Dieser Song war meine ganz persönliche Entdeckung im Herbst 2004. Eine denkbar schlechte Zeit für mich, zuviel Ungutes, Schwieriges, Zerbrechendes lag hinter mir und kaum Nährboden für die Zuversicht.
Und dennoch.. Ich erinner mich noch so sehr genau an jenen Nachmittag, so ein wundervoller sonniger Herbsttag mitten auf dem Marktplatz in L, ich in diesem irren Cordmantel, die mit den Kopfhörern in den Ohren, die diesen Song hörte und in der sich mit jedem einzelnen Takt immer größere Hoffnung und Zuversicht in mir ausbreitete gleichsam mit der Bewegung, mit der ich die Augen schloss und die Arme ausbreitete. Es war mir völlig egal, ob mir jemand dabei zusah, was er von mir dachte oder ob er dasselbe haben wollte, das ich doch gar nicht geraucht hatte (ich habe nie in meinem Leben geraucht, übrigens, aber wer weiß, vielleicht hätte ich das ab und an ja mal tun sollen, so Gräser halt ;)). Das war ein Gefühl, wie wenn Du in einem dunklen Raum stehst und nach und nach eine weitere Lichtquelle mehr entzündest - und dieses Licht wird heller und heller und dann.. strahlst du ganz einfach selbst aus dir heraus.. und tief in dir fühlst du: JETZT wird alles gut, irgendwie...
Und genau genommen.. ist es ja auch so gekommen, auch wenn meine Geduld, die ich eigentlich kaum besitze (also nur in den wenigsten Dingen, und in jedem Fall nicht in Herzensdingen) ordentlich auf die Probe gestellt wurde.
Dennoch denke ich, dass mir in meinem ganzen Leben fast ausschließlich die richtigen Menschen begegnet sind. Dass ich unfassbar viel Glück in meinem Leben gehabt habe - auch mit diesen Menschen und auch dann, wenn sie arg viel Veränderungen bedeuteten, deren Sinn sich erst Jahre später erkennen ließ.
Ich bin dankbar. Oh ja, ich bin extrem dankbar. Für beinah jede Begegnung. Ich bin irrsinnig dankbar dafür, heute hier zu stehen, mein Herz klopfen zu fühlen, MICH zu fühlen und mir bewusst zu machen, dass dieses Lebensgefühl mit diesem Song aus dem Herbst 2004.. mich tatsächlich nicht getäuscht hat. Dass die Hoffnung sich erfüllte und die Zuversicht recht behielt...
Und weil ich sowieso nicht an Zufälle glaube (ok, ich glaube allerdings auch nicht an Schicksal und auch nicht an Vorherbestimmung - aber ich glaube daran, dass es so sehr viel mehr zwischen Himmel & Erde gibt, das sich nicht logisch erklären lässt - und es gibt es trotzdem), denke ich, dass es ganz gut passt, wenn ich heute Abend über diesen Song "stolpere" - und mich beinah genauso fühle wie 2004 auf jenem Marktplatz in L.
Ich liebe mein Leben. Ich liebe es so sehr zu leben.
Insofern stimmt die Aussage des Songs nicht ganz (der ja eigentlich auch sonst nicht passt, von daher kann ich nicht erklären, warum gerade der so arg viel in mir bewirkte und immer noch bewirkt. Vielleicht, weil das Album "Hopes && Fears" heißt?): Ich fühle noch immer dieselbe Zuversicht wie die Jahre zuvor. Manches bleibt für immer, für das ganze Leben lang - und das ist glücklicherweise so.
Seit dem Abend steht das Ergebnis fest.
Noch nachdem wir längst aufgelegt haben, schaue ich irgendwie ungläubig auf das Telefon in meiner Hand, schwirren mir die Diagnosen durch den Kopf und frage mich...
Ich frage mich, wie man so etwas übersehen konnte?
Wie konnte die Lösung so naheliegend sein und dennoch übersehen werden?
Von dem einen Arzt.
Von dem anderen Arzt.
Und schlussendlich von der Klinik. Die, die mir erst vor Tagen schwarz auf weiß bescheinigte, dass ich wieder völlig gesund sei und die Symptome sich jetzt "psychisch manifestiert hätten" und ich nun in die Psychotherapie gehen sollte, um "Schlimmeres zu verhindern". Ehrlich gesagt - so leicht hat sich das bislang noch kein Arzt gemacht - außer ein einziger in L, aber was zählt der schon in all den Jahren... Was ich ansonsten an Bandbreite der Abklärungsmöglichkeiten in L erlebt hatte, war nicht immer angenehm - aber manchmal aufschlussreich. Seit ich in M wohne, ist nicht mal ein Drittel dessen unternommen worden.
Dass man mir hinsichtlich des Schmerzes nicht mehr helfen konnte, habe ich hingenommen. Irgendwann. Akezptiert. Angenommen. Mir bleibt ja eh nix anderes.
Jedoch auch hier spürte ich: "Ne Leute, da macht mal die Augen auf, da schaut mal genauer, das ist was anderes."
Und so ging ich natürlich nicht zur Therapie, sondern wechselte den Fachbereich und ging letzte Woche nach L zurück.
Und so wie ich mich seit über einem Jahr und nun spätestens seit diesem Ostern fühlte, das wollte ich nicht auch hinnehmen müssen. Nicht so einfach. Nicht kampflos - auch wenn der Mann mich dessen zuweilen verdächtigte.
"Am liebsten würde ich als erstes gleich noch in diese Klinik fahren und ihnen aufs Maul hauen", sage ich zum Mann.
"Und was bringt dir das?"
"Vermutlich ne Anzeige", kicher ich in mich rein und laut sage ich "Nix. Außer meinen Seelenfrieden. Vielleicht."
Im Termin, dem ich mich letzte Woche völlig entspannt, weil völlig erwartungsfrei stellte, wurde bereits nach einer guten halben Stunde der Verdacht geäußert: "Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich hier um eine Infektion mit Borrelien handelt."
Seit heute liegen die Werte vor, zweifelsfrei bestätigt, und sie hat so ziemlich einiges in Bewegung gesetzt, um mich erreichen zu können - dank meines verschusselten Zahlendrehers bei der Angabe meiner Handynummer.
"Ich schick Ihnen das gleich zu und bitte wenden Sie sich umgehend an Ihren Hausarzt, wenn Sie ihm vertrauen. Das muss sofort behandelt werden."
Vertrauen.
Ein ziemlich großes Wort.
Nein, ihm vertraue ich nicht. Schon länger nicht mehr - aber ich kann sie ja nicht alle "durchprobieren". Insgesamt dreimal hat er mein Blut untersucht. Und DAS ist ihm untergegangen? Das ist auch dem Neurologen entgangen? Und dann noch der Klinik?
Der Neurologe, der sagte "Wenn wir im Kopf-Scan nichts sehen, ist es harmlos. Dann ist es vermutlich psychisch."
Ich möcht noch jetzt auf den Tisch kotzen.
Die Klinik, die gesagt hatte: "Labor und EKG unauffällig" - nur dass sie weder das eine noch das andere gemacht haben - und ich erst draußen vor der Tür und im Telefonat mit meiner Freundin mit den Tränen kämpfte ob der Fassungslosigkeit vor so viel... ja ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll.
Dafür gibts für mich auch keine Entschuldigung.
Denn einen Menschen mit Respekt zu behandeln, ihn nicht abzufertigen - vor allem nicht als Arzt, das ist eine Lebenseinstellung. Und entweder man hat sie oder man hat sie nicht.
Nur eins ist natürlich.. äh.. schade. Das Herzrasen, Liebster, verursachst wohl dann eben doch nicht Du ;)
Wie es der Zufall wollte, kam ich irgendwie auf die Seite des Finanzamtes. Und dann auch noch auf eins, das mich eigentlich gar nix angeht. Wie und warum, das tut ja nix zur Sache - aber Finanzamt... Da denkt doch jeder gleich an knorrige, verstaubte, bucklige Beamte mit kleinen Brillen und großen gierigen Händen. Ich glaube, niemand denkt im Zusammenhang mit Finanzamt an Humor - da gibts ja zumeist auch nix zu lachen, jedenfalls nicht als Steuerzahler.
Umso erstaunter und belustigter war ich jedoch, als ich unter obigem Link den Button "Humor" las und ganz interessiert und spontan draufklickte.
Das auf ner offiziellen Homepage eines Finanzamtes... Hach, das war mir doch ein versüßter Morgen!
In dieser Stimmung bekam ich just von der Kollegin ein Foto geschickt - der Fund des Tages auf einer unserer aktuellen Aktionswiesen:
"Soll ein Pferd gewesen sein, sagt L." schreibt sie.
Ich nehme einen weiteren Schluck Kaffee und begutachte das Foto erneut.
Für ein Pferd fehlen da aber zwei Beine.
Was ich sehe: Lange Beine, dicke Knie und krummer Rücken.
Sorry, Mädel, aber das bin ICH! In zweihundert Jahren *kreisch*
Übrigens - wegen gestern: Nein, der Junge hat sich noch nicht wieder zurückgemeldet - obwohl ers versprochen hatte. Ich schiebs auf "die Jugend! *augenroll*" und darauf, dass man um 4.43 Uhr Wichtigeres zu tun hat als an die Mama zu denken. Denn zwischen 2 und 5 Uhr sollte er in L ankommen und die Stalker-Mama hat gesehen, dass der Junge um 4.43 Uhr zuletzt online war. Ich finde das durchaus beruhigend, weil ich mir sage: "Ey der pennt sich jetzt erst mal richtig aus."
...gingen mir gestern Abend Blutdruck und Puls.
Meine Söhne hatten vor rund drei Wochen einen Disput. Also ich sage Disput, der Große hingegen hatte verlauten lassen: "Bei allem Respekt, das ist kein Streit, ab jetzt herrscht hier Krieg!!!" Das aus seinem Mund zu hören ist umso verwunderlicher, wenn man zum einen weiß, was für ein Seelchen er ist (und wie viel es demnach braucht, um ihn derart hochzukochen) und wie sehr er andererseits an seinem "kleinen" Bruder hängt. Ich denke schon, dass er am allermeisten von uns seinen Bruder liebt.
Früher, wenn es Zoff gab, haben sie sich maximal mit irgendwas in Greifnähe Befindlichem beworfen, geprügelt aber glücklicherweise nie. Insofern habe ich mich auch zumeist aus ihren Streitigkeiten herausgehalten und mir gesagt "Sie werdens schon regeln miteinander."
Dieses Mal jedoch schien das Zerwürfnis tiefgreifender und wenn ich mir im Gegenzug die Streitursache vor Augen führte, dann tat es mir doppelt leid um diesen Riss.
Und so ließ ich mich hinreißen zu der Aussage, sie mögen sich bitte nicht so derart zerstreiten, schon gar nicht wegen einem Stück Papier, das sei es einfach nicht wert. "Denkt nur mal, es geht morgens einer aus dem Haus, verunglückt und kommt nicht wieder - das wär das Allerschlimmste."
Ich hatte dies nicht nur so dahergesagt, auch wenn ich prinzipiell der Meinung bin: Was raus muss, muss raus und muss auch gesagt werden dürfen, man muss sich auch raufen können - aber anschließend sollte man wieder aufeinander zugehen können.
An all das dachte ich gestern Abend, als ich dem Jüngsten schrieb "Ist alles okay bei Dir? Du bist so still." Natürlich wusste ich, dass die Truppe auf Rückreise aus dem Urlaub war und dass bis dahin alles gut war.
"Es gab einen Unfall mit dem Bus, das Dach ist fort", schrieb der Junge.
In diesem Moment schossen mir Blutdruck und Puls auf irgendwas, jedoch blieb ich ansonsten ruhig: Solange er mir schreiben und antworten kann, ist es nicht so schlimm, dass ich mir ernsthaft Sorgen machen muss.
"Kann ich dich anrufen?" schrieb ich und er antwortete: "Grad blöd. Mein Akku ist gleich weg."
Er schrieb mir noch, dass er ne leichte Schnittverletzung hätte, Kopfschmerzen und einen Schock.
Das war das letzte, was ich bis dato hörte.
"Haben die keine Lademöglichkeit im Bus?" fragte der Mann.
"Es gibt keinen Bus mehr", antwortete ich konsterniert.
Die Nacht schlief ich etwas unruhig und mit dem Handy in Greifnähe. Wäre es nicht so arg weit weg, ich hätte mich selbst ins Auto gesetzt und den Jungen nach Hause geholt.
Ich bin dankbar, dass ihm und auch den anderen Urlaubern offensichtlich nichts Schlimmes passiert ist - auch wenn ich immer noch unruhig und wie auf Kohlen sitze, solange ich nichts von dem Jungen höre.
Und ich bin froh, dass die Jungs sich zusammenrauften, bevor der Jüngere in den Urlaub fuhr. Der eine hatte dem anderen einfach einen Versöhnungs-Döner mitgebracht und dann hatte man gemeinsam Fußball geschaut. So lösen das Männer ;)
Meine Lieblingsorte sind das Meer und die Badewanne - und ich bin trotzdem kein Fisch. Ans Meer möchte ich am liebsten schon jetzt zurück - auf meine Insel aber frühestens, wenn meine Hauptbeschäftigung nur noch aus Malen und Schreiben besteht ;)
Wenn ich zur Bedienung sage "Ich hätte gern einen Milchkaffee, bitte", schaue sie dabei an und lächle, lächeln sie ganz oft zurück - und ich mag das sehr! Wenn man " nen Milchkaffee" hinrotzt, bekommt man den zumeist auch lustlos hingestellt. Recht so.
Je größer die Zahl in meinem Pass wird, desto älter werde ich. Sakra!
Je älter ich werde, desto mehr Angst habe ich um meine Söhne und zugleich wird auch meine Liebe zu ihnen tiefer. Und dieses Gefühl liebe ich auch.
"Wer uns ausm Norden zum Freund hat, der hat uns für ein Leben lang", pflegt mein Papa zu sagen. Recht hat er! Ich bin da nicht so schnell mit - aber an wen ich einmal mein Herz hänge, der hat es für ganz immer, sofern ers nicht missbraucht. Rette sich also, wer noch kann. (Nein, Miss P., Du warst leider zu langsam. I'm so very sorry. ;))
An meinem Ehrgeiz könnte ich bestimmt noch bisschen arbeiten. Dafür weiß ich ziemlich sehr genau, was ich nicht (mehr) will. Ich finde, das ist durchaus ein Fortschritt.
Ich muss nicht permanent höher, schneller, weiter. Ein gutes Buch, eine schöne Tasse (ja, das Auge trinkt mit!) guten Kaffee und dann ganz entspannt ein weiteres Etappenziel erreichen tun es auch.
Die Praxen von Therapeuten sind voller Menschen, die keine Therapie brauchen. Aber voll mit denen, an denen es ausgelassen wird.
Wenn ich etwas soll, tue ich es erst recht nicht. Wenn ich etwas nicht will, dann will ich auch nicht. Kannst du auf und niederspringen, s wird nix.
Ich kann mich ganz sehr für andere freuen.
Hass ist mir fremd. So viel negative Energie besitze ich nicht. Aber ich kann verachten, abgrundtief.
Bevor ich mich morgen in aller Herrgottsfrühe auf den weiten Weg zurück nach Hause begebe, liege ich hier entspannt auf dem Bett, es geht mir gut, ich fühl mich wohl. Ich fühl mich beinah wie früher, als dieses Zimmer noch mir gehörte. Dieses Zimmer, dessen Wände noch immer mit meinen Farben bestrichen sind.
Dieses Zimmer, in das ich mich so oft verkrochen, zurückgezogen habe, wenn ich mich allein fühlte, zurückgelassen, stehengelassen, nicht abgeholt..
Dieses Zimmer, in dem ich so herzlich lachte und so bitter weinte.
In dem ich sprach, schwieg, schrieb, malte und den Blick so oft hinaus in den blauen Himmel geführt hatte.
Dieses Zimmer, das meine Musik von den Wänden abperlen und den Holzfußboden vibrieren ließ.
Dieses Zimmer, das das andere Zimmer vergessen ließ, in dem ich Deine Zeilen las, die mir die Wände jeden Tag neu entgegenschrien. Die Zeilen, in der Du schriebst, wie gut es Dir gerade ging - mit ihr.
Mir war immer klar: Nach uns würde ich mit Dir nicht befreundet sein können. Nach uns würde mir nur ein klarer, konsequenter Schnitt helfen. Einer, der es unmöglich macht, einander erreichen zu können. Einer, mit dem wir niemals wieder ein Wort miteinander wechseln oder voneinander lesen könnten. Einer, der mich das Ende nur aushalten ließe, solange ich nichts mehr von Dir hören oder sehen würde. Der mich nichts von Deinem Glück und Deinen erfüllten Träumen erfahren ließe.
Ich glaube, dass man nach dem Ende einer Beziehung nur dann mit jemandem befreundet bleiben kann, wenn man tatsächlich aufgehört hat, einander zu lieben, als Mann und als Frau.
Mit Dir könnte ich niemals "nur so" befreundet sein. Weil ich Dich immer lieben werde. So lange, bis ich eines Tages, irgendwann in fünfzig Jahren, die Augen schließe und aufhöre zu atmen.
“I was trying to say that, really, a man and a woman, can't understand each other because we are a man and a woman. And if we could actually swap each other's roles, if we could actually be in each other's place for a while, I think we'd both be very surprised!"
Kate Bush
"Manchmal verstehe ich dich nicht", beklagt hin und wieder der Mann. Meist lächle ich dann, hin und wieder ziehe ich ratlos die Schultern hoch - und antworte nicht. Manchmal denke ich "Ich dich auch nicht immer, jedoch das macht nichts."
In den Tagen, die mir zu laut, zu schnell und zu brachial werden, ziehe ich mich in mich selbst zurück. Dann bin ich immer noch da - in Wahrheit jedoch sind mein Kopf, meine Sinne und meine Empfindungen ganz woanders. Ich glaube, ich muss das tun, um mich zu schützen, mich zu retten - mich mit all dem, das mich ausmacht. Vor dem Alleinsein habe ich keine Angst, Stille um mich herum empfinde ich nicht als bedrückend - weil ich die Worte in mir aushalten kann und will. Und weil ich die Stille in mir mit Musik füllen kann, wenn ich es brauche.
Es ist gut zehn Jahre her, als mir etliche Elektroden an den Körper geschnallt wurden, um irgendwelche Kurven aufzuzeichnen, die durch meinen Körper strömen.
"Ich lasse Sie jetzt für ein paar Minuten allein und Sie versuchen für diesen Moment, mal an nichts zu denken. Sich einfach herunterzufahren."
Mir war nicht klar, ob ich tatsächlich nichts denken würde können, mir war nicht klar, ob ich tatsächlich nichts würde fühlen können, das die Kurven ansteigen ließe.
Er verließ den Raum und überließ mich mir selbst. So wie er die Tür hinter sich schloss, lehnte ich mich zurück und schloss die Augen. Eine Melodie kam mir in den Sinn, eine dieser wundervollen streichelzarten Melodien, die ich nur in bestimmten Momenten auflege.
Sie kam mir mit einer derartigen Nachhaltigkeit in den Sinn, dass ich glaubte, diese Melodie tatsächlich hören zu können. Und so lag ich in diesem Stuhl, völlig mir selbst überlassen mit dieser Melodie, die nur in meinem Kopf existierte, so laut und zugleich so zart, und doch vermochte nur ich sie zu hören. In diesem Augenblick gehörte ich nur mir ganz allein, mir mit dieser Melodie.. und ich fühlte mich.. frei.. Ich fühlte mich so wunderbar frei und losgelöst, an nichts denken zu wollen, an nichts denken zu müssen, nichts fühlen zu müssen - und zugleich so... so dermaßen erfüllt zu sein.. (Später wird man ganz erstaunt sein über meine Biokurven, dass es in der Tat erstaunlich sei, wie sehr und wie weit ich mich "herunterfahren" könne. Und ich lächelte und sagte: "Ich habe immer gesagt, dass ich es kann und weiß, wie es geht.")
Da waren diese Bilder in meinem Kopf.. Wie ich barfuß über den Holzfußboden laufe, hinüber zum Fenster, mich auf die Fensterbank kuscheln, hinausschauen, eine Tasse heißen Kakao in der Hand, während vor dem Fenster kalter Regen die gelben Blätter vor sich hertrieb... Auf meinem Schoß ein Buch, der Raum erfüllt vom süßen Duft der Vanillekekse.
Wie ich barfuß die ausgetretenen Steinstufen hinauf zur Holztür steige, mit einer Bewegung schwungvoll die Tür aufstoße, den Geruch im Inneren des Hauses wahrnehme, den Geruch nach kühlem Steingutboden, nach frischen Baumwolltüchern, reifen Äpfeln und eingekochter Johannisbeermarmelade.. (Letzte Nacht bin ich aufgewacht und das Herz klopfte mir zum Hals. Im Traum war ich meiner Großmutter wiederbegegnet, ich habe mit ihr gesprochen, habe mit ihr die Küche betreten, in der sie die Johannisbeeren putzte und einkochte. Ich bin aufgewacht und fragte mich, ob wohl das Haus noch existierte, in dem sie gelebt hatte und in dem ich auf der Fensterbank las, malte, spielte, tagein, tagaus, jeden Tag meiner Sommerferien. Ich fragte mich, ob ich mir das Haus noch einmal anschauen dürfte, so von innen - oder ob ich mir viel lieber die Erinnerungen von früher bewahren sollte?)
Der Mann teilt meine Wünsche, er teilt meine Träume - und von diesem Moment an hat er beschlossen, einen Plan zu haben und diesen auch umzusetzen. Und er hat gewünscht, dass ich diesen Plan des Weges teile, mit ihm gehe und genauso wie er daran arbeite. Und er hat recht damit.
Nur.. Ich bin so nicht.. So ähnlich wir uns sein mögen, so verschieden sind wir zugleich.. Er weiß, dass es ohne einen Plan, ohne eine konsequente Strategie nicht geht.
Ich weiß das alles.. Und dennoch.. kann ich nicht so vorgehen wie er. Über die vier Jahre, die wir unser Leben miteinander teilen, ist mir klar geworden, dass ich niemals so sein und niemals so vorgehen kann wie er und auch nicht so, wie er es wünscht. Auch nicht so, wie ich es sein müsste, wenn ich eines Tages meinen Traum leben möchte.
Vielleicht muss das so sein - er der Realist, der Stratege auf der einen Seite - und auf der anderen Seite ich, die mit dem Kopf voller Träume, Sehnsucht und einer nicht rational zu begründenden Zuversicht auf die Dinge, die da kommen werden...
"Davon lässt sich dein Traum vom Später nicht bezahlen", merkt der Mann an.
"Das ist mir bewusst.. Dann wird die Erfüllung nicht so, sondern anders aussehen.. Wünsche haben Farben, Gesichter, sie sind nicht starr und auch nicht vorgezeichnet, sie leben, so wie ich.."
Dann schüttelt er den Kopf, resigniert zuweilen, zuweilen auch enttäuscht und wütend in dem Glauben, dass er all das begraben müsse, wovon wir einst sprachen. Dass sich nichts von dem erfüllen würde, von dem wir träumten.
Hingegen ich.. verstehe diese.. Aufregung nicht..
Je hektischer die Welt wird, desto schwerer vermag ich sie zu tragen - weil sie mir die Farbe meiner Träume und damit die Farbe meiner Seele nehmen. Diese laute schnelle Welt stiehlt mir das Leuchten, sie färbt die Träume grau und lustlos - und ich will das nicht. Ich will das einfach nicht. Ich will mich nicht drängen lassen in etwas, das ich nicht bin. Dieser Tage bin ich nach L gefahren, verbringe den ganzen Tag lang im Büro, der Kopf voller to-dos und den Worten wie "Wir müssen noch!" und "Wir sollten noch!" und "Hast du dies und jenes schon fertig?", zwischendrin der Blick auf die Uhr und die leise Hoffnung, nicht all zu spät aus diesem Büro herauszukommen, weil da irgendwie... auch noch ich bin.
Da fällt es mir wieder ein, dieses Leben, wie es bis vor vier Jahren war. Dieses Leben aus dem Eight-to-Six-Job und den Anrufen weit nach Dienstschluss, die einen nie wirklich zur Ruhe kommen lassen.
Diese Frustration der anderen Seite, wenn ich beschließe, nach zwanzig oder einundzwanzig Uhr die Anrufe zu ignorieren, weil ich ich sein möchte - und auch Zeit für mein Ich haben möchte.
Diese Vorwürfe, weil ich mir die Zeit für mein Ich nehme, während die andere Seite noch bis abends oder nachts Manuskripte liest, Rechnungen schreibt oder das todkranke Kind betreut. Es ist wahnsinnig schwierig, dieses Leben auf der anderen Seite - und es ist ein sehr anstrengendes und inzwischen auch sehr aufreibendes Leben zwischen Angespanntheit, Stress, Sorge - und Angst.
Der Mensch auf dieser anderen Seite, der Ruhe und Stille nicht erträgt, nicht aushalten kann - schon immer nicht, egal in welcher Phase seines Lebens. Jedoch das ist eine Entscheidung, die er für sich traf - und die er zugleich versucht, auch für uns alle zu treffen.
Dagegen wehre ich mich - mehr denn je.
Ich wehre mich dagegen, völlig vereinnahmt zu werden.
Ich wehre mich dagegen, nicht mehr ich sein zu dürfen.
Beruflich wie privat.
Manchmal muss ich schmunzeln: Sobald der Mann spürt, dass ich mich in der Musik vergraben möchte, beginnt er zu reden, zu erzählen. Von diesem und jenem - Hauptsache, ich lasse die Kopfhörer liegen und schirme mich nicht von ihm ab, überlasse ihn nicht sich selbst.
Aber viel zu oft möchte ich genau das tun dürfen. Es ist die Musik, die meine Gedanken und meine Gefühlswelt belebt und zum Leuchten bringt - und es ist genau das, was mich inspiriert zum Malen und zum Schreiben.
"Warum malst du eigentlich nicht mehr? Ich habe dir doch extra die Staffelei geschenkt."
"Weil ich im Moment nicht das richtige Zeichenpapier habe."
"Dann kauf es dir doch."
"Nein, muss ich nicht. Ich habe noch welches in L liegen, das bringe ich mir mit."
Das Zeichenpapier, das ich vor Jahren geschenkt bekam und das den Anlass bot, überhaupt erst wieder einen Pinsel, einen Bleistift in die Hand zu nehmen und eine reiche Palette an Farben auszupacken.
Jedoch dieses Papier.. ist nur eine winzig kleine Begründung.
Die Wahrheit ist.. dass mir der Raum für mich selbst fehlt. Dieser Moment mit mir selbst. Mit der Musik im Einklang, mit all dem, das sie aus mir hervorbringt - und sich auf das Papier überträgt.
Entweder arbeite ich zuviel und zu lange - oder ich beuge mich dem Wunsch des Mannes, ihn nicht auszugrenzen, den Abend mit ihm zu teilen.
"Du kannst das doch alles machen, wenn ich beim Sport bin oder da oder dort."
Wie soll er auch verstehen, dass Inspiration nicht darauf wartet, in ein winzig kleines Zeitfenster im Alltag schlüpfen zu dürfen?
Manchmal erwache ich nachts, weil mir Gedanken, Worte, Wortreihen, ganze Kapitel durch den Kopf gehen, die ich aufschreiben möchte. Früher bin ich nachts aufgestanden und habe sie aufgeschrieben.
Heute tue ich es nicht, um den Mann nicht zu wecken, der immer spürt, wann ich neben ihm liege und wann nicht. Der immer spürt, wann ich mit meinen Gedanken hier bin, nah bei ihm - oder ganz woanders..
Ich muss malen.
Ich muss schreiben.
Ich muss die Musik haben.
Einfach, um die Schwere dieser Welt aushalten zu können.
Vermutlich bin ich für eine gewisse Art von Lebenspraxis.. einfach gar nicht gemacht.
"Es ist schwer, in einer Stadt wie M zu leben", hat vor Jahren mal jemand zu mir gesagt. "M verändert die Menschen. Es ist schwer, man selbst zu bleiben."
Damals lebte ich noch nicht hier, damals war maximal der Hauch eines Gedanken daran verschwendet, in einer Stadt wie M zu leben.
Vor vier Jahren zog ich hierher - und ich denke, es ist schon etwas dran an den einstigen Worten. Es ist nicht nur so, dass man gemustert wird, so diese typischen Blicke von oben nach unten; wie siehst du aus, was hast du an und vor allem: Wie teuer ist das, was du trägst?
Es ist eher, dass man gar nicht erst wirklich wahrgenommen wird. Außer von älteren Menschen. Die lächeln dich dankbar an, wenn du ihnen Platz machst, wenn du sie selber anlächelst, einfach so, wenn ihr Blick gerade deinen erhascht.
Die jüngeren jedoch, insbesondere die weiblichen, die nehmen dich nicht wahr. Die gehen zu zweit, zu dritt, zu viert nebeneinander, die Handtasche in dieser grässlichen Manier in der Armbeuge, der Blick irgendwo, meist zu sich selbst - und so gehen sie einfach davon aus, dass du ihnen aus dem Weg zu gehen hast - und nicht sie dir. Oder gar noch die Front auseinanderzerren, na wo kommen wir denn da hin?
"Ich habe es mir angewöhnt, inzwischen gehe ich drauf zu oder latsche ihnen auch mal in die Hacken", sagt unbekümmert der Mann. Meine Art ist das so nicht und ich will das auch gar nicht erst zu meiner Methodik machen. Aber es nervt mich - diese Arroganz, davon auszugehen, dass man jemandem Platz zu machen hat oder dergleichen.
So wie es mich schon ein Stück weit betroffen und auch nachdenklich macht, wenn Vorschulkinder keine Freunde mit nach Hause einladen möchten, weil ihrer Meinung nach die Wohnung nicht groß und nicht schön genug ist, während ihre Freunde mit deren Eltern in Häusern wohnen. Platz ohne Ende. Wenn Vorschulkinder meinen, sie hätten kein schönes Spielzeug, obschon sie alles bekommen haben, das sie sich selbst wünschten.
Ich denke darüber nach und frage mich, ob das nur hier in M so ist oder anderswo nicht auch? Wie war das in L? Wie war das, als meine Kinder noch kleiner waren? Ich konnte ihnen nicht immer alle Wünsche erfüllen (auch wenn mein Jüngster das vor einer Weile anders bezeichnete, und man kann wohl kaum ein größeres Kompliment bekommen, wenn ein Kind sagt, dass es eine schöne Kindheit hatte und alles hatte, was es brauchte, und alles bekam, was es wünschte) und ich habe ihnen auch keine Klamotten gekauft, die ein bestimmtes Label spazieren führten. Ich habs nicht gemacht, weil ich es finanziell nicht konnte - und weil aber auch kein Bedarf danach entstand. Nicht alles, was teuer ist, ist schön. Oder ist es wert, dass man 200 Euro dafür ausgibt. Vor allem dann nicht, wenn, wie man inzwischen weiß, die teuren Klamotten auch nur in Billiglohnländern produziert werden.
Wir haben uns jedenfalls angezogen, was uns gefiel, fertig. Und natürlich haben die Kinder gesehen, was andere Kinder haben. Und wenn es ihnen gefiel, dann wollten sie es auch. Meistens aber, so hab ichs in Erinnerung, haben sie sich von der Werbung inspirieren lassen.
Ob sie sich für ihr Zuhause schämten? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, weil sich diese Frage nie stellte. Weil ich persönlich der Auffassung war, dass Platz in der kleinsten Hütte ist, wenn es nur darauf ankommt, dass man sich mag und etwas zusammen machen möchte.
Ob sie sich für ihre Kleidung schämten? Ehrlich gesagt, weiß ich auch das nicht, weil auch hier sich diese Frage nie gestellt hatte. Aber klar ist es schon so, dass ich heute Fotos von früher betrachte und denke: "Hm. Das würde ich die Jungs so heute aber echt nie anziehen lassen!" Aber okay, das denkt man ja auch von sich selbst, wenn man ältere Fotos betrachtet ;)
Als ich vor Jahren in einer Zeit, in der ich noch nicht hier wohnte, meinen Sohn über das Wochenende mit nach M genommen hatte, da sagte er am Ende jener Tage zu mir: "Also die Mädels hier sehen schon richtig gut aus. Aber die gucken einen mit dem Arsch nicht an."
Damals war er 14 oder 15 und gerade erst in der Phase, seinen eigenen Stil zu finden, dies und jenes auszuprobieren.
Ich bin nicht sicher, ob es schwer geworden wäre für ihn, sich in diese Stadt einzuleben, wenn man hier nicht geboren wurde und auch die halbe Kindheit lang woanders groß geworden ist.
Ähnliches erzählt (erst heute) der Sohn des Mannes, der es in den Jahren der Schule nicht leicht hatte und späterhin vieles dann über die stattliche Größe von inzwischen rund zwei Metern richtete.
Ich glaube, dass der Mensch nicht nur hier in M, aber vor allem auch hier Statussymbole braucht - und ich frage mich: Wofür? Um etwas zu zeigen, das ich in Wahrheit gar nicht bin? Um zu zeigen, ich bin wer, ich hab was, ich bin toll? Es geht mir super, ich bin super glücklich trallala?
“Man will nicht nur glücklich sein, sondern glücklicher als die anderen. Und das ist deshalb so schwer, weil wir die anderen für glücklicher halten als sie sind.” Charles Louis de Montesquieu
An all das dachte ich, als ich letztens vom Neurologen kam und auf dem Weg zur U-Bahn dachte: "Ne, also einen Kaffee brauche ich jetzt erst mal, bevor ich in die Bahn steige." Zum Hinsetzen und Verweilen hatte ich leider keine Zeit, doch weil ich mich kenne und auf meine Gelüste meistens auch vorbereitet bin, trug ich einen jener Mehrwegbecher in meiner Tasche, die mein Ältester mir letztes Jahr zum Geburtstag schenkte.
Den reichte ich über den Tresen, als mich eine genervte Verkäuferin fragte: "Bitte?" Ist Euch eigentlich schon mal aufgefallen, dass sich kaum noch jemand die Zeit nimmt, in vollständigen, ganzen Sätzen zu sprechen? Es ist nicht immer nur fehlendes Bitte oder Danke, es ist insbesondere auch die Art der Kommunikation. Alles muss schnell und zack-zack gehen (auch der Mann hat da so diesen Hang, aber dann werde ich nur noch entspannter: "Ich lasse mich nicht hetzen, auch nicht von dir, du Hektiker.")
Sie schaute pikiert auf meinen Becher, dann auf mich - da war er wieder, dieser taxierende Blick - und ich begegnete ihrem Blick gerade und direkt. "Ich hätte gern einen großen Latte Macchiato, bitte" sagte ich und lächelte. Sie lächelte nicht zurück, füllte mir den Kaffeebecher ab und wechselte den 10-Euro-Schein in ein paar Münzen zurück, die sie mürrisch klirrend auf dem Teller ablegte.
Das ist nicht nur M und auch nicht jeder ist hier so. Aber es ist vor allem M.
Ich habe mich hier erstaunlicherweise besser und schneller eingelebt als damals in L. Mir ist es dort wesentlich schwerer gefallen und ich hatte deutlich länger gebraucht.
Aber ich weiß auch, dass ich hier nicht bleiben werde.
M ist einfach nicht meine Welt. Es hat ja sowieso auch kein Meer.
"Na? Was sagst du zu gestern?" ist das heutige allgemeine montagmorgendliche Begrüßungszeremonium.
Nun. Ich gestehe, ich bin kein Fußballkenner, auch wenn ich weiß, was Abseits ist. Neben meinem Sohn wird sogar mein eingefleischter Fan Papa blass, wenn der erst mal loslegt.
Und ich gestehe, ich bin die, die eher nur zu WM-Zeiten Fußball schaut, mitfiebert, mitbrüllt vor Begeisterung oder, wie gestern Abend, nur fassungslos den Kopf schüttelt.
Was da an.. kann man sagen: Häme? ausgegossen wurde gestern bei FB - okay, muss so sicherlich nicht sein.
Trotzdem steh ich dazu, wenn ich sage: Ey, sie werden dafür bezahlt, dass sie ihren Job machen, sie machen den lieben langen Tag, jahrein, jahraus nix anderes außer Fußballspielen, sich up-to-date das Haar schneiden und färben und nett in die Werbekamera lächeln oder schnüffeln (ich finde den aktuellen Werbespot der schnüffelnden Sportler nicht witzig, sondern ausgesprochen lächerlich).
Und ja, man kann auch mal einen schlechten Tag haben und man muss auch nicht immer der Erste sein.
Aber wenn sich ein Hummels vor die Kamera stellt (oder er gezogen wurde, weiß ich nicht, wie auch immer) und seinen Frust darüber ausdrückt, dass er "schon länger" kritisiert, dass wir bei aller Offensive die Defensive vergessen, wenn Kahn nachfragt, ob und warum es keine Absprache mehr unter den Spielern (während des Spiels) gibt ("Reden die überhaupt miteinander? Ich sehe gar nicht, dass die überhaupt mal miteinander reden."), dann war das nicht "einfach nur mal einen schlechten Tag haben" oder so n Quark, dann kann ich insbesondere angesichts der ersten Halbzeit immer noch nur sagen: "Ne Jungs, das war grottenschlecht."
Der Mann meinte noch: "Die [unsere] werden sich am Ende mit einem 1:0 retten."
"Ne, das glaube ich nicht. Ich glaube eher, dass es mit 1:0 für Mexico ausgehen wird, wenn das so weitergeht", antwortete ich.
Wie gesagt: Vom Sofa aus und dann auch noch als Laie ist das easy zu beurteilen und leicht zu reden. Aber auch wie gesagt: Ich werde nicht fürs Fußballspielen exorbitant(!) bezahlt. Aber vielleicht wäre ja genau das mal eine Maßnahme: leistungsbezogenes Salär. Mal sehen, wie es dann liefe.
"Hatten diese Sachen ganz klar angesprochen und kriegen es trotzdem nicht hin - das ist nicht unser Anspruch. Darüber müssen wir reden." (Boateng nach dem Spiel)
Ne Leute. Nicht reden. Machen. Wenn Ihr einen Ball bekommt und erst mal einen stummen Arbeitskreis bildet, was Ihr damit machen sollt und wer von Euch den jetzt annimmt, dann wird das nix mit der WM. Weil sich in der Zwischenzeit der kleine Mexikaner den Ball geholt hat - und irgendwann dann auch ins Tor traf. Für mich haben sie verdient gewonnen, die kleinen Grünen.
Vor kurzem gab es eine Doku über eine Frau irgendwo in Deutschland, die bereits ihren einhundertundsiebten Geburtstag gefeiert hatte. Einhundertundsieben... Ein unfassbares Alter. Eine unfassbare Frau. Eine unfassbare Lebensgeschichte.
Ein Leben ohne Liebe als Kind.
Ein Leben mit Liebe nur von der Großmutter, für die sie mit sieben Jahren vier Kilometer Fußweg auf sich nahm, nur um ein einziges Mal in den Arm genommen zu werden.
Ein Leben mit einem Ehemann, der sie nicht liebte oder ihr dies zumindest nicht zu zeigen vermochte.
Ein Leben mit diesem Mann, das sie bis zu seinem Tod führt, ohne sich je zu beklagen oder gar von ihm fortzugehen.
"Natürlich habe ich ihm nicht den Tod gewünscht", höre ich sie immer noch sagen, während sie auf der Schaukel hin und her schwingt, "aber ich kann sagen, dass es danach so viel leichter wurde."
Ein Leben ohne Beschränkungen, ein Leben nur noch nach ihren Wünschen und mit dem, das sie sich immer vorgestellt hat. Irgendwo in den Siebzigern muss sie gewesen sein, als sie begann zu leben. Mit ihrer Tochter sich den Teil der Welt anzusehen, den sie sich immer schon hatte anschauen wollte.
Niemanden mehr fragen zu müssen, sich niemandem mehr unterordnen zu müssen.
Wenn diese Frau mit ihren einhundertundsieben Jahren wachen Blickes in die Kamera schaut, Fragen beantwortet oder einfach so aus ihrem Leben erzählt, dann lacht sie manchmal. Und irgendwie erkenne ich mich darin wieder: Sie lacht in jenen Momenten, in denen vermutlich die schmerzhaftesten Erinnerungen heraufgeholt werden. Ein leises Lachen, so als würde sie sagen: "Ja.. So war es eben.. und es hat weh getan." Sie lacht, damit sie nicht weint.
Diese Dokumentation nehme ich für mich mit, sie brennt sich mir ein - und ich frage mich: Muss man wirklich erst siebzig, achtzig oder gar einhundertsieben Jahre alt werden, um sein Leben so führen zu können wie man es sich immer vorgestellt hat? Was ist mit jenen, die eben keine einhundertsieben Jahre alt werden konnten? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir überhaupt siebzig, achtzig Jahre alt werden - und wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir dann nicht einander in einem Pflegeheim sitzen und uns anstarren und uns fragen, wozu der Teller vor uns steht und was wir eigentlich damit anfangen sollen?
Ich habe nicht so ein Leben geführt wie diese alte Dame, nicht unter solchen Entbehrungen, nicht unter den Ängsten des Krieges und allem, das damit verbunden war.
Ich habe Zeit meines Lebens anders gelebt - und dennoch.. Aus Gründen habe ich heute Jahre alte Krankenberichte sortiert, darin gelesen wie in einer Dokumentation über die Jahre nach dem Ende meiner Ehe. Ich habe gelesen und mich wieder erinnert, wie sie gewesen sind. Die Jahre der Ehe, das Ende, die Jahre nach dem Ende der Ehe. Was hat das alles mit mir gemacht? Wie weit bin ich heute gekommen und wie sehr habe ich all das hinter mir lassen können? Wie sehr habe ich Menschen hinter mir gelassen, lassen müssen?
Heute habe ich einen Link zugeschickt bekommen "Wie entstehen Krankheiten? Was ist die Voraussetzung für Gesundheit und Wohlbefinden?" Den habe ich mir ziemlich genau angeschaut, zweimal, um genau zu sein, und ich habe mir weitere Videos bei youtube gesucht. Die Quintessenz allen Gelesenen: All der psychische Schmerz aus Erlebnissen und Erfahrungen sammelt sich in uns - und spiegelt uns in körperlich wahrgenommenen Schmerzen. Oder Schwindel. Oder allem sonst möglichen. Zumindest, wenn wir den erfahrenen Schmerz nicht erkennen, uns nicht mit ihm auseinandersetzen - und ihn nicht zulassen. Ihn nicht verarbeiten.
Ich habe gelesen, zugehört und alle unwillkürlich aufkommenden Gedanken zugelassen.
Und dann habe ich gelächelt. Irgendwie wehmütig, aber vor allem entspannt:
Der Kern meiner beiden früheren Therapien: Vergangenes aufarbeiten und sich "aussöhnen" mit dem, was war. Weil man es nicht mehr ändern, aber lernen kann, damit umzugehen und damit zu leben. Betrachte ich heute mein Leben... Dann denke ich schon, dass mir das auch gelungen ist. Das, was war, belastet mich heute nicht mehr. Weder die Zeit des Rosenkriegs noch die Zeit der Trennung von einem Menschen, der mir alles bedeutete noch die Umstände des Unfalls 2006. So viele Jahre habe ich mich damit auseinandergesetzt, mich selbst immer wieder reflektiert, versucht, mich selbst zu sehen, mich selbst zu verstehen. Natürlich denke ich auch heute hin und wieder daran - aber es belastet mich nicht mehr. Inzwischen kann ich Dinge wieder zurücklegen in diese imaginäre Kiste. Ich kann die Erlebnisse betrachten, wenn sie aufkommen, aber ich kann sie auch wieder zurücklegen. Ich habe gelernt, Nein zu sagen (na gut, das klappt noch nicht immer zuverlässig, aber ich bin dran), und ich habe gelernt, meine eigenen Wünsche nicht nur wahrzunehmen, sondern sie auch durchzusetzen. Auch dann, wenn es meinem Umfeld nicht immer gefällt.
2003 habe ich einen für mich sehr großen Sprung gewagt.
2014 habe ich diesem Sprung einen weiteren großen Schritt hinzugefügt.
2018 zu Beginn des Jahres habe ich verstanden, dass mein Weg noch nicht zuende ist. Und was soll ich sagen... Eine unfassbare Ruhe hat sich in mir ausgebreitet, mehr und mehr hat diese Besitz von mir ergriffen, sich in jeden Zentimeter von mir ausgestreckt und mir jenes Gefühl geschenkt, das dem sanften Wippen in einem Schaukelstuhl gleichkommt... Ich habe keine Angst vor Veränderung und ich habe zugleich auch keine Angst vor einem Stillstand. Denn als Stillstand empfinde ich nicht, warten zu können. Nicht auf einen Menschen, nicht auf den richtigen Moment - sondern einfach nur für die Gewissheit in mir: Jetzt.
2018 lebe ich ein so ganz anderes Leben als in den Jahren bis 2003. Es hat mich leichter werden lassen mit der Zeit. Es hat mich glücklicher werden lassen mit der Zeit. Es hat mir vor Augen geführt, wie viel Kraft wirklich in mir steckt - und dieses Wissen tut so unfassbar gut. Und es hat mich in meiner Zuversicht bestärkt: Ich muss nicht erst einhundertundsieben Jahre alt werden, um zu leben.
Die Psyche ist die Antwort auf so unendlich vieles. Aber nicht immer auf alles.
Als ich diesen Buchtitel las, ein weiteres Geschenk dieser Tage, da war ich zunächst überrascht, dass überhaupt ein dritter Teil zu dieser Geschichte herausgegeben worden war. Schon im ersten Teil - "Ein ganzes halbes Jahr" - dachte ich: Ich finde mich selbst in jeder Zeile wieder.
Der zweite Gedanke war, dass dieser Buchtitel irgendwie auch mich beschreibt... "Mein Herz in zwei Welten"... weil ich hier lebe, am Fuße des Berges, und nicht am Meer, für das mein Herz eigentlich schlägt..
Wieder zurück von Innsbruck, von wundervollen entspannten drei Tagen, die mich daran erinnerten, wie schön es ist, seinen Geburtstag irgendwo an einem Ort seiner Wahl, jedoch nicht daheim zu verbringen..
An denen ich es genossen habe, in Straßencafes leckere Sahne vom Kuchen des Mannes zu naschen ("Warte, ich koste mal, ob die noch gut ist... hmm... Moment, ich bin nicht sicher, lass mich noch mal" und er zunächst sein Stück Kuchen versteckte, bevor er versuchte, mit seiner Gabel mein Stück zu klauen - seht Euch nur den Kuchendeckel an, wie tapfer ich seine zahlreichen Diebstahlversuche abwehren konnte ;))..
Kein Stress mit Kochen, Backen für andere, sondern nur man selbst und das, worauf man selber Lust hat. Alles können, nichts müssen...
morgens nach dem Erwachen
aus dem Lesestuhl auf der Terrasse
..wo die Tage heiß und die Nächte lau waren, das Gewitter sich täglich über den Kämmen zusammenzuziehen versuchte und dann doch unverrichteter Dinge wieder abzog..
(Unser Zimmer war eines der wenigen, die eine kleine Terrasse besitzen - und ich muss sicherlich nicht extra hinzufügen, wie unendlich ich den Sektabend dort oben genoss, während etwa fünf, sechs Fenster weiter ein Mann sich am weit geöffneten Fenster eisern auf dem Laufband quälte. Ich habe für ihn ein Glas mitgetrunken!)
..wo der Milchkaffee herrlich lecker, aber auch ziemlich stark ist und von wirklich freundlichem, höflichem Personal angeboten und gereicht wird ("Wenn Sie auch etwas essen wollen, muss ich Sie darauf hinweisen, dass die Küche erst 18 Uhr öffnet. Der Koch ist aber meist eine Viertelstunde eher da, Sie sind dann gleich die ersten, die bedient werden." - und sie haben auch Wort gehalten ;))
Überhaupt war das Essen in Österreich wunderbar lecker. Ich bin ja eh nicht so ein Freak, der ins beste und nobelste oder angesagteste Lokal der Stadt muss - für mich machte es das Stück Rhabarberkuchen von einem Marktstand am Inn, lümmelnd im Liegestuhl, eine Tasse Kaffee dazu - und ich sag Euch, ich hab jeden einzelnen Bissen aber sowas von genossen!
"Der Kuchen ist von dem Bauernstand dort", zeigte der Mann, "die mit dem selbst gemachten Joghurt im Glas."
Darauf konnte ich gar nicht antworten, weil ich die Augen geschlossen hatte, um mir jedes einzelne Gabelstück buchstäblich auf der Zunge zergehen zu lassen.
Blick von unserer Hotelterrasse aus
Ich wurde gefragt, ob ich denn bei dem Anblick gar kein Herzklopfen bekäme oder
wenigstens die Lust, da raufzukraxeln.
Ich und kraxeln!
Pfff.
Krixeln, ja das kann ich. Deshalb ja auch die Staffelei :)
Mein allererster Besuch in Innsbruck - aus Zeitgründen, da nur einmal die Woche donnerstags geöffnet - galt dem Anatomiemuseum. Der Mann kann diese meine Faszination so überhaupt nicht nachvollziehen, er wäre auch lieber gern draußen vor der Tür geblieben. Offenbar aber tat ich ihm dann doch leid, weil ich die einzige Besucherin war, ohne Führung, ganz allein zwischen toten Menschen und Teilen von ihnen.
"Ich werde Alpträume davon kriegen", seufzte er.
"Ich rechne es dir wahnsinnig hoch an, dass du mitkommst."
Die meisten Exponate, übrigens fast alles "einheimische" aus der anliegenden Universitätsklinik, waren beschriftet, manche auch nicht.
"Was soll das hier sein? Sieht aber komisch aus."
"Vielleicht die Stimmlippen?" überlegte ich. "Sehen die nicht auch so aus?"
Vier Gläschen weiter begriffen wir: Das waren Augenlider. Ober- und Unterlider, nur ohne die Linse. Die gabs extra.
Ja. Doch. Das war schon irgendwie.. gruselig.
Draußen vor der Türe:
"Hast du eigentlich die Penisse gesehen?"
"Ja na freilich! Riesen-Dinger! Der arme Kerl. Wobei - ne! Die arme Frau! Waren die jetzt eigentlich normal groß oder schon erigiert?"
"Jetzt enttäuscht du mich aber. Na klar waren die aufgepumpt!"
"Was man heutzutage nicht alles aufpumpen kann... Penisse.. Lippen.. Brüste.. Das reinste Gruselkabinett, egal, ob lebendig oder tot."
Wir kicherten, bis wir das nächste Lokal erreichten: Ich muss sicherlich nicht hinzufügen, dass ich für den Rest des Tages nur noch Obst und Milchkaffee zu mir nehmen konnte. Nichts, das auch nur im entferntesten an etwas aus diesem Museum erinnerte ;)
Nun sind wir aber wieder zurück, sind wir wieder daheim, und während der Mann sich ein wenig schlafen legt, schlage ich mein neues Buch auf, lese die ersten Seiten und bekomme bereits auf Seite 28 mein erstes Herzklopfen...
"...Ich saß am Fenster, schaute ungefähr eine halbe Stunde auf die morgendliche Straße Manhattans hinaus, im Mund abwechselnd Bissen von dem schweren, buttrigen Muffin oder Schlucke des sengend heißen, starken Kaffees, und ließ meinem kreisenden inneren Monolog freien Lauf (Ich trinke New Yorker Kaffee in einem New Yorker Café! Ich gehe eine Straße in New York entlang! Wie Meg Ryan! Oder Diane Keaton! Ich bin im ECHTEN New York!), und für einen Moment verstand ich ganz genau, was mir Will zwei Jahre zuvor hatte erklären wollen; diese paar Minuten, den Mund voll mit ungewohntem Essen, den Blick auf unbekannte Dinge gerichtet, existierte nur ich in diesem Moment. Ich war vollkommen da, meine Sinne wach, mein ganzes Ich bereit, die neuen Erfahrungen aufzunehmen. Ich war am einzig richtigen Ort auf der Welt..."
Nun. Amerika ist nicht das Ziel meiner Träume. Aber darum gehts ja auch nicht...
Und jetzt lümmeln wir auf der Terrasse irgendeines Hotels irgendwo in Österreich, und während wir mit einem Glas Sekt auf das Leben anstoßen, schaue ich entspannt auf den Typen ein paar Fenster weiter, wie der sich auf seinem Laufband quält.
...und zwar beschreibt sie das hier.
Natürlich hab ich erst mal geschmunzelt beim Lesen. Einen Hund kaufe ich mir jetzt trotzdem nicht (aber ich habe überlegt, wer das eventuell stattdessen tun könnte!) und ein Gegenüber habe ich dieser Tage auch nicht. Also werde ich die eine oder andere Frage unter den Tisch fallen lassen müssen (da, wo man sich jetzt im Dunkeln nicht mehr füßelt oder sowas in der Art, sondern wegen der DSGVO - ja, ich kanns auch langsam nicht mehr hören ;) - die Visitenkarten zusteckt *haha*, hab ich gestern bei FB gelernt und mich sehr amüsiert), denn insgesamt dachte ich... Also mir gingen da so spontan Antworten durch den Kopf und ich dachte: Warum das nicht einfach als "Blog-Stöckchen" verwenden und dann auch gleich aufschreiben?
Es sind zumindest alles Antworten, die ich mir weder überlegt noch zurechtgelegt habe.
1. Wenn du zwischen allen Menschen auf der Welt wählen könntest, wen würdest du gerne zum Essen einladen?
Ganz klar: P. (Kennt Ihr nicht, höchstens von früher aus dem einen oder anderen Kommentar und manchmal schrieb ich, dass ich sie sehr, sehr vermisse.) Ich weiß schon jetzt, es würde der lustigste, emotionalste Abend ever werden. Vier Jahre sind vier Jahre!
2. Wärst du gerne berühmt? In welchem Bereich?
Ich würde gerne was schreiben, das ganz viele andere Leute kaufen. Am liebsten anonym - weil ich nicht berühmt sein möchte, aber es mir dann erlauben könnte, nur noch zu schreiben. Denn das ist meine Leidenschaft, wars schon immer. Noch mehr als das Malen.
Übrigens, die Blogs, die ich sonst noch betreibe, zählen nicht dazu. Sie beinhalten sehr viel Auto-/ Biografisches und sind lediglich die Verarbeitung von etwas. Ein Mix aus Vergangenem und Fiktion, weil... na eben aus Gründen.
3. Legst du dir manchmal die Worte zurecht, bevor du jemanden anrufst? Warum?
Das kommt ganz aufs Thema an. Wenn mir etwas schwer im Magen liegt oder ich mich missverstanden oder unfair behandelt fühle, dann hadere ich mitunter tagelang mit mir. Früher nicht! Früher hats sofort gekracht bzw. bin ich auf den anderen zu und habe geredet, wie mir halt der Schnabel gewachsen ist. Ne - war. Heute überlege ich mehr, insbesondere dann, wenn mir etwas sehr wichtig ist und ich es gelöst wissen möchte - für beide Seiten. Weil ich niemanden verletzen möchte, aber auch um meinen eigenen Seelenfrieden bemüht bin.
4. Was macht für dich einen "perfekten" Tag aus?
Über sowas denk ich nicht nach. Ich persönlich halte Perfektionismus für todsterbenslangweilig. Danach strebe ich nicht.
5. Wann hast du zuletzt für dich selbst gesungen? Und wann für jemand anderen?
Vor zehn Tagen im Auto.
Weihnachten 2008. Auf dem bordeauxfarbenen Ledersofa. Unvergessen.
6. Wenn du 90 Jahre alt werden könntest, was würdest du während der letzten 60 Jahre lieber haben: den Körper oder den Geist eines 30jährigen?
Ey, das ist nicht wirklich leicht - auch wenn man spontan denkt: den Geist, den Geist! Weil ich am Körper "arbeiten" kann - wenn der Geist aber hinüber is, dann hilft dir auch kein knackiger Körper mehr!
Allerdings.. Betrachte ich mich aktuell.. Dann bin ich ja schon 90 und mein Geist ist immer noch Anfang 30. Ist jetzt auch nicht so das Gelbe vom Ei. Und komplett zu verfallen bei wachem Verstand... Annika, ich muss nachdenken! :)
7. Hast du eine Vermutung, wie du sterben wirst?
2002 habe ich gesagt: "Ich werde eines Tages auf der Straße im Auto sterben."
2006 hätte ich das fast geschafft, aber wirklich unwahrscheinlich viel Glück gehabt.
2018 denke ich, dass ich lieber lebe, als darüber nachzudenken, wann und wo und wie.
Das einzige, worüber ich nachdenke, ist, ob ich lieber verbrannt und anschließend überm Meer vertreut werden möchte. Dieser Gedanke gefällt mir tausendmal besser als die Tatsache, doch nicht tot gewesen zu sein und dann in der Gruft zu erwachen und nicht wieder rauszukommen. Pooarrhh!!!
8. Nenne drei Dinge, von denen du glaubst, dass sie dein Gegenüber und du gemeinsam haben.
Nun... Wir sind beide sehr empfindsam. Wir lieben beide das Leben und verstehen es, es zu genießen. Wir werden beide älter und trotzdem nicht erwachsen ;)
9. Wofür bist du in deinem Leben am meisten dankbar?
Für die Menschen darin, an denen Herz und Seele hängen.
10. Wenn du irgendetwas daran ändern könntest, wie du erzogen wurdest, was wäre das?
no comment
11. Erzähle deinem Gegenüber deine Lebensgeschichte in vier Minuten, aber mit möglichst vielen Details.
Äh.... Vier Minuten UND Details? Ernsthaft jetzt?
12. Wenn du morgen mit einer zusätzlichen Eigenschaft oder Fähigkeit aufwachen könntest, welche wäre das?
Nähen können. Doch - das würde ich echt gerne können wollen. Und wenn ich das nicht erst mühsam erlernen müsste... Wär cool!
13. Wenn dir eine Zauberkugel die Wahrheit über dich, dein Leben, die Zukunft oder irgendwas anderes offenbaren könnten, was würdest du wissen wollen?
Nichts. Was mich selbst betrifft, bin ich, denke ich, reflektiert genug, da brauch ich keine Zauberkugel. Und die Zukunft will ich nicht wissen. Kommt was Schönes, genieße ich die Zeit bis dahin nicht mehr, weil ichs nicht mehr erwarten könnte. Kommt was Schlechtes, genieße ich die Zeit auch nicht mehr, weil ich denken würde "Ist eh alles umsonst."
Ich halte es wie bisher: Nehmen wie es kommt und versuchen, das Beste aus allem zu machen.
14. Gibt es etwas, von dem du schon lange träumst, es zu tun? Warum hast du es noch nicht getan?
Ja, gibt es. Weil dazu zwei gehören.
15. Was war bisher der größte Erfolg in deinem Leben?
Keine Ahnung. Ich seh mein Leben nicht in Erfolgen. Eher in Etappenzielen.
16. Was ist dir bei einer Freundschaft am wichtigsten?
Dass sie mich nicht missbraucht.
17. Was ist deine liebste Erinnerung?
Die Momente, in denen ich erfuhr: Ich war allein, aber nicht einsam.
18. Was ist deine schrecklichste Erinnerung?
Der Rosenkrieg
19. Wenn du wüsstest, dass du in einem Jahr sterben wirst, würdest du irgendetwas an deinem jetzigen Leben ändern? Warum?
Ich würde endlich wirklich mal nur an mich denken - und mich mit den Menschen umgeben, die ich von Herzen liebe. Ich würde aufhören, mich aus Loyalität zu etwas verpflichtet zu fühlen, das ich nicht muss.
20. Was bedeutet Freundschaft für dich?
Unbedingtes Zueinanderstehen, egal um welche Uhrzeit.
21. Welche Rolle spielen Liebe und Zuneigung in deinem Leben?
Die größte.
22. Nennt abwechselnd eine positive Charaktereigenschaft, von der ihr glaubt, dass sie euer Gegenüber besitzt. Macht dies fünf Mal.
Tja nun. Das machen wir mal unter uns.
23. Wie eng und herzlich sind die Beziehungen in deiner Familie? Denkst du, dass deine Kindheit glücklicher war als die anderer Menschen?
no comment
24. Wie beurteilst du die Beziehung zu deiner Mutter?
no comment
25. Denkt euch beide drei wahre "Wir"-Aussagen aus. Zum Beispiel: "Wir sind beide in diesem Raum und fühlen uns..."
Ich frag ihn mal, wenn er wiederkommt. 26. Beende diesen Satz: "Ich wünschte, ich hätte jemanden, dem ich erzählen könnte..."
Wisst Ihr, was geil ist? Ich HABE so jemanden!
27. Wenn du mit deinem Gegenüber eine enge Freundschaft schließen würdest, was müsste er oder sie dann unbedingt von dir wissen?
Noch vor zehn Jahren fand ich es cool, möglichst viele Menschen kennenzulernen. Bis ich begriff, dass man nicht mit jedem befreundet sein kann und es darauf auch nicht ankommt. Was mir wichtig ist, ist Authentizität und Verlässlichkeit. Auch wenn man mal monatelang nichts voneinander hört.
28. Sage deinem Gegenüber, was du an ihm oder ihr magst; sei dabei ehrlich und sage Dinge, die du normalerweise einer Person, die du gerade erst kennen gelernt hast, nicht sagen würdest.
Wie gesagt - s is keiner da.
29. Teile mit einem Gegenüber einen peinlichen Moment in deinem Leben.
Hm. Wenn ich so drüber nachdenke... Ich kann mich an keinen erinnern. Ernsthaft. Vielleicht ist mir auch nichts peinlich, weil ich dazu stehe, wie ich bin. In guten wie in schlechten Zeiten ;)
30. Wann hast du zum letzten Mal in Gegenwart einer anderen Person geweint? Und wann für dich allein?
Letzte Woche - Dienstagabend.
Letzte Woche - Freitagabend.
Hat absolut nix mit der Gesundheit und den Arztbesuchen zu tun - ich schwör, das ist Zufall.
31. Nenne eine Sache, die du bereits jetzt an deinem Gegenüber magst.
S is keiner da-ha!
32. Worüber macht man keine Witze, sofern es so etwas gibt?
Womit die Würde eines Menschen verletzt wird.
Und wisst Ihr, was ich so gar nicht mehr vertrage? Es gibt keine Comedy-Show mehr, die nicht ohne eine nicht enden wollende Reihe von Fäkalausdrücke auskommt oder ohne dass auf Kosten anderer fragwürdige Kalauer gebracht werden. Ich vermisse Menschen mit Stil, Menschen wie Hape Kerkeling, die sich selbst aufs Korn nehmen. Ich habe ganz sicher keinen Stock im Allerwertesten - aber für mich hat der heutige Humor nicht viel mit Humor zu tun.
Wer lustig sein will, der ist nicht lustig.
33. Wenn du heute Abend sterben würdest, ohne die Möglichkeit, mit jemandem zu sprechen, was würdest du bereuen, jemandem nicht gesagt zu haben? Warum hast du es noch nicht gesagt?
Orrrrr!!!!
Mit Sterben habt Ihrs aber, Leute!
Wo bleibt das LEBEN?
34. Dein Haus mit all deinem Besitz fängt an zu brennen. Nachdem du deine Liebsten und deine Haustiere gerettet hast, kannst du ein letztes Mal ins Feuer laufen und einen Gegenstand retten. Welcher wäre das? Warum?
Isch 'abe ga kein Haustier!
Kann ich dafür mehrere Gegenstände mitnehmen? Ich besitze nämlich vier Gegenstände - Geschenke meiner Söhne. Von denen kann ich mich nicht trennen und sie zu verlieren, das würde mir richtig, richtig wehtun.
35. Der Tod welches Familienmitglieds würde dich am meisten mitnehmen? Warum?
mannomann....
Eins meiner Kinder. Das würde mich komplett zerbrechen.
36. Berichte von einem persönlichen Problem und frage dein Gegenüber nach Rat, wie er oder sie die Sache handhaben würde. Bitte dein Gegenüber außerdem zu beurteilen, wie du selbst vermutlich über das ausgewählte Problem denkst.
Hm, das finde ich schon irgendwie spannend. Aber wie gesagt - s is kana da!
Und weil keiner da ist, können wir uns jetzt auch keine vier Minuten lang in die Augen sehen und dann heiraten. C'est la vie.
Interessiert bleiben, sich mit Themen beschäftigen - klar! Aber momentan frage ich mich grad... Wenn die Medien das Thema DSGVO nicht so hochhalten würden - ob dann überhaupt aktuell so viel Verunsicherung entstanden wäre? Ich meine, diese Verordnung gibts schon mindestens seit 2015, auch wennse da jetzt noch nachgebessert haben.
Und jetzt lieste an jeder Ecke was von Bußgeldern bis zu 20 Millionen Euro - Leute!
Medial gesehen ist das für mich Panikmache wie mit jedem aktuellen Thema. Haben wir eigentlich schon Sommerloch? Ham die nix anderes? Kriegt nicht ne C-Promi n Kind mit 58?
Aber hey, ich verkaufe Euch nix, schicke Euch keine Newsletter, will nix von Euch - ich erzähl Euch nur von mir, was ich Euch auch live und in Farbe bei jedem Käffchen erzählen würde.
Vielleicht.
Dem einen oder anderen ;)
Der Streitwert meines Blogs also? Null Euro!
Aber nicht nur die DSGVO sorgte für ein wenig Irritation im Hause Ziggenheimer.
Dienstag beim Hausarzt. Ich war müde. Ich war ehrlich müde. Schlafe immer noch sehr viel und sobald ich nur n bisschen was mache, brauch ich gleich wieder n Stündchen Schlaf. Schlafe im Auto (als Beifahrer!), auf der Bank im Wald nach nur 200 m, na ja und eben so halt.
Sagt der zu mir: "Also Ihre Stimmung wirkt ja schon recht gedrückt, vielleicht ist das ja das Problem." Zack - schreibt er das erste Rezept: pflanzliche Stimmungsaufheller.
WTF??
"Herr Doktor, ich bin doch nur MÜDE! Bloß MÜDE!"
Am liebsten hätte ich meine Worte begleitet mit ein bisschen Handauflegen um seinen Hals, so bisschen würgen mit Nachdruck - aber ich war ehrlich müde und entsprechend kraftlos hingen meine Arme runter. Hat er Glück gehabt, der Sack!
"Das ist nur gegen die Müdigkeit!"
Ja ne is klar. Lesen kann ich schon noch. Ich habs vielleicht im Kopp, aber nicht mit den Augen!
Ich bereue jetzt noch, dass ich für den Scheiß Geld gelassen habe. Will die wer haben? Packung unangebrochen. Versende kostenlos! Ach ne! Nicht melden! Bitte nicht melden!! Sonst hat mich die DSGVO am Arsch, weil ich Daten empfange!
EKG war übrigens in Ordnung (wunder mich ja immer, dass zehn Sekunden EKG so aussagekräftig sein sollen, aber ich sage nüscht, nachher heißt es noch, der Patient WILL unbedingt was haben. Alles schon mal bei anderen Patienten gehört. Pfff), Blutdruck wie immer, nur stehen und laufen war verdammt zittrig und leicht unkoordiniert. (Wenn ich mich arg konzentriere, isses nich ganz so deutlich. Manche draußen auf der Straße mustern mich so... so... wie: Ach Gott, tagsüber schon voll, ja klar, die muss es nötig haben.)
In meinen Ohren is auch nix, alles okay. (Konnte der Mann nicht verstehen. "Du hörst doch nie auf das, was ich dir sage.")
Die Praxis verließ ich dann mit ner Krankschreibung und dem Termin eine Etage höher: "Das ist ein eindeutig neurologisches Problem."
Gestern erstmal die Auswertung des Bluts: Eisenwert irgendwo im Keller, zwischen 10 und 12 seit mindestens einem Jahr (hat aber letztes Jahr auch keine Sau interessiert), soll wohl nicht unter 30 sinken und normal bei 70 liegen. Von wegen Stimmungsaufheller! Ich geb Euch gleich Eure Stimmungsaufheller! Habt Ihr nur Schwein, dass ich grad echt müde bin!
"Haben Sie sehr starke Menstruationsblutungen?"
"Ne, habe ich nicht. Und aktuell auch gar keine."
"Sind Sie Veganer?"
"Leider gar nicht."
"Dann müssen wir uns ernsthaft mit der Ursache befassen!"
Da hätte ich kichern mögen: Erst interessierts keinen, dann soll ich Stimmungsbooster nehmen - und jetzt werden se nervös wegen so bisschen Eisenmangel. Pfff. Und: Ich war zu müde zum Kichern, Tatsache. Fragte nur matt, obs nicht eher auch an der Schilddrüse liegen könnte. Habsch irgendwo mal gelesen.
"Nein, auf keinen Fall. Ihre ist gut eingestellt mit dem Medikament, dann liegt es daran nicht."
Der Neurologe heute war auch sichtlich irritiert über meine Verfassung. Zum Ausschluss einiger nicht so schöner Sachen gibt es nächste Woche das MRT und dann einen Tag Spezialklinik.
"So schlimm wirds bestimmt nicht werden", meinte er zum Abschied, "wenn Sie Ihr Gangbild auch nur ein bisschen beeinflussen können, kanns eigentlich nichts Schlimmes sein. Denn wärs so, könnten Sies nicht steuern."
Und darauf ein Milchkaffee!! "Klein oder groß?" "Groß natürlich!"
Auch versuchte ich den Mann anzurufen, der ging aber nicht ran. ("Rufst du mich bitte gleich an, wenn du raus bist? Damit ich bescheid weiß?" Tzzz. S is doch immer dasselbe.)
Dann schrieb ich meiner Freundin. Stehe mitten auf dem sonnenüberfluteten Platz, den Kaffeeduft des nächstgelegenen Bäckers schon in der Nase, ich schreibe langsam und konzentriert, da stellt sich ein junger Mann vor mich. Lächelt breit und freundlich.
Hübsche Zähne, denke ich spontan.
"Hey! Ich musste dich jetzt unbedingt ansprechen. Weil du mir sehr gefällst!"
Äh...
"Äh..."
Er streckt mir die Hand entgegen, lächelt immer noch breit."
"Guten Tag! Ich musste dich jetzt unbedingt ansprechen. Weil du mir wirklich sehr gefällst!"
Ich schaue auf seine Hand. Mich durchzucken Nachrichten (scheiß Medien!), wonach man ja nie einem Fremden die Hand geben soll, man könnte sie gleich darauf auf dem eigenen Rücken wiederfinden und zeitgleich der Tasche oder wahlweise mindestens des iPhones beraubt werden. Und das wär schlecht. Echt schlecht! Ich meine, jeder hat doch so.. so.. Fotos und so ;)
Ich nehme seine Hand also nicht, aber ich lächle freundlich.
"Äh... Danke schön. Aber ich habe schon einen Mann."
Zack - das Lächeln ist weg.
"Ach so. Tschüss."
Dreht sich rum und weg sind die hübschen Zähne.
Sachen gibts!
Kann man schon mal von irritiert sein.
...bemisst Dich jeder lediglich an der Befriedigung der eigenen Erwartungen und Vorstellungen, nicht daran, was Du alles an Gutem hervorbringst.
Das ist so ermüdend.
Vor allem aber schmerzt es. Ganz sehr.
Am Anfang dachte ich, es läge am Wetterwechsel. Neunzehn Grad in M und tags drauf an der Küste Null Grad und Schneesturm - da muss man ja matschig im Kopf werden.
Wieder daheim dachte ich, es läge an den harten Betten dort. Dass ich nur verspannt sei.
Dann nahm ich so simple Dinge an wie: falsche eingestellte Brille. Eine Entzündung des Gehörgangs, von der ich nur noch nix gemerkt hatte. Bis hin zum Lagerschwindel. Oder dass ich mittlerweile in dem Alter angekommen bin, wo einem eben auch mal blümerant sein darf.
Ich witzelte darüber, ich scherzte darüber, doch je länger der Kreisel in meinem Kopf anhielt, desto ernsthafter wurden meine eigenen Gedanken. Mittlerweile fühlt sich mein ganzes Ich so an, als sei ich permanent extrem unterzuckert.
All die neurologischen Spielchen von früher - ich beherrsche keins mehr davon.
Kann nicht auf einer geraden Linie laufen - nicht mit offenen Augen, mit geschlossenen schaffe ich nicht mal einen einzigen Schritt, ohne aus dem Gleichgewicht zu kommen.
Mein Zeigefinger trifft meine Nasenspitze nicht mehr, sondern den Hals oder bestenfalls das Kinn.
Meine Zeigefinger treffen auch nicht mehr aufeinander, statt dessen umarme ich mich eher praktisch selbst.
Nicht gut, weiß ich.
Kramte Unterlagen hervor, um nachzusehen, wann der letzte Scan vom Kopf gemacht wurde.
Belas mich nächtelang über alle möglichen Dinge, obschon ich weiß, dass man das nicht soll.
Zugleich aber immer auch die Stimme von damals im Ohr: "Sie werden es merken, wenn Sprache und Motorik nicht mehr stimmen. Oder eins von beidem. Wenn sich das plötzlich verändert, melden Sie sich bitte umgehend."
Nun. Umgehend. Das ist ja so dehnbar, finde ich. Also in meiner Auslegung.
Der "Zustand" hat sich plötzlich verändert, okay, aber es gibt auch so viele andere Möglichkeiten. Harmlose Möglichkeiten.
"Und? Schon einen Termin geholt?" fragte der Mann ein paar Abende lang zur Begrüßung, wenn er heimkam.
Ihm entgeht nicht, dass ich immer unsicherer werde, im Gehen, im Schauen.
Ihm entgeht (natürlich) nicht, dass ich sehr viel mehr schlafe als noch vor wenigen Wochen und trotz zwölf Stunden Nachtschlaf (ja, den kann ich gut grad) von fünfzehn Minuten Fußweg so müde werde, dass ich anschließend mindestens ein, zwei Stunden schlafen könnte.
Noch bis vor kurzem konnte man mir Briefe, Protokolle oder sowas via Telefon diktieren - das Mitschreiben war kein Problem. Meine Fähigkeit, bis zu 600 Zeichen in der Minute zu tippen, dürfte sich deutlich reduziert haben - auch deshalb, weil ich mich ständig verschreibe und korrigieren muss. Auch jetzt grad, hier beim Blogpost. 'S nervt e bissl.
"Lass mich das besser stenografieren", bat ich den Chef - aber auch hier versage ich, weil ich oft zu lange überlegen muss, wie man was schreibt. Ist ja nicht so, dass es für jedes Wort ein Steno-Kürzel gibt. Man lernt ein Alphabet, man lernt viele Kürzel - aber viele Wörter muss man sich in dem Moment überlegen, wenn man sie diktiert bekommt und aufschreiben soll. Das ist normal und war bislang auch kein Problem. Bislang eben.
Was hingegen super funktioniert, ist mein Gedächtnis. Wo mir früher vieles entfiel, habe ich heute so ziemlich alles fehlerlos im Kopf. Bis auf die Preise der zuletzt gekauften Badezimmerartikel ;)
Inzwischen habe ich einen Termin beim Hausarzt, nachdem auch die früher betreuende Neurologie in L vermeldete "Tut mir leid, Termine erst im September."
Inzwischen nehme ich mich selber ernst, nehme jeden Abend diese Gedanken mit in mein Bett, während ich den Kopf auf das Kissen bette und in die Nacht starre, bis mir kurz darauf die Augen zufallen. Derzeit träume ich ziemlich wild, chaotisch - und beängstigend. Von Ziegen, denen im Akkord die Kehle durchgeschnitten wird, begleitet von einer komischen Melodie, in der sich das Geschrei der Ziegen verliert.. Von Menschen, die getötet werden. Von Begegnungen mit Menschen, die ich zwar aus meinem früheren Leben kenne, jedoch so niemals begegnet bin. Da gehts um Schuld, um Verzeihung, um das Aussprechen.
Ich schlafe derzeit jeden Abend allein ein und ich erwache allein jeden Morgen mit den Gedanken, von denen ich nicht einmal sagen würde, dass sie mich ängstigen. Aber sie hängen an mir, an meinen Armen, an meinen Beinen, sie beschweren mich und heute Morgen, als ich die Augen öffnete und das Zimmer sich etwas um mich drehte, da ertappte ich mich bei dem Gedanken, das Universum darum zu bitten: Was auch immer du dir jetzt wieder für mich ausgedacht hast - lass es wenigstens noch zwei Jahre gutgehen, bitte.
In zwei Jahren dürfte Sohn I sich im aktuellen Job bitte hoffentlich gefestigt haben.
In zwei Jahren dürfte Sohn II seine aktuelle Ausbildung bitte hoffentlich gut abgeschlossen haben.
Ich wünsch mir zwar natürlich auch für danach nix Schlechtes, nur dann.. braucht mich niemand mehr so wirklich, dann kann auch jeder ohne mich weitermachen. Sollte ich dann vielleicht irgendwo in einem fahrbaren Stuhl sitzen und das Zählen von Raben auf dem Dachfirst zur Tagesaufgabe haben.
Weiß man ja nicht.
Und natürlich begehrt der Optimist in mir gerade auf: "Würdste mal deine Ohren nicht immer so derbe mit Musik vollknallen, würds dir jetzt auch viel besser gehen. Bei DER Lautstärke tät mich jedenfalls nicht wundern, wenn sich da deine Sinneshärchen biegen!"
Erst am vergangenen Freitag habe ich von Dir erzählt.
Davon, wie sehr Du das Leben liebst.
Davon, wie sehr Du um dieses Leben kämpfst.
Davon, wie sehr Du Dir Kinder gewünscht hast.
Davon, wie groß die Hoffnung auf die Alternativtherapie war, an der auch ich mich beteiligt hatte.
"Warum du?" hatte der Mann mich gefragt. "Du kennst sie doch gar nicht wirklich."
"Aber ich nehme ganz sehr Anteil an ihrem Leben", habe ich geantwortet, "und ich kann dir nicht sagen, warum. Aber ich tus."
Und ich habe Dir so sehr gewünscht, dass.. irgendwie.. wider besseren Wissens.. eine Hoffnung besteht.
Ich wusste nie wirklich, was ich Dir wünschen sollte.
Du wolltest so sehr leben und Dein Körper konnte es immer weniger.
Am vergangenen Freitag erzählte ich jemandem von Dir - und erfuhr einige Stunden später, dass Du an diesem Freitag frühmorgens eingeschlafen bist. Nun für immer.
In diesem Moment lebt keine Vernunft, lebt kein Verstand, lebt auch kein Wissen.
In diesem Moment knickt es mir einfach nur die Beine weg, füllen sich die Augen mit Tränen.
Ich will mich nicht fragen, ob es ein Danach gibt und wie das aussieht.
Ich will mich nicht mit emotionsloser Wissenschaft befassen, aber mich auch nicht in etwas verlieren.
Ich möchte nur weiterhin daran glauben, dass es sehr viel mehr Dinge zwischen Himmel & Erde gibt, die sich nicht logisch erklären lassen - und sie geschehen trotzdem.
Und ich möchte an die Worte des Inders glauben, der mich vor zwei Jahren so anlächelte und zu mir sagte: "Wir sind auch nicht weg. Wir bleiben da."
Ich glaube, was mich mit Dir so verbunden hat, war diese Liebe zum Leben.
Da sein. Glücklich sein. Und glücklich machen. So lange, wie man das kann.
Seit 9 Tagen hadere ich mit mir und meiner Entscheidung, eine Tür hinter mir verschlossen zu haben.
Seit 9 Tagen frage ich mich, ob all die gemachten Erfahrungen es wert sind, diese Tür verschlossen zu haben, wenn man den Schlüssel ja doch immer noch in der Hand hält.
Vor 9 Tagen lese ich die Anfrage in meinem Mailpostfach "..möchte mit Dir befreundet sein", die nur wenige Stunden später wieder zurückgezogen wurde - aber die Mail ist da. In meinem Postfach. So wie die Zeile "Ich vermisse dich auch". Halte ratlos die mir neu übermittelte Telefonnummer in den Händen. Sehe freigegebene Erinnerungsstücke in dem anderen Profil, die auch nur wenige Stunden danach wieder auf privat gesetzt werden. Ich lese in diesen Erinnerungsstücken, ich lache und ich lache unter Tränen. Gerade weil dieses Muster wieder durchzubrechen scheint: Kommen und gleich wieder gehen.
Das wollte ich doch alles so nicht mehr.
Und dann stirbst Du, S., und die Fragen in mir vertiefen sich. Noch kann ich Türen wieder öffnen..
Warum ist es eigentlich immer der Tod eines anderen Menschen, der uns vor die Frage nach der Sinnhaftigkeit unserer Entscheidungen und Wege stellt?
Weil er der einzige ist, dessen "Entscheidung" niemals mehr umkehrbar ist?