Dienstag, 29. Januar 2019

"Die Würde des Menschen ist unantastbar"

Daran denke ich oft, wenn ich sie sehe, sitzend an der Wand gelehnt, schlafend in Hauseingängen, oft einen Wagen mit ihren Habseligkeiten nach sich ziehend oder in Plastiktüten neben sich stehend.
Ich denke auch oft an meine Mum, mit der ich vor vielen Jahren durch die Einkaufsstraßen von L zog - und sie mit einem Mal in Tränen ausbrach "Es tut mir leid, aber ich kann da einfach nicht vorbeigehen." Und dann ging sie zurück und legte dem alten Mann ihre letzten Münzen in den Pappbecher.
Auf der Insel, auf der sie immer noch lebt, bekommt sie die Menschen nur selten zu sehen. Wenn denn überhaupt. Damals wie heute.
"Dein Papa ist ein typisches Nachkriegskind", sagte sie mal zu mir. "Die mussten lernen zu überleben, an sich zu denken. Bis heute schaut er nicht über den Tellerrand."
Aber du musstest das doch auch, dachte ich, ihr wart sieben Kinder, nicht nur drei.
"Ich kann das nicht", sagte sie damals. "Wir hatten auch nicht viel. Aber wir haben immer geholfen und immer geteilt."

Als ich heute Abend das Haus verließ, hatte ich es eilig. Der Mann wartete auf mich irgendwo am Supermarkt. Oder im Supermarkt - hoffte ich.
Ich sah den alten Mann wieder dort an der U-Bahn sitzen, kaum dass ich um die Ecke kam. Schmutzig, verwahrlost, eine alte schmutzige Decke auf den Knien, irgendwelche Tüten neben sich.
Er erkannte mich wieder, winkte mir, lächelte. Ich lächelte zurück, eilte in den Bäckerladen neben ihm, kaufte einen Becher heißen Tee und überlegte wie jedesmal, was ich ihm zu essen mitnehmen könnte. Wir sprechen nicht dieselbe Sprache, ich weiß nicht, woher er kommt und was seine Kultur ihm erlaubt zu essen.
Wieder raus vor die Tür, zu ihm geeilt, mich vor ihn gehockt, den Becher in seine Hand gegeben.
"Vorsicht, heiß", bedeutete ich ihm.
Er sagte etwas, das ich wieder nicht verstand. Aber wir lächelten einander an.

Als ich zur Straße eilte, lief ich prompt Herrn Blau direkt in die Arme.
"Du hast dem jetzt nicht wirklich Geld gegeben, oder?"
Scheiße. Ach Scheiße. Warum war er nicht wie sonst schon in den Markt gestiefelt?
"Ich dachte, du wartest im Supermarkt auf mich?"
"Nein. Ich warte hier seit zehn Minuten und du lässt mich hier frieren wegen der Bettlerbande? Wann lernst du endlich, dass die alle zur Mafia gehören?"
Ich schob meine Hand in seine.
"Er sieht nicht aus wie einer von der Bettlermafia", sagte ich. "Außerdem habe ich ihm nur etwas zu essen und einen Tee gebracht."
"Das ist egal. Es ist schade um jeden Cent bei denen."
Da krampfte sich in mir etwas zusammen.
Vielleicht hat er recht, der Herr Blau. Vielleicht aber irrt er sich auch. Ein Mensch ist.. ein Mensch, nicht mehr und nicht weniger.
"Für die wird gesorgt, da musst du dir keine Gedanken machen!"
Ich schaute zurück zu dem alten Mann.
Vielleicht hat er recht, der Herr Blau. Meinem Bauchgefühl nach aber.. kümmert sich niemand um diesen alten, schmutzigen Mann mit seinen paar Habseligkeiten.

Er hatte mich gewarnt, damals vor über zwei Jahren, als wir uns auf den Weg nach Indien gemacht hatten. Selbst Inder warnen vor der Bettlermafia, die ihren Kleinstkindern mit Opium getränktes Wasser zu trinken geben, damit sie die meiste Zeit über schlafen, während sie sie herumtragen und mit ihren Fingerspitzen an die Autoscheiben klopfen. Tok Tok Tok - bis heute verfolgt mich dieses Geräusch. Verfolgt mich der Anblick ihrer winzigen Beinchen, kaum dicker als der Daumen des Mannes, die kleinen Fußsohlen kaum größer als ein Fingerglied.
"Ich weiß, das ist schwer, grad bei Kindern", sagte Herr Blau. "Aber wenn du einmal damit anfängst, wissen sie, dass sie zu dir kommen können. Dann kommen immer mehr und du wirst sie nicht mehr los. Aber du kannst sie nicht alle retten."

Kinder und alte Menschen.. Die wehrlosesten unter uns.

Ich weiß, ich kann sie nicht alle retten. Das versuche ich auch gar nicht. Aber ich bin wie meine Mama. Ich kann nicht einfach so an ihnen vorbeigehen. Wir mit unserem ordentlichen, warmen Zuhause, den dicken Wintersachen und dem Essen auf dem Tisch.

Weil ich es mir wert bin

Ich hab mich entschieden.
Hinter dem Rücken des Mannes, sozusagen, weil ich mit dem zwar über die Möglichkeit, die Verfahrensweise und die erhoffte Wirkungsweise sprach - er aber dagegen war.
"Wenn du das in L machst und es passiert dir was, dann bin ich viel zu weit weg und kann dir nicht helfen", wandte er (sicherlich begründet) ein.
Es ist mir wohl naturgegeben, dass ich mir meist wenig Gedanken mache - dafür einfach losagiere.
("Du bist ein echter Zwilling", wurde mir schon öfter nachgesagt, "heute so, morgen so! Zwei Gesichter!" Und ich hab dann nur gelacht: "Ach Quark! Ich mache wie ich denke, ich denke nur eben nicht jeden Tag dasselbe. Ich bin offen für alle möglichen Gedanken." Haha. Gut gedreht, nicht wahr? Aber so bin ich wirklich.)

Über die Thematik der Eigenbluttherapie hatte ich mich belesen, aber dass auch so Risiken wie Embolien oder so auftreten könnten, grad wenn man - wie ich - das Ganze nicht mittels Injektionen unter die Haut, sondern via Infusion in die Vene praktiziert, das wurde mir erst vergangene Woche bewusst, als ich da nun zum ersten Termin in L war. Heimlich, wie gesagt - aber hoffnungsvoll. Erwartungsfroh. Oder wie auch immer man das nun nennen will.
Wie lief das Ganze ab? Sie kennt mich seit Sommer 2018. Sie kennt mein Blut, meine Vorgeschichte, überhaupt meine Geschichte.
Der Plan: Sie nimmt mir in mindestens 10 Behandlungen jeweils gut 100 ml Blut ab, es wird mit einem Medikament für das Immunsystem bzw. meine Lymphen, einem Blutverdünner (eben damit es nicht klumpt) und Ozon angereichert und über die Infusion wieder zurückgeleitet.
So war der Plan und so wurde er auch umgesetzt.
Die ersten beiden Male in der vergangenen Woche, die ich in L war, neben dem Renovierungsstress (Ha! Fast alle Räume geschafft - Küche, Bad, Flur und Zimmer von Junior I - nur Junior II, da hatte ich dann wirklich keine Energie mehr. "Deinen Jungs gehört der Arsch versohlt, dass die ihre Mutter das alleine machen lassen!" wurde ich angewütet. "Wieso?" wunderte ich mich. "Die sind doch gar nicht da. Abends, wenn die heimkommen, sind alle Messen doch schon gesungen? Ich hab doch zwei Tage extra frei genommen, muss nur Mittwoch und Donnerstag ins Büro." "Dann gehört DIR der Arsch versohlt!" "Wieso? Ich mach das gerne, ich hab das schon immer gerne gemacht. Und ich will, dass die es schön haben. Auch wenn sie zehnmal sagen: Mutsch, das brauchste doch nicht machen. Die zwei schaffens ja auch nicht. Und nach vier Jahren muss echt mal wieder was gemacht werden." "Okay! Dann komm her, ich hab hier auch noch ne Wohnung zum Malern."), dem intensiven Job im Office (Meine Lieblingskollegin ist erkrankt. Shit. Nun muss ich mich selber um meinen Kaffee kümmern *smile*) und auch den Kontrolltermin bei der anderen Ärztin speziell für Frauen.

Dem Mann habe ich diesen Therapiestart erst "gebeichtet", als ich wieder zurück in M war und er zeitgleich erholt, entspannt, glücklich aus dem Skigebiet zurückkehrte. Der perfekte Moment des Beichtens, dachte ich. Ich kann ja so berechnend sein ;)
Aber er musste zugeben: Bereits nach der zweiten Behandlung ist ein erster Erfolg sichtbar geworden: Meine rechte Hand hat fast vollständig aufgehört zu zittern.
"Ich wage mir gar nicht zu hoffen, dass das schon von der Behandlung kommen soll?" fragte ich in L nach.
"Wie lange zittert Ihre Hand?"
"Seit 2 Jahren. Oder länger?"
Sie lächelte. Ich lächelte.
"Es bestätigt, was ich Ihnen schon letztes Jahr sagte: In Ihrem Körper steckt eine Infektion, ob nun im Nervensystem oder doch im Kopf, und mit dieser Therapie werden genau diese versteckten Infektionen behandelt und, wenn alles klappt, ausgeheilt."

Was ich bis zur 2. Behandlung nicht wusste: Grad zu Beginn der Therapie sollte man diese wöchentlich durchführen. Also muss ich auch hier in M gehen. Musste jemanden finden, der diese Behandlung praktiziert - und dessen Kosten mich nicht völlig arm machen.
Möglicherweise habe ich Glück: Gestern fand ich jemanden, zu denselben Konditionen wie in L. Ein Glücksgriff - oder bestätigt sich hier, dass das Leben in L mittlerweile genauso teuer geworden ist wie in M, abgesehen von den Mietpreisen?
Wie dem auch sei, morgen kommt die dritte Behandlung - und wenn ich damit nur dieses Zittern und dieses unsichere Gehen wieder loswerde, dann wäre ich schon echt extrem dankbar. Man wendet diese Therapie zum Beispiel auch bei chronischen, rheumaähnlichen Beschwerden an - aber darauf wage ich nicht zu hoffen, ehrlich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es nach nunmehr 14 Jahren Leben mit dem pausenlosen Schmerz möglich sein soll, diesen zu eliminieren.

Und die Kosten? Falls es jemanden interessiert? In L habe ich für die ersten beiden Sitzungen 165 Euro bezahlt, die Kosten in M sollen gleich liegen. In Abhängigkeit davon, ob und welches Medikament dem Blut zugeführt wird. Aber das passiert ohnehin nur mit meinem Einverständnis.
Und ja, bei der Krankenkasse habe ich nachgefragt. Sie öffnen sich den alternativen Heilmethoden, grad wenn die Schulmedizin an ihre Grenzen gekommen ist. Nur.. Die Kostenübernahme gilt nur bei approbierten Ärzten, die einerseits auch auf Naturheilkunde setzen und andererseits einen Vertrag mit der Kasse haben. Und: Die Kostenübernahme gilt nur für das Erstgespräch und etwaige folgende Beratungen. Sie schließt keine Behandlungen und keine Medikamente mit ein. Da musste ich lachen: "Hm, aber das ist ja eigentlich das Teuerste an allem. Der Kern des Ganzen."
Die (wirklich sehr nette) Dame am Ende der Leitung lachte ebenfalls und antwortete: "Ja das stimmt schon. Aber mehr ist derzeit nicht möglich. Vielleicht kommt das ja noch."

Und Nebenwirkungen? Der "Drehmoment" in meinem Kopf ist etwas deutlicher geworden - und meine ganze Haut empfindlicher. Strickpullover oder ähnliches zB kann ich derzeit kaum anziehen. Aber das soll wohl zu Beginn der Behandlung normal sein und dann nachlassen. Schauen wir mal.
Wichtig ist am Ende nur, dass es hilft. Wenn schon alles andere bislang versagt hat. Und das.. wünsche ich mir wirklich. Dass auch dieser Versuch nicht umsonst sein wird.
"Ja, das ist teuer, aber ich muss es versuchen", habe ich zum Mann gesagt. "Wenn es mir hilft, ist es mir das alle Mal wert. Das muss ich mir wert sein."

Montag, 14. Januar 2019

Mein Wochenende in Bildern

Freitagabend:



Samstagabend:

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Sonntagabend:

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Kenner verstehen das :)

Freitag, 11. Januar 2019

Ein Satz mit X

...das war leider.. nix.
Ich habe mich aus mehreren Gründen arg gefreut, nach Hause zu kommen - und ich muss latent beschämt gestehen: Ja, auch weil heute das neue Handy gebracht werden sollte.
Was es auch wurde.
Kennt Ihr eigentlich auch den Witz? "Stubenarrest von heute ist, etwas mit DHL liefern zu lassen."
OK, vermutlich kennt ihr nicht den Witz, dafür aber die Erfahrung.
Seis drum.
Der Mann hatte heute Home Office und als ich mittags eintraf, übernahm ich, damit er raus vor die Tür konnte. Joggen. Bei geschätzten dreißig Zentimetern Neuschnee. Na wenns schön macht.
Wir haben bis 18.30 Uhr gewartet, dann schaute ich in die Sendungsverfolgung.
Erfolgreich zugestellt. Beim Nachbarn. Du kriegst die Tür nicht zu....
"Wer ist Frau Lange? Und wo zum Teufel wohnt die?"
Wir haben das Paket gefunden, ausgepackt und ich habe mich mega gefreut, ich gebs zu.
Und dann begann ich mich schon zu wundern, dass das Teil das Backup einfach nicht nehmen wollte. Dieselbe Scheiße wie schon beim Alt-Modell: "Die ID ist falsch."
Ne. Isse nich. Mehrfach getestet.
Und jeder Schritt so derart langsam, dass selbst ich als nordisches Untier Schwämmchen bekam - und ahnte: "Da stimmt doch was nicht."
"Vielleicht stimmt ja mit deiner Karte was nicht", mutmaßte der Mann. "Immerhin hat die ja auch Badewasser abbekommen."
Tja nun.
Sein Handy genommen, ausprobiert - alles funzt. An der Karte liegts also nicht.
Irgendwann doch endlich die ID angenommen, whatsapp aus der Cloud geladen.
"Das dauert zu lange. Ey..."
Wenn du nicht mal ein scheiß billiges Statusbildchen von XY Müller Meier Eckehart anschauen kannst und stattdessen in den Millionsten Timeout rennst, dann bleibt nur noch eins: auf Werkseinstellungen zurücksetzen, ordentlich verpacken, Retourenaufkleber drauf und weg damit.

Fragt ja nicht nach meiner Stimmung!

Da hat mir auch die für mich mit Liebe geschmierte "Sei wieder lieb"-Stulle nicht geholfen.
Da hat auch der mit Liebe für mich gekochte Kaffee den Frust nicht runterspülen können.
Ich habe wirklich extrem selten Synapsenkoller - aber heute war dann doch so ein Punkt erreicht. Ehrlich, ich hätte am liebsten den ganzen Shop dort angezündet. Glücklicherweise habe ich die Rezension erst geschrieben, nachdem ich das Käffchen ausgetrunken hatte. 500 ml heiße Brühe müssen erstmal den Weg durch die Kehle finden - bis dahin beruhigt sich das Blut. Ein bisschen.

Morgen fahren wir in die City und schauen uns vor Ort um. Dann leg ich eben nochmal fuffzsch Euro drauf, auf die kommts dann auch nicht mehr drauf an. Es muss nur funktionieren.

Mittwoch, 9. Januar 2019

Erste neue Ziele

Es gibt nicht viele Plätze, die ich in meinem bisherigen Leben gesehen habe. Vermutlich gibt es viel mehr Plätze, die ich überhaupt erst noch sehen möchte.
Und möglicherweise kommt man in den allermeisten Gegenden mit Englisch am weitesten.
"Dein umgangssprachliches Englisch ist viel besser als meins", sagt der Mann oft, dem eher das technische und vertragliche Englisch liegen. Aber ich spreche zu wenig Englisch, vor allem auch, weil ich es im Job nicht brauche. Vom Auffrischkurs von vor etwas über einem Jahr ist schon wieder vieles verloren gegangen. Ich finde das echt schade, grad weil mir schon zu Schulzeiten bescheinigt wurde: "Sprachen liegen Ihnen." Und mit dem Wissen darum, zu vieles bereits wieder vergessen zu haben, bauen sich in mir Hemmungen auf, die mich zaudern lassen, überhaupt auf Englisch zu kommunizieren.
Wie oft ist mir das schon passiert, dass ich, wenn ich denn mal beginne, fast sofort anschließend denke: "Du Blödi, Blödi, Blödi!! Das hätteste doch viel besser so und so sagen können!"

Am Freitag soll nun das neue Handy geliefert werden - und damit besteht wieder die Möglichkeit der Sprach-Lern-App. Nachteilig an der von mir bisher benutzten: Man muss sich für nur eine Sprache entscheiden, mehrere sind nicht möglich. Englisch würde ich also nach der Neuanmeldung nicht nochmal wählen - sondern Spanisch. Für mein Empfinden eine der erotischsten Sprachen überhaupt, so wundervoll weich und melodisch. Ich freu mich schon sehr auf das Lernen! Zwar habe ich gerade gelesen, dass in dem von uns in diesem Jahr präferierten Urlaubsland Spanisch gar nicht empfohlen wird, sondern die Landessprache - auch wenn sich die Sprachen ziemlich ähneln sollen. Aber egal. Spanisch wollte ich schon so lange lernen - und wenn ich wieder zu Hause bin, ist das Telefon da und dann gehts auch gleich los :)

Bildquelle: https://grusskartenwerk.de/de/Spruchkarte--Humorkarte--Postkarte--Lebensweisheit--Man-muss-das-Leben-tanzen-----Grusskarte--Karte-mit-Spruch-136-138-314-315-316-317-318-390.html

Dienstag, 8. Januar 2019

Sie sind da!!

Als ich heute Nachmittag in L ankam, lag ein großer Briefumschlag auf meinem Sofa.
"Nicht öffnen!" war mein erster Impuls. "Du kennst den Absender gar nicht! Briefbomben!"
(Ich muss immer noch über mich lachen.)
Ich las den Namen einmal, zweimal - und dann hats endlich Klick bei mir gemacht. Menschen aus dem Norden brauchen ja manchmal etwas länger - das ist allgemein bekannt!
Ach, was hab ich vor Freude getanzt in meiner Küche! Man kanns auf dem Foto ja nicht richtig erkennen (aaaber: lieber eine schlechte Kamera im Uralt-Ersatzhandy als gar kein Handy ;)) - aber die Farbe der mir versprochenen und in herrlichem, wunderbaren Rot selbst gestrickten Socken passen perfekt zu den roten Nähten meiner Lack-Boots.

Meine Kollegin morgen wird aber sowas von Augen machen!! Vor kurzem musste ich herzlich lachen, als sie zu mir sagte: "Ey... Du hast gestern so toll ausgesehen, dass ich mir abends vor lauter Frust was Schönes zum Anziehen bestellt habe."
Gibt es ein größeres Kompliment? Wohl kaum :)

Liebes Karamellkätzchen - ich bin Dir wahnsinnig dankbar und kann gar nicht wirklich in Worte fassen, wie sehr ich mich über diese Socken freue!! Und Deine Karte, das kannst wissen, die hebe ich mir auf! Sowas Schönes habe ich lange nicht geschrieben bekommen :*
Ich überlege mir noch etwas, wie ich mich revanchieren kann. Nicht weil ich es muss - sondern weil ich es möchte :)

Montag, 7. Januar 2019

"Bist du glücklich?"



Den gleichnamigen Film "Bist du glücklich?" haben wir gestern Abend angesehen - er hat mit dieser Frage geendet und vielleicht offen gelassen, ob es ein Happy End geben wird oder nicht. Ein - für mich - sehr guter Film in gekonntem ständigen Wechsel zwischen Rückblende und Gegenwart. Ein Film, der - für mich - die Konsequenz deutlich macht, wenn man nicht mehr wirklich miteinander spricht.

"Ich glaube, du kennst mich gar nicht wirklich", sagt der Protagonist irgendwann zu ihr, nach 13 Jahren Ehe.

"Den Satz habe ich auch gerade erst von jemandem gehört", sagt der Mann im Vorbeigehen zu mir.
Wenn ich so darüber nachdenke.. könnte ich mir vorstellen, dass dies ein ziemlich weit verbreitetes Symptom ist, in so ziemlich sehr vielen Beziehungen.. So oft haben wir uns gefragt, warum wir hier sind und nicht woanders, was es denn überhaupt (noch) Liebenswertes gäbe, wenn.
Ich frage mich, in was wir verliebt sind - in den Menschen neben uns oder in unsere eigene Vorstellung von ihm?

"Liebe ist die Fähigkeit, über die Macken des anderen hinwegzusehen", sagt der Protagonist auf die Frage, was er denn unter Liebe verstünde.

Ich für mich selbst fand diese Frage sehr.. treffend beantwortet.
Wenn wir einander begegnen, dann freuen wir uns über Gemeinsamkeiten, wir finden aber auch die kleinen Ungleichheiten gut, weil sie die Möglichkeit geben, auch aneinander reiben zu können. Ich denk schon, dass wir das brauchen. Jeden Tag Harmonie würde mir als Ideal nicht erscheinen - es würde mir eher eines Tages das Gefühl vermitteln, all die gemeinsamen Jahre nur an der Oberfläche geblieben zu sein, nie wirklich in die Tiefe gegangen zu sein - und nie wirklich erfahren zu haben, wer der andere eigentlich wirklich ist.
Ob das vielleicht der Punkt ist, an dem so viele Beziehungen scheitern?
Weil man nicht lernt, den anderen wirklich zu sehen und vor allem auch genau so anzunehmen, und stattdessen darauf wartet, dass eines Tages die Dinge sich schon noch so fügen werden, wie man selbst es sich vorgestellt hat?

In diesem Januar, so kommt es mir vor, wird gerade überall so einiges ordentlich durchgerüttelt. Es bleibt abzuwarten, was am Ende übrigbleibt.

Donnerstag, 3. Januar 2019

Treffer: Versenkt

Zum ersten Mal seit 16 Jahren ist mir das nun auch passiert, dass sich mein Handy aus meiner Hand in die Tiefe meiner Badewanne stürzte. Ob nun endgültig zu Tode, werde ich in etwa drei Tagen wissen. So lange ruht es im Reisbett und habe ich mein Vorgängermodell reaktiviert. Zwar ohne Backup dank veralteter Software, die leider keine Aktualisierung mehr zulässt, kein Zugriff auf den App-Store, keine Bedienung der Apps aus der Cloud - aber immerhin kann ich wieder angerufen werden, ich kann E-Mails auch unterwegs lesen und das Wichtigste: Ich habe meine Musik wieder dabei. Und wenigstens die Rufnummern meiner Söhne aus meinen E-Mails fischen können. Manchmal zahlt sich eben doch aus, dass man dann und wann ihre Lebensläufe schrieb ;)

Alles andere.. Muss warten. Kann warten. Am allerwichtigsten war mir die Musik..

Ich kenne leider den Urheber dieses Bildes nicht..

Quelle: https://stocksnap.io/photo/0BUP2KGIZ9

Quelle: https://stocksnap.io/photo/XDUMGWPQMS

Silence



Talking

Why's everyone always talking?

Noise in my head, but it’s nonsense
I can't feel nothing

Guarded
Don't overthink how we started
Knew from the second you walked in
This could be something

Everybody’s looking for love to start a riot

But every time I look in your eyes

The world gets quiet
So let it go, let it fall, let it fly

We'll keep on trying

'Cause I knew I was in love with you
When we sat in silence
Dreaming

I'm wide awake while I'm dreaming

Seeing in your eyes what you're thinking
So please don't worry

Waiting
Know that I'll always be waiting
Do you believe what I’m saying? (no)
I’m in no hurry
Everybody's looking for love to start a riot

But every time I look in your eyes

The world gets quiet
So let it go, let it fall, let it fly

We’ll keep on trying

'Cause I knew I was in love with you
When we sat in silence
Sat in silence

Sat in silence

Sat in silence
When we sat in silence
Sat in silence
Sat in silence
Sat in silence
When we sat in silence
'Cause I knew I was in love with you
when we sat in silence




When we sat in silence


Mittwoch, 2. Januar 2019

Remember Me



Wenn der Winter seine Schneedecke über der Stadt ausbreitet, dann.. werden die Straßen hell und die Stadt wird leiser.. Viel leiser. Alles scheint wie in Watte gebettet.
Das ist meine Zeit.. Meine Zeit, in der ich die Furcht vor der Dunkelheit verliere. In der ich mich in Mantel und Schal hülle, die Hände in den Strickhandschuhen in den Manteltaschen vergrabe. In meinen Ohren Musik. Natürlich die Musik. Weil es ohne nicht gehen kann, während ich die Straßen entlanggehe, langsam, bedächtig beinah.. mich treiben lassend wie die zarten Schneeflocken um mich herum..
Die Begegnung mit erleuchteten, unverhüllten Fenstern, die den Blick auf ihr Inneres freigeben..

Die Oma, die allein, aber mit einem irgendwie glücklichen Lächeln in ihrem Fernsehsessel sitzt, über sich, um sich Decken gehüllt, ihr Sofa, ihre Schrankwand, das ganze Zimmer angefüllt mit Nippes, Deckchen, Blumen aus Plastik. Ich schmunzle in meinen Schal hinein und frage mich.. Werde ich eines Tages auch so dasitzen? Vielleicht mit Katzen in meiner Wohnung oder doch lieber ganz allein, weil dann immer noch unabhängig?

Die Familie mit ihren Kindern, von denen mindestens eines Nacht für Nacht viel zu spät zur Ruhe findet und den Eltern viel zu wenig Zeit zum Durchatmen gönnt - und dennoch möchte man keinen Moment missen. Auch dann nicht, wenn man das Kleinste manchmal auf einer Rakete mitsenden wollen würde. Ich schmunzle in mich hinein, noch immer so nah die Erinnerungen an eigene, unendlich viele durchwachte, verzweifelte Nächte.. Sie werden bleiben, diese durchwachten, mitunter verzweifelten Nächte der Kinder wegen, auch wenn sich die Farben der Sorgen ändern werden. Und was ebenso bleibt.. ist diese Liebe zu ihnen. Die einzige bedingungslose Liebe, die ich kenne.

Dort die Frau an einer Wegkreuzung, die nicht sagen kann, wie sie weitergehen kann, wie sie weitergehen soll, die sich letztendlich gegen das Herz und für den Kopf entscheidet und der ihr im allerletzten Moment die Möglichkeit gegeben wird, diese Entscheidung zurückzunehmen und völlig ins Gegenteil zu verkehren.. Nur um in diesem Moment zugleich festzustellen, dass diese Entscheidung nicht genug Trauer in sich trägt, sondern vielmehr.. ein Gefühl von Klarheit. Von Freiheit. Ich schaue nachdenklich, während ich langsam weitergehe, Schneekristalle auf der Zunge zergehen lasse und mich frage.. Wie viel muss der Mensch erst sehen, bevor er sieht?

Da die Single-Frau hinter den sich wähnenden Gitterstäben, gegen die sie in jedem Jahr wieder und wieder ankämpft, deren glasklarer Verstand errechnet, wie viele Wochenenden, wie viele Sonntage eines Jahres verloren scheinen, weil in ihrer Welt diese Tage den Familien, den Paaren gehören. Und der dabei - für mein Empfinden - ein entscheidender Rechenfehler unterläuft.. Dass nicht jeder Tag eines Monats dem Ziel "geschuldet" sein sollte, das passende Puzzlestück zu finden und einsetzen zu können.. Für mein Empfinden.. für die Erfahrung, die ich selbst machte in vergangenen Jahren, ist das Wissen darum, dass man es auch mit sich allein schön haben und einen Moment von Glück mit sich selbst haben kann, nicht dasselbe, wie wenn dieses Lebensgefühl auch in der Seele angekommen ist.
Verzweiflung.. kann man in den Augen lesen, im Lächeln erkennen. Verzweiflung.. umgibt uns wie ein schwerer Mantel, dessen Last man nicht tragen möchte..
"Verzweiflung kann man riechen", sagte irgendwer vor Jahren zu mir, "aber das ist nicht das, was man einatmen möchte."
Ich wende den Blick ab vom Fenster, schaue nach vorn, das leise Schneetreiben vor mir, meine Füße, die deutliche Spuren im noch frischen Schnee hinterlassen, während ich langsam immer weitergehe..

Die kleine Oma im Café, das der Heimeligkeit einer Wohnstube anmutet, die Oma, die mit ihren kleinen wachen Augen, die ihren Schal und ihren Mantel ablegt und mich herzlich anlächelt, bevor sie sich setzt, einen Tee bestellt und ihr Kreuzworträtsel auf den Tisch legt. Ich weiß nicht, ob sie allein lebt, ob sie die Weihnachtstage allein verbrachte, ob sie Kinder hat, die wieder abgereist sind, ob sie einen Motzstoffel zu Hause hat, dem sie für den Moment eines Glases Tee entkommen ist - ich weiß nichts von ihr. Das einzige aber, das ich sehe und wahrnehme, das sie umgibt, ist eine unfassbare liebevolle Ruhe und Gelassenheit. In diesem Moment lehne ich mich zurück und in mir drin wird alles ganz hell.
Genau so wird es für mich sein sein, eines Tages. Mit dem Blick auf dieses kleine wunderbare Ömchen überkommt mich mit einem Mal diese unabdingbare Zuversicht: Genau so wird es für mich sein.

Seit den Weihnachtstagen in L haben wir hier in M nicht wirklich viel gemacht. Wir haben lange geschlafen, zwischendurch etwas zu Essen zubereitet und einen Film nach dem anderen aus der Mediathek, aus den Streamingportalen ausgegraben. Dem Hang zwischen Thriller und Märchenfilmen gefrönt.
"Coco" ist einer von denen, die besonders in mir nachklingen. Eine Farbgewalt, wie ich sie nur selten gesehen habe. Eine wunderbare (kindliche) Botschaft, die mir wie kaum eine andere unter die Haut geht in diesen Tagen: Dass niemand wirklich geht - solange er nicht vergessen wird.
Ich denke an meine Großmütter und daran, dass ich noch kein einziges Foto von ihnen zwischen meinen Büchern aufgestellt habe - und dass ich nicht versäumen darf, meine Mama um ein Foto zu bitten.

Am Ende des Jahres 2018 habe ich nicht nur darauf verzichtet, auf dieses vergangene Jahr zurückzuschauen - ich habe insgesamt darauf verzichtet, überhaupt auf alles zurückzuschauen.
Ebenso habe ich darauf verzichtet, obligatorische Weihnachts- und Neujahrswünsche zu senden, die einem ohnehin niemand mehr glaubt - weil sie zu allgemein (geworden) sind. Umso verwunderter habe ich auf die Bildchen und Videos geschaut, die gefühlt 50 Mal ohne auch nur ein einziges persönliches Wort in meinem Whatsapp eingegangen sind, selbst aus der eigenen Familie.
Was soll mir das sagen?
Dass der Absender bequem ist und sein Bild mit "an alle Kontakte versenden" übermittelte?
"Weitergeleitet" steht jetzt übrigens auch da. Um die ganze leere Worthülse noch leerer zu verdeutlichen ;)
Oder dass man selbst dem Absender nicht wichtig genug ist, auch nur ein einziges persönliches Wort gesagt zu bekommen?
In diesem, nein, im nun vergangenen Jahr habe ich sehr wenige Zeilen in den Weihnachtstagen und in der Zeit des Jahreswechsels versendet, entsprechend wenige persönliche Wünsche an den anderen formuliert. Aber in jedem Moment, in dem ich jemandem schrieb, war ich auch genau da, war ich in Gedanken genau bei demjenigen. War ich genau da, wo ich sein wollte - oder mich hinwünschte, um denjenigen ganz sehr zu umarmen. Einen langen herzlichen Moment lang.
Mir ist nicht wichtig, aufzufallen, aus dem Rahmen zu fallen. Ich bin nichts Besonderes und darum geht es mir auch nicht. Aber ich möchte.. wahrgenommen werden.
Mit den Spuren, die bleiben, wenn der Schnee längst aus den Straßen und Wegen getaut ist..

Ich wünsch mir, dass etwas da bleibt, wenn ich gegangen bin.

Montag, 17. Dezember 2018

Finally



Wer hier das vorherige Video sucht: Zu spät ;) 

Gefühlt sitze ich bereits auf gepackten Koffern, innerlich wie äußerlich. Das Jahr neigt sich dem Ende zu, manches gilt es noch von der Liste abzuhaken, anderes wiederum kann geruhsam mit in das neue Jahr genommen werden.

Was wünsche ich mir? Was wünsche ich Euch?
Mit den Jahren, so habe ich an mir selbst festgestellt, verändern sich die Wünsche.
Natürlich tun sie das.
Mit sieben Jahren wollte ich unbedingt einen Puppenwagen haben - und der Papa redete mir das zuvor aus, vermutlich, um späterhin Tränen zu vermeiden.
"Du bist doch schon viel zu groß dazu", sagte er zu mir - und vermutlich war ich das auch.

Auch in den Jahren danach hat es immer Wünsche gegeben, die mir von verschiedenen Menschen ausgeredet worden waren.
Zu groß, zu alt, zu teuer, zu nichtig.
Ich sag Euch was: Es gibt kein zu groß, zu alt, zu teuer, zu nichtig. Das, was man sich von Herzen wünscht, ist genau richtig. Mir ging es nie niemals um das Auffallen, um das Anderssein um jeden Preis. Ich bin gar nicht so anders wie andere. Ich lebe gar nicht unangepasst - ich lebe nicht mal unanständig. (Okay, ich gebe zu, inzwischen nicht mehr ;)) Und niemals habe ich mir Dinge gewünscht, die zu groß, zu teuer gewesen wären. Weil "teuer" mir gar nichts bedeutet. Teuer erschreckt mich eher. Das einzige, das mir etwas bedeutet, ist die Geste, die von Herzen kommt. Das Gefühl, dass der andere sich etwas dabei gedacht hat, als er sich für mich etwas überlegte oder durch Zufall darüber stolperte.
Aber ich lebe so wie es mich auch glücklich machen kann - auch wenn dieser Weg noch nicht zuende gegangen ist. Ich lebe nicht nach Wünschen, Vorstellungen und Vorgaben anderer - einzig und allein zählt der Mensch an meiner Seite und vor allem auch ich.

Mut.
Manchmal braucht es sehr, sehr viel Mut zu springen.
Manchmal fühlt sich das wirklich an wie ein Sprung vom zehn-Meter-Brett, zusammengekniffenen Augen, ein Rotieren von Hirn und Magen und dem Zittern "Oh Gott, das schaffe ich nicht... ach was Scheiß drauf, Augen zu, hör auf zu denken und spring!"
Vor vielen Jahren, in einer dieser endlosen, mitunter sehr persönlichen Stunde hat ein Arzt zu mir gesagt "Lös dich endlich. Sonst wird es dir nie besser gehen."
Er ist gestorben, irgendwann, und viel zu früh.
Ich lebe.
Und jedes Jahr am Ende des Jahres denke ich an Dinge, die waren. Ich denke an Dinge, die sind. Und dann klopft mir das Herz, wenn ich an Dinge denke, die ich mir wünsche. Jedes Jahr immer wieder aufs Neue. Wünsche. Keine Erwartungen.
Ich denke nicht, dass ich in diesem Jahr noch etwas schreiben werde. Oder sagen wir.. Ich glaube es eher nicht. Aber ich wünsche Euch von Herzen, dass Ihr es Euch schön machen könnt - wie auch immer es aussehen wird. Dass das alte Jahr ausklingt mit dem was war, wie es auch immer war - dass das zurückbleibt, was nicht so schön war.. Ich selbst habe irgendwann meinen eigenen Satz geprägt:

"Es gibt einen Anfang und es gibt ein Ende. Das gibt es immer. Wir wissen nicht, wie viel Zeit uns dazwischen bleibt. Wichtig ist nur, dass wir in dieser Zeit dazwischen glücklich sind."

Und das wünsche ich Euch. Das wünsche ich Euch ganz sehr - und verabschiede mich für vermutlich dieses Jahr mit einem herzlichen Gruß ;)

Montag, 10. Dezember 2018

...dann lernt man zu überleben




"So bleibt man am Leben.
Wenn es so weh tut, dass man keine Luft mehr bekommt, dann lernt man zu überleben."

Ich dachte an diese Worte, die ich erst vor kurzem in einem Film gehört hatte, die ich mir auf einem Stück Papier notierte, damit ich sie nicht wieder vergessen würde.
Ich dachte an diese Worte, als ich heute Vormittag völlig entspannt und mit lang ausgestreckten, übereinander geschlagenen Beinen in Rock & langen Stiefeln wie ein gestiefeltes Kätzchen vor dem Doktor saß, der sich durch die Haare fuhr und gestand: "Die wissen also auch nix. Genauso wie ich."
Mir persönlich sind Menschen immer dann umso mehr sympathisch, je... menschlicher sie sich zeigen. Dass sie nicht so tun, als wüssten sie alles, als könnten sie alles und jeder andere sei ein Depp. 
Auf Anraten meines Hausarztes, den ich inzwischen mehr und mehr schätze, breitete ich meine ganze Geschichte vor ihm aus. Die Geschichte der nicht behandelten Angina im Dezember 2004, die Gelenksentzündung im Februar 2005 und die seither andauernden Gelenksschmerzen, die sich durch keinerlei Mechanismen oder Medikamente beeinflussen lassen, die nur auf eines reagieren: auf Kälte. Je kälter, desto intensiver - wie aktuell. Ebenso breitete ich aus, was ich seither alles versucht habe - physisch und psychisch, dass meine Hausaufgaben in der Hinsicht längst erledigt hatte - und bis heute und hierher an einen Punkt gefunden hatte, an dem ich sagen kann: "Alles, was man mir in der Zeit sagen und beibringen wollte, habe ich in den Jahren umgesetzt, ob nun bewusst oder unbewusst. Und ich habe begriffen: Schmerztherapie ist nicht, von Schmerzen geheilt werden zu können. Schmerztherapie bedeutet genau genommen nichts anderes als damit leben zu lernen. Und das habe ich. Ich habe es in all den dreizehn Jahren irgendwann angenommen und akzeptiert, dass ich es weder beeinflussen noch verhindern kann. Es ist da und so ist es."
Es gibt letzten Endes nur zwei Möglichkeiten: Entweder du stehst auf und kämpfst für dich selbst - oder du lässt dich fallen und gibst auf. Also habe ich für mich selbst.. zu überleben gelernt.
Ob meine beiden "Stories" zusammengehören oder getrennt voneinander zu betrachten sind, das weiß niemand, das kann niemand sagen. Denn auch mit der letzten Diagnose ist nicht erklärt, warum es mir so geht wie es mir eben derzeit geht. 

Wenn ich außerdem etwas sehr, sehr schätze, dann ist es, wenn mir jemand zuhört. 
Ich weiß noch, dass ich an meinem allerersten Termin bei ihm diesen Eindruck nicht hatte. 
Inzwischen habe ich meine Meinung revidiert, schon beim letzten Termin Anfang Oktober. 
Er hört mir sehr wohl zu, er nimmt mich auch ernst und er sagt: "Die Psychosomatik ist immer dann ein Versuch, wenn man nicht mehr weiter weiß. Aber da, wo wir den Patienten hin haben wollen, da sind Sie schon längst. Es ist wirklich bewundernswert, wie Sie das machen. Ich kann nur sagen, machen Sie genau weiter so."
Ich lächelte, stand auf, reichte ihm die Hand und wir verabredeten ein Wiedersehen in einem halben Jahr - weil niemand in die Zukunft schauen kann und zu sagen vermag, wie ich mich in eben einem halben Jahr fühlen werde können.
"Wenn Sie es denn wollen, dann sehen wir uns wieder", setzte er hinzu.
"Ja, ich will das", antwortete ich. 
Dass er mir jetzt nicht weiterhelfen kann, heißt ja nicht, dass es in einem halben Jahr nicht vielleicht doch möglich wäre. Wenn es denn dann noch notwendig ist. 

In der Zwischenzeit startet mein Hausdoc einen medikamentösen Versuch. Die Erhöhung des künstlichen Hormons und noch ein Zusatzpräparat. Denn dass Hashimoto trotz der Hormonzugabe ordentlich aktiv ist, zeigten sowohl Laborwerte als auch der Ultraschall in der vergangenen Woche. Nur warum Hashi so aktiv ist, kann sich niemand erklären. Auch nicht, ob daher die neurologischen Auffälligkeiten kommen.
"Die Wirkung zeigt sich relativ rasch. Nach Weihnachten spätestens wissen Sie, ob es hilft oder nicht. Und wenn nicht, dann gibt es nur noch einen Weg: Dann schicke ich Sie in die Uniklinik."
"Ich bekomme mehr Medikamente", schrieb ich über whatsapp, "mir werden noch Eselsohren wachsen!"
"Machst du dann die Haare drüber oder trägst du dann ne Mütze?"
Beides ist möglich - würde ich ja sagen! :D


"Ich wünsche Ihnen wirklich, dass es endlich leichter für Sie wird", sagte der Hausdoc zum Abschied und ich lächelte und dachte.. Ich meine, ich frage mich ernsthaft: Ist es denn wirklich schwer für mich? 
Ich sehe Menschen zu, die sich mit Gehhilfen eine Treppe hinaufquälen. Ich sehe Menschen, die ihren Rücken nicht mehr gerade durchdrücken können. Ich lese von Menschen, die um ihr buchstäbliches (und nicht "nur" sprichwörtliches) Überleben kämpfen.
Und ich? 
Ich gehe immer noch aufrecht durch diese Welt. 
Ich kann immer noch den kleinen Schwarzen über die Autobahnen lenken.
Ich kann immer noch singen.
Ich kann immer noch schreiben.
Ich kann immer noch malen.
Ich kann immer noch mein Herzblut in die Arbeit stecken und meine Leidenschaft in Dinge, die mir etwas bedeuten. 
Ich denke nicht, dass ich es schwer habe. Ich habe immer noch Kopf und Hände und Beine, um mich in dieser Welt zu bewegen - auch wenn es wehtut. 
Ich denke nur, dass ich, wenn ich schon den Schmerz nicht mehr loswerde in diesem Leben, wenigstens das, was aktuell in meinem Körper geschieht, aufhalten oder bestenfalls niederkämpfen möchte. Nur weil man mir nicht alles sofort ansieht, bedeutet es ja nicht, dass es nicht da ist.
Und manchmal.. braucht so ein "Überlebens"-Kampf.. doch ziemlich Energie.

Ach Mensch Scheiße, jetzt steigen sie doch auf, die blöden Tränen. Das wollte ich gar nicht, ich dachte das nicht. 
"..I'll try,
but I'll never be free.."

Da wird man ja ab und zu doch ein bisschen heimlich heulen dürfen. 

Freitag, 7. Dezember 2018

Ein Topf voll Gold?

Am Dienstag sind wir nach L gefahren, dieses Mal gemeinsam - aus Gründen.
Mal regnete es, mal schien die Sonne - und irgendwann deutete ich auf den Horizont: "Schau mal, was für ein breiter herrlicher Regenbogen! So einen breiten hab ich ja noch nie gesehen!"
"Hmm", brummte der Mann.
Was ich wirklich noch niemals erlebt habe: Etliche Kilometer später war mit einem Mal ein Regenbogen mitten auf der Straße!! Direkt vor unseren Augen!
Ich glaube, mir stand vor Begeisterung so ziemlich alles zu Berge, und ich strahlte ganz euphorisch den Mann an: "Hast du das gerade gesehen?? Sind wir jetzt echt gerade durch einen Regenbogen hindurchgefahren??"
"Hmm", brummte der Mann.
Mehr sprach er nicht - aus Gründen.
"Das ist ja irre, das ist ja der Wahnsinn!!"
(Vielleicht hätten wir anhalten und nach dem verborgenen Schatz der Leprechauns graben sollen?
Aber möglicherweise gehts dabei gar nicht um den buchstäblichen Topf voll Gold? ;))
Sicher ist nur - wir sind an jenem Tag nicht nur einmal, sondern ganze zweimal durch einen Regenbogen hindurch gefahren. Leider war ich damit beschäftigt, den kleinen Schwarzen durch den Regen zu jonglieren; wenn ich gekonnt hätte, ich hätte es zu gerne fotografiert. Festgehalten. Die Erinnerung konserviert, sozusagen.
Irgendwann habe ich über sein Brummeln geschmunzelt, die Musik lauter gedreht und mitgesungen. Jeden einzelnen Song. Laut. Falsch. Von Herzen.

Donnerstag, 6. Dezember 2018

Hearts on Street



Den Übergang von der einen zur anderen Autobahn hat jemand mit großen weißen Herzen bemalt. Unabwaschbar.
Herrlich! Herrlich! Herrlich!
Auf dem Weg heute Morgen in das Büro bei wundervollen guten-Morgen-Sonnenstrahlen und herrlich milden sieben Grad diese Herzen entdeckt, dabei diesen Song gehört - und anschließend den ganzen Tag einmal mehr nicht aus dieser herrlichen Ruhe gebracht werden können, ganz gleich, welche Stimmung auch immer im Office herrschte. 
So ein Gefühl wie... den Tisch voller Arbeit haben und dennoch mit der Tasse Kaffee neben mir den Kopf in die Hand gestützt halten und verträumt aus dem Fenster schauen, während um dich herum alle übereinander herfallen und Kleinkriege vom Zaun gebrochen werden... 
"Wie geht es dir? In Schulnoten?"
"Seele 1,0, Körper 2,7." (Die 2,7 ist natürlich beschönigt - aber wie kann man denn eine 3,7 schreiben, wenn die Seele schwingt?)
"Seele 1,0 - wie kommt das?"
"Ich habe keine Ahnung. Aber so ist es und ich wünsche mir, dass die Seele im Gleichgewicht bleiben kann."
Genau genommen.. ist es ja mehr oder weniger im ganzen Jahr lang bei mir geblieben.. Tiefschläge, Rückschläge.. Eingesteckt und weitergemacht.. 

Und.. In Erinnerung an eine der intensivsten Zeit in meinem Leben wird dieser Song auf immer und immer in mir weiterleben.

Dienstag, 4. Dezember 2018

Ja, ich will!

Vor etwas über vier Wochen haben sie Ja zueinander gesagt - und ich hab mich ganz sehr für die beiden gefreut. Ach was gefreut - ich war ganz aus dem Häuschen! Ich mag das so sehr, wenn Menschen Ja zueinander sagen, weil sie das so fühlen, weil sie sich lieben und weil sie das so wollen.
Und nicht, weil der Einkommenssteuerrechner besagt, dass man das jetzt tun sollte - und sich vertraglich vorher dreimal abgesichert hat (auch wenn ich letzteres fast schon wieder nachvollziehen kann).

Ich war die erste von uns dreien, die geheiratet hatte - und nun bin ich die einzige von uns dreien, die unverheiratet mit jemandem zusammenlebt.
Für meinen Papa ist allerdings so ein bisschen seiner Welt zusammengebrochen. Seine Söhne haben erst mal nur Töchter mit auf diese Welt gebracht - und ich, die seinen Namen nicht fortführte, bekam die Jungen.
Erst in zweiter Ehe hat nun auch der Jüngste einen Sohn - und der Papa hat sich gefreut: "So wird mein Name doch noch weitergeführt!"

Vor gut vier Wochen ist dieser Traum nun zerplatzt. Denn auch die Frau ist die letzte ihrer Ahnen, die den Namen noch weitergeben konnte mit ihrem Jungen.
Immerhin willigte sie ein, künftig einen Doppelnamen zu tragen.
Jedoch die Rechtssprechung besagt: Der Mann kann nur seinen Namen tragen, nicht den Doppelnamen wie dann seine Frau. Und das Kind wiederum kann auch nur einen Namen tragen - also den Namen der Frau.
"Was ist das fürn Blödsinn", kopfschüttelte der Bruder, "dann sind wir zwar verheiratet, aber jeder von uns heißt anders."
Ich wusste das zwar - aber als er es heute nun auch auf FB öffentlich machte.. Es fühlt sich komisch an, dass der Bruder jetzt mit seinem Nachnamen anders heißt als ich ihn von Geburt an kenne.

Das sind sie nun, die neuen Zeiten, wo irgendwie alles möglich ist, dachte ich. Und dann war da noch Annikas Idee, die ich - ehrlich gesagt - immer noch richtig gut finde.
Ich meine, ich habe immer gesagt - und dazu stehe ich auch immer noch - dass ich nur aus Liebe Ja zueinander sagen möchte. Wenn schon die erste Ehe nicht aus echter Liebe heraus geschlossen wurde, dann - so war mein Traum, bevor ich ihn vor zwei (oder drei?) Jahren begrub und den Ring seither konsequent ablegte - wünschte ich mir ein Ja, das übersprudelt vor Glück, vor Herzklopfen, vor Funkelsternenaugen. Mich kümmert nicht dieses "Wieso müssen alle Frauen immer heiraten wollen?" und ob die Liebe einen Schein braucht oder nicht - mir ist das völlig wurscht. Ich will nicht machen, weil alle anderen das auch so machen. Ich wünsche mir nur, die Dinge tun zu können, die aus meinem Herzen, aus meinem Gefühl und dem des anderen, entspringen.
Ich weiß nicht mal mehr, wo der Ring heute liegt. Ich glaube, der Mann hat sie beide irgendwo verwahrt. Für was auch immer - Zahngold vielleicht irgendwann.
Und dann kam Annika mit ihrer Idee - und ich war wirklich ehrlich spontan und sofort eingenommen von dieser Idee. Warum - kann ich gar nicht sagen - aber ich hatte Herzklopfen und ich dachte da an wen.
"Du willst eine Frau heiraten?" fragte der Mann ungläubig. "Du lebst mit mir zusammen und willst eine Frau heiraten?"
"Ja! Ich finde diese Idee wirklich sehr gut."
"Aber... das geht doch nicht!"
"Wieso nicht? Natürlich geht das."
"Du hast dann aber auch die Verantwortung."
"Weiß ich."
"Wenn sie krank wird, musst du sie auch pflegen."
"Ich weiß das", beschenkte ich ihn mit einem offenherzigen Blick. "Und ich würde das dann auch machen."
Ich weiß nur nicht, ob ich ihren Namen wollte. (Und ob sie überhaupt mitmachen wollte - immerhin besteht die latente Wahrscheinlichkeit, dass nicht ich sie, sondern sie mich eines Tages pflegen oder gepflegt durch die Gegend chauffieren müsste ;))
Meinen angenommenen Namen tätsch hingegen sehr gerne eintauschen. Ich will nicht so heißen wie der Mann, den ich zutiefst verachte. Insofern dachte ich früher schon daran, meinen Mädchennamen wieder anzunehmen.
Ja und dann war da doch Annika mit ihrer Idee!
Und ich sagte mir: Wieso soviel Aufhebens machen, und dann sagst Du irgendwann doch noch Ja und alle bisherige Mühe war für die Katz :)

An all das dachte ich heute am frühen Abend, als ich das Posting meines Bruders las und dachte: Herrlich, dieses Leben, es ist so voller Möglichkeiten!

Montag, 3. Dezember 2018

Trick 17

Noch als ich den letzten Post schrieb, meldete das System „keine WLAN-Verbindung“ und ich schaute verdutzt auf die Uhr „Huch, ist ja schon ein Uhr!“
Um eins gehen hier nämlich dank Zeitschaltung im Router alle Onlinelichter aus. Na gut - fast alle ;) Habe dann auf dem Handy zuende geschrieben! 
„Damit resette ich das System und Fehler werden rausgeworfen“, begründet der Mann, während ich nur lache. Er, die Lerche, will mich, die Eule, möglichst zeitig genug ins Bettchen zwingen, am liebsten gemeinsam mit ihm.

Aber sonntags gibt es nicht nur die Musikwelt, die mich aufhält. Sonntags nachts kommt auch die Sendung, an der ich weniger selten vorbeikomme. 
Dann flimmern nachts „Medical Detectives“ über den Bildschirm - mit oder ohne Router. 
Zufällig musste nun der Mann am Wochenende alle Fernsehsender neu einstellen. Über Suchlauf und mit Favoriten markieren und so. 
Was musste ich also kurz nach ein Uhr feststellen? Genau - da fehlt ein Sender. Ja - genau der :)
Gerät und Fernbedienung - ich gestehe, ich hab mich nie damit befasst, wieso sollte ich auch, brauchte ich ja nicht. Bis heute Nacht. 
Tja! Not macht erfinderisch. Bisschen rumprobiert, Lösung gefunden, Sender gefunden, als Favorit markiert und schon konnte mit ca. 5 min Verzögerung mein Nacht-Programm starten. Ha!

Als er nun um 2.30 Uhr das Bad aufsuchte, hat er mich entgegen sonstiger Gewohnheit keines Blickes gewürdigt. So entging ihm leider auch mein breites Grinsen :)

Nachtflug



Man sagt, wer nachts nicht schlafen kann, wäre in den Träumen eines anderen wach.
Hm.
Ja. Oder hat schlichtweg nur gerade eine weitere Tasse Kaffee geleert und sich wieder einmal in den Weiten der Musik verloren ;)

Meine Gedanken jedenfalls spazieren in dieser Nacht umher, treiben hier und dort, verweilen und lösen sich wieder. Ich denke an Vergangenes, ich denke an Gegenwärtiges, ich denke an andere Menschen in aktuellen Situationen und ich denke an mich in eben solchen Situationen - nur bereits viele Jahre zuvor. Ich denke an tief verborgene Wünsche, Träume und eine fast verschüttet geglaubte Sehnsucht.
Ich denke an das Kopfschütteln, an das Unverständnis, an das Gerede über mich, als ich mich vor beinah sechzehn Jahren für einen neuen, anderen Weg entschied. Ich denke an all die Angst, die ich damals fühlte - und dass nur eine einzige Angst am stärksten war: die davor, wieder zurück zu müssen in das bisherige Leben.
Angst kann einen hindern, wenn sie sich bleiern an die Füße hängt.
Angst kann aber auch.. eine treibende Kraft sein. Die Kraft, sich frei zu machen und loszugehen.
Ich habe mich oft gefragt, was Menschen zueinander führt und was sie zusammenhält. Vor allem dann, wenn es alles mögliche sein muss - aber keine Liebe (mehr) ist.
Was hält uns dann?
Die Angst davor, wieder allein zu sein?
Die Angst davor, in finanzielle Notsituationen zu stürzen?
Die Angst davor, Kinder nicht mehr sehen zu dürfen, Angst vor dem emotionalen Unvermögen, ein über mitunter lange Jahre gewachsenes ganzes Konstrukt aus Familie und Freunden entflechten zu müssen und nicht zu wissen, was danach noch bleibt?
Die Angst vor den Tränen und dem Schmerz des anderen?
Die Angst vor einer ungewissen Zeit?
Zieht man es deshalb vor, in einer Beziehung zu bleiben, die uns nicht erfüllt, es vielleicht nie wirklich getan hat - oder darf ich mir diese Frage gar nicht stellen, darf ich sie mir gar nicht erlauben? Weil ich innerhalb einer Beziehung nicht mehr nur noch Verantwortung für mich habe, sondern auch für den Partner und auch die Kinder, so welche da sind?
Mittlerweile kenne ich so einige Beziehungen, die nur noch nach außen gehalten werden, in ihrem Inneren aber längst ein Nebenher geworden sind. Ich schaue darauf und erinnere mich an all die Nächte, in denen ich früher wach lag und mich ganz woanders hin wünschte. In denen ich nur diese Ahnung hatte, wie es sein könnte oder sein sollte - und wie ich mir immer wieder sagte "Das kannst du nicht bringen. Du hast doch Kinder. Und wer weiß, am Ende machst du dir wirklich nur was vor und dann hast du allen ganz umsonst weh getan."
Ich habe mir das so lange eingeredet, bis ich irgendwann erfuhr: Nein - du machst dir nichts vor, ganz im Gegenteil.
Und irgendwann danach bin ich gesprungen.
Ich habe es niemals auch nur eine einzige Sekunde bereut.
Ich habe immer nur gedacht: "Warum habe ich das nicht schon viel eher gemacht?"

Ich denke an die Menschen, die mir in den vergangenen sechzehn Jahren begegnet sind.
Virtuell und irgendwann auch real. Begegnungen, die oftmals schon mit dem geschriebenen Wort endeten. Oder nach einem gemeinsamen Kaffee. Manchmal nach einer gemeinsamen Nacht.
Weil ich irgendwie immer wieder neu auf der Suche war - mit dieser Idee in meinem Kopf, mit diesem Bild in meinem Kopf, wie es sich für mich anfühlen muss. Weil ich es jetzt wusste.
Keine Kompromisse mehr in den Herzdingen, die für mich wichtig sind. 
Warum eigentlich werden Menschen, denen die Herzdinge so wichtig sind, oftmals belächelt und für weltfremd gehalten, ganz im Gegensatz zu den Entscheidungen der Rationalen? Weil Herzdinge so wenig greifbar sind? Weil sie einer fixen Idee entspringen könnten, bar jeder Realität?
Und wenn nicht? Was, wenn nicht?

Nur.. Wieviel davon kann und darf man anderen Menschen mitgeben, auch wenn sie fragen? 
Wie oft darf man sie an ihren eigenen Traum vom Glück erinnern - und darf man das überhaupt? Beeinflusst man den anderen dann nicht doch zu sehr mit dem, was einen im Grunde selber treibt? 

„A friend is someone who knows the song in your heart and can sing it back to you, when you have forgotten the words.“

Ich mag diese Worte, die ich einst irgendwo las, so sehr. 
Und nun schaue ich hinaus in die Nacht und bin so froh, dass ich heute Nacht hier bin, hier zurückgelehnt liege, während die Welt um mich herum schon schläft. Ich bin so froh, nicht aufgegeben zu haben. Egal wie oft es mich zerrissen hat, der Zweifel, die Angst, die Unsicherheit. 
Es sind diese Jahre, die mich stärker werden ließen. Mit wenigen, aber sehr besonderen Menschen, die an mich glauben. 

Vergangene Woche habe ich meinen Sohn angeschaut, als er lächelte und sagte „Man kann es ja nur mit Humor nehmen, das Leben, sonst würde man ja verrückt werden. Und keine Hoffnung mehr haben.“
Mit einem Mal hatte ich dieses Gefühl, dass er gerade dabei ist, wieder zu seiner früheren inneren Stärke zurückzufinden. Auch wenn und trotzdem sein Weg sich gerade wieder ändert. Aber ich kann sie grad wieder fühlen, seine Zuversicht, seine Energie, die es ihm ermöglicht, immer wieder neu aufzustehen. 
Und so lächelte ich zurück: „Du bist wirklich mein Kind. Du kommst ganz nach mir. Und du kannst mir glauben, es lohnt sich, nicht aufzugeben.“

Montag, 26. November 2018

Mein Herz in drei Welten



Zu Hause.
Wo ist eigentlich das Zuhause? Dort, wohin man den Lebensmittelpunkt verlegt?
Dort, wo das Herz zu Hause ist?
Während ich den kleinen Schwarzen durch Regen, Schneeregen und dichtem Nebel über die Autobahn lenke, lasse ich mich fallen in die Musik, lasse ich meine Gedanken treiben, spüre ich schon die Sehnsucht nach dem Zurückkommen - und zugleich die Vorfreude auf das Ankommen.
Und es zerreißt mich nicht - nein, ich liebe es.. Bei diesem Gedanken muss ich lächeln ob der Erinnerung der Worte einer Freundin, die mich einst mit einem Schmetterling verglich, der mit einer ihm eigenen wunderbaren Leichtigkeit von Blüte zu Blüte fliegt und sich.. beinah überall zu Hause fühlt.
Nun.. überall - das wäre nicht die Wahrheit.
Ich fühle mich in M inzwischen schon ein wenig zu Hause. Auch wenn ich dort nicht für den Rest meines Lebens bleiben möchte.
Ich fühle mich in L immer noch wie zu Hause. Auch wenn ich nur noch an wenigen Tagen hierher komme.
Ich fühle mich aber vor allem dort zu Hause, wo die Wellen an das Ufer rollen..
Und mit Musik.. kann ich meine Augen schließen und überall dort sein, wo ich gerade sein will.

Manchmal denke ich.. dass ich mich irgendwie.. lebendiger fühle, wenn ich zwischen meinen Welten hin und her tingeln kann.. Nicht festgefangen an nur einem einzigen Ort..
Ich glaube, ich bin noch immer dieser Schmetterling, der seine Flügel ausbreiten möchte.
Ich glaube, es ist auch ganz egal, wie alt ich war, bin und werde - ich werde immer ein Schmetterling bleiben..

Dienstag, 20. November 2018

Auf Herz und Nieren


Wenn es ganz arg wurde und einfach mal (wieder) raus wollte, dann habe ich darüber geschrieben und erzählt, wie es mir geht, so mit dem Schmerz und dem Leben mit verschiedenen, teils unbestätigten Diagnosen.
Ich habe auch mal geschrieben, dass dieser Blog hier kein Krankentagebuch werden wird. Weil es nicht das ist, was ich irgendwann in fünf Jahren nochmal lesen möchte. Was ich lesen, worin ich wieder eintauchen wollen würde, sind Erinnerungen an witzige, unterhaltsame oder auch wunderbare Momente. Zum Licht gehört auch Schatten und niemandem scheint permanent die Sonne aus dem Allerwertesten, auch mir nicht. Insofern konzentrierte ich mich zwar mein Leben lang auf die sonnigen Momente - aber die Schattenzeiten blende ich deshalb nicht aus.

Ich habe schon eine Weile darüber nachgedacht, ob ich in dieser Hinsicht offener schreiben möchte. Weil ich gerade in den letzten Wochen erfahren habe, wie hilfreich es ist, wenn man sich mitteilen kann - und wenn man Informationen findet. Anregungen. Und damit die Energie, weiterzumachen, egal was jemand sagt.
Dann werde ich auch niemals wieder so ausführlich darüber schreiben ;)

Im Februar 2015 stellte der damalige Hausarzt eine Abweichung in meinen Blutwerten fest - "Ihre Schilddrüse arbeitet offensichtlich nicht richtig. Wir kontrollieren das nochmal, meistens reguliert sich das wieder von selbst."
Ich belas mich darüber. Erkannte mich in vielem wieder - und auch darin, dass ich etwa 10 Kilo zugenommen hatte, die sich partout nicht wieder verabschieden wollten, es sei denn, ich ernähre mich täglich von 500 Kilokalorien (laut App). Ja Scheißchen. Das ist doch kein Leben nicht, würde meine Großmutter gesagt haben. Keine Kekse mehr. Kein Genießen mehr. Nur noch freakiges Kalorienzählen. Nä! Ich doch nicht! 500 kcal. Idioten!
Er hat den Wert gut 1 Jahr lang kontrolliert, dann hatte ich den Kanal voll. Mir gings immer schlechter, die Werte wurden immer schlechter, ich wusste auch nicht, worauf der Doc warten wollte, jedenfalls ich wollte nicht mehr warten, und so startete 2016 die Therapie mit dem Schilddrüsenhormon.
Ob noch davor oder danach, das weiß ich nicht mehr, aber irgendwann begann meine rechte Hand zu zittern.
"Ein Intentionstremor", wie ich später erfuhr. Anfangs nur beim Greifen zur Kaffeetasse (waaahh!), über die Zeit hinweg auch in Ruhe und fast dauerhaft. Und nur rechts.
Der Blick in meinen Kopf besagte "Alles unverändert zu den Vorbefunden." Und der Neurologe fügte hinzu "Wärs beidseitig, hätte ich gesagt, es ist der Stress. Aber einseitig und Stress... ne, das gibts so nicht. Aber alles, was jetzt noch die Ursache sein kann, ist harmlos. Bedeutet viele, teure und eigentlich sinnlose Untersuchungen, weil, schlimm ist es in jedem Fall nicht." Also stimmte ich zu, dass wir es dabei belassen. Zittert se halt!
Der Mann war damit nicht zufrieden, ich schon. Solange ich meinen Kaffee und ab und zu ein paar Kekse bekomme, ist meine Welt rund.

Es muss um den Jahreswechsel 2016/2017 oder kurz nach dem Jahresbeginn, also etwa ein halbes/ dreiviertel Jahr nach Beginn der Behandlung mit L-Thyroxin gewesen sein (so genau weiß ich es nicht mehr), dass ich meine Finger nicht mehr beugen konnte. Sie schmerzten einfach unglaublich, manche Gelenke schwollen an, manche nicht. Ich bin jetzt nicht so, dass ich immer gleich loslaufe und zeige "Aaaah da ist was, das tut mir weh!" Ich bilde mir ja immer ein, dass Dinge, die von allein kommen, auch von allein wieder weggehen, notfalls mit meiner ausdrücklichen Nachhilfe ;) Sie gingen aber nicht weg. Das Beugen der Finger, das Tippen auf dem Laptop, das Anheben selbst der geliebten Kaffeetasse (und das will bei mir echt was heißen!) wurde derart schmerzhaft, dass ich nach ein paar Wochen dann doch zum damaligen Hausarzt ging, der abwinkte: "Schmerzen haben Sie doch schon so lange."
"Ja ich weiß, aber das hier fühlt sich anders an."
Es ist sicherlich auch schwer nachzuvollziehen - es ist aber auch schwer zu beschreiben: Wie erklärt man, dass ein Schmerz sich nicht wie der andere anfühlt? Dass er sich.. "frischer" anfühlt? "Neuer"?
Er testete dann das Blut auf Entzündungswerte - nix. Er schüttelte den Kopf: "Ich begreif das nicht. Sie haben alle Anzeichen für Rheuma, aber es ist kein Rheuma." Er verschrieb mir Weihrauchkapseln. (Die halfen zwar nicht, sollten mir später noch ganz gute Dienste erweisen.) Und schrieb mich aufgrund meines Berufs für sage und schreibe einen ganzen Tag lang krank *kreisch*, stellte mir außerdem eine Überweisung zum Rheumatologen meines Vertrauens aus. Den wählte ich dank der sehr guten Erfahrungen meiner Mama in meiner Küstenheimat aus. Dafür etliche hunderte Kilometer zu fahren - hey, ich liebe Autofahren! Na gut, die Mama wurde ohnehin gerade 70, manchmal passt es einfach ;) Der Küstendoc hatte sich auch nicht so angestellt wie all die anderen in M, er ließ mich gleich am 1. Untersuchungstag ein Papier unterschreiben, dass er meine Genetik untersuchen darf. Ein sehr lieber freundlicher Opa-Doktor. Der mich vier Wochen später anrief: "Sie haben kein Rheuma." Ich so: "Na wenigstens hat meine Mama mich da nicht beerbt." Er so: "Nun, das kann aber noch kommen." Ich weiß bis heute nicht, wieso ich nicht gefragt habe, warum er das sagte.
"Ihr Eisenwert ist übrigens deutlich zu niedrig. Der liegt bei 10", fügte er noch hinzu. "Haben Sie das nicht bemerkt?"
"Nö."
Später zeigte sich, dass auch das Vitamin D mit einem 16er Wert viel zu niedrig ist.
"Wie bei jeder zweiten deutschen Frau", kommentierte der Hausarzt - und beließ es dabei.
Die Finger jedenfalls wurden wieder normal dick, aber sie schmerzen bis heute. Bis heute ist es mir nicht mehr möglich, Dinge zu tragen, die die Finger belasten (Henkeltassen, Töpfe, Schlauftaschen und so Zeugs).
Und dann kam irgendwann Silvester 2017. Wir wollten mal was anderes machen - wir wollten zum Beispiel ausgehen, tanzen gehen. Darauf habe ich mich wirklich gefreut - es wurde nur nichts draus. Morgens mit Schwung aus dem Bett gestiegen, dachte ich: "Welches Schwein hat mir ein Messer in den Fuß gerammt??" Aufzutreten war beim besten Willen nicht möglich. Der Mann holte schließlich die Krücken aus der Kammer und ich packte Camphoderm und die Weihrauchkapseln aus. Nach vier Tagen konnte ich auch wieder ohne Krücken laufen - dann meldete sich kurz darauf der andere Fuß. Dieselbe Prozedur, dieselbe Linderung.
Bis heute schmerzen beide Fußsohlen - aber solange ich auftreten kann... Hinterfragt, untersucht, behandelt oder gar in Zusammenhang gebracht hat es bis heute... genau: Keiner.

Es war der 5. April in diesem Jahr, als ich vor dem Kleiderschrank stand und überlegte, was ich anziehen sollte. "Ein Kleid!" hatte das Geburtstagskind bestimmt. Als der Mann zu mir kam und fragte, ob ich dann soweit sei, weiß ich noch, dass ich den Schrank schließen wollte, eine ganz ruhige, entspannte Bewegung, und dass ich dann aus dem Stand einfach hinfiel. Ich war nicht bewusstlos, mir ist auch sonst nix passiert, aber als ich aufstand, fiel ich gleich noch mal - und dann musste mir der Mann aufhelfen. Ich glaubte, ich säße in einem Kettenkarussell - und ich hatte mega Kopfschmerzen. Der Kopfschmerz verlor sich irgendwann in den Tagen danach, das Kettenkarussellgefühl blieb. Ende Mai ging ich dann auf Drängen des Mannes damit zum damaligen Hausarzt, der ein "schmales" Blutbild, ein EKG und den Gang zum Neurologen verordnete.
Alle dachten zuerst an meinen Kopf und daran, was da schon seit Jahren mitwächst.
Ich auch, wenn ich ehrlich bin. Gegangen bin ich eigentlich nur, weil ich aus Jux und Dallerei ausprobierte, ob ich beispielsweise noch auf einer Linie laufen kann - und ich konnte es nicht, weder mit geöffneten, geschweige denn mit geschlossenen Augen.
Im Juni die erste Klinikuntersuchung. Was dort ablief, spottet auch heute, rückblickend, immer noch jeder Beschreibung.
Im Bericht später stand beispielsweise "Labor ohne Befund, EKG ohne Befund." Wie kann man das schreiben, wenn man weder das eine noch das andere überhaupt gemacht hatte? Dafür empfahlen sie mir eine psychotherapeutische Behandlung, "denn bei Ihnen ist körperlich alles normal und unauffällig."
"Ich weiß ja, dass in meinem Rucksack einiges steckt", hatte ich geantwortet, "aber das ist schon vor Jahren bearbeitet worden."
Sie schaute mich an: "Ja aber irgendwas muss da ja noch sein."
Äh.
Hm.
Wieso muss da noch was sein?
Ich gestehe, ich habe am Abend zu Hause geweint - vor Wut und vor Enttäuschung und zum Mann habe ich gesagt: "Du kannst mich mal gerne haben, ich gehe nirgendwo mehr hin, das muss ich mir nicht geben."
Es wurde aber nicht besser. Mit der Zeit, die verging, wurde es immer deutlicher. Dinge fielen mir ständig aus der Hand, Schlüssel, Stifte, so Kleinzeugs. Ich schlief oft 12 Stunden und wurde dann allein vom Frühstücken wieder müde. Nach Spaziergängen schlief ich oftmals 1 - 3 Stunden. Wann immer ich konnte, schlief ich. Außer es ist Krimizeit! Ha!
"Na toll", sagte der Mann.
Ich bewegte mich immer unsicherer, an "schlimmen" Tagen sieht es aus, als hätte ich 3/8 im Turm. Wenn ich mich sehr konzentriere, kann ich halbwegs geradeaus laufen, aber völlig unterdrücken kann ich es nicht.
"Wenn Sie es beeinflussen können, dann ist es nichts Krankhaftes. Dann ist es psychisch."
Diesen Satz habe ich in den letzten Monaten ziemlich oft gehört.
Und ich wurde ketzerische Dinge gefragt. Solche wie "Wird es besser, wenn Sie Alkohol trinken?"
Stell dir mal vor, du sagst "Oh! Ja! Jetzt wo Sies sagen - nach dem zweiten Glas wirds besser!" - ZACK, hast du ein eindeutiges Alkoholproblem. Glaubts mir, ich hab genug erlebt - das IST einfach so.
Ich musste mir jedoch eine Antwort nicht überlegen, weil ich die Wahrheit sagte: "Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Ich trinke so gut wie keinen Alkohol." Der Mann fragt zwar oft, ob ich einen Rose oder Weißen mit ihm trinke, aber die Wahrheit ist: Ich sage Ja (Hallorenkugeln wären mir ja lieber, aber na ja) und nippe dann zweimal dran, dann schmeckts mir nicht mehr, dann werde ich lustig und dann werde ich müde. Und wenn ich wieder aufwache - ZACK, sind beide Gläser leer. ICH wars nicht!

Im Juli wurde mit einem LTT-Verfahren unter anderem eine Infektion mit Borrelien nachgewiesen. Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste: Messverfahren und Messwerte werden sehr unterschiedlich interpretiert und von vielen Medizinern gar nicht erst anerkannt. Heute verstehe ich die Worte anders, die der Laborarzt zu mir sagte "Wie hoch ist der Wert? Ah, ok. Das ist hoch genug, um auch die Schulmedizin zu überzeugen. Ich wünsche Ihnen viel Glück." Er meinte es zweifellos ernst, aber erst heute weiß ich auch, wovon er sprach.
Es gab Ärzte, die erkannten Wert und Verfahren an, winkten trotzdem ab "Können Sie vergessen, das wird nichts mehr."
Andere winkten ab "Meine Freundin würde ich einen so teuren Test nicht bezahlen lassen. Alles Blödsinn."
"Du verlierst immer mehr Zeit und nichts passiert", beklagte oft der Mann.
Stimmte zwar - konnte ich aber auch nicht ändern.
"Ab mit dir nach L in die Tropenmedizin", schlug daraufhin die Freundin vor.
Die, die auch eine Borreliensprechstunde anbieten.
Dort bekam ich eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, begleitet von Kopfschütteln "Dass Sie SO überhaupt Auto fahren!"
Diagnose: Zustand nach Borrelieninfektion.
Und ich sollte mich unbedingt weiter krank schreiben lassen.
(Was ein Witz ist. Home Office. Solange einem nicht Arme und Ohren abgefallen sind, hat man zu arbeiten. Mehr muss ich dazu nicht sagen.)
Verstanden habe ich das alles trotzdem nicht so ganz - denn die Borrelieninfektion wurde noch in dieser Sprechstunde angezweifelt. "Entweder ist es Rheuma, was Muskuläres - oder psychisch."
Hach ja. Da war es wieder - mein Unwort des Jahres. I love it. Not.
Im Laborbefund später stand übrigens, dass auf Borrelien nicht getestet wurde, weil man davon ausging, dass keine entsprechende Infektion bestünde. Man ginge davon aus, dass es psychisch sei.
Ehrlich, da bin ich schon ein bisschen Amok gelaufen. Also zu Hause. Also ich meine innerlich.
Der inzwischen ausgetauschte Hausarzt machte Nägel mit Köpfen und testete das selber - nicht nach LTT, sondern rein schulmedizinisch. Mit IgK und so. Ergebnis: Grenzwerte. Kein Hinweis auf aktive Infektion, eine Neuroborreliose konnte jedoch aufgrund der Werte nicht ausgeschlossen werden.
Er stellte mir die Überweisung zu seinem Neurologen aus. Ich hab sie genommen - aber ich wollte nicht mehr. Ich war müde des Ganzen. Einziger Antrieb: der Mann. Gepaart mit der Tatsache, dass es mir sichtbar immer schlechter ging.
"Wenn ich mich irgendwann doch totfahre, könnt ihr mich immer noch aufschneiden und sagen: Ach gugge - DAS wars!"
"Du spinnst wohl!" entrüstete sich der Mann.
"Wieso? Ich habe schon immer gesagt, dass ich eines Tages vermutlich auf der Autobahn sterben werde. Kennst du nicht den Witz? Die einen sterben lieber friedlich im Bett, nicht schreiend als Beifahrer..."
"Boar ey", unterbrach er mich. "Ich weiß nicht, wieso du darüber lachen kannst. Ich kanns nicht."
"Weil ich den ganzen Quatsch nur noch mit Galgenhumor ertrage. Sonst tätsch irre wern."
Auftritt Neurologe, der dritte.
Ich schwöre, ich hatte keine Erwartungen. Ich hatte nicht mal einen Kaffee zum Frühstück, als ich seine Räume betrat.
Er las die Überweisung, den Bericht dazu, dann durfte ich mich entkleiden und in Slip und BH vor ihm auf und ablaufen. Ja Mädels, ich habe meinen Kopf komplett ausgeblendet und mir gesagt: "Der sieht nur den Patienten, der sieht diese Scheiße jeden Tag!" :D
"Sie können ja gar nichts!" konstatierte er so von oben herab und ich musste lachen: "Ja nun. Das erzähle ich nun schon seit einem halben Jahr. Glaubt mir nur keiner."
Ist schon komisch, wie verschiedenen dieselben Befunde interpretiert werden. Der eine findet dich "fürs Alter normal", der andere schüttelt den Kopf und fragt dich, wieso du überhaupt noch atmest.
Sachen gibts!
"Das wird hier zu groß für mich", sagte er abschließend. "Entweder ist es etwas Genetisches, wovon ich bei dem schleichenden Prozess ausgehe - oder es ist etwas von der seltenen Art. Das Feld der Neurologie ist unfassbar groß."
Hm. Ja. Denke ich auch. Aber irgendwie steh ich immer am Psycho-Tor - und keiner kann mir sagen, wieso. Habe ich da was auf der Stirn oder an der Arschbacke? Eine Freundin litt an unerklärlichen Symptomen, die irgendwann wieder verschwanden. "Was wars denn nun?" "Vermutlich ein Virus."
Auch bei der Ursachenforschung beim Mann vor drei Jahren sprach man von allem möglichen - aber nicht von der Psyche. Dabei sind gerade beide prädestiniert für stressbedingte Ausfälle.
Davon sprach aber keiner - kein einziges Mal.
Hingegen ich höre das immer wieder.
"Bei Ihnen passt einfach so gar nichts zusammen", erklärte mir übrigens letzte Woche jemand, zu dem ich noch komme. "Etwas von den Symptomen passt auf etwas, doch dazu kommen immer Symptome, die dann wieder nicht dazu passen."
Beispiel: das Zittern der rechten Hand. Malen sie mir mit dem Finger Zahlen auf den Rücken, während meine Hände nach vorn gestreckt sind und die rechte sich einen abzappelt, hört das Zittern fast vollständig auf. Weil dann die Konzentration abgelenkt ist? Das macht ja sogar für mich Sinn.
Parkinson (wie meine Großmutter hatte) schließen sie damit aus.
Und ich befasse mich auch nicht ständig mit mir selbst.
Spätestens wenn ich gefragt werde - oder wenn ich, wie vor gut zwei Wochen wieder - einfach so hinfalle.
Habe ich deswegen Angst? Nein - aber es nervt!
Gehe ich deswegen nicht mehr aus dem Haus? Hä? Wieso nicht? Na klar geh ich. Ich frage mich nicht, ob ich draußen auch mal hinfalle. Dann müsste ich ja ständig Angst haben, dass ich stolper und mir den Arsch breche. Alles schon passiert! Na gut, beim Skaten ;)
Aber ich registriere, dass ich nicht mehr sicher laufen, gehen kann. Dass es deutlicher wird, je mehr ich mich körperlich anstrenge. Ich registriere die verstärkten Schmerzen, gegen die sowieso nichts half, auch nicht die beiden Therapien.

Letzte Woche fand ich mich ein im Klinikum, Kopfzentrum, überwiesen vom Neurologen dem Dritten.
Mir begegnete ein junger, zurückhaltender Assistenzarzt, der mich bat, Platz zu nehmen und ihm zu sagen, warum ich da war. Er notierte alles auf einer Art Schmierpapier. Irgendwann, beim Aufschreiben, stutzte er, las noch mal alles und fragte dann, ob bei mir neben dem TSH für die Schilddrüse auch der TPO-Antikörperwert bestimmt wurde.
"Hä? Wasn das? Hab ich noch nie gehört, nein."
Ich greife mal vor. Der Referenzwert liegt bei bis zu 60. Meiner liegt aktuell bei über 1300. Noch Fragen?
Er stellte auch fest, dass das MRT vom Kopf eine Veränderung zeige - am Kleinhirn. Da, wo mir das zweite Hirn wächst. "Ich kann jetzt nicht sagen, ob das genetisch bedingt ist oder von der Zyste kommt. Und ob wir die doch besser rausmachen sollten." Ich war ein bisschen überrascht. Bislang hatte ich nur gehört "MRT ist in Ordnung."
Aber gut. Warum soll man einer Radiologie trauen, die es schafft, in drei Berichten drei verschiedene Messwerte aufzuschreiben?
Damit folgt der Assistenzarzt zum Teil dem Gedanken des Neurologen.
Aber!
"Die Genetik zu untersuchen ist extrem teuer. Das darf ich nicht so ohne Weiteres. Ich hole mal den Oberarzt dazu."
Ihr wisst, was kommt? Genau!
Seine Worte "Wir müssen ja nicht gleich mit dem Teuersten anfangen. Steh-Lauf-Fingerzeige-Test ist doch ganz okay." (kreisch) "Sie machen das schon ganz gut. Das sieht mir eher nach Psyche aus."
Der Assi (ich meine das nicht abwertend, ich werde nur langsam schreibmüde und kürze ab ;)) wagte nicht zu widersprechen, wir sahen uns an - und schwiegen. Und sahen beide zu Boden. Tatsache.
Weißkittelarschloch rauschte wieder ab, Assi bat mich, nochmal Platz zu nehmen.
Er versprach mir den Bericht noch für letzte Woche (der ist aber bis heute noch nicht da). Mit dem sollte ich mich dann an die Abteilung Psychosomatik wenden. Zum Abschied drückte er meine Hand "Melden Sie sich jederzeit, wenn ich etwas für Sie tun kann."
Huiiii!!! Neben Neurologen dem Dritten der Zweite (cooles Zahlenspiel, wa?), der das zu mir sagte. Habe ich in 13 Jahren Patientenlaufbahn *kreisch* noch nie zu hören bekommen.

Am Abend sagte ich zu Mann und Mama: "Wenn es nur noch daran hängt, einen Schritt weiterzukommen, dann mache ich das alles eben nochmal mit. Und wenns nur dazu dient zu beweisen, dass sie sich bitte ein bisschen mehr Mühe mit mir geben müssen."
Zwei Tage später, nach vielem Lesen und Denken, schritt ich zum Lieblingsdoc mit dem kostenlosen Kaffee und WLAN. Er stimmte mir sofort zu, als ich berichtete und hinzufügte: "Ich halte mich selbst schon auch für reflektiert genug zu erkennen, ob ich ein ernsthaftes Problem habe oder nicht. Die Traumata liegen lange zurück, die sind bearbeitet. Deswegen sind sie nicht weg, aber ich kann heute damit umgehen."
Er stimmte mir sofort zu. Und veranlasste den Antikörpertest und überhaupt umfassenden Bluttest. Und rief mich gestern Abend an.
"Das sieht schwer nach Hashimoto aus. Sie bekommen jetzt eine Überweisung zu meinem besten Nuklearmediziner."
Die Nierenwerte sehen nicht gut aus und ob das Herz noch in Ordnung ist, muss auch untersucht werden. Zumindest weiß ich jetzt, warum es seit Monaten zeitweise rast und stolpert.
Und so werde ich nun weiter durchgecheckt. Da bekommt die Redewendung "auf Herz und Nieren geprüft" doch gleich mal eine ganz neue Bedeutung.

Ich dachte immer, Hashimoto und Schilddrüsenunterfunktion sind ein- und dasselbe. Inzwischen weiß ich: Nein, ist es nicht. Das eine bewirkt das andere - und wenn man nicht aufpasst, schädigt Hashimoto auch noch andere wichtige Organe. Hirn, Herz, Leber, Niere. In allen Symptomen erkenne ich mich wieder - und ich frage mich: Wieso hat das zuvor niemals jemand hinterfragt? Wieso hat der frühere Arschgesichtfotzenkopfhausarzt nie hinterfragt, woher die Entgleisung des Schilddrüsenhormons kam? Er hätte mir so vieles erspart. So hat er zwar auch gespart - aber nur an seinem Budget.

Übrigens, der Traum vom Ertrinken im Meer letztens.. Im Arabischen bedeutet das: Du musst Dir selbst helfen.
Genau das habe ich auch getan. Nicht aufgegeben, immer wieder neu losgegangen und alles hinterfragt.
Danke Herr Blau, dass Du mich dazu immer wieder herausgefordert hast.
Danke Neuro III., dass Sie mich vom Tor III mit dem Zonk weggeholt haben.
Danke Assi I., dass Du noch so jung und zwar ohne große Erfahrungen, dafür aber offenbar noch unverbraucht genug bist für Lösungen.

Vielleicht ist es erstmal nur eine von mehreren Lösungen. Aber es ist in jedem Fall eine wichtige.

Fast hätten mich diese Weißkittel-Idioten kleingekriegt. Aber auch nur fast.

Montag, 19. November 2018

Nur einen Moment


In einem anderen Blog lese ich heute (nicht zum ersten Mal) über Diagnosen, die alles verändern. Das Leben des Betroffenen und das Leben der Menschen rings um ihn herum.
Er schreibt über sein Unverständnis, dass für die Menschen um den Betroffenen herum alles weiterzugehen scheint wie bisher.
Er schreibt über seine Gedanken, wie der Betroffene oft allein hinaus in die Welt geht.
Er schreibt über sein aktives Handeln, heimlich auf dem Telefon des Betroffenen eine App zu installieren, die es ermöglicht, den Betroffenen jederzeit wiederzufinden, sollte ihm irgendetwas zustoßen...

Ich habe seither noch nicht wieder nachgelesen, was Leser kommentieren. Ich kenne nur den allerersten Kommentar.
Und ich habe mir seither meine eigenen Gedanken gemacht.
Ist es wirklich eine freakige Form der Kontrollsucht? Oder ist es vielmehr nicht eher die Sorge, die Fürsorge, die einen treibt? Wer würde sich nicht sorgen um einen ihm nahestehenden Menschen, der die Stille und den Freiraum sucht und braucht und auch bekommt - man jedoch im Zweifel in der Lage sein möchte, ihn auch wiederzufinden, wenn er in nur einem einzigen Moment zu Boden fällt?
Ich lese von Selbstbestimmung, von dem Gefühl, immer noch selbstbestimmt leben zu können - ohne die ständige Sorge im Gesicht der anderen - und ich kann das verstehen.
Ich kann jedoch eben auch.. verstehen, dass man sich sorgt. Dass man den anderen weder bevormunden noch gar entmündigen, jedoch in dem einen Moment einfach auch da sein möchte..

Und dann denke ich an Herrn Blau und mich. Wir haben vieles über mich gehört in den letzten Monaten, und im Gegensatz zu den frühen Jahren verzweifelt er nicht, er ist da und er bleibt da. Ich weiß, dass er sich sorgt, aber er sagt es nicht. Das muss er auch nicht. Es ist auch nicht so, dass diese Aussagen und Diagnosen der letzten Monate ständig präsent sind oder sich zwischen uns errichten wie eine unüberwindbare Mauer, über die niemand von uns hinwegkommt.
Unser Leben geht ganz normal weiter, so normal es eben möglich ist. Wir leben den Moment und planen maximal den Urlaub im kommenden Jahr.
Es ist aber so, dass er mich bittet, ihm immer zu schreiben, wann ich das Haus verlasse, um nach L zu fahren. Dass ich mich bei ihm melde, sobald ich angekommen bin. Es ist völlig egal, ob man Diagnosen hat oder nicht - man kann jederzeit und überall verunglücken, es kann jederzeit und überall etwas passieren. Damit lebt man, ohne dass man sich permanent dessen bewusst sein muss oder ist. Aber gerade wenn man weiß.. es kann sich von einem Moment alles ändern.. und man hätte etwas tun, etwas verhindern können, wenn man hätte da sein können..
Da sein, ohne ständig präsent zu sein.
Ist es dann schon Kontrollsucht, ein Eingriff in den Freiraum des anderen - oder immer noch die Fürsorge?


Unabhängig davon, ob gesund oder krank.. werde ich nie niemals nachvollziehen können, warum drei Erwachsene sich von einem Erwachsenen bekochen, bebacken, bekümmern lassen, ohne selbst auch nur ansatzweise aktiv zu werden. Dass man ganz selbstverständlich den Babysitter für die Kinder anderer spielt, nein, spielen muss, weil ein offenes Wort allein bedeuten könnte, die Kinder für eine ganz lange Zeit gar nicht mehr zu sehen..

Irgendwo las ich dieser Tage, dass der Mensch das intelligenteste und zugleich grausamste Geschöpf ist, das die Natur je hervorgebracht hat. Bei ersterem bin ich mir noch nicht sicher.