begann, die sich als nicht wirksam und zielführend erwiesen und die trotzdem fortgeführt wurden? Warum ist man ein Putin-Freund oder gleich auch ein Nazi, wenn man ab irgendeinem Punkt begann zu hinterfragen, warum es so weit kommen konnte? Wie es zu diesem irrsinnigen Krieg führen konnte? Wieso Obama einen Friedensnobelpreis bekommen hatte bzw. behalten durfte, obwohl unter seiner Präsidentschaft bisher am längsten Krieg in verschiedenen Ländern geführt wurde? Weil er einfach Pech mit seinem politischen Erbe hatte? Ist das tatsächlich so.. einfach? Wieso es zuvor keine solche Welle an Friedensbekundungen, Solidarität und zugleich Verurteilung der Kriegführenden gegeben hatte? Warum sind die Amis immer die Guten, obwohl die Amerikaner bisher auf fast jedem Kontinent einen Krieg geführt haben mit dem Ziel, diese Länder zu destabilisieren? Wann ist er wieder aufgelebt, dieser kalte Krieg - und warum? Wars nicht der Altkanzler Schmidt, der einst sagte, es gäbe keinen Frieden in Europa ohne Russland? Wer war das, der Russland zum Feind erklärte, lange vor diesem irrsinnigen Krieg?

Ich sags nochmal: Ich habe von alldem nicht wirklich Ahnung und sollte deshalb auch keine Meinung zu all dem vertreten. Was ich habe, ist letztendlich nur ein Gefühl, von dem ich nicht mal weiß, ob es richtig oder falsch ist. Was ich habe, ist Angst. Ich hab Angst oder eher Sorge um meine Jungen. Und was ich auch habe, sind die Hoffnung und die Zuversicht, dass "sie das irgendwie wieder hinbekommen, diplomatisch und bitte ganz schnell". Weil ich Furcht davor habe, dass es am Ende keinen Sieger geben wird, nur Verlierer.

Noch vor zwei Tagen hatte ich gedacht und gehofft, all dem für ein paar Tage entfliehen zu können. Meine Jungen einzusammeln und mit ihnen an die Küste fahren zu können, nach Hause fahren zu können. Nach all der Zeit, all den Jahren ist es immer noch ein nach Hause kommen für mich. Mein Ruhepol da oben am Fuße des Meeres. Noch immer ist es ein Gefühl für mich wie in einer völlig anderen Welt zu sein. Einer besseren Welt... Daraus ist nun nichts geworden, das hat mir der Papa gestern am Telefon gesagt und dann hat er angefangen zu weinen. Er und die Mama sind vor ungefähr drei Wochen an Corona erkrankt. Während er, der all die Zeit über immer die größte Angst von allen hatte, recht schnell wieder auf den Beinen war, hat es die Mama so richtig umgehauen. So sehr, dass ich anfangs nachts kaum noch schlafen konnte vor Sorge, mich entweder ruhelos hin und her wälzte im Bett - oder auch gleich ganz aufblieb und mir reihenweise irgendwelche Filmchen reinzog, nur um nicht denken zu müssen. Sie ist noch immer nicht gesund und vor allem immer noch positiv. Zwar sind meine Jungen auch geboostert, aber der Papa sagte: "Das sind deine Mutter und ich auch, und jetzt siehst du ja die Scheiße. Ich würde mir das niemals verzeihen, wenn ihr wegen uns krank werdet."

Den Urlaub haben wir jetzt also verschoben. Leicht ist uns allen das nicht gefallen. Gerade auch für meinen Ältesten wäre dieser Urlaub jetzt wichtig gewesen. Wichtig für seine Seele, denn die hängt im Moment so richtig durch, und ich kann kaum oder eher gar nichts dagegen tun. Dieses Jahr ist kaum drei Monate alt - und in all dieser Zeit fühlt sich kaum etwas darin richtig oder unbeschwert oder einfach nur zufrieden an. Eher ist es gefüllt mit Sorge um Menschen, an denen ich so sehr hänge. An Menschen, die ihre Sachen ordnen und regeln, damit sie sich in Ruhe von dieser Welt verabschieden können, wenn sie es müssten. An Menschen, die mir auf meine Worte, dass ich so vieles von ihnen gelernt hätte und noch würde lernen können, antworten, dass wir uns dann aber beeilen müssen, weil ihnen möglicherweise weniger als ein Jahr bleibt. Es ist gefüllt mit den Worten einer Freundin, die mich fragt, ob wir uns noch mal wiedersehen, damit sie mich umarmen kann, bevor es vielleicht überhaupt niemals mehr geht, weil irgendein Irrer auf den falschen Knopf gedrückt hat. Es ist gefüllt mit den Worten meines Jungen, der in einer Lagebesprechung erfährt, dass in der Nacht zuvor ein 17jähriger auf einen 19jährigen in der Straßenbahn einstach und ihn tödlich verletzte. Und wie normal solche Vorfälle geworden sind.. Wann ist das passiert? Wie konnte es so weit kommen, dass das normal geworden ist? Früher hat man sich was aufs Maul gehauen und der Kodex besagte: Wenn jemand am Boden liegt, hört man auf - während heute so lange zugetreten wird, bis der, der am Boden liegt, entweder tot oder für immer geschädigt bleibt? Oder eben gleich ein Messer gezogen wird? Ist das die Welt, in der ich Kinder haben wollte? Ist das die Welt, die ich meinen Kindern geben wollte? Ist das die Welt mit solchen Besserschissern wie diesen Kackvogel Böhmermann (den ich noch nie ausstehen konnte, gebe ich zu), der sich hinstellt und rumtönt, wir sollten uns doch alle nicht so haben, schließlich seien steigende Spritpreise das Letzte, woran die Ukrainer in ihren Kellern denken würden. Das ist zwar grundsätzlich richtig - aber richtig ist auch, dass - trotzdem die Ukrainer in ihren Kellern sitzen und hoffen, dass sie diesen scheiß Krieg überleben - hierzulande erwartet wird, dass jeder weiterhin seiner Arbeit nachgeht. Und er diesen Gang zur Arbeit auch finanzieren können muss, ganz egal, ob er im Minijob oder auf Mindestlohnbasis arbeitet. Und ihn keiner fragt, wie er das macht. Sondern ganz im Gegenteil das Wetterfähnchen Lindner klarstellt: "Der Staat kann all das nicht auffangen, das ist auch nicht seine Aufgabe. Der Staat verdient da auch nichts dran, weil sich die Ausgaben lediglich verschieben: Wenn der Mensch mehr für Benzin ausgeben muss, spart er an anderer Stelle und damit hat der Staat weniger Mehrwertsteuereinnahmen." (Frankreich und Polen übrigens haben ihre Steuerbelastung auf Kraftstoffe gesenkt. Nur mal so.) Was im Grunde nur heißt: Das Staatssäckchen füllst du schon noch, egal auf welche Weise. Ob du selber von deinem Lohn noch was hast oder auch nicht. Wie kannst du auch ans Lebensniveau denken, während andere in Kellern sitzen? (Warum eigentlich hat sich diese Frage so nicht gestellt, als die Wahnsinnigen Krieg beispielsweise in Syrien geführt hatten? Weils weit weg genug war?) Und meiner Meinung nach ist es Russland scheißegal, ob du in deiner Wohnung hockst und aus Solidarität frierst, utopische Summen an den Tankstellen zahlst oder du immer weniger im Einkaufskorb für eine doppelt hohe Rechnung hast und nicht mehr weißt, wie du dein Leben bezahlen sollst. Das durchschnittliche Jahreseinkommen des Deutschen wird mit rund 41.000 Euro beziffert - und mit diesem Einkommen muss man aktuell noch vermutlich weder frieren noch bei jedem Einkauf genau abwägen, was jetzt noch darf oder eher nicht mehr. Dieses Einkommen jedoch geht für wohl die meisten von uns hier in Deutschland gründlich an der Realität vorbei. 

Heute Abend im Lokal, da habe ich sie gesehen, schwangere Frauen, und irgendwie.. hat mir das einfach Mut gemacht. Mut und Hoffnung und Zuversicht. Wenn Menschen in Zeiten wie diesen Kinder bekommen, dann muss es doch auch wirklichen Raum für Hoffnung und Zuversicht geben? Hoffnung auf wieder bessere und vor allem friedliche Zeiten für uns alle? Für all die Menschen egal wo auf dieser Welt, die genauso leben, lieben, hoffen und träumen wie Du und ich? Ich möchte das glauben, ich möchte darauf hoffen und die Zuversicht nähren dürfen..

Freitag, 18. Februar 2022

Die Holzwagen mit eckigen Rädern


Endlich Wochenende.
Hinter mir liegt eine Woche, die sich irgendwie zäh anfühlte. In der irgendwie nichts wirklich rund lief, eher wie ein Holzwagen mit eckigen Rädern. 
Ich schaffe vieles, aber nicht alles das, was ich wollte.
Ich mache vieles, aber nicht alles richtig.
Warum ich da und dort einen Fehler einbaue, weiß ich nicht, aber es nervt mich. Es nervt mich, weil es nicht hätte sein müssen. Nicht dieses "Ich habs nicht besser gewusst", sondern "Zu schnell gemacht, falsch gemacht". Ich bin die einzige, die das gerade ultra nervt, aber das hilft mir jetzt auch nicht.
Soeben habe ich ein Glas Weißwein geleert, ein Prosit auf das Wochenende und darauf, dass die letzten 5 Tage vorbei sind. Neue Woche, neues Glück - vielleicht - und dazwischen liegen zwei freie Tage, von denen der eine schon einem Marathonspaziergang zum Opfer fallen soll. Jedenfalls, wenn es nach dem Mann gehen soll, und ich hab noch keinen Schimmer, ob und wie ich mich da rauslavieren kann.
Ob er meinen Muskelkater gelten lassen wird?
Seit ein paar Tagen habe ich immerhin ein paar neue Übungen in meinem Sportprogramm, und die lassen mich zumindest wissen: "Joar, da lebt noch was unterm alten Knitterkleid!"
Andererseits könntsch mich vielleicht auch mit dem Bügelberg rausreden. Wenn ich um den jetzt ne Lichterkette drumwickel, könnt er immerhin als Tannenbaum durchgehen. 
Andererseits... ist es vielleicht auch gerade gut, mir ein bisschen Wind durch die Haare wuseln zu lassen. Wobei wuseln angesichts der Wettervorhersage ja auch ziemlich optimistisch ist. 
Solange mir nicht grad das Dach vom Haus fliegt oder die Bäume vor den Fenstern einen guten Morgen auf der Terrasse wünschen, liebe ich den Wind. Ich liebe es, nachts beim geöffneten Fenster im Bett zu liegen und zuzuhören, wie es durch die Bäume rauscht, wie es um die Ecken pfeift. Dann denke ich immer, ich bin zu Hause am Meer. Statt des Sandkastens hinterm Haus ist da das Meer (und ja, Sturmfluten blende ich auch aus), die Möwen kreischen und auf der Zunge hab ich schon den salzigen Geschmack des Meeres und zupfe mir die winzig kleinen Algen von der Haut und aus den Haaren. 
Ich war ja grad erst zu Hause und war gefühlt doch wieder zu lange nicht dort. Vielleicht hab ich es auch nur nicht intensiv genug gespürt und nicht genug auf mich wirken lassen. 
Und vielleicht kann ich es beim nächsten Mal besser machen, wenn ich mit meinen beiden Jungen an die Küste fahre. Mir die Mama und den Papa schnappen, die Jungen, am Strand langlaufen, einen Milchkaffee irgendwo kaufen, glücklicherweise kann ich ja dann auch wieder in ein Cafe hineingehen. Muscheln sammeln, vielleicht Hühnergötter finden.
Übrigens haben der Mann und ich in diesem Jahr nach längerer Pause mal wieder einen Urlaub vor der Insel Venedig geplant. Darauf freu ich mich wahnsinnig, denn wir waren dort schon mal - und wovon ich restlos begeistert war, waren die Muscheln. 
"Es gibt keine Muscheln!" hat der Mann gedroht, als ich das Wort auch nur wagte, in den Mund zu nehmen, aber ich hab ihn ausgelacht: "Und ob es die gibt!" Und wenn ich mir ein kleines Schraubglas mitnehmen muss. Ein paar reichen ja. Vielleicht. Also bestimmt. Na gut, vielleicht wirds doch ein etwas größeres Glas ;)
"Wo willst du mit dem ganzen Zeug hin? Wir haben so schon keinen Platz!"
Da mag er sicherlich recht haben. Aber in meinem Kopf.. Da träume ich immer noch von einer Wohnung mit einem Zimmer mehr. Ich weiß genau, wie das aussehen soll. Da wird einer dieser Holztische stehen, so ganz einfache, die aber unter der Platte eine oder zwei Schubläden haben. Typische Künstlertische :) Damit ich mein Malzeug ausbreiten kann, ohne alles immer hin und her zu räumen, was ja die Kreativität empfindlich stört. Ist wirklich so! An einer Wand steht ein Regal voll mit unseren Büchern, unseren Schallplatten und Holzfiguren, einem alten Telefon, einer Uralt-Schreibmaschine - und eben den Muscheln... An der anderen Wand stehen Bilder auf einer Bilderleiste, die großen stehen unten an der Erde. Auf dem wunderbaren Dielenboden liegt ein weicher weißer Teppich, grad groß genug, dass ich mich darauf ausstrecken und die Arme ausbreiten kann, wenn ich Musik höre. Und dann steht da noch einer dieser alten Sessel mit der hohen Lehne und den wunderbaren, schlicht gedrechselten Holzfüßen, in dem ich sitzen und lesen oder einfach nur zum Fenster hinausschauen kann... Ja und das wars, mehr gibts da nicht in diesem Zimmer.. 

So ein Zimmer würde mir völlig genügen, um Tage wie diese von mir wieder abfallen lassen zu können. Um wieder zurückzufinden in meine Mitte. In meine Leichtigkeit. Weg von der Müdigkeit derzeit, die an meinen Armen und Beinen zerrt, trotzdem ich mehr als genug schlafe. Weg von dem Gefühl derzeit, als würde irgendetwas fehlen, ohne dass ich sagen könnte, was. Weg von diesem bleiernden Gefühl, das mich gerade irgendwie lähmt, und ich weiß nicht wieso. 
Aber na ja, solche Tage muss es eben auch geben. Glücklicherweise kommen immer wieder neue und bessere, an denen die Holzwägen wieder auf runden Rädern gleichmäßig rollen.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet

Schon seit vielen Jahren vertrete ich allein aus meiner eigenen Erfahrung heraus die Auffassung, dass man einen Menschen erst dann wirklich kennenlernt, wenn man sich von ihm trennt. Was dann viel zu oft zum Vorschein kommt, hat mich schon oft vor die Frage gestellt: Hat man es einfach nicht gesehen oder wollte man das einfach auch nicht sehen?

Als ich mich von meinem Ehemann trennte und auch unmittelbar danach auszog, da habe ich mir eine Liste aufgestellt: Wer verdient was, wieviel Guthaben haben wir, wer braucht was?
Als ich gegangen bin, ging ich nur mit den Klamotten, einem Kleiderschrank & einem Bett aus dem Kinderzimmer. Vom Guthaben nahm ich mir 700 Euro, die restlichen Tausenden Euros sagte ich ihm zu, dass er damit die Familienkutsche bezahlen sollte, die wir noch weit vor der Trennung gekauft hatten und auf die noch eine Restschuldsumme von 6.000 Euro stand. 
Ich ging davon aus: Jeder hat einen Job, jeder hat ein Auto, jeder ein Kind (weil der Große anfangs beim Vater bleiben wollte), ich zahle an den Ex einen Ausgleich, damit jeder dasselbe Netto hatte (dass ich allein aufs Erzählen vertraute und nie einen Lohnzettel sah, verstehe ich allerdings heute auch nicht mehr) - und ich dachte, damit hätte jeder genügend Rüstzeug, um sein Leben nochmal neu und mit dem dann hoffentlich richtigen Partner zu beginnen. 
Was ich allerdings in den Jahren ab der Trennung erlebte, habe ich tatsächlich im Traum nicht gedacht. Wollte ich nicht sehen, wer er war? 
Irgendwann im Lauf dieser Zeit begann ich mich zu fragen: "Habe ich ihn eigentlich überhaupt jemals geliebt?"
Heute weiß ich: Nein. Liebe war das nicht. Ich war fasziniert von seinem selbstsicheren Auftreten (und realisierte erst viele Jahre später, dass es genau gegenteilig war), sicherlich auch angezogen von seinem Äußeren - aber Liebe.. Nein, Liebe war das nicht. Wir haben nach nicht mal einem Jahr geheiratet, weil er der Meinung war: "Wenn du in meine Stadt ziehst, will ich auch, dass du meine Frau bist. Sonst lernst du vielleicht noch einen anderen kennen und rennst dann weg."
Ich war 20, was soll ich sagen... Von nichts eine Ahnung. Vom Leben nicht und von der Liebe gleich gar nicht. 

Man sagt, dass man vergangene Zeiten immer verklärt betrachtet. Dass man ab irgendeinem Tag nur noch die positiven Dinge sieht, jedoch nicht, was einen getrennt hat.
Das kann ich für mich nicht bestätigen: Ich kann mich einfach nicht an positive Dinge erinnern, tatsächlich nicht. Obwohl es sie sicherlich gegeben hat. Und wenn ich heute Fotos von ihm sehe, ist er ein fremder Mensch für mich geworden. Unvorstellbar, mit ihm irgendwann mal zusammen gelebt zu haben. Nicht nachvollziehbar, dass ich das einst selbst so gewollt hatte. 
Wenn Außenstehende ihn sehen, finden sie ihn attraktiv und vermutlich ist er das auch.
Vermutlich kann ich ihn nur nicht objektiv betrachten. Vermutlich sehe ich all die Jahre nach der Trennung in seinem Gesicht, verbinde all diese Erfahrungen mit diesem Gesicht - und sehe demnach nicht, was andere sehen. 

Wie ich darauf komme?
Gestern entdeckte ich bei FB eine Nachricht im persönlichen Bereich. Ich bin ja fast nur noch mit dem Handy online, und leider wird mir dann da nicht angezeigt, dass eine Nachricht eingegangen ist.
Sie war von einer Frau, die ich schon sehr lange kenne, aber unser Kontakt ist in all den Jahren eher lose geblieben. Eine Frau, die sich immer schon, so lange, wie ich sie kenne, ein Kind, eine richtige Familie gewünscht hatte. Irgendwann hatte sie sich diesen Traum dann doch noch erfüllt: Mann, Haus, Kinder. 
Und wie sie mir gestern schrieb, ist der schon vor über einem Jahr ausgezogen, lebt jetzt mit seiner Affäre zusammen, das Haus ist verkauft, doch statt dass er ihr ihren Anteil auszahlt, werden die Finanzen so getürkt und gedreht, dass jetzt für ihn ein Anspruch von ein paar Tausend Euros entsteht, die sie ihm zahlen soll. Nicht er muss ihr beweisen, dass alles getürkt ist - nein, sie muss es IHM nachweisen.. Eine junge Mama mit zwei kleineren Kindern, voll berufstätig wieder - aber er hält die Hand auf, obwohl ER es ist, der zu Hause auf seinem Geldsack hockt.. Und ER eigentlich daran interessiert sein sollte, dass es vor allem seinen Kindern gut geht. Und gehts den Eltern gut, geht es auch den Kindern gut... Ist jedenfalls meine Denkweise.. (Aber vielleicht hatte ich es ja mit dieser Einstellung auch deshalb nie zu etwas gebracht.)

Der Mann und ich werden heiraten in diesem Jahr. 
(Ja, so hab ich auch geguckt ;))

Dass er einen Ehevertrag will, stört mich nicht, war auch nie ein Problem für mich.
"Ich will dich aus Liebe, dein Geld interessiert mich nicht", habe ich gesagt und stehe auch dazu.
Bis mir eines Tages in einem eigentlich belanglosen Gespräch aufging: Der will nicht sich absichern, der will MICH mit diesem Vertrag absichern. Weil es auch in seinem früheren Leben Dinge gibt, die mir eventuell das Leben schwer machen könnten, sollte ihm eines Tages etwas passieren. 
Ich wusste schon immer, dass er für mich der Richtige ist, auch dann, wenn wir gerade kein Paar waren. Dass wir eines Tages sogar Mann & Frau in echt werden würden, dachte ich allerdings nicht.
Doch spätestens nach diesem Gespräch wusste ich einmal mehr: Dieses Mal habe ich es wirklich richtig gemacht.

Donnerstag, 17. Februar 2022

32

 Ja Hase, die Zeit schreitet voran. Wie schon bei Deinem Bruder habe ich auch bei Dir dieses Mal nicht den punktgenauen Geburtstagsgruß setzen können - aber dafür war ich ja an Deinem Tag auch bei Dir :) Überhaupt: Grad warst Du noch der kleine Wissbegierige, der auf und unter die Tische und um die Autos herum kroch, der alles wissen und erkunden wollte, der kaum aufhörte, Fragen zu stellen und sich nicht damit zufrieden gab, wenn er nicht alles beantwortet fand.
Und jetzt bist Du einen Meter vierundneunzig groß, schaust auf mich herunter, meist mit einem schiefen Lächeln, manchmal unsicher, manchmal abwartend, meistens genervt, und alles, das nicht zu Deinen Interessen zählt, muss man Dir mindestens zweimal sagen. Gerne auch mal dreimal ;) 
Und ganz oft kann ich drauf wetten, dass Du beschwörst, nie nicht auch nur ein einziges Wort vom Gesagten gehört zu haben, wenn man Dich dann nochmal an etwas erinnert. 
Für jemanden wie Dich ist es ein Segen, dass wir im digitalen Zeitalter leben: Es gibt kaum etwas Wichtiges, das sich nicht digital und damit ohne großen Aufwand erledigen lässt, gerne auch von mir in Deinem Namen. Sei es die Steuererklärung, seien es einst die Bewerbungen gewesen oder die An- und wieder Abmeldungen beim Amt. Ich weiß, dass ich Dir da zuviel abnehme. Manchmal überrascht Du mich dann aber auch. So wie im vergangenen Jahr, als Dein 1. Jahr Befristung sich dem Ende neigte und ich Dich fragte, ob Du bei Deinem Arbeitgeber nicht mal nachfragen könntest oder so. Und Du winktest ab: "Ach Mutsch, hab ich doch alles schon geklärt, schon vor zwei Monaten." 
Es ist ja nicht so, dass ich Dir das nicht zutraue. Ich weiß, dass Du alles allein machen kannst.
Mich hat nur vor allem überrascht, dass Du ganz von allein dran gedacht und alles geregelt hattest. Denn so verpeilt Du oft bist, so sehr lebst Du ganz oft auch in Deiner eigenen Welt. Und so schnöde Alltagsgeschichten gehören da vermutlich nicht wirklich rein ;) Ach wenn Du wüsstest, wie sehr ich mich in Dir wiederkenne... So wie Du heute bist, haargenau so war ich, bevor Du und Dein Bruder auf die Welt gekommen sind. Genau genommen habe ich erst mit Euch und vor allem mit Dir begonnen, das Leben in die Hand zu nehmen. 
Mich mit Ämtern, Behörden und Ärzten auseinanderzusetzen, mich manchmal auch mit ihnen zu streiten. Nicht alles einfach so hinzunehmen. 
Mit Euch habe ich gelernt, mich im Leben durchzusetzen - und ich kann Dir sagen: Das war ein langer Weg!

Im Moment genieße ich noch immer die Zeit, wenn ich nach L komme, in unsere "alte" Wohnung. 
Ich liebe es, für Euch etwas Schönes zu essen zuzubereiten, die Wäsche zu sortieren, hin und wieder etwas zu backen und vor allem Dir morgens ein Fresspaket mit auf den Weg zu geben, von dem Ihr anfangs immer etwas geschmunzelt habt: "Sollen wir auswandern?"
Überhaupt denke ich in letzter Zeit oft an die früheren Jahre. Wir drei in unserer kleinen Wohnung, in der es manchmal ganz ordentlich zuging, wenn Ihr Euch mit Matchbox’ beworfen oder Euch wenigstens verbal um die Ohren gehauen habt, dass die Heide nur so rauchte. (An dieser Stelle lobe ich mir auch dieses Tagebuch hier, so kann ich immer mal das eine oder andere nachlesen, lachen und mich sagen hören: "Ach ja, stimmt, so war das, hattsch schon ganz vergessen!") 
Wir drei, wie wir morgens in der kleinen Küche an dem Holztisch saßen und über alles mögliche sprachen. So hatte ich mir das immer gewünscht: eine gemütliche Küche, an der alle sitzen, essen, trinken, erzählen...
Ich erinnere mich auch, dass ich manchmal ziemlich unnachgiebig sein konnte. Wie zum Beispiel an dem Tag, als es Lachs mit Nudeln gab und Du sagtest: "Äh ne, das mag ich nicht, das schmeckt mir nicht." Eigentlich ist das tatsächlich nicht weiter wild, denn aus Dir war schon längst ein guter Esser geworden - Sorgen musste ich mir da also nicht machen. Warum ich trotzdem darauf bestand, dass wenigstens probiert und was gegessen wurde, kann ich heute nicht mal sagen. Aber ich bestand darauf - und die Konsequenz ist, dass Du Fisch bis heute zutiefst verabscheust. Schon aus Prinzip vermutlich 😌
Wusstest Du eigentlich, dass Deine Oma mit mir mal genau dasselbe gemacht hat, als ich so um die elf, zwölf Jahre alt war? Damals sollte ich gefüllte Paprikaschoten essen - und ich mochte die gekochte Paprika überhaupt nicht. Oma ließ mich bis zum Nachmittag am Küchentisch sitzen, längst war natürlich alles kalt geworden (Mikrowellen gabs damals noch nicht), natürlich waren alle anderen schon vom Tisch aufgestanden, nur ich musste da sitzen und schob missmutig das Essen mit der Gabel auf dem Teller hin und her. Schob alles immer so zusammen, dass es aussah, als hätte ich was davon gegessen - aber natürlich hatte ich keinen einzigen Bissen davon runterbekommen. Irgendwann gab Oma auf und meinte: "Na los, steh auf."
Ich glaub, so ähnlich hatte ich das mit Dir auch gemacht - aber ich schwöre: Das war wirklich keine Absicht! Mir ist erst viel später mal aufgegangen, wie viel man aus der Kindheit heute doch macht, obwohl man sich einst geschworen hatte: "Wenn ICH mal Kinder hab, wird ALLES anders!"
Ha ha, ja ne! Wirds natürlich nicht :)

Und wenn Du nicht willst, dann willst Du auch nicht - und das ist echt richtig schwer, Dich von etwas anderem zu überzeugen. Ich habe, glaube ich, auch noch niemals erlebt, dass Du entgegen Deiner Überzeugung handelst. Wenn Du an einen Weg oder an eine Sache nicht glaubst, wenn Du diesem nicht vertraust oder gar weißt, dass es falsch wäre, dann machst Du es auch nicht. 
Allerdings ist es auch relativ leicht, Dich zu verunsichern, leider, und dann wirds richtig schwierig.
So wie in der vergangenen Woche, als klar war, dass die Reparatur Deines kleinen Flitzers mehr kosten sollte als er noch wert ist - und wir uns nach Alternativen umgeschaut hatten. Ein denkbar schwieriger Zeitpunkt aktuell, aber manchmal lässt einem die Realität kaum eine oder auch gar keine Wahl.
Und wenn Dir jemand sagt, dass man ein Auto deutscher Marke nicht mit einem Kilometerstand von 90.000 kauft,  auch dann nicht, wenn man den Verkäufer kennt, dann bekommt man Dich auch nicht mit guten Argumenten überzeugt. Allerdings, wenn das Budget nur begrenzt ist, solange man nicht in Ratenzahlung verfallen will, dann kann man zwar Vorstellungen haben, aber die Realität ist einem dann doch um einige Schritte voraus. 
Probefahrten haben wir dennoch gemacht, Du warst vom einen oder anderen auch ganz angetan, aber die Randbedingungen stimmten letztlich nicht. 
Bezeichnend der Moment: Der Verkäufer steigt ins Auto und will es zurück auf den Hof fahren, da fängt es an zu piepen. Ich kenne dieses Geräusch inzwischen und weiß, dass sich hier die Batterie verabschiedet hat. Du jedoch drehst Dich erschrocken um und rufst ihm zu: "Oh! Hab ich da jetzt was kaputtgemacht?" Ich schaue Dich entsetzt mit großen Augen an WAS REDEST DU DENN DA??, doch der Verkäufer winkt schon ab: "Ja ne, das liegt an der Sitzheizung, die zieht immer den Strom weg. Ist nicht Ihre Schuld!"
Und Du lächelst entspannt: "Na Gott sei Dank, ich fürchtete schon!"
"Wieso denkst du immer gleich, dass der Fehler bei dir lag?" frage ich Dich und Du sagst: "Na hätte doch sein können." Und ich sage: "Im Gegenteil, da siehst du mal, was für eine Möhre das ist und wie unvorbereitet der Verkäufer war!" Du jedoch siehst das anders, für Dich ist es Pech, keine Absicht - und ich hole tief Luft, dann sage ich: "Weißt du, was ich wirklich an dir liebe? Dass du immer an das Gute in den Menschen glaubst. Aber manchmal wollen sie einen tatsächlich einfach nur über den Tisch ziehen."

Manchmal betrachte ich Dich, wenn Du auf Deinem Bett liegst und surfst oder auf dem Balkon hockst und eine rauchst. Du vergisst IMMER, die Tür hinter Dir zu schließen. Das sind Dinge, die Dich eher nicht interessieren, auch wenn Du nicht IN der Wohnung rauchen wollen würdest. Der Gestank zieht dann trotzdem jedesmal bis überall hin, also mahne ich jedesmal neu: "Mach! Die! Tür! zu!"
Wie die neue Waschmaschine und auch der neue Trockner (ja, manchmal kommen wirklich ALLE Dinge auf einmal) funktionieren, interessiert Dich bis heute nicht. Machen ja Dein Bruder und ich. 
Dafür bist Du jemand, auf den man sich tausendprozentig verlassen kann. 
Wenn man Dich um Hilfe bittet, sagst Du niemals nein. Du bist ein Mensch, den man nachts anrufen könnte - Du würdest kommen und helfen. Du bist ein Mensch, der niemals seine Hilfe verweigern würde. Du bist ein Mensch, der mit allen mitfühlt, der überhaupt sehr feine Antennen besitzt - auch wenn Du diese zu Hause mittlerweile unter einer sehr stachlichen Hülle verbirgst. Du bist schon oft enttäuscht worden und heute.. glaubst Du an nichts mehr. Aber Du hast begonnen, Dich zu schützen. 
Dich und Dein - wie Dein Bruder auch heute immer noch sagt - goldenes Herz.

Ich betrachte Dich und dann denke ich wirklich jedesmal, wie sehr ich Dir wünsche, dass Du eines Tages endlich ankommst. Dass Du genau die Freundin findest, die Du brauchst, um Dich glücklich zu fühlen. Die vielleicht auch mit Dir auf der Konsole zockt, die mit Dir einkaufen geht und Dich beim Shoppen berät. Die einfach DICH sieht, mit all dem Wunderbaren, das Dich ausmacht. Und die mit Dir genauso glücklich ist wie Du mit ihr ♥️

Ich wünsche Dir das so sehr und ganz von Herzen - und auch, wenn Du selbst diesen Gedanken längst losgelassen hast, ich selbst glaube wirklich daran, dass es Dir eines Tages gelingt. Es kann doch gar nicht sein, dass so ein wunderbarer Mensch wie Du allein bleiben soll.

Ich lieb Dich wirklich sehr,
Deine Mama 



Mittwoch, 2. Februar 2022

...manchmal ist es einfach und manchmal nicht.


Vor einigen Tagen stand ich in meiner Küche und überlegte, was ich für das Abendessen zubereiten wollen würde. Ab und an wandte ich den Blick nach draußen, nur um dabei zuzusehen, wie das Wetter sich nicht zu entscheiden vermochte, ob es lieber regnen oder schneien wollte. 
Kalt war es wieder geworden, eisig kalt, doch hier drinnen hatte ich es warm und behaglich. Mein Wohlfühlort, meine kleine Insel für alle Zeit, wenn es mir draußen zu wild, zu durcheinander, zu fremd geworden war. 
Und die Musik und ich. Eine Symbiose bis in alle Ewigkeit. Ich spüre, wie sich die bevorzugte Songliste verändert. Mal ist sie lebendig, mal eher melancholisch.. Und im Moment fühlt sie sich eher melancholisch an. Sanfte melodische Titel, in denen ich mich wiegen kann, in die ich mich einhüllen kann wie in eine liebevolle Umarmung..

Quelle: Found on Instagram

Ich dachte an die vergangenen Tage und Wochen und wie sehr mir die Worte, die Sprache ausgegangen waren. Wie wortlos ich mich fühlte, wie leer und doch.. wie zugleich auch irgendwie erfüllt von dem Leben und von der Hoffnung und der Zuversicht. Gedanken so durcheinander wie die Schneeflocken vor dem Fenster. 
Und unvermittelt begann ich zu tanzen.. Ganz sanft, nur leicht und zurückhaltend - und dann schloss ich die Augen und drehte mich hin und her auf diesen wenigen Metern Fläche.. Wiegte mich selbst im Takt der Musik, hob die nackten Füße auf die Zehenspitzen und verlor mich in Raum & Zeit...
In der Hand hielt ich ein Glas mit dem letzten Rest eines Rotweins, von dem der Mann mich daran erinnerte, dass wir genau diesen auch in unserer allerersten gemeinsame Nacht miteinander geleert hatten. Grundgütiger, wie lange das her ist. Ein halbes Leben, eine halbe Ewigkeit und doch scheint es mir noch immer, als sei es gar nicht so lange her, als wären wir uns erst im letzten Jahr begegnet..
All das Erlebte, die schönen und auch die traurigen, die einsamen Momente und Erfahrungen, die scheinen so weit weggerückt. Und noch weiter das Leben, das ich führte, bevor wir einander begegneten..
Unlängst schaute ich auf den Kalender, überlegte, wie lang das alles schon her war - und wunderte mich. Weil, ich fühle mich genau genommen kein Jahr älter seit unserer Begegnung. Für mich fühlt auch er sich immer noch so an wie damals, vor vielen Jahren im September. Im Netz hatte ich erzählt von meiner letzten Reise im Sommer an das Meer, von meinen Eindrücken, von  meiner Liebe zum Meer. Er hatte es gelesen und mir geschrieben. Eine dieser ersten E-Mails besitzen wir noch, wir haben sie ausgedruckt, auf Papier gebannt, bevor sie im Nirvana versinken würden..
Ich liebe an ihm, dass wir streiten können, ohne einander zu verletzen. (Okay, auch wenn ich dann und wann anschließend erwog, auszuziehen und fortzugehen, aber das war eher den Themen geschuldet, die unüberbrückbare Differenzen anmuten ließen.)
Ich liebe an ihm, wie er mich anschaut, wenn wir über das Leben philosophieren und er es nicht immer  ausspricht, mich aber für ein bisschen weltfremd hält.
Ich liebe an ihm, dass er mich und meine Empfindungen respektiert, auch wenn sie ihm selbst fremd sein mögen. 
Ich liebe an ihm, dass er immer spürt, wie ich mich fühle, auch wenn ich sogar hunderte Kilometer von ihm entfernt bin. 
Ich liebe sein Lächeln und seine Faxen. (So wie jetzt gerade, als wir etwa zwei Meter voneinander entfernt sitzen und uns einander die dunkelblauen Rotweinzungen herausstrecken, so weit der Muskel reicht ;))
Ich liebe an ihm, dass er noch immer ein Junge ist und doch ein ganzer Mann. 
Ich liebe es, wenn wir gemeinsam in alten Songs herumkramen und mitsingen, so weit die Texterinnerung reicht. 
Ich liebe ihn dafür, dass er - im Gegensatz zu mir - alle meine Bilder mag, die ich male, und dass er an mich glaubt. Viel mehr als ich das tue, denn wenn ich sehe, was andere zu malen vermögen, fühle ich mich viel mehr als klein. 
Ich liebe an ihm, dass ich seinetwegen mit Liebe Essen zubereiten und Kuchen backen mag. 
Ich spüre, wie er mich verändert und wie er sich durch mich verändert. 
Dank ihm besitze ich heute ein Aktienkonto, von dem ich maximal weiß, wie ich Anteile verkaufen und auf mein Konto schieben kann. Allerdings hör ich auch nicht wirklich zu, wenn er mir die Dinge zeigen und erklären will. Ich tue dann sehr interessiert, darin kann ich tatsächlich überzeugend sein, aber wenn ich ehrlich sein soll, ist mir doch wurscht, was DAX & Co. tun, solange der Mann nicht sagt: "Ich denke, du solltest hier und da was verkaufen." Zugegeben, ich verlass mich da ganz auf ihn. Kann ich auch, denn das Referenzkonto ist meins. Abhauen mit meiner Kohle kann er also nicht. Lohnt aber auch nicht *harhar*. Noch nicht! :)

Wenn ich daran denke, wie viel Zeit es gebraucht hat, bis heute hier an diesen Punkt zu kommen, dann denke ich manchmal: "Das hätten wir beide eigentlich auch einfacher haben können."
Aber.. Was ist schon einfach?
Und.. Am Ende habe ich immer noch die Musik und das Meer. Und den Reichtum in meiner Seele.

Freitag, 7. Januar 2022

Untitled

Ich bin unendlich müde, doch ich kann nicht schlafen und ich finde auch nicht zur Ruhe.
Gestern Abend hast Du mir den Boden unter den Füßen weggezogen - und ich hab noch immer den weichen Klang Deiner Stimme im Ohr, wie Du etwas sagtest, das mich zutiefst erschütterte: "Du weißt es noch nicht, oder?"

Du wolltest, dass wir miteinander sprechen, solange Du noch würdest sprechen können. Ich habe mich in das Bett gelegt, das Telefon auf das Kissen gelegt und meinen Kopf darauf. Dann habe ich die Augen zugemacht. Es wurden die vermutlich längsten drei Stunden meines Lebens. Und vermutlich waren es die offensten Worte, die wir je miteinander gewechselt haben. Über unsere Träume, über unsere Wünsche, über das, was wir gern tun wollten, solange wir es nicht tun mussten. Alles können, nichts müssen. Wir erinnerten einander an unseren Traum von diesem Cafe am Meer - und zugleich waren wir beide auch realistisch genug zu wissen, dass insbesondere in und nach einer Zeit wie dieser nicht wirklich Platz für diese Träume ist. Dennoch waren wir uns beide einig, dass es uns nicht hindern würde, weiter davon zu träumen. Warum nicht mit Vorstellungen, mit Bildern im Kopf leben, auch wenn sie sich so vielleicht nie erfüllen lassen? Sind es nicht unsere Träume, die uns tragen? Die uns ein wunderbares Lebensgefühl vermitteln, einfach weil sie sich gut anfühlen? Und weil wir wissen, dass wir mit genau diesem wunderbaren Lebensgefühl immer einen Weg finden würden, das Leben auch wirklich wunderbar gestalten zu können? So wie mit meinem Traum von diesem uralten Haus am Meer? Ist es denn nicht auch so, dass "wirklich reich nur derjenige ist, der mehr Träume in seiner Seele trägt, als die Realität zu zerstören vermag"? Daran glaube ich ganz sehr, weil ich genau das lebe, solange ich denken kann.
Du sagtest, man müsse sich ja auch im Klaren darüber sein, dass die wirklich schönen kleinen alten Häuser inzwischen unbezahlbar seien - und ich antwortete: "Was macht das schon? Es muss nicht ein Haus sein. Es kann genauso gut auch eine wunderhübsche kleine Altbauwohnung sein, weißt du, so eine mit Holzfußboden und hohen Fenstern. Hauptsache, sie ist ganz nah am Meer" und Du lächeltest und sagtest: "Ja."
Ich werde ihn nicht los, diesen Klang Deiner Stimme, so weich, so sanft.

In ein paar Stunden wirst Du operiert. Anschließend werden sie Dich zwei Tage schlafen lassen, damit Du Dich vom Schlimmsten erholen kannst. Was danach werden wird, kann niemand vorhersagen. Ob Du noch sprechen kannst. Ob Du Gesprochenes umsetzen kannst. Wie lange es dauern wird. Niemand weiß es.
Ich weiß nur, dass ich hier bei meinem Telefon liege und warte. Und hoffe. Wenn ich Dich jetzt doch nur umarmen könnte, ganz sehr, Dich an mich drücken könnte.

Montag, 27. Dezember 2021

Rückzugsmomente

Ich sitze hier oben im Dachgeschoss des Hauses, während in der mittleren Etage geschwatzt, gekocht und herumgealbert wird. Hin und wieder lächle ich, wenn ich denen da unten so zuhöre. 
Draußen ist es schon längst dunkel geworden, der eisige Wind faucht um die Fenster herum und auf dem Tisch neben mir steht eine kleine Lampe mit wundervoll gedämpftem Licht. 
Ich liebe das so sehr!
In den vergangenen Tagen haben wir eigentlich nicht viel mehr gemacht als essen, schlafen, Essen zubereiten, Spaziergänge am Meer - und am heiligen Abend noch mehr Familie hierher eingeladen und eine Schulfreundin besucht. Gestaunt, wie sich die Stadt wieder verändert hat, in der ich geboren wurde und aufgewachsen bin. 
Es ist wundervoll, die Menschen, die man liebt, um sich zu haben, auch wenn der Wermutstropfen bleibt, dass meine Jungen aus Jobgründen nicht dabei sein konnten.

Aber ich muss gestehen: Es ist auch.. anstrengend. Sicherlich auch, weil ich das gar nicht mehr gewohnt bin, ein "volles" Haus zu haben. 
Wie viele Jahre ich beispielsweise meinen Geburtstag nicht mehr "richtig" gefeiert habe, weiß ich gar nicht mehr genau. Vermutlich seit rund 17 Jahren nicht mehr. Ich brauch das auch nicht - diesen Koch-Back-Stress, den man für die Gäste auffährt, und wo man nur damit beschäftigt ist zu schauen, dass es den Gästen gutgeht. Dass man selbst ja eigentlich der Anlass des Ganzen ist, geht bei sowas irgendwie immer unter. Eine Freundin von mir feiert aus dem Grund schon seit vielen Jahren nicht mehr - sondern fährt einfach weit weg, und genau dieser Gedanke gefällt auch mir zunehmend. 

Heute Abend ist der letzte gemeinsame Abend. Wir haben schon ein wenig die Sachen zusammengepackt und die Abreise für morgen vorbereitet. 
Und am Nachmittag habe ich mich mit einem Buch, einem Kaffee und ein paar Keksen aus dem zwölf-Tonnen-Vorratsbehälter im Badezimmer eingeschlossen - und gelesen und im warmen Wasser geaalt.
Und zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder so lange in der Badewanne gelegen und gesessen, bis das Wasser kalt wurde.
"Da bist du ja wieder", hat der Mann mich angelächelt, als ich endlich der Badewanne wieder entstiegen war. Und ich habe meine Arme um ihn gelegt und dankbar an mich gedrückt. Dankbar dafür, dass er mir die Zeit gelassen hat, die ich brauchte. Dankbar dafür, dass er mir den Freiraum ließ, den ich brauchte. Dankbar dafür, dass er mir den Rückzugsmoment ließ, den ich genau jetzt brauchte - und den Spaziergang statt mit mir mit jemandem anderen unternahm, bevor die Wintersonne endgültig im Meer versank. 

Morgen geht es wieder nach Hause. Ich werde noch für einen Zwischenstopp bei meinen Jungen bleiben, vielleicht für einen Tag, vielleicht für zwei - das werde ich in Abhängigkeit ihrer Dienstpläne entscheiden. 
Ich hab dann noch eine ganze Woche frei und damit viel Zeit für mich. Und darauf freue ich mich richtig dolle.
Ich kann sehr gut allein sein und brauche das auch. Solange Alleinsein nicht Einsamkeit bedeutet.



Freitag, 24. Dezember 2021

5/17

 "In einem verwunschen Dorfe lebten vor langer, langer Zeit viele fröhliche Zwergenmenschen. Immer, wenn sie einander begegneten oder dem anderen eine Freude machen wollten, schenkten sie ein Wichtelsteinchen. Das beschenkte Menschlein freute sich und schmunzelte. Weil ihn der Wichtelstein so anschmunzelte, war er fröhlich und wusste: Der andere mag mich. So war es immer.
Jeder Zwergenmensch schenkte dem anderen ein Wichtelsteinchen und bekam auch immer wieder eins geschenkt. Und - die kostbaren Steinchen der Freude gingen niemals aus. 
In der Nähe der kleinen frohen Menschen lebte aber ein finsterer Geselle. Griesgram und Neid waren seine treuen Weggefährten. Er konnte die Fröhlichkeit, die Freundlichkeit, das liebevolle Miteinander der kleinen Zwerge nicht nachvollziehen und gönnte aber auch den Zwergen ihre Unbekümmertheit nicht. 
Als nun ein Zwerglein durch den Wald marschierte, traf er den Kobold und überreichte ihm gleich ein Wichtelsteinchen, damit er auch fröhlich sein könne. Doch der finstere Waldbewohnter nahm das Wichtelsteinchen nicht an, sondern flüsterte dem Zwerg ins Ohr: "Verschenke du nur deine Steinchen an alle und jeden, dann hast du bald selbst keine mehr!"
Das stimmte zwar nicht, denn wenn ich etwas gebe, bekomme ich wieder etwas zurück. Aber mit den Worten des Kobolds war die Saat ausgestreut und sie ging auf. Die Wichtelsteinchen wurden nicht mehr verschenkt, sondern im Beutel festgehalten. Bald ging jeder seines Weges, ohne nach dem anderen zu sehen. Das Lachen verschwand, jeder kümmerte sich nur noch um das Anhäufen seines Besitzes. Missmust, Verschlossenheit, Freudlosigkeit - das waren nun die Merkmale eines einst so fröhlichen, liebenswerten Völkchens. 
Jahrzehnte gingen ins Land. Die Menschlein hetzten durch das Leben. Sie schauten nicht nach links und nichts nach rechts. "Hilf dir selbst und du hast ein gutes Werk getan", das war die neue Lebensphilosophie. Aber irgendwo schlummerte noch die Geschichte von den fröhlichen Menschlein mit den Wichtelsteinchen. 
Ein alter Mann hatte sie von seinem Vater, dieser wieder von seinem Vater...
Und er erzählte "das Märchen von guten Vorfahren" seinem Enkel. Nachdenklich machte sich dieser ans Werk. Er ging in seine Töpferstube, in der er sonst Krüge und Töpfe herstellte, und formte kleine, lachende Tongesichter. In den nächsten Tagen verschenkte er an seine Freunde diese Wichtelsteinchen.. Am Anfang wurde er belächelt und als netter, harmloser Spinner abgetan. Aber einigen gefiel diese Idee. Die Wichtelgesichter stimmten sie fröhlicher, auch wenn sie diese nur in ihrer Tasche berührten. Und so wurden es immer mehr, die sich durch das Verschenken von Wichtelsteinchen auch die Fröhlichkeit und Liebe zurückschenkten."

Diese Geschichte ist nicht von mir; wer sie sich ausdachte, weiß ich nicht. 

Meine Mama hat sie heute Abend uns allen vorgelesen - und jedem ein selbst gefertigtes Wichtelsteinchen in die Hand gelegt. 
Mich haben diese Worte ziemlich berührt - weil sie so sinnbildlich sind in dieser Zeit.
Und ich dachte an die selbstgefertigten Postkarten, die ich zu Weihnachten verschickt hatte. Siebzehn Stück an der Zahl. Ich muss zugeben, natürlich hatte ich mir zumindest ein Feedback erhofft in der Art: "Danke, dass du an mich gedacht hast."
Eben auch gerade in einer Zeit wie dieser, wo Menschen lieber und ausschließlich übers Netz irgendwelche Bildchen verteilen, ganz oft sogar ohne auch nur ein einziges persönliches Wort dazu.
Von siebzehn Bedachten habe ich gerade fünf Rückmeldungen bekommen. 

Ich dachte über die Geschichte nach, die meine Mama heute Abend vorgelesen hatte - und mir wurde bewusst, dass ich mir sicherlich ein Feedback gewünscht hatte. Aber eigentliches Ziel war ja, Menschen zu überraschen, ihnen vielleicht eine kleine Freude gemacht zu haben. Ganz gleich, ob sie sie aktuell überhaupt schon erhalten hatten (sehe ja gerade auch an mir selbst, dass ich derzeit gar nicht zu Hause bin) oder ob sie sich einfach nur mal gefreut hatten: DAS war das Ziel. Etwas von mir weiterzugeben und anderen Menschen - und sei es für nur einen Augenblick - einen Wohlfühlmoment überbracht zu haben.
Mehr muss nicht. 

Dienstag, 21. Dezember 2021

Zurück und voraus

 


 

 

 Nein, nach einem Jahresrückblick ist mir nicht.
Mir ist im Moment viel mehr nach dem nach vorn schauen.

Als ich mich gestern Abend in das Schlafzimmer zurückzog, Sachen vor mir und um mich herum ausbreitete, die Reisetasche dazustellte und überlegte, was ich mit nach L und was ich anschließend mit an das Meer nehmen würde, da spürte ich diese wunderbare Ruhe in mir.
Das Jahr neigt sich dem Ende zu und ich erinnerte mich noch sehr genau daran, wie ich mich vor ungefähr einem Jahr um etwa diese Zeit gefühlt hatte. Wie hoffnungsvoll und zuversichtlich ich war, dass das Jahr 2021 wieder leichter und unbeschwerter werden würde.
Ich hatte sogar ziemlich konkrete Hoffnungen und Wünsche, wie dieses Jahr wieder werden könnte.
Und nun saß ich da auf dem Fußboden - und registrierte vor allem eins: dass ich auf dem Boden hocken konnte. Nicht schmerzfrei, aber problemlos. Ich betrachtete meine Hände und mir wurde bewusst, dass sich nichts von dem erfüllt hatte, was ich mir von 2021 gewünscht hatte. Doch dass sich stattdessen so ganz still und leise und fast wie nebenbei.. zwei ganz andere Dinge erfüllt hatten.. Die, die ich schon vor sehr langer Zeit begraben hatte.
Ich fragte mich, ob es das war, was John Lennon einst gemeint hatte, als er sagte, dass das Leben das sei, was passieren würde, während man dabei sei, ganz andere Pläne zu haben?
Und ich fragte mich, ob es denn nicht auch das ist, was ich an dem Leben so liebe? Dass jeden Tag etwas wirklich Wundervolles passieren kann? Die kleinen Dinge so wie die großen? Und dass das auch gut so ist, damit wir an all den Tagen, wo nichts von dem geschieht, wo genau das Gegenteil von dem geschieht, trotzdem die Energie aufbringen, wieder aufzustehen?

Mir ist in meinem Leben nichts wirklich geschenkt worden. Genau genommen musste ich mir alles irgendwie erkämpfen, auf die eine oder andere Weise.
Ich dachte eine sehr lange Zeit, ich sei müde dessen geworden. Müde des Kämpfens und bereit zur Konsequenz, die die Kapitulation mit sich bringen würde.
Heute auf dem Weg nach L entschied ich mich nach sehr, sehr langer Zeit gegen meine Lieblings-Playlist (die ja ständig aufgeräumt wird, hinzufügen, löschen, hinzufügen - Kenner kennen das ;)) - und mich stattdessen für meine Soundtrack-Liste entschieden. Die, die ausschließlich Akustik-Titel enthält. Anfangs befürchtete ich, es könnte mich ermüden, aber das.. tat es gar nicht - ganz im Gegenteil. Es beruhigte mich, innen wie außen.
Es ist genau das, was ich am Autofahren so liebe: dass ich mit der Musik dahintreibe, dass meine Gedanken mit mir treiben und sich sich mit jedem Kilometer, den ich hinter mir lasse, nach und nach ordnen. Sich wie Puzzleteile ineinanderfügen und am Ende.. ein fertiges Bild ergeben.
Ich dachte über mich nach, über den gestrigen Abend, über mein Leben, über das, was war, und über das, was ist und was kommen wird im neuen Jahr. Und mir wurde bewusst: Ich bin nicht müde. Ich bin nicht müde des Kämpfens und des Machens. Aber ich bin MIR bewusst geworden.
Ich möchte kein Leben führen, das mich zynisch und misstrauisch macht, enttäuscht von mir selbst und von dem, das mich umgibt.
Ich möchte kein Leben führen, das mich so lange durch fremde Betten führt, bis ich nicht mehr weiß, wie es sich anfühlt, jemanden aufrichtig zu lieben - und jeder Regung eines ehrlichen Empfindens nur noch mit Ironie begegnen kann.
Ich möchte kein Leben auf gepackten Koffern führen und auch nicht kein Zuhause haben. Keinen Rückzugsort, der nicht nach mir atmet, nach meinen Büchern, nach meiner Musik, nach meinem Malzeug und dem frischen Kaffee. Meinen Stricksocken von der Mama und den selbstgebackenen Keksen in der kleinen Dose. Und nach der Liebe zueinander, die die Räume füllt.
...weil ich weiß, wie sich das alles ohne anfühlt. Weil ich es gelebt habe, ein Leben mit dem Gefühl, nirgendwo hinzugehören, nicht einmal zu mir selbst. Getrieben von etwas, das ich nicht einmal konkret benennen konnte. Immer auf der Suche und zugleich immer auf der Flucht. Immer begleitet von der Furcht, nicht genug zu sein. Nicht zu genügen. Nur die Zweite zu sein. Der Ersatzspieler. Irgendjemand zu sein, auf den man auch verzichten kann.
Das habe ich alles hinter mir und ich habe es zurückgelassen wie ein Kleidungsstück, das mir nicht mehr passt. Zu eng geworden. Entwachsen. Die Flügel entknittert und ausgebreitet.

Heute kämpfe ich nicht mehr um alles, von dem ich mir einrede, dass es wichtig für mich sei.
Entweder hat es seinen Platz - oder es hat keinen.
Nicht müssen, sondern wollen - oder eben nicht.
Das ist so unglaublich befreiend.

Dieses Jahr ist nun beinah vorüber, das neue klopft schon an - und ich umgehe die Nachrichten, die ankündigen wollen, wie der Beginn vermutlich aussehen wird. Ich will es jetzt noch nicht wissen und mich auch jetzt noch nicht damit befassen. Zwei Tage muss ich noch arbeiten, und dann möchte ich nur noch irgendwelche Bücher lesen, in der Badewanne liegen, die Weihnachtstage mit der Familie zusammen sein, gemeinsam kochen, gemeinsam backen, in Mamas Stricksocken schlüpfen, malen, schreiben, mit den Kindern herumalbern und nachts den Geruch des Mannes atmen. Mir die Zuversicht bewahren, dass nicht nur Schlechtes geschieht, nicht nur Negatives gesagt wird. Auch nicht im kommenden Jahr.

Dass das Wunderbare geschieht, während wir gerade den Kopf gerade ganz woanders haben.

Das wünsche ich uns allen ganz sehr. Habt eine schöne Zeit. Eine gute Zeit.

Montag, 20. Dezember 2021

Safe to Say Goodnight

 
 
"Sag mir, wie lange wirst du mich lieben?" fragt die dicke Maus beklommen und richtet ihre Augen fragend auf den dicken Mäuserich.
"Na immer", antwortet der dicke Mäuserich überzeugt, "mindestens hundertneun Jahre lang!"
Hundertneun Jahre lang, denkt die Maus, so lange leben Mäuse doch gar nicht.

Ruhlos wälzt sie sich in der Nacht hin und her. Mal ist die Bettdecke zu warm, dann ist es ihr wieder zu kalt. Ihre vorwitzigen kleinen Finger tasten nach dem dicken Mäuserich - und erschaudern.
"Warum bist du so kalt?"
"Na weil neben mir eine dicke Maus liegt, die mir die Bettdecke weggezogen hat!" platzt er heraus.
Totenstille für einen kurzen Augenblick, in dem er vor Schreck den Atem anhält.
Und dann beginnt die Maus zu lachen. Sie lacht und lacht und lacht.
Und er lächelt zufrieden in sich hinein. Hundertneun Jahre, denkt er, versprochen ist versprochen.

Und in der Nacht, als alles schläft im Haus, schleicht sich der dicke Mäuserich zur Vorratskammer, ertastet im Dunkel das köstliche Gut, erschnuppert er treffsicher die süße Vanille und schleppt alles in den Bau. Dahin, wo schon die dicke Maus auf ihn wartet. Genüßlich verspeisen sie einträglich das süße Mahl, streicheln zufrieden über ihren Kullerbauch und legen sich wieder schlafen. Nase an Nase.. Nur der leise zarte Geruch nach Vanille erinnert noch an die Missetat in der Vorratskammer.
"Meinst du wirklich, wir schaffen hundertneun Jahre miteinander?" flüstert die Maus in die Nacht hinein.
"Ja natürlich", flüstert er zurück - und dann sucht er ihre kleinen kalten Hände und legt sie an seinen dicken, weichen, warmen Bauch. "Wollen wir das wagen? Als Herr und Frau Mäuserich?"
"Ja das wollen wir", flüstert sie leise mit großen glücklichen Augen.

Dienstag, 7. Dezember 2021

..und am Ende die Hoffnung

 
Dass ich schon immer musikverliebt war, ist ja nichts Neues. Musik könnte mich im Grunde in beinah jeder Lebenslage begleiten.
Sie begleitet mich vor allem, wenn ich male oder blogge.
Der Mann hat mir eines Tages Kopfhörer gekauft, von denen er wusste: Wenn er sie bei sich aufsetzt, hört er nichts anderes mehr - aber andere hören seine Musik auch nicht.
Ja nun.. Was soll ich sagen.. Eigentlich hat er sie mir umsonst geschenkt.
Ihr müsst Euch das so vorstellen: Ich sitze am Schreibtisch, habe die Kopfhörer auf, damit er in Ruhe irgendwas anderes machen kann - und fast immer sehe ich ihn dann aus Augenwinkeln, wie er sich halb den Arm verrenkt, nur um auf sich aufmerksam zu machen. Ihn rufen hör ich ja nicht, Noise Reduction und so. Anfangs hab ich die Kopfhörer immer kurz runtergenommen und gefragt: "Was gibts denn so Dramatisches?"
Mittlerweile muss ich das nicht mehr: Ich sehe dann schon an seinem Gesichtsausdruck, was er mir sagen will: "Mach! Verdammt! Nochmal! Deine! Musik! Leiser!!"
Unlängst beklagte er: "Deine Musik ist lauter als der Fernseher!"
Wofür ich nun aber auch nichts kann: Oft stellt er den so leise, dass ich mich mehr darauf konzentrieren muss, WAS die Leute sagen, als dass ich dann verstehe, warum sie es sagen.
"Du machst dir deine Ohren kaputt!" mahnt er oft und ich grinse dann breit: "Das hat mir meine Oma früher immer von meinen Augen gesagt, wenn ich noch unter der Bettdecke mit ner Taschenlampe gelesen hab."

Manchmal amüsiert er sich aber auch über mich. Manche Musik ist ja so mitreißend, dass mein Körper sofort in Bewegung gerät. Meistens sind es meine Füße, was den Mann wiederum nervt, weil es ihn nervös macht.
Sitze ich aber grad über Malereien gebeugt und tänzeln dabei meine Füße im Takt über den Fußboden, dann grinst er und sagt: "Ich weiß genau, was du gerade hörst."

Diesen Titel hier.. Der reißt uns beide mit. Und als er zu mir sagte, der würde so richtig zu einem Festival passen, da hatte ich spontan Bilder im Kopf: Nackte Oberkörper (er!), ein Tuch über die Haare gebunden (ich!), Becher mit Bier (er!) und Weißweinschorle (ich!), lässige Jeans, bunte Röcke, barfuß, Sommer, Abendsonne, küssen, singen, tanzen, die Arme um seinen Hals schlingen, sich wieder loslassen und nur noch an den Fingern halten, die Augen schließen und ganz selbstvergessen tanzen...
Ich war noch nie in meinem Leben auf einem Festival und vielleicht bin ich dafür auch gar nicht gemacht. Vielleicht könnte ich das nur ein paar Stunden ertragen (Ausdauer ist eh nicht meine Stärke), aber vielleicht würde es einfach auch genügen.. Hauptsache, Spaß haben.. Die Zeit vergessen, die Welt vergessen, die Sorgen vergessen.. Es läuft uns eh nichts weg, alles bleibt und wartet auf uns - aber so für einen Tag, eine Nacht mal alles von sich wegschieben können..

Warum ich Musik auch so unfassbar liebe, ist, weil ich mich in dem Moment, wo ich die Kopfhörer aufsetze, in eine ganz andere Welt katapultiere.. Dahin, wo ich mich wohl fühle, wo der Körper im Takt der Musik vibriert, wo ein Lächeln ein Lächeln ist und kein erzwungener Reflex irgendwelcher Gesichtsmuskulaturen.. Ich muss die Musik nur richtig aufdrehen können. Zuletzt heute auf dem Weg von M nach L. Was hatte ich mich im Vorfeld geplagt mit Bildern im Kopf von schneeverwehten Straßen und sowas. Und dann war da... nix. Und ich konnte also die Musik aufdrehen, mich entspannt treiben lassen im wahrsten Sinne des Wortes.. und irgendwann ankommen - auch im wahrsten Sinne des Wortes..

Ich vermisse sie so sehr, die unbeschwerte Zeit.

...und irgendwie glaube ich aber auch daran, dass sie wiederkommt. Neues Jahr, neues Glück..

Donnerstag, 2. Dezember 2021

It's Gonna Be Perfect

 
Unlängst hatte ich ein paar Tage frei, dank eines Feiertags. Lieber hab ich dafür am letzten Tag bis in den späten Abend hinein über den letzten to-dos gesessen, damit ich sicherstellen konnte, dass ich in den kommenden Tagen auch mal wirklich meine Ruhe hätte. Und schon Pläne geschmiedet, was ich mit der freien Zeit am liebsten anfangen würde: nichts.
 
Wie lange ich mich schon nicht mehr in der Badewanne geaalt hatte, weiß ich gar nicht mehr. Und ich hatte mir vorgenommen: Morgens ausschlafen, mir einen Kaffee zubereiten, während ich nebenan Badewasser einlassen würde. Mal wieder eine Maske auftragen, die Zehen am Badewannenrand abstützen und dann ein Buch lesen. In den letzten Wochen hatte ich mir da und dort entweder ein neues Buch aus dem Sale geangelt oder aus den Kartons mitgenommen, die da und dort und manchmal auch vor unserer Haustür stehen und zum Mitnehmen angeboten werden. (Wenn Ihr mich fragt, ich finde das irgendwie schön. Man muss ja nicht alles immer gleich auf den Müll werfen, auch dann nicht, wenn man was nicht verkaufen kann.)
Und wenn ein Buch doch mal aus Versehen ins Badewasser rutscht, ist das zwar Mist, tut aber nicht so weh, wie wenn mir nochmal ein Handy dort reinfallen würde ;)
 
Inzwischen ist es ja nicht nur Herbst geworden, sondern auch richtig schön kalt. Etwas, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich das jemals ernsthaft würde genießen können. Gleichwohl: Sicherlich habe ich das Alter (auch wenn man bei Frauen nie weiß, wann das beginnt; manchen widerfährt das ja schon Ende 30, hab ich mal gelesen) - aber seitdem ich mich regelmäßig spritzen muss, vollzieht der Körper Verwandlungen in Warp-Geschwindigkeit. Das deutlichste Zeichen seiner Veränderung bescherte er mir in Form von "zieh-dich-aus-kleine-Maus-mach-dich-nackig-ach-ne-kannst-dich-wieder-anziehen"-Wellen. Und das wirklich so krass, dass mirs jedesmal die Frisur versaute, weil die Haare klamm wurden. Dieses Spielchen hab ich mir ein Weilchen angeguckt. Und weil ich ja nun wahrlich nicht mit Geduld gesegnet bin, habe ich mir letzte Woche in der Apotheke etwas aufschwatzen lassen. Eigentlich wollte ich ja erst mal nur fragen, aber raus ging ich dann mit einer kleinen Schachtel weißer Pillen und einem wehenden Kassenzettel. (Waren DAS noch Zeiten, als DAS HAAR im Winde wehte und nicht irgendwelche Medikamentenkassenzettelchen!)
Ein bisschen komisch hab ich dann zu Hause ja schon geguckt, als ich die kleine Schachtel zu den anderen Schachteln stellte: Dafür, dass ich immer dagegen war, mir regelmäßig kleine Pillen zu verordnen (zu lassen), ist dieser kleine Haufen aber doch verhältnismäßig groß geworden. Noch zwei, drei Schachteln mehr und ich bin angekommen im Zeitalter meiner Großmutter.
Egal, was wolltsch sagen.. Ach ja, die Hitzewellen. Die nette Apothekendame meinte noch, das sei rein pflanzlich und es würde Minimum zwei Wochen dauern mit einer ersten Erleichterung. Aber was soll ich sagen.. Bei mir funzte das direkt nach der 1. Pille. Das kann auch nix mit Einbildung und so zu tun haben, denn seitdem sitzt die Friese wieder und muss ich mich tagsüber (natürlich nur im Home Office!) und auch abends vor dem Mann nicht aller zehn Minuten mehr nackig machen. Seitdem friere ich sogar  wieder, sogar nachts. Herrlich!
Und wenn ich dran denke, dass ich früher nicht nur mit geschlossenem Fenster im Winter schlief, sondern gerne auch bei.. nun sagen wir.. wohlwollend überschlagenen Temperaturen.. Äh ne, das könntsch heute so überhaupt gar nicht mehr. Das Fenster muss auf! Auch jetzt bei Frost, das ist egal, auf muss es. Dem Mann kommt das sehr entgegen, aber der ist ja eigentlich auch kein Maßstab. Wer in den Himalaya hochsteigt und nachts dort nur im Zelt pennt, den kann eh so schnell nix schocken. 

Jedenfalls - ich habe diese Tage sowas von Herzen genossen, das glaubt mir keiner. Ausschlafen, einen Kaffee zubereiten, in der Badewanne liegen, Musik, Musik, Musik, Stifte, Pinsel & Co. auspacken, malen oder auch nicht malen, Beine hochlegen, dem munteren Blättertreiben draußen zusehen und abends vollkommen entspannt den Mann zu Hause begrüßen. Das ist zwar jetzt schon wieder ein Weilchen her - aber ganz ehrlich? Ich zehre noch immer von diesem bisschen freie Zeit und dann fiel mir wieder ein, was vor etlichen Jahren schon die Schmerzärztin zu mir gesagt hatte: "Nehmen Sie sich regelmäßig eine Auszeit. Und wenn es nur ein Tag in der Woche ist, Hauptsache regelmäßig."
Recht hat sie! Ich hoffe, ich vernachlässige das nicht zu schnell wieder; immerhin ertappe ich mich ja doch schon wieder dabei, oft wieder bis in den Abend hinein über die Arbeit gebeugt zu sitzen.
Immerhin nutzen der Mann und ich die Abende inzwischen öfter, um einfach noch mal ein bisschen durch die Pampa zu streifen, uns vom Tag zu erzählen oder einfach nur an den Händen zu halten, uns frischen, bisweilen auch eisigen Wind um die Nase wehen zu lassen, anschließend daheim noch einen Tee (er!) und ein Käffchen (ich natürlich) zum Aufwärmen zu genießen und dann ins Federbett zu kriechen.
Auch das hilft, vom Tag wegzukommen, alles von sich abfallen zu lassen. Auch das werden wir jetzt wieder öfter machen.
Mit ihm hab ich wenigstens keine Angst im Dunkeln. Meine uralte Angst vor der Dunkelheit..
Jedenfalls, mehr ist mir als noch Ungeimpfte eh nicht erlaubt, nicht mal mehr das Fahren mit der U-Bahn; es sei denn, ich besorge mir einen Test. Nur muss ich, um zur Teststelle zu kommen, ja auch erst mal ne U-Bahn nehmen, harhar. Egal. Ich hab mich schon vor dem verordneten Lockdown zurückgezogen. Besuche keine Freundinnen, gehe auf keine Festivals oder Konzerte oder sonstwas. Teste mich auch in der Home Office Woche und sowieso bei Präsenz im Büro, berühre keine Fremden und wenn ich nach Hause komme oder zwischendurch im Büro gilt ohnehin das Händewaschen. Letzteres war auch ohne Corona selbstverständlich. Ich fühl mich zu Hause auch ganz wohl, wir habens gemütlich.
Aber wenn noch mal einer in meiner Gegenwart behauptet, alle Impfskeptiker seien unsolidarisch und verantwortungslos, dann gibts was aufs Maul. Verantwortungslos ist derjenige, der sich in einer Zeit wie dieser verhält, als gäbs kein Corona - und das betrifft sie alle, egal ob geimpft oder nicht.
Und wenn die Impfpflicht kommt, ja dann kommt sie eben. Mein Doktor jedenfalls hat nach einem langen Gespräch zu mir gesagt: "Solange Sie zweifeln, lassen Sies. Aber wenn Sie sich dazu entschließen, dann kommen Sie einfach zu mir."
Nach allem, wie das so in den vergangenen 1,9 Jahren gelaufen ist, glaube ich persönlich nicht mehr, dass "mit Vernunft agiert" wird, wie es der Herr Wüst von der CDU gestern meinte. Nur lachen musste ich dann doch sehr, als der allen Ernstes meinte, eine Impfpflicht müsse auch mit Bußgeldern belegt werden, aber von einem Impfzwang würde er da jetzt nicht sprechen. Ach ne? Was isn das dann?
Aber egal. Ich hab in den letzten Tagen beschlossen, die Dinge zu nehmen wie sie kommen. Mich von den Nachrichten wieder weitestehend fernzuhalten und nur aufs sich mittlerweile fast wöchentlich ändernde Regelwerk für die beiden mich betreffenden Bundesländer zu schauen. So n Bußgeld muss man denen ja nicht auch noch in den Rachen werfen - in dem Gegenwert könnt ich mir immerhin ein Milchkaffeebad einlassen :)
Im Moment jedenfalls geht es mir körperlich richtig gut; diese Kombination aus Spritzen, Hormontabletten und Vitamin-D-Tabletten macht was richtig Gutes mit mir aktuell. Immerhin rieselte es mir richtig warm den Rücken runter, als ein Freund vor zwei Tagen zu einem aktuellen Foto meinte: "Ey, als ich dein Gesicht gesehen hab, da dachte ich, das ist so eine, die wird mit dem Alter immer schöner."
Das klingt jedenfalls viel schöner als der Mann, der hin und wieder lediglich meint "Na wenn ich nüscht sage, schmeckts!"
Und war es nicht das, was ich irgendwie auch immer zum Ziel hatte? Wenn ich schon eines Tages irgendwo tot überm Zaun hinge, wolltsch wenigstens gut dabei aussehen? Ja, ich glaub, so war das :)

Ach, und mein Schmunzelhase, falls Du das hier auch noch liest: Herzlichen Dank für den Song-Tipp! Läuft bei mir grad rauf und runter - herrlich! Da kommen die Tanzbeine wieder in Schwung!
 



Mittwoch, 1. Dezember 2021

26

Mein Schmunzelhase, 

Dein Geburtstag ist längst vorbei und in diesem Jahr habe ich es zum ersten Mal nicht hinbekommen, Dir nicht nur nicht pünktlich ein paar Worte zu schreiben, sondern damit auch fast ganze vier Wochen zu spät zu kommen. Was für Dich vermutlich auch nicht schlimm ist - denn viel wichtiger war ja sowieso, dass wir Deinen Tag gemeinsam gefeiert haben.

Es ist eine verrückte Zeit, in der man gar nicht so recht weiß, was man Dir wünschen soll.. Also natürlich weiß ich das, aber ich wünschte Dir auch, Du könntest Dein Leben so frei und unbeschwert genießen wie es eben bis vor zwei Jahren mehr oder weniger möglich war. Wenn man Dich lässt, dann genießt Du Dein Leben tatsächlich in jeder Hinsicht - und es ist auch eine spannende Reise für mich, Dir dabei zuzusehen. 
Wo ist die Zeit nur geblieben von dem Moment an, als Du mir auf den Bauch gelegt wurdest, noch ganz warm und rot vom stundenlangen Kampf, auf die Welt zu kommen, und mit einer Schnute, bei der ich spontan dachte: "Ein kleiner Entenschnabel!" :)
Den hast Du so heute nicht mehr, sondern einen schönen Herzmund. Aber Du hast nicht nur einen schönen Herzmund, Du bist auch von innen heraus schön. Du liebst das Leben, Du liebst es, wenn die Menschen sich vertragen und harmonisch miteinander umgehen. Streit magst Du gar nicht, aber Du scheust auch nicht davor zurück, Dinge kritisch anzusprechen.
Ich liebe an Dir, dass das aber dann immer noch (zumeist) ruhig bei Dir abgeht. Dass Du laut wirst, habe ich noch nie an Dir erlebt. Nicht mal, als Ihr kleiner wart - dafür habt Ihr Euch dann eher mit Matchbox-Autos beworfen ;)
Ich liebe es, wie Du mit der stachligen Schale Deines Bruders umgehst. Manchmal schüttelst Du den Kopf oder verdrehst die Augen, aber meistens lächelst Du und sagst: "Ach ne ey, so eine Primel."
Du bleibst immer ruhig und zumindest äußerlich entspannt. Wenn ich das sehe, schmunzel ich immer in mich hinein und denke: "Du siehst aus wie Dein Vater und du hast auch ganz viel von Deinem Vater, aber DAS hast du definitiv nicht von ihm." :)
Manchmal denke ich auch, dass Du mit Deiner entspannten Art und Weise auch das perfekte Gegenstück zu Deinem Bruder bist - und dass dies auch ganz oft dazu beiträgt, den einen oder anderen Kampf in nicht ganz so tiefen Gräben auszutragen. Und manchmal denke ich, dass es genau das ist, was Dein Bruder auch braucht und genießt - nach all den Jahren zuvor, in denen es ganz anders war.
Insofern.. bin ich heute noch froh, dass Ihr die WG zusammen aufgestellt habt, auch wenn es vor allem anfangs einiges an Zeit und Geduld gebraucht hatte, Euch zusammenzuraufen. Du, der Minimalist - und er, der Chaot.
Da seid Ihr grundverschieden - und beide auf Eure Weise liebenswert :*
Natürlich versteh ich, dass Du Dich nicht nur deshalb danach sehnst, ein eigenes Zuhause nur für Dich selbst zu haben. Eins nach Deinem Gusto. Am liebsten in der Innenstadt - und wenn Du mich fragst, da würde ich auch wohnen wollen. Wir sind Stadtkinder, wir wollen mittendrin sein :) Ich hoffe ja, dass Dein Bruder im kommenden Herbst fest übernommen wird, dann werden die Karten alle neu gemischt - für Euch beide.

Ich bin tatsächlich gespannt, wohin Euch Eure Reise führt, mit wem Ihr eines Tages Euren Weg gemeinsam geht. Darauf freu ich mich, weil mir nur eins wichtig ist: dass es Euch gut geht und dass Ihr glücklich seid.
Manchmal schau ich auf Euch und bin wahnsinnig stolz auf Euch. Wie Ihr Euch entwickelt habt. Dass ich mit Euch über alles sprechen kann. Ich fand zum Beispiel ultra lustig, wie Du zum letzten Weihnachten mit dem Mann gefachsimpelt hattest: Er zeigte Dir das damals neue iPhone 12, Du ihm Deine Watch.
Darüber konntet Ihr Euch ewig austauschen - und im Januar dann hast Du Dir ein neues iPhone gekauft und der Mann sich die Watch :D
Aber.. ich muss gestehen, ich vermisse sie auch, die Zeit, als Ihr noch klein wart. Ich vermisse es, weil ich sie damals nicht so genießen konnte wie ich das heute tue. Heute wünschte ich, ich hätte so viel mehr mit Euch zusammen gemacht anstatt soviel zu arbeiten und das Zuhause in Ordnung zu halten. Wie oft war ich einfach nur noch müde...
Vor zwei Nächten träumte ich was Merkwürdiges. Ich war bei Euch zu Hause und sprach mit Deinem Bruder. Er stand im Traum neben mir, wir redeten über irgendwas. Und mit einem Mal sah ich ihn vor mir, wie er war, als er zwei Jahre alt war. Ich schaukelte ihn "in klein" auf meinen Knien und sprach mit ihm, er antwortete wie damals, als er eben so klein war, während er "in groß" immer noch neben mir stand und sich und mir dabei zusah.
Komisch, oder?
Mir zeigt das eigentlich nur, wie sehr ich Euch beide vermisse. Wie gern ich manches zurückdrehen wollte, um Dinge heute anders machen zu können. Euch genau die Stabilität, die Sicherheit geben zu können, die Ihr immer gebraucht habt. Die Kinder grundsätzlich brauchen.
In dieser Hinsicht finde ich es gut, dass Du nichts überstürzt. Eines Tages wünscht Du Dir eine eigene Familie mit einer Frau und einem Kind - aber solange Du Dir nicht sicher bist.. sagen wir.. genießt Du einfach Dein Leben. Auch wenn Dein Bruder oft die Augen verdreht, wenn immer mal ein anderes Paar Schuhe im Flur steht und Du schmunzelnd zu mir sagtest: "Ich glaube, ich erzähle dir erst was, wenn ich weiß, obs was Ernsteres ist."
Natürlich ist das alles keine Garantie dafür, dass etwas für immer hält - aber ich finde es gut, dass Du Dir gut überlegst, mit wem Du Dir etwas vorstellen kannst - und dann auch nicht die Konsequenz scheust.

Ihr werdet ankommen, eines Tages, da bin ich mir sicher.
Vielleicht wohne ich bis dahin wieder ganz in Eurer Nähe. Vielleicht ist es dann wieder möglich, dass Ihr auf einen Kaffee, ein Stück Kuchen, ein Mittagessen, ein Abendessen vorbeigeschneit kommt. Oder dass wir mal wieder alle gemeinsam ins Kino gehen. Weißt Du noch, wie oft wir das früher gemacht haben? Popcorn und Cola, Du und Dein Bruder rechts und links von mir, manchmal mit 3 D-Brillen, mit denen wir aussahen wie Mondsüchtige - aber wir hatten Spaß.
Oder wie wir Weihnachtsplätzchen gebacken hatten - und dann überließ ich Dir und Deinem Bruder das Feld zum Verzieren. Hätte ich mal nur eher wieder hingeguckt! Denn die meiste Zeit habt Ihr damit verbracht, herumzualbern und Euch mit Mehl und dem bunten Allerlei zu bewerfen. Wusstest Du eigentlich, dass ich beim Auszug zwei Jahre später noch die letzten süßen Perlen in der Küche gefunden habe?
Zu Deinem 9. Geburtstag hast Du dann Dein Haustier bekommen, das Du Dir so sehr gewünscht hast. Ein kleiner Teddyhamster, der nachts aber so aktiv war, dass wir den irgendwann immer raus ins Badezimmer stellen mussten. Und der sich an einem Wochenende, als niemand zu Hause war, durch den Boden des Käfigs gefressen hatte und getürmt war. Wir haben ihn gefunden und leider neben der Terrasse beerdigen müssen. Wie sehr Dich das geschmerzt hatte, wurde mir erst ein Jahr später bewusst, als Du einen Aufsatz über ihn schreiben solltest - und Dir dabei die Tränen kamen.
Heute träumst Du davon, Dir einen Hund zu kaufen - immerhin hast Du Dir schon einen aus dem Tierheim geholt und spazieren geführt. Ich hoffe, Dir ist bewusst, wie viel Zeit es braucht, ein Tier nicht nur zu füttern und übers Fell zu streicheln: Das ist tatsächlich wie ein Kind, das nie erwachsen und eigene Wege gehen wird ;)
Die meisten Eltern warten ja darauf, dass ihre Kinder ihre eigenen Wege gehen und sie dann ihr Leben nach eigenem Belieben fortsetzen können.
Wenn Du mich fragst: Natürlich wollte ich das auch - aber eben.. nicht so früh. Ich wünschte, ich hätte Dich und Deinen Bruder noch etwas länger bei mir haben können. Auch wenn ich weiß, dass es gut für Euch war, auf eigenen Beinen zu stehen. Aber.. Du warst damals noch nicht ganz 18 Jahre alt und ich selbst.. im Grunde noch gar nicht bereit, Dich jetzt schon herzugeben.
Du bist der Jüngere von beiden, Du bist bis heute mein "Baby", auch wenn Du natürlich alles andere als das bist. Mein Baby, das die Dinge einfach macht, auf die es Lust hat.

Und wenn ich Dir eins wünsche, dann umso mehr, dass es wieder leichter wird, das Leben. Entspannter, freier. Wir haben ja nur dieses eine - dafür gibt es keine zweite Chance, keinen zweiten Versuch. Also nutzen wir das, was wir haben - und was immer ich als Deine Mama tun kann, werde ich auch tun, damit Du glücklich und unbeschwert sein kannst.
Wenn es Euch nicht gut geht, liegt mir das wie ein Stein auf meiner Brust. Also achtet auf Euch, versprecht mir das :)

Ich lieb Dich wirklich sehr - und Du wirst auch für immer mein Schmunzelhase bleiben.
Das warst Du vom ersten Tag an und Du bleibst es auch.
Deine Mama