Montag, 10. Februar 2020

Soll ich ihn heiraten?

Manchmal, wenn ich nach Hause komme und den Schlüssel aus der Tasche krame, fällt mein Blick auf die Klingelschilder. Gefühlt mehren sich die Schilder, auf denen mindestens zwei Namen stehen. Immer weniger entdecke ich Schilder mit nur einem Namen. Ob hier nun Menschen in einer WG zusammengefunden haben, weil die Mietkosten (nicht nur) hier in M unverschämt sind, oder ob es Paare in wilder Ehe sind, so wie der Mann und ich, vermag ich natürlich nicht zu beurteilen. Ich vermute dennoch mehr wilde Ehen als Wohngemeinschaften.
Weil Menschen immer weniger bereit sind, füreinander einzustehen, bis dass der Tod einen scheide.
Weil Menschen immer weniger bereit sind, sich festzulegen.
Weil Menschen immer mehr Angst vor finanziellen Verlusten haben.

Quelle:
https://weheartit.com/entry/68884251
Ich persönlich finde es wundervoll, Mann und Frau zu sein. Nicht nur einfach so. Sondern mit einem gemeinsamen Namen an der Tür. Für mich persönlich ist es ein wundervolles Gefühl, JA zueinander zu sagen. Ohne Angst. Ohne Furcht. Ohne den Gedanken an etwaige Scheidungskosten, die man nicht mal von der Steuer absetzen darf. Und ich persönlich finde die Entscheidung für eine Ehe umso wundervoller, wenn man sie nur für sich selbst trifft. Und nicht, weil man Kinder miteinander bekommen möchte oder schon hat. Nicht, weil man den anderen absichern möchte. Oder gar aus steuerlichen Gründen, grrrrr.
Für mich persönlich gäbe es nur einen Grund zu heiraten: aus Liebe.

Als ich vor einigen Tagen von einer Freundin gefragt wurde, ob sie ihren Freund heiraten sollte, weil er es sich wünsche, da stockte mir für einen Moment der Atem und ich starrte ungläubig auf das Display meines Telefons.
Mein aller-erster Gedanke war: "Dann kommt sie nie von ihm weg. Weil sie es sich dann gar nicht mehr leisten kann."
"Was wünscht du dir denn?" fragte ich zunächst und sie antwortete: "Na nur, wenn sich dies und das ändert."
Und ich fragte: "Hattest du diese Bedingungen nicht schon vor 9 Jahren gestellt? Und wie ist die Realität bis heute? Hast du nicht schon genug Probleme?"

Meine Reaktion auf ihre Frage hat mich einige Tage beschäftigt, und ich haderte mit mir, ob ich angemessen reagiert hatte. Ob ich mich zu weit hinausgelehnt und sie mit meiner Antwort verletzt haben könnte. Ob es mir überhaupt zugestanden hatte, so zu reagieren. Ich bin ihre Freundin und sie legt Wert auf meine ehrliche Meinung. Aber darf man immer so ehrlich sein? Schonungslos auch?

Wie ist das, wenn man gefragt wird, ob man den anderen heiraten möchte?
Dass man überglücklich ist? Dass man nachts nicht schlafen kann vor lauter Herzklopfen? Dass man überlegt, wie man die Aller-Schönste für ihn sein kann an so einem Tag? Wie man denn diesen einen Tag verbringen möchte? Mit ein paar Freunden am Meer und Wein und Musik? Dass der schmale, schlichte Ring die Unendlichkeit des Liebens symbolisiert?
Mann und Frau zu sein, so richtig wirklich, verbinde ich nur mit romantischen Gefühlen - und sie haben für mich immer noch mal etwas anderes Besonderes, als "einfach nur" zusammen zu leben. Ja, es ist immer eine Entscheidung füreinander - und ob man eine Eheurkunde "braucht" oder nicht, darüber denke ich nicht nach. Es geht für mich nicht darum, dass man etwas braucht - sondern was für mich persönlich wichtig ist. Und für mich ist es diese Verbindung zueinander.
In der man sich nicht diese Tür offen lässt, weil man jeden Tag jederzeit einfach wieder gehen kann. Sondern sich bewusst füreinander entscheidet und dies auch ver-ankert. Ver-symbolisiert.
Das kann und soll man gar nicht rational verstehen oder begründen. Sondern einfach nur.. mit Gefühl verstehen.

Ich wünsche meiner Freundin so sehr, dass sie glücklich ist. Dass sie verliebt ist. Dass sie aus Liebe mit ihrem Mann zusammen ist, auch wenn man ihn manches Mal zum Mond katapultieren wollte. Dass sie nicht ihre Freundin fragt, ob sie ihn heiraten soll, sondern sich selbst, ob ihr Herz genug klopft allein bei diesem Gedanken. Dass sie überschäumen wollte vor Glück. Ob sie sich vorstellen kann, dass es genau DER Mensch ist, mit dem sie sich die nächsten hundert Jahre vorstellen kann. Ob er es ist, neben dem sie jeden Morgen erwachen und jeden Abend einschlafen möchte. Ob er es ist, mit dem sie ihren Kummer und ihre Freude teilen möchte. Ob er es ist, mit dem sie alle Leidenschaft ausleben möchte.
Aber bei den beiden glaube ich nicht daran. Und das Schlimme ist: Sie glaubt selbst nicht daran - und die Gründe hierfür sind.. erschütternd.
Vermutlich hätten sie sich längst getrennt, wären die Kinder nicht und die daraus erwachsenen finanziellen Sorgen, die mit einer Trennung nicht kleiner würden.
Aber ist das die Basis für eine Ehe?
Für etwas, das ein Leben lang halten soll?
Oder denke ich da zu altmodisch, weil auch eine Ehe nicht für ein Leben lang halten muss?
Wäre es aber nicht viel schöner, wenn sie es tut? Zumindest, solange man fühlt und daran glaubt, dass es die richtige Entscheidung, der richtige Mensch im Leben ist?

Ich glaube nicht unbedingt, dass ich ihr gegenüber falsch reagiert hatte. Aber es tat mir unendlich weh, nicht einfach vor Begeisterung ins Telefon schreien zu können, dass ich mich sehr für sie freute.

6 Kommentare:

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Ich habe ja vor 100 Jahren katholisch geheiratet - da hieß ja die Trauungsformel wirklich "Bis dass der Tod euch scheidet!"
Damals wohnte ich in Dresden mit einer Freundin zusammen im Internat. Zu ihr sagte ich ca. 3 Tage vor der Hochzeit: "Bis an mein oder sein Lebensende??? Das schaffe ich nie, das ist ja der blanke Wahnsinn."
Also muss ich damals schon hellseherische Fähigkeiten gehabt haben.
Ich hätte bei deiner Freundin auch so reagiert. Wo findet man noch Leute, die den Mut zur Ehrlichkeit haben?

Juna hat gesagt…

Dafür sind Freunde da, einen vor wirklich großen Dummheiten (emotional und finanziell) zu bewahren.

Im Rückblick wünsche ich mir manchmal, dass mein damaliger Trauzeuge sein "komm wir lassen den Scheiß hier und gehen einen trinken, deine Ehe wird nicht lange halten" nicht so flachsig 5 Minuten vor dem Standesamttermin gebracht hätte. Die Ehe hielt genau 3 Monate und wurde doch erst 3 Jahre später geschieden, kostete mich wahnsinnig viel Nerven und Geld.

Voll romantische Hochzeitsfrage, aus ganzer Liebe und Schmetterlingen, so wie im Märchen und hachz...?! Die erste Ehe war ein "man heiratet halt und bekommt Kinder." (gut das er zeugungsunfähig war wusste nur er - besser ist es das der sich nicht fortpflanzt).

Die zweite Hochzeit ist genau das Gegenteil von dem was du oben beschrieben hast: wir haben wegen der gegenseitigen Absicherung und auch der Steuer geheiratet. Um ehrlich zu sein, ist das für mich ein größerer Liebesbeweis, als romantische Liebeserklärungen.

Verantwortung für den anderen übernehmen, diesen absichern . Klar es gibt Vorsorge und Möglichkeiten die man auch ohne Ring treffen kann, der Ring bietet das komplett Paket und legt dann die Steuer noch dazu ;-) -

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Clara, ich bin zwar nicht katholisch und das ganze Drumherum war auch alles andere als so romantisch, wie ich es mir heute vorstelle oder wünschte, aber damals war ich eben auch jung. 19 Jahre alt. Man hat es damals eben so gemacht.
Aber heute haben wir andere Zeiten. Wir sind alle älter geworden und leben bewusster. Schauen bewusster. Empfinden bewusster - und entscheiden bewusster füreinander. Oder dagegen.
Egal ob wir 30, 40 oder 50 sind.
Zu Deinem letzten Satz: Ich hoffe, sie sieht es genauso ;) Gefragt habe ich sie noch nicht danach. Würde ich dann auch lieber beim Käffchen machen, nicht über whatsapp.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Liebe Juna, na wie im Märchen vielleicht nicht gleich, das wär mir dann auch zu kitschig ;)
Auch nix mit Kutschen-Scheiß und so, viel lieber mit dem Oldtimer am Meer entlangfahren oder so ;)
Meine erste Ehe war genauso entstanden wie Deine erste (bis auf die Kinder, freilich ;)). Eine zweite hatte ich mir gerade darum immer anders vorgestellt. Anders gewünscht.

Lutz hat gesagt…

Schwierige Sache, das. Vielleicht mal mit nur wenigen Worten.

Früher war ich auch dieser Romantiker. Mit allem Pipapo. Lieben, heiraten, Kinder, bis dass der Tod euch scheidet.

Inwischen bin ich da zurückhaltender. Meine Meinung von einer langanhaltenden, funktionierenden Beziehung ist, dass beide nie den Respekt voreinander verlieren dürfen. Dann hält man auch lange oder sogar für immer miteinander aus. Und den Respekt, die Distanz behält man u.a. auch, wenn jeder eine gewisse Selbstständigkeit behält. Eine Heirat, ja sogar schon eine gemeinsame (einzige) Wohnung trägt zumindest dazu bei, dass die Distanz geringer wird. Natürlich nicht nur, aber auch.

Das gilt nun zweifellos nicht für alle und jeden. Aber ich glaube, vielen Paaren hätte dies geholfen, um ihre Beziehung länger oder sogar für immer zu erhalten. Und zwar nicht so wie vielen unserer Elterngeneration mehr schlecht als recht und notgedrungen, sondern gern, aufrichtig und mit ganzem Herzen.

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Lieber Lutz, grad mit dem einen Satz ist so vieles ausgedrückt: Man darf niemals den Respekt voreinander verlieren. Die Achtung. Die Liebe. Wenn man jung ist, glaubt man ja, es ist so und so bleibt es für immer - aber dass beide immer etwas dafür tun müssen, begreift man erst später.

Natürlich hat jeder seine Gründe, warum er heiratet - und alle Gründe sind gute Gründe, solange man es gerne tut. Für mich kommen trotzdem nur die romantischen in Frage. Vielleicht auch gerade deshalb, weil ich es mit der ersten Ehe ganz anders hatte als ich es mir je träumte, wünschte, vorstellte. Und weil das Geldthema ein Kotzthema für mich ist. Streit um Geld ist einer der widerlichsten, den es gibt. Ich will keinen Besitz von einem anderen. Von mir aus kann er alles verschenken.

Ja die Distanz... Früher fand ich es immer schön, ein gemeinsames Zuhause zu haben. Und fand immer sehr erleichternd, dass der Mann sagte "Ich mag deinen Wohnstil. Wenn wir mal zusammen leben, darfst du bei uns alles einrichten." Die Realität... nun ja... :)
Ich habe so einige Ideen, die bis heute nicht umgesetzt sind, weil wir uns da nicht ganz einigen können. Wenn ich dran denke, wie oft ich früher gemalert, umgebaut, Möbel umgestellt habe... Bestimmt alle halben Jahre, so in etwa :)
Das ist zwar alles nicht lebensnotwendig, aber manchmal denk ich: Hmm, wenn ich könnte wie ich wollte...
Zusammen leben ist immer mit Kompromissen verbunden. Solange die sich gut anfühlen, kann man es so machen - oder muss andere Wege finden, das sehe ich genauso wie Du.