Montag, 27. Januar 2020

Mit Dir oder ohne Dich



Vor kurzem las ich in einem Blog über Pro und Contra einer Affäre. In Zeiten, in denen (gefühlt) immer weniger Menschen ab einem gewissen Alter bereit sind, beständige Verbindungen einzugehen, selbst wenn sie tatsächlich allein leben, könnte die unverbindliche Liaison vielleicht aushilfsweise dazu beitragen, die innere Leere zu füllen?
Spontan wollte ich auf diesen Blogeintrag antworten - und unterließ es. Je länger ich über dieses Thema nachdachte, desto bewusster wurde mir, dass es so einfach gar nicht ist.

Denke ich etwa zehn, fünfzehn Jahre zurück, sehe ich mich.. Wie ich nachts nicht schlafen konnte vor Sehnsucht. Wie ich tagsüber ähnlich ruhlos durch die Straßen lief, die Augen offen, die Sinne weit geöffnet. Und mit mir herumgetragen die ewige Frage: "Wieso hat die einen Mann und ich nicht? Was ist so fucking falsch an mir?"
Ich war nicht nur auf einer Plattform angemeldet - weil mir eine allein viel zu langweilig war. Zu wenig Inspiration. Zu wenig Möglichkeiten meines ganz persönlichen, privaten Festivals.
Und die Wahrheit ist: Es war nichts falsch an mir und ist es auch heute nicht. Für mein Empfinden ist eher die Wahrheit, dass es keine gibt. Menschen sind vielfältig, sie sind unfassbar, sie sind erschütternd und sie sind faszinierend und wundervoll. Jeder von uns bringt etwas mit, das in einem anderen etwas ergänzt oder zum Klingen bringt. Und dabei denke ich manchmal an irgendeine Internetbegegnung, die mir mal über Frauen allgemein schrieb: "Verzweiflung kann man riechen. Verzweiflung ist unattraktiv."

Schaue ich auf mein eigenes Leben: Die interessantesten, die prägendsten Begegnungen erlebte ich tatsächlich da, wo ich sie gar nicht wollte. Ich kümmere mich nicht darum, ob sich jemand für mich interessiert - aber ich bin erstaunt, wenn ich feststelle, dass es jemand tut. Und dann frage ich mich ernsthaft: Meinen die wirklich mich? Oder eher nur die Person, die sie zu sehen glauben?
"Es kümmert dich nicht, weil du ja jemanden hast", würde ein Single jetzt zu mir sagen - und da wäre ich bei meinen Gedanken zum Post, den ich vor kurzem las.
Heute bin ich zehn, fünfzehn Jahre weiter, in meinem Kopf, in meiner Seele. Mein Leben möchte ich nicht allein verbringen, ich möchte vielleicht auch nicht zwingend ganz allein leben. Aber dieses Denken ist nicht davon bestimmt, mein Leben mit einem Mann teilen zu müssen. Warum nicht mit einer Freundin zusammen leben? Oder auch zwei Freundinnen? Eine bunt gewürfelte Wohngemeinschaft, weil wir bei allen romantischen Vorstellungen auch ein reales Leben bewältigen müssen und diese Realitäten eben nicht allein durch rosa Wolken bezahlt werden.
Aber was ist so schlimm daran? Dass die Liebe fehlt? Die körperliche Liebe?

"In einem bin ich mir völlig sicher", schrieb ich vor einigen Tagen irgendwann nachts an den Mann. "Wenn wir uns eines Tages trennen, werde ich mit keinem anderen Mann mehr zusammen leben. Nicht aus Frust. Sondern weil ich es mir nur mit dir vorstellen kann. Ich finde das nicht traurig und auch nicht beängstigend. Ich finde es gut so. Es fühlt sich richtig so an."
In meinem Kopf sind ganz konkrete Vorstellungen, wie dieses Leben aussehen würde. Viel malen, viel lesen, viel schreiben, viel Musik und viel Kaffee, natürlich ;) Ich wüsste genau, wie der Raum ausschaut, der mich umgeben würde. Und entweder werde ich oft das Meer besuchen oder ich lebe bereits dort. Ich werde mir das Land und die Menschen anschauen, ich werde sie betrachten und auf mich wirken lassen, mich vermutlich von ihnen inspirieren lassen.
Und warum soll ich dann keine unverbindliche Liebe zu einem Menschen pflegen können, mit dem ich vielleicht das Bett, aber nicht das Leben teilen möchte? Weil man jemanden braucht, an den man sich lehnen kann? Der einem auch mal das Frühstück zubereitet und dir zuhört?
So wie der Mann heute Abend, der mir ein kleines kommse-mal-runter-Frollein-Abendessen zauberte und aus sicherer Entfernung auf den Schreibtisch stellte, weil ich den ganzen Montag lang nur - sorry - gequirlte Scheiße auf meinem Tisch zu liegen hatte und die Bequemlichkeit mancher Leute mich zuweilen rasend macht? Ich liebe seine Gesten - aber sind wir Menschen tatsächlich so darauf angewiesen, dass sie von einem Herzmenschen sein müssen? Geht uns denn nicht ebenso das Herz auf, wenn uns auf der Straße, im Cafe, beim Bäcker, irgendwo ein Mensch anlächelt?
Ist das Zuhören von jemandem, mit dem man nicht das Leben teilt, weniger wert? Schmerzt es mehr, wenn zuviel Körper und zu wenig Seele dabei sind? Interessiert sich der andere nicht wirklich für mich, wenn man nicht alles miteinander teilt?

Bevor der Mann und ich zusammenzogen, hatte er die Idee, wir könnten ja hier in M auch zwei getrennte Wohnungen haben. Jeder würde seinen Lebensraum behalten, jeder so, wie er es gewohnt ist. Jeder könnte leben wie er wollte und wenn man Lust aufeinander hat, bleibt einer eben über Nacht. Für mich war das damals unvorstellbar. Ich wünschte das Miteinander. Und nicht nur der Mangel an Raum, sondern insbesondere auch die Kosten ließen seinen Plan mehr als schnell verfallen.
Seit über fünf Jahren wohnen wir nun zusammen und während er sagt, dass er es nicht mehr anders haben möchte, könnte ich seinen Gedanken von einst durchaus aufgreifen wollen. Jedoch nicht hier.
Hier in M ist es undenkbar. Aber.. vielleicht.. in L? Oder am Meer? Oder ganz woanders?

Ich glaube, das Wundervolle am Leben ist für mich, dass die Dinge niemals gleich bleiben. Dass das Leben lebt und uns jeden Tag neue Möglichkeiten bietet. Ganz gleich, ob wir sie annehmen wollen oder nicht. Betrachte ich mein Leben heute, lebe ich sicherlich auch nicht ganz so wie ich mir das vorstellte. Aber ich hadere nicht damit. Oder besser gesagt: nicht mehr. Ich habe meine Ideen, meine Wünsche, meine Vorstellungen und für die lebe ich. Wenn ich sie mir jetzt nicht umsetzen kann, dann eben an einem anderen Tag. Natürlich weiß ich nicht, ob ich je dazu komme, so zu leben wie ich es mir wünsche. Aber ich möchte lieben können, was ich tue.

Quelle: Bild links Netzfund, Bild Mitte youtube.com/MrSuicideSheep, Bild rechts bin ich :)

Ich möchte das, was ich tue, gerne tun. Mit Herzblut. Völlig unabhängig davon, ob es einen Mann in meinem Leben gibt oder nicht. Ich bin nicht nichts, nur weil ich eines Tages vielleicht keinen Mann (mehr) habe. Und ich persönlich glaube immer noch an jene Worte aus dem Herbst 2004:
"Was vor uns liegt und was hinter uns liegt, ist nichts im Vergleich zu dem, was in uns liegt. Und wenn wir das, was in uns liegt, hinaus in die Welt tragen, dann geschehen Wunder."

Warum ich daran glaube?
Weil ich es selber so erlebt habe. Und es bis heute nicht aufgehört hat.

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