Donnerstag, 13. Februar 2020

Warum einfach, wenns auch umständlich geht?

Ich höre oft Leute über die Bürokratie in Deutschland klagen - und ich denke dann fast immer: "Ach na ja.. Es gibt aber auch viele Fälle, wo man froh ist, dass bei uns jeder Furz schwarz auf weiß dokumentiert wird."
Für einen Akt braucht es gefühlt zwanzig Formulare und Dokumente. Nie werde ich den persönlichen Staatsakt vergessen, als es hieß "Hier haben Sie 1.385 Fragebögen für Ihren Antrag auf Erziehungsgeld, schicken Sie uns den dann erstmal her, wir prüfen es und fordern dann nach. Wir fordern IMMER was nach."
Ha! Bei mir haben sie gar nichts nachgefordert. Ich bin in vielen Dingen relativ oberflächlich und mache husch-husch - aber Formulare fülle ich mit der Akribie eines introvertierten, autistischen Nerds aus. (Nicht umsonst legt der Chef mir immer all seinen entsprechenden Privatkram auf den Tisch und sagt: "Mach du das mal, ich hab da keinen Nerv für.")
So auch geschehen im Herbst 2017, als das zweite Kind seine zweite (und hoffentlich letzte) Berufsausbildung nachlegte und erneut Anspruch auf Kindergeld entstand. Der Aufwand hierfür war relativ gering und der Bescheid erfolgte auch wesentlich schneller als erwartet (und sogar rückwirkend, was in Zeiten, in denen Sohnemann nach Ausbildungsende zunächst ohne Einkommen war, nicht so bewilligt wurde. Da galt: Anspruch kann erst ab Arbeitslosmeldung entstehen und Geld gibts dann erst ab Antragstellung beim Amt. Im Fall der 2. Ausbildung dann gabs das Geld rückwirkend ab Ausbildungsbeginn. Verstehen muss man sowas nicht, aber egal.)
Beantragt hatte ich den Zeitraum von September 2017 bis einschließlich Februar 2020, denn die allerletzte Prüfung steht noch aus und die Ausbildung endet dann am 29. Februar.
Im Bewilligungsbescheid wurde sich zwar nicht auf ein Datum festgelegt, aber bestätigt: Anspruch bis Ausbildungsende.

Und nun kommt im Januar ein Schreiben, dass der Anspruch im Januar endet. Hä? Habsch da was nicht mitgekriegt? In meiner gut sortierten Ablage den Bescheid rausgesucht, nachgeguckt, näää, stimmte alles bei Antragstellung. Also Augen verdreht, Formular ausgefüllt, dass die Ausbildung nicht im Januar, sondern Februar endet, Bestätigung des Ausbildungszentrums eingeholt, digital hochgeladen dank Barcode (was es nicht alles gibt inzwischen ;)) - und dann wartete ich. Nix passierte. Keine Post.
Heute das Kind gefragt: "Hast du inzwischen das Geld für Februar bekommen?"
"Nein. Bis jetzt nicht. Hoffentlich kommt das noch. Sonst wärs diesen Monat ein teurer Monat!"

Ich bin derzeit mega erkältet und kann kaum sprechen. Krächzen trifft es eher und das ist anstrengend für beide Seiten. (Cooler Nebeneffekt: Die Kollegen rufen ganz wenig an, schreiben eher Mails. Können sie gerne so beibehalten, ist so himmlisch ruhig grad :)) Aber wenns ums Geld geht, dann kenn ich keine Gnade. Und noch weniger, wenns um das (finanzielle) Wohlergehen der Kinder geht, denn in diesem Falle lasse ich ihm das Geld ja monatlich überweisen. Ich stelle bloß die Anträge, weil er es nicht darf.
Also griff ich zum Telefon und versuchte der Dame mein Anliegen zu erklären.
Ob sie mich richtig verstanden hat und trotzdem falsch beriet oder ob sie im Recht ist, bin ich mir immer noch unsicher. Fakt ist: "Die Kollegen machen das immer so. Die stellen einen Monat vorher die Zahlung ein, dann müssen Sie das Abschlusszeugnis Ihres Kindes einreichen und dann bekommen Sie das Geld für Februar nachgezahlt."
Hä?
Was ist das fürn Scheiß?
Wieso muss ich für ein von vornherein bestehendes Ausbildungsverhältnis, für das ich eine Bewilligung habe, erst noch ein Zeugnis einreichen? Der Anspruch besteht doch sowieso, solange die Ausbildung läuft? Sollte das alles nicht erst zum Tragen kommen, wenn das Kind (Gott bewahre) durch die Prüfung fällt und sich die Ausbildungszeit verlängert?

Aber wehe, irgendein scheißblödes Amt hat was von einem zu bekommen, da kennen die gar nichts.

"Wenn du nicht hinkommst, schieß ich dir das Geld vor und du gibst es mir zurück, wenn es vom Amt kommt", bot ich an. Bis jetzt hat Sohn II nicht geantwortet. Und ich überlege, ob ich nun doch die Frechheit besitzen soll, für die zwei Monate des neuen Jahres den Kindergeldzuschuss zu beantragen. Quasi als Schmerzensgeld. Ach ne. Hab grad gelesen: Den gibts auch nicht rückwirkend. Und entgegen anderslautender Meldungen der Bevölkerung *kreisch* ist der nach wie vor einkommensabhängig. Na dann wars das! Da hilft mir jetzt nur noch ein ordentliches Käffchen, um die ganze Scheiße runterzuwürgen. Mann o Mann.

Dienstag, 11. Februar 2020

Freitagsfragen zum Dienstag

Ich habe, glaube ich, diese Kategorie zuvor noch nie mitgenommen, aber es gibt ja für alles ein erstes Mal :) Vielleicht ist es die Lust am Schreiben, die Lust am sich mitteilen - und ein Mangel an Inspiration, das ich mir öfter mal Inhalte von anderen "ausleihen" muss ;) Ich meine, es gäbe schon genügend Themen, auch politische, die mich derzeit mehr oder minder beschäftigen, aber.. Es ist wie mit dem TV: Man kann ja nicht immer nur ARTE gucken, da verblödet man auch oder besser gesagt: Man verholzt im Gesäß ;)

1.) Durch die Karma-Lotterie landest Du in Deinem nächsten Leben im Pantheon. Wofür wärst Du die Gottheit?

Klarer Fall: Ich wäre die unangefochtene Kaffee-Göttin.

2.) Willkommen im Februar! Wie war der erste Monat dieses Jahres für Dich? Worauf freust Du Dich in diesem?

Wenn ich so zurückschaue, war der Januar tatsächlich meist geprägt von einer gewissen Zähigkeit, Klebrigkeit - und mit zu wenig Sonne im Außen. Und das merkt man den Menschen unbedingt an. Man sieht es ihnen an und wenn sie den verkniffenen Mund öffnen, wird es oftmals nicht besser.
Es war der Januar 2018, der mich sehr gelöst und entspannt empfing und mich auch das ganze Jahr über so durch die Zeit kommen ließ. Es gab kaum etwas, das mich aus der Ruhe zu bringen vermochte.
Der Januar 2019 ließ diese Gelassenheit ein Stück weit vermissen, was sowohl gesundheitliche als auch persönliche Gründe hatte. Nicht alles davon ist auch wirklich ausgestanden, gleichwohl war der Januar 2020.. um einiges besser und entspannter - und es darf auch gern mal so weitergehen.
Worauf freue ich mich also im Februar? Eigentlich freue ich mich nicht auf irgendwas Konkretes. Ich finde es geil, wenn ich morgens aufstehe, die Sonne scheint und die Stimmungslage im Umfeld gut ist. Wenn die Menschen sich miteinander vertragen. Wenn sie genießen, was sie haben. Es ist etwas sehr Schönes, anderen bei etwas Schönem und Gutem zusehen zu können - und für sich selbst ein positives Lebensgefühl davon ableiten, mitnehmen zu können.
Ich finde, es wird viel zu viel gemeckert, gemotzt, gelogen, beschimpft, intrigiert - und viel zu wenig gelebt und genossen.

3.) Isst Du Süßigkeiten, bis Dir schlecht wird, oder bist Du diszipliniert?

Seit ich mich generell diszipliniert habe, vor Jahren schon, wird mir grundsätzlich schnell übel bei mehr als ner Handvoll Süßigkeiten. Früher dachte ich, wenn man mir die wegnimmt, mutiere ich zum Zombie und es gibt eine Apokalypse. Heute kann ich es gut aushalten, wenn der Mann neben mir abends auf dem Sofa die Rum-Waffeln auspackt. Ja, er kann wirklich gemein sein :)

4.) Die Wahl der Qual: Ständig missverstanden werden oder stets genau wissen, was andere über Dich denken?

Nun ja. Missverstanden werde ich öfter, zumindest im Schriftlichen. Was schwierig ist, weil man das nicht immer korrigieren kann oder auch nicht immer weiß, dass es was zu Korrigieren gäbe. Im persönlichen Dialog ist das anders, da hat man die Reaktion ja zumeist auch live-haftig und in Farbe. Missverständnisse.. finde ich anstrengend, so vom Gefühl her.

Aber will ich wirklich immer genau wissen, was andere über mich denken?
Nein.
Ganz klar: Nein.
Das wäre noch viel anstrengender für mich, und genau genommen hat mich das auch noch nie wirklich interessiert. Warum sollte es das auch? Ich kann nicht Everybody's Darling sein und ich will das auch gar nicht. Ich wills nicht jedem recht machen (müssen). Weil ich es nicht kann und weil es auch gar nicht meine Aufgabe ist. Jeder darf mich sehen und wahrnehmen wie er will.
Manche halten mich für überheblich, für arrogant, für naseweis, für oberflächlich, für was weiß ich - und vermutlich steckt in allem ein bisschen was von mir darin. Wie jeder Mensch habe ich viele Seiten und wen das interessiert, der findet auch mehrere Seiten. Wer nur eine Seite sehen und bewerten will, der machts halt.
Für mich ist nur wichtig, was die Menschen denken und fühlen, die mir wichtig sind. Da kann ich auch durchaus zur Sturm-Göttin mutieren ;)

Montag, 10. Februar 2020

Soll ich ihn heiraten?

Manchmal, wenn ich nach Hause komme und den Schlüssel aus der Tasche krame, fällt mein Blick auf die Klingelschilder. Gefühlt mehren sich die Schilder, auf denen mindestens zwei Namen stehen. Immer weniger entdecke ich Schilder mit nur einem Namen. Ob hier nun Menschen in einer WG zusammengefunden haben, weil die Mietkosten (nicht nur) hier in M unverschämt sind, oder ob es Paare in wilder Ehe sind, so wie der Mann und ich, vermag ich natürlich nicht zu beurteilen. Ich vermute dennoch mehr wilde Ehen als Wohngemeinschaften.
Weil Menschen immer weniger bereit sind, füreinander einzustehen, bis dass der Tod einen scheide.
Weil Menschen immer weniger bereit sind, sich festzulegen.
Weil Menschen immer mehr Angst vor finanziellen Verlusten haben.

Quelle:
https://weheartit.com/entry/68884251
Ich persönlich finde es wundervoll, Mann und Frau zu sein. Nicht nur einfach so. Sondern mit einem gemeinsamen Namen an der Tür. Für mich persönlich ist es ein wundervolles Gefühl, JA zueinander zu sagen. Ohne Angst. Ohne Furcht. Ohne den Gedanken an etwaige Scheidungskosten, die man nicht mal von der Steuer absetzen darf. Und ich persönlich finde die Entscheidung für eine Ehe umso wundervoller, wenn man sie nur für sich selbst trifft. Und nicht, weil man Kinder miteinander bekommen möchte oder schon hat. Nicht, weil man den anderen absichern möchte. Oder gar aus steuerlichen Gründen, grrrrr.
Für mich persönlich gäbe es nur einen Grund zu heiraten: aus Liebe.

Als ich vor einigen Tagen von einer Freundin gefragt wurde, ob sie ihren Freund heiraten sollte, weil er es sich wünsche, da stockte mir für einen Moment der Atem und ich starrte ungläubig auf das Display meines Telefons.
Mein aller-erster Gedanke war: "Dann kommt sie nie von ihm weg. Weil sie es sich dann gar nicht mehr leisten kann."
"Was wünscht du dir denn?" fragte ich zunächst und sie antwortete: "Na nur, wenn sich dies und das ändert."
Und ich fragte: "Hattest du diese Bedingungen nicht schon vor 9 Jahren gestellt? Und wie ist die Realität bis heute? Hast du nicht schon genug Probleme?"

Meine Reaktion auf ihre Frage hat mich einige Tage beschäftigt, und ich haderte mit mir, ob ich angemessen reagiert hatte. Ob ich mich zu weit hinausgelehnt und sie mit meiner Antwort verletzt haben könnte. Ob es mir überhaupt zugestanden hatte, so zu reagieren. Ich bin ihre Freundin und sie legt Wert auf meine ehrliche Meinung. Aber darf man immer so ehrlich sein? Schonungslos auch?

Wie ist das, wenn man gefragt wird, ob man den anderen heiraten möchte?
Dass man überglücklich ist? Dass man nachts nicht schlafen kann vor lauter Herzklopfen? Dass man überlegt, wie man die Aller-Schönste für ihn sein kann an so einem Tag? Wie man denn diesen einen Tag verbringen möchte? Mit ein paar Freunden am Meer und Wein und Musik? Dass der schmale, schlichte Ring die Unendlichkeit des Liebens symbolisiert?
Mann und Frau zu sein, so richtig wirklich, verbinde ich nur mit romantischen Gefühlen - und sie haben für mich immer noch mal etwas anderes Besonderes, als "einfach nur" zusammen zu leben. Ja, es ist immer eine Entscheidung füreinander - und ob man eine Eheurkunde "braucht" oder nicht, darüber denke ich nicht nach. Es geht für mich nicht darum, dass man etwas braucht - sondern was für mich persönlich wichtig ist. Und für mich ist es diese Verbindung zueinander.
In der man sich nicht diese Tür offen lässt, weil man jeden Tag jederzeit einfach wieder gehen kann. Sondern sich bewusst füreinander entscheidet und dies auch ver-ankert. Ver-symbolisiert.
Das kann und soll man gar nicht rational verstehen oder begründen. Sondern einfach nur.. mit Gefühl verstehen.

Ich wünsche meiner Freundin so sehr, dass sie glücklich ist. Dass sie verliebt ist. Dass sie aus Liebe mit ihrem Mann zusammen ist, auch wenn man ihn manches Mal zum Mond katapultieren wollte. Dass sie nicht ihre Freundin fragt, ob sie ihn heiraten soll, sondern sich selbst, ob ihr Herz genug klopft allein bei diesem Gedanken. Dass sie überschäumen wollte vor Glück. Ob sie sich vorstellen kann, dass es genau DER Mensch ist, mit dem sie sich die nächsten hundert Jahre vorstellen kann. Ob er es ist, neben dem sie jeden Morgen erwachen und jeden Abend einschlafen möchte. Ob er es ist, mit dem sie ihren Kummer und ihre Freude teilen möchte. Ob er es ist, mit dem sie alle Leidenschaft ausleben möchte.
Aber bei den beiden glaube ich nicht daran. Und das Schlimme ist: Sie glaubt selbst nicht daran - und die Gründe hierfür sind.. erschütternd.
Vermutlich hätten sie sich längst getrennt, wären die Kinder nicht und die daraus erwachsenen finanziellen Sorgen, die mit einer Trennung nicht kleiner würden.
Aber ist das die Basis für eine Ehe?
Für etwas, das ein Leben lang halten soll?
Oder denke ich da zu altmodisch, weil auch eine Ehe nicht für ein Leben lang halten muss?
Wäre es aber nicht viel schöner, wenn sie es tut? Zumindest, solange man fühlt und daran glaubt, dass es die richtige Entscheidung, der richtige Mensch im Leben ist?

Ich glaube nicht unbedingt, dass ich ihr gegenüber falsch reagiert hatte. Aber es tat mir unendlich weh, nicht einfach vor Begeisterung ins Telefon schreien zu können, dass ich mich sehr für sie freute.

Sonntag, 9. Februar 2020

Hexenwerk nach Mitternacht

Der Junge geht seit Jahren nicht mehr zum Zahnarzt. Nicht aus Anti-Überzeugung, sondern aus Faulheit. Und wegen Vergesslichkeit. Und überhaupt. Wenn nix wehtut, muss man ja nicht, oder so. Hauptnahrungsmittel: Chips und Zigaretten. Hauptgetränk: Eistee. Außer natürlich, ich bin da. Dann gibts nicht nur was Ordentliches zu essen, sondern vor allem auch regelmäßig - und regelmäßig ne frische Zahnbürste. Und weil er seit Monaten eine auf Hühnereigröße geschwollene Lymphdrüse hatte und auch der Zahnarzt klären sollte, obs möglicherweise von ner Wurzelentzündung kommt, geht er nach schätzungsweise zehn Jahren doch mal wieder zur Zahnfee.
Diagnose: Alles super.
Kein Zahnstein. Kein Plaque. Keine Karies. Keine Entzündung.
Nix.
Nur vier fast waagerecht liegende Weisheitszähne, die demnächst irgendwann mal raus müssen.

Und ich?
Ich gehe regelmäßig zur Zahnfee. Besitze eine Ultraschall-Zahnbürste. Ernähre mich gesund, regelmäßig und fröhlich.
Einen Zahn verlor ich dank "Kracher". Einmal zugebissen, einmal diagonal bis tief in die Wurzel gerissen.
Einen anderen Zahn verlor ich dank Gummibärchen. Einmal zugebissen, zwei Zahnteile...
Beide ersetzt.
Gönne mir am Geburtstags-Abend des Jungen ausnahmsweise noch einen Betthupfer. Einen Schokoriegel. Ohne Nüsse. Nix Dramatisches. Zack - eine Ecke weg vom letzten Backenzahn. EY WIE GEHT DAS?
Da bleibt mir der Gang nach Canossa kommende Woche nicht erspart und ich fürchte, die ganze Scheiße geht wieder tiefer als sie soll. Ich fasse das nicht... Wieso hab ich nicht einfach nur den Sekt getrunken?

Samstag, 8. Februar 2020

30



"Age is just a number, Thirty" habe ich mal eine Flasche Geburtstagssekt etikettiert. Für Dich habe ich keine Flasche Sekt gekauft, denn seit Du nicht mehr feiern gehst, machst Du Dir auch nichts mehr aus Alkohol. Ach, was waren das noch Zeiten, als Du das Feiern mit Freunden für Dich entdeckt hattest. Wie oft Du morgens kilometerweit nach Hause gelaufen bist, weil zwischen eins und vier keine Bahnen fuhren, Du nicht mehr fit genug zum Feiern, aber auch nicht trunken genug für das Schlafen auf der Bank warst. Wie oft immer irgendetwas schiefging. Du irgendetwas verloren hast. Dir etwas gestohlen wurde. Du beschuldigt wurdest, eine Toilettentür eingetreten zu haben. Was eigentlich total witzig ist, wenn man Dich kennt, denn gerade Du, zwar ein Bruchpilot vor dem Herrn, wenns um die persönliche Geschicklichkeit geht, gerade Du würdest niemals mutwillig etwas zerstören, nicht mal im Suff.
"Ich wars nicht, weil ich aufm Klo nebenan schlief", hast Du mir Jahre später verschmitzt erzählt. "Aber ich weiß, wers war." Und den hast Du bis heute nicht verraten. Nur die Rechtsschutzversicherung bemüht, deren Anwalt dann ohne Verfahren die Unschuldsklausel für Dich in Anwendung bringen konnte.
Wie Du morgens in der Tür standst und meintest, Du habest Deine Jacke irgendwo verloren.
Ich musterte Dich erstaunt: "Aber die hast du doch an?"
Und Du schautest ungläubig an Dir selber rauf und runter, herrliche ein Meter vierundneunzig lang, und lächeltest unglücklich: "Dann habe ich irgendwas anderes verloren."
"Na dann komm erst mal rein. Portemonnaie da, Handy da, Schlüssel da, alles andere prüfen wir, wenn du ausgeschlafen hast."
Oder als Du heimkamst, an jenem Morgen tatsächlich ohne Handy, ohne Portemonnaie. Weil Du auf der Bank schliefst und nicht bemerktest, wer Dich da um Dein Hab & Gut erleichterte. An jenem Morgen habe ich Dich nicht ins Bett zum Rausch ausschlafen geschickt: "Erst rufst du bei deiner Bank an und sperrst deine Karte, dann kannst du von mir aus schlafen gehen."
Das werde ich nie vergessen. Wie Du auf dem Fußboden saßt, die Augen fielen Dir ständig zu, Du konntest das Gespräch kaum führen, aber vermutlich hattest Du Glück: Die Bankbeamtin sperrte Deine EC-Karte und schickte Dir Tage später einen Brief "Holen Sie Ihre Karte in der Filiale ab, beim Versuch, die zu benutzen, wurde sie sofort eingezogen."
Oder Handys.. Ach Gott, was hast Du alles an Smartphones verschlissen.. Verloren, zerbrochen, gestohlen.. Ins Meer gesprungen zum Schwimmen und vergessen, dass das Handy noch in der Badehose steckte. Aus der Bahn gestiegen und das Handy auf der Sitzbank zurückgelassen. Aus dem Bett und direkt mit der Ferse auf das Display getreten. Aus der Hand gefallen, Display gesplittert. In die Toilette gefallen. Hach ja. Im Moment besitzt Du drei Smartphones. Mit dem einen kannst Du nur Musik hören. Mit dem zweiten kannst Du nicht mehr zocken, aber Deine Flirt-Apps bedienen. Mit dem dritten könntest Du zocken und telefonieren, aber dank überaltertem, fest eingebauten Akku keinen stromlosen Moment mehr zulassen.
Also habe ich mich entschieden, unter anderem ein neues Handy für Dich zu kaufen. Das letzte, das ICH Dir kaufe, sage ich mir - und erwerbe gleichzeitig Panzerglasfolie und ein Klapp-Etui, damit Du gar nicht erst in die Versuchung kommst, das Gerät OHNE Schutz nutzen zu wollen. Jetzt ist es doppelt und dreifach gesichert - und das muss es bei Dir auch. Es sei denn, Du lässt es wieder irgendwo liegen. Dann hilft vermutlich nur noch, es Dir ans Knie zu tackern :)

Mit Dir ist immer irgendwie Action, das ist im Grunde auch nie anders gewesen. Nicht umsonst vermutlich habe ich heute beim Sortieren ein Shirt gefunden, das ich Dir einst schenkte "Ich kann nichts dafür, ich bin so." :) Ein wunderbarer, liebenswerter junger Mann, der sich nicht leicht öffnen mag, aber der alles von sich geben wird, sobald er das Gefühl hat, dass er es kann. Und darf.
Manchmal bist Du ganz still und in Dich gekehrt, manchmal schießt Du mit Äußerungen über das Ziel hinaus - und meistens hast Du einen herrlichen Humor, über den ich mich äpplig lachen könnte. Du bist ein Mensch, den man auf den zweiten Blick erkennen und entdecken muss. Du bist niemand, der sofort einen anderen für sich einnimmt - auch weil Du selber gar nicht erst auf die Idee kommen würdest, dass Du das überhaupt kannst. Bis unter Deine hohe Stirn bist Du voller Selbstzweifel, auch wenn ich seit gut einem Jahr dabei zusehen kann, wie Du Dich mehr und mehr festigst, mehr und mehr in Deine eigene Mitte kommst.
Schon als Du klein warst, sagte man von Dir, dass Du so wissbegierig und hell im Kopf seist, dass man Dir kein X für ein U vormachen könne. Du würdest sie alle durchschauen - oder so lange fragen, bis das, was Du siehst, auch in Einklang ist mit dem, was Du hörst.
Als Du lesen lerntest, warst Du nicht mehr zu bremsen. Du hast alles gelesen und buchstabiert, das Dir vor die Augen kam. Bereits in der zweiten Klasse hast Du verstehendes Lesen entwickelt, etwas, das man wohl erst in der 4. Klasse erwirbt. Wenn Du gelesen hast, hast Du abwechselnd immer auf Text und Bild geschaut, um zu prüfen, ob das, was dort abgebildet war, zum Text passte.
Sobald Du rechnen konntest, hast Du auf alle möglichen freien Flächen geschrieben, selbst auf die untersten Ränder der Tageszeitung.
3 + 5 = 8    3 - 5 = Gonieks
Das war Dein bester! DEN hab ich mir damals ausgeschnitten und an die Pinnwand gehängt. Sehr geil.

Was Du nie warst, ist eitel. Dir ist bis heute ziemlich wurst, was Du anziehst oder nicht.
Du warst 13 und Dein Bruder 7, als ich Euch die Sachen rausgelegt hatte und sagte: "Nach dem Zähneputzen anziehen und dann gehen wir raus."
Und da standst Du dann, in den Sachen Deines Bruders.
"Äh... Siehst du denn nicht, dass du da gar nicht reinpasst?" Die Jeans ging Dir bis zum Knie, der Pulli bis zum Ellenbogen - aber die Knöppe gingen zu, also wars eben Deins.
"Wieso? Konnten doch kurze Sachen sein?!"
"Im FEBRUAR?"
Heute ist das natürlich nicht mehr ganz so - aber wichtig ist es Dir immer noch nicht.
Als ich Dich die neue Jeans anprobieren ließ, verdrehtest Du die Augen und meintest: "Schade ums Geld, kannst mir dafür doch lieber Google Play Karten schenken."
"Könnte ich, ja. Mach ich aber nicht."
"Ich hab eh keinen Bock auf Feiern", sagst Du schon die ganzen Tage. Du meinst das auch wirklich ernst, auch wenn Dich dabei gar nicht die Zahl stört als vielmehr das Gefühl, dass Du Dich ein wenig vernachlässigt fühlst. Nicht von mir. Nicht vom Mann, der morgen hierher kommt für Dich.
Eigentlich hatte ich ja einen Plan, was wir machen wollten, doch aus all dem wird nun nichts - aus Mangel an Gästen. Dein Bruder ist nicht da, Freunde hast Du lange nicht gesehen und magst sie jetzt auch nicht extra anrufen. Meine Familie ist weit weg - bleiben nur Du, der Mann und ich.
"Ist ein Geburtstag wie jeder andere", winkst Du ab.
"Aber es ist ein Geburtstag", streiche ich den halben Tag um Dich herum und versuche, Dich rumzukriegen, wenigstens mit uns auszugehen. Dass Du irgendwann irgendeine Google-App immer nur "NEIN!" für Dich sagen lässt, amüsiert uns beide, ändert aber momentan noch nichts an Deiner Entscheidung. Du große knorrige Wurzel. Wenn Du nicht willst, dann willst Du nicht, schon aus Prinzip nicht und weil Du eben einmal Nein gesagt hast. Wäre ich nur immer so konsequent gewesen früher ;) Und jetzt muss ich mir noch überlegen, ob ich es morgen trotzdem noch mal versuche, Dich in die City zu locken. Oder ob ich es bei Deiner Entscheidung belasse und mir dann eben mit dem Mann einen schönen Tag mache und dann wenigstens am Abend wieder bei Dir bin, damit Du wenigstens nicht ganz alleine bist. Du bist eh schon viel zu viel alleine, und Du sagst, das liegt eben auch am Job. Du bist halbtags eingestellt und bezahlt und arbeitest aber mehr als Vollzeit und derzeit fast jeden Samstag. Außer heute. Außer heute an Deinem Geburtstag, Du wundervoller Mensch.

Ich glaube, Du musst es einfach nur wiederentdecken, dieses Leben. Für Dich wiederentdecken. Du weißt, dass es wundervoll ist, aber Du glaubst nicht, dass es auch für Dich noch ganz viel bereithält. Denn im Gegensatz zu Deinem Bruder musst Du Dir wirklich alles erkämpfen. Dir fällt einfach nichts in den Schoß, Dir wird nichts geschenkt - aber ich betrachte mit innerer Genugtuung, wie Du Dir in Deinem aktuellen Job einen Stand erarbeitest, wo der Chef Dich nach einem Jahr bittet, nicht von ihm wegzugehen. Was schön wäre, wären es nicht nur Worte. Ich betrachte mit Genugtuung, wie Kollegen, die sich anfangs sehr kritisch über Dich äußerten, weil Du eben einfach auch in kein Schema F passt (worauf Du bitte unbedingt stolz sein darfst!), einen Zugang zu Dir finden, mit Dir über alles mögliche reden. Einen Deiner größten Kritiker hast Du mit dem Fußballthema eingefangen. Fußball ist etwas, wo Dir keiner etwas vormacht. Da kennst Du Dich aus. Ich hatte Dir mal die Kicker-Zeitschrift mitgebracht, ist Jahre her. Die hast Du wirklich Zeile für Zeile gelesen. GELESEN, nicht nur überflogen. Und als Du fertig warst, hast Du von vorn begonnen zu lesen. Zeile für Zeile. Unglaublich. Das hast Du von mir nicht, definitiv. Und dank Deines fotografischen Gedächtnisses vergisst Du auch nichts davon. Jedenfalls nicht rund um Themen, die Dich interessieren und faszinieren. Alles andere.. Steuererklärungen oder so.. Arbeitsverträge.. Behördenbriefe.. Die werden nicht mal aufgemacht. Interessiert Dich alles gar nicht.
Du hast kein Onlinebanking, Du kaufst auch nicht online ein, nirgendwo und noch nie. Du hast keine Geldanlagen, allerdings hast Du auch nie so viel verdient, als dass Du überhaupt über eine Grundlage nachdenken könntest, obwohl Du es müsstest. Du hast das Ziel, unabhängig zu sein, unabhängig von uns allen, Du willst Dein Leben allein wuppen, finanziell und auch sonst. Und es arbeitet in Dir, dass Dir das immer noch nicht gelungen ist, während Dein Bruder in vielleicht einem Monat einen Schritt weiter ist.
ABER: Ich sage immer - alles hat seine Zeit. Du hast in allem immer mehr Zeit gebraucht als andere. Und noch immer bin ich der sicheren Überzeugung, dass Du Deinen Weg auch gehen wirst. Dass Du Dein Ding machen wirst - und uns alle noch mehr überraschen wirst.

Du bist genauso wie es eine Lehrerin einst formulierte: "Er ist wie ein Motor, der langsam anläuft und erstmal warm werden muss. Aber wenn er dann einmal läuft, dann läuft der und dann hält ihn auch nichts mehr auf."

Genauso ist es, genauso bist Du und genau dafür liebe ich Dich von ganzem Herzen.
Bleib Dir weiter so treu, hab noch ein bisschen mehr Vertrauen in Dich selbst und dann wirst Du es sehen: Alles fließt.
Und was immer ich dazu tun kann, werde ich auch tun - und wenn es das letzte ist, das ich tun kann. Jeder braucht jemanden, der bedingungslos an einen glaubt - und sei Dir sicher: Ich glaube ganz ehrlich an Dich.

Ein kluger Mensch hat mal gesagt:

“We all have two lives. The second one starts when we realize that we only have one.” 

Dann komm, fangen wir an  ♥️

Alles Liebe zu Deinem Geburtstag ♥️
Deine Mama


Dienstag, 4. Februar 2020

Das Haus am Meer



Am Abend schickt mir der Mann den Link zu einem Haus am Meer, käuflich zu erwerben und preislich vermutlich im Rahmen dessen, was noch umsetzbar wäre.
"Wir müssten nur ein kleines Geschäft mit unterbringen", schreibt er und fragt, ob ich spontan eine Idee dazu hätte. Und da ist er, dieser Moment, in dem der alte, ewig gehegte stille Traum wieder aufbricht.. Das Haus am Meer.. mit der Wiese vor der Tür, hochgewachsen, vereinzelte Korn- und Mohnblumen darin. Die Apfelbäume, die mit leisem Plumps die reifen Früchte in das Gras fallen lassen. Der alte Holzzaun, der repariert werden müsste. Im nächsten Sommer, vielleicht.
Die grüngestrichene Holztür, die schlichten grünen Fensterläden mit der Emaillekanne voller Wiesenblumen und den Tontöpfen voller verschiedener Kräuter...
Und ich kann es sehen.. Das kleine, wundervolle Lesecafe.. Vereinzelte alte Sessel, völlig unperfekt, das Alter ist ihnen längst anzusehen und genau darin liegt ihr verwunschener Reiz.. Regale voller Bücher, für die man sich gerne niederlässt und den Nachmittag verschenkt.. Kleine gusseiserne Beistelltischchen, auf die Omas Geschirr passt, und vielleicht noch klitzekleines, frisches Gebäck.. An den Wänden einige meiner gemalten Bilder.. Ganz leise zarte Musik im Hintergrund.. Vereinzelte Kerzenständer mit teils heruntergebrannten Kerzen..
Viele Jahre alt ist dieser Traum von mir.. ich weiß nicht mehr genau, wie viele Jahre alt.. Aber er ist da, er ist immer noch präsent - und am heutigen Abend lebendiger denn je..

"...und ohne Schmerzen", fügt der Mann hinzu und ich lächle breit, bevor ich zurückschreibe: "Heute Abend ist das Level wieder ganz niedrig. Eigentlich spür ich grad nur die rechte Fußsohle und den linken Ellenbogen. Sonst nichts mehr. Und das fühlt sich noch alles so unwirklich an, dass ich es kaum glauben kann."
Dass es mir schon sehr viel besser geht nach der kurzen Cortison-Therapie, die nun bereits wieder begonnen wird, auszuschleichen, das hat er mir schon angesehen. "Deine Augen sind wieder voller Glanz", hat er gesagt. Das stimmt vermutlich erst nach dem dritten oder vierten Käffchen, aber immerhin scheint es zu stimmen ;)
Und der Glanz in den Augen.. Ich habe immer gesagt, dass ich Hoffnungen niemals wirklich aufgebe. Aber es macht einen Unterschied, ob "nur" die Hoffnung in dir lebt - oder ob Körper & Hoffnung in Einklang miteinander sind.. Und je besser ich mich erstmals nach fünfzehn Jahren pausenlosem schmerzhaften Pulsieren fühle, desto mehr fühle ich die Energie zurückkommen.. Den Willen, Träume einzufangen und an ihnen zu bauen.. Den nächsten Teil meines Spargeldes habe ich heute an den Mann überwiesen. Ein bescheidener Teil im Vergleich zu dem seinen - aber es ist ein Teil.
"Ich vertraue dir", schrieb ich ihm und er antwortete: "Ich hoffe, dass ich dich nicht enttäusche."
"Na dann gibts Schmorze", lächelte ich und lehnte mich entspannt zurück.

Dann kam mein Junge nach Hause. Gerade hatte ich ihm ein Essen zubereitet, wir redeten ein wenig und wir lachten viel und er begann, dies und das zu erzählen, zu erfragen, zu hinterfragen und irgendwann wollte ich wissen, ob er sich eigentlich noch mit jenem Mädel schreibt, die er zuletzt nach einem Date gefragt hatte.
"Nein", antwortete er, "sie hat mir auf die Frage nicht geantwortet und betteln werde ich sie auch nicht. Aber ehrlich.. Ich weiß auch gar nicht, was das alles bringen soll. Irgendwie gerate ich immer nur an Mädels, denen ich alles aus der Nase ziehen muss. Die mir immer sagen, wie toll ich schreibe, aber von denen kommt nicht viel. Die antworten auf alles, fragen mich aber nichts. Irgendwann bin ich dann vierzig, aber dann habe ich damit auch abgeschlossen. Ich will ja meine Erfahrungen auch mit einer jungen Frau machen, nicht mit ner Vierzigjährigen."
Daraufhin musste ich so sehr lachen, dass er in das Lachen mit einfiel.
Und dann sagte ich: "Ach weißt du, manchmal glaube ich, du denkst viel zu viel nach. Lebe einfach drauflos, schreib alle möglichen Mädels an, die dir gefallen, und schau, was zurückkommt. Du musst dich nicht nur auf eine fokussieren, solange sich nichts Konkretes ergibt. Probier dich aus, teste dich aus. Lass dich von einem Korb nicht verunsichern. Wir alle haben Körbe in unserer Ecke, die tollsten Menschen haben Körbe in ihrer Ecke, aber für jeden, der sich aufrichtig das Lieben wünscht, gibt es auch einen Menschen, der es ihm schenkt."

Und während er zu Abend isst, liege ich immer noch entspannt zurückgelehnt im Sofa und betrachte ihn. In meinem Inneren bin ich gerade voller sanfter Musik.. mein Kopf ist voller wunderbarer Bilder..

"Das wirklich Wundervolle am Leben", schreibe ich dem Mann, "ist, dass es so voller Liebe ist."

Montag, 3. Februar 2020

Das Kind meiner Mama



In dem Haus, in dem der Mann und ich wohnen, ist es irgendwie Usus geworden, dass Menschen die Dinge, die sie nicht mehr wollen oder brauchen, vor das Haus stellen. "Zu verschenken" steht manchmal dran. Auf diesem Wege bin ich in der letzten Zeit zu schon einigen Büchern meiner Sammlung gekommen, vorzugsweise natürlich Krimis :) Woher ich diesen Vogel habe, weiß ich gar nicht, ich vermute, er ist vererbt. Von der Mama. Die guckt auch ganz oft bis tief in die Nacht, während der Papa nebenan schon lange schnarcht.
Überhaupt ist es so, dass ich mit den Jahren immer und noch mehr Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten mit der Mama zeige. Sehr viel mehr als ich je gedacht hätte. Eigentlich nahm ich immer an, ich sei ein typisches Papa-Kind. Laut, impulsiv, aber wenigstens mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitsempfinden. Zugleich war ich aber auch immer sehr schüchtern und zurückhaltend. Ich wurde erst lebendig, je sicherer ich mich fühlte ;) Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, ist es eigentlich bis heute nicht anders.

Wie ich auf all das komme?
Der Mann und ich sind Fan der Reihe "Lebenslinien", wir stöbern oft in der Mediathek und suchen uns ein Porträt heraus. Gestern fiel meine Wahl auf Adele Neuhauser.
Ein wundervolles Porträt einer für mich sehr schönen, intensiven Frau. Ich mag ihr Spiel, das immer so echt wirkt, ich mag ihr herrliches breites Lachen ("Boar, hat die ein Gebiss", sagte der Mann gestern.), überhaupt ihr Wesen, das unausgesprochen unfassbar viel Herzlichkeit versprüht.
Doch was mich am allermeisten berührte, waren die vielen großen und kleinen Parallelen ihres Lebens zu dem meinen. Die großen und kleinen Parallelen ihres Wesens zu meinem Wesen.
Ihr Kollege sagte von ihr, sie sei ein Mensch mit einer unfassbaren Kraft in sich, die es ihr immer wieder ermögliche, neu aufzustehen und den Kampf neu aufzunehmen, ohne Mauern um sich herum zu errichten. Eine ganz eigene Kraft aus sich selbst heraus.
"Wie du", sagt der Mann nachdenklich.
Sie hat sich von ihrem Mann getrennt, nachdem sie beruflich wesentlich erfolgreicher wurde als er und die Streitigkeiten daheim kein Ende mehr finden mochten. Sie ist gegangen, weil sie sich sagte, dass sie so ein Leben nicht wollte und nicht konnte. Dass sie Angst vor dem Alleinsein hatte, jedoch das Bleiben keine Option war. Dass sie heute in sich ruhen kann und dankbar ist für all das, was sie hat und bekommen hat.
"Wie du", sagt der Mann und fügt hinzu: "Ich wünschte, ich könnte das auch."
Ihr Kollege sagt von ihr, dass sie ein Mensch ist, der einen ganzen Raum erfüllen kann - und dass ihr das nur gar nicht so bewusst sei.
"Ich denke, du kannst das auch, und du weißt das auch nicht von dir", sagt der Mann, während er aufsteht und kurz das Zimmer verlässt und ich schaue ihm überrascht nach. Als er wiederkommt, sage ich, dass das grad aber ein sehr schönes Kompliment war. Eines der ganz seltenen (meistens schimpft er nur wegen irgendwas oder zitiert "Wenn ich nüscht sage, schmeckts!") und vielleicht darum auch eines der wertvollsten.
Adele Neuhauser skizziert auch das Verhältnis zu ihrer Mama und in vielem finde ich mich wieder. Wie ich mich als Kind fühlte. Was ich später dachte und fühlte. Was all das für mich persönlich, für meine persönliche Entwicklung bedeutete - und wie vieles ich im Umgang mit meinen eigenen Kindern wiederfand.
"Sprich dich doch auch mal aus", sagt der Mann, "vielleicht klärt das auch vieles für dich."
"Das kann ich nicht", antworte ich. "Ich würde die Last von mir nehmen und ihr um die Schultern hängen und es würde aber nichts mehr ändern. Und das Gute ist: Ich habe längst meinen Frieden mit all dem gemacht. Weil ich heute weiß: Meine Mama liebt mich und sie hat mich immer geliebt. Mir geht es längst gut mit allem und ich werde den Teufel tun, ihr etwas anzutun."

Diese Kraft in einem selbst... Ich glaube, auch das habe ich von meiner Mama mitbekommen. Vielleicht wirken wir von außen sanft, weich, im Gegenzug sind wir jedoch ziemlich hart mit uns selbst. Wir halten vieles aus, vielleicht manchmal zu lange - und machen uns Luft, wenn es für uns nicht mehr geht. Wir scheuen keine Konfrontation, aber wir können auf den geeigneten Moment warten. Wir sind diplomatisch, aber ehrlich. Wir sagen nicht alles, das wir denken, aber wenn wir etwas sagen, meinen wir es auch so. Wir kümmern uns um andere und vergessen dabei auch schon mal uns selbst - aber wir passen immer noch auf uns auf, auch wenn das manchmal nicht den Anschein haben mag. Wir wollen das Leben genießen und wenn der andere nicht mitmacht, machen wir eben allein oder suchen uns eine andere Begleitung.

Heute bin ich sehr dankbar, das Kind meiner Mama zu sein.

Danke, dass Du mir Deine Kraft mitgegeben hast, mich niemals unterkriegen zu lassen, egal, wie oft ich gestürzt bin. Dass Du mir die Kraft Deiner Hoffnung und Deiner Zuversicht mitgegeben hast, Dein positives Denken und Fühlen, das immer nach vorn gerichtet ist, auch wenn das nicht immer ganz so einfach ist. Danke dafür, dass ich mit all diesem Rüstzeug in der Lage bin, das Leben zu leben, das mir guttut und dass ich trotz zwischenzeitlicher Pausen nie aufgehört habe, in all den fünfzehn Jahren gegen den Schmerz in meinem Körper anzukämpfen. Mich nicht bekloppt machen lasse von überheblichen Ärzten, die einen gar nicht wirklich wahrnehmen. Und mit dem Cortison habe ich in der Nacht zum vergangenen Sonntag einen ersten völlig schmerzfreien Moment erlebt. Den allerersten seit fünfzehn Jahren. Mir war bewusst, dass der nicht lange anhalten würde - aber ich dachte: "Ey... du kannst jetzt nicht schlafen gehen, du kannst jetzt diesen wertvollen Moment nicht verstreichen lassen, ohne ihn zu merken." Ich habe es genossen, bis morgens halb fünf, dann war ich zu müde - aber jetzt weiß ich umso deutlicher, was das Ziel ist. Vielleicht nicht ganz schmerzfrei, aber mit einem Level, das ich gut aushalten kann. Seit Sonntag morgen ist natürlich fast alles wieder da - bis auf die Finger. Die Finger sind so deutlich besser geworden, dass ich auch meine Kaffeetasse wieder unfallfrei anheben und mit einer Hand halten kann.
Ich bin dankbar für die Fähigkeit zu lieben - und wie sagte auch Adele gestern: "Ich muss lieben, was ich tue." Danke Mama, dass Du mir all das von Dir mitgegeben hast - auch wenn es viele Jahre, viel Arbeit und Erfahrungen brauchte, bis ich das erkennen konnte. Ich sehe nicht so aus wie Du, aber ich bin wie Du - und das ist das Beste, das mir passieren konnte.



Dienstag, 28. Januar 2020

Die Maus hatte da noch Fragen :)

Ihre Posts hatte ich vermutlich fünfmal aufgerufen, aber irgendwie dann doch nicht die Muße gefunden, mich mit den Fragen zu beschäftigen oder gar darauf Antworten zu finden. Ich will sie mir eh nicht alle mitnehmen - und manches möchte ich vielleicht auch nicht aufschreiben. Aber.. schreiben möcht ich. Grad erst hab ich ein Telefonat geführt, in dem mir erst wieder bewusst wurde, wie sehr Schreiben mein  Medium ist. Dass ich es liebe, das Spiel mit dem Wort. Ganz egal, ob es jemanden interessiert oder wer es liest. Darauf habe ich keinen Einfluss, und vielleicht gibt es ja auch deshalb Dinge, über die ich nicht so offen schreibe. Vielleicht aber auch, weil ich niemals alles über mich erzählen wollte ;) Aber es bleiben ja immer noch genug Dinge, über die ich dann schreiben möchte. Zum Beispiel über diese - für mich letzten - Fragen der Brüllmaus:

Würdest Du jemals nackt in einer Zeitschrift posieren?
Ich denke nicht. In digitalen Zeiten ist es zwar einfach, scheiß Fotos auszusortieren und den Rest zu retuschieren - aber ganz ehrlich: Was soll ich mit einem arg retuschierten Nacktfoto von mir? Wenn die Wahrheit ja doch eine ganz andere ist?

Kannst Du ein Auto volltanken?
Das muss eine Scherzfrage sein. Oder nein: Eine Fangfrage! Anders kann ich mir das nicht erklären. Ich wüsste tatsächlich nicht, was man daran nicht hinbekommen soll?
Wobei ich auch ehrlich erstaunt war, dass mein Kollege mir nicht glauben wollte, dass ich tatsächlich mit Bohrer & Co. umgehen kann, renovieren und auch Dinge in die Wand bringen kann. So wie in der vergangenen Woche in L. Als ich das Loch in der Wand von Sohn II begutachtete und meinte: "Bei dem Ziegelmurks hilft kein Gips, ich kaufe Blitzzement."
Bis jetzt hält der ganze Mist. Mal sehen, wie lange :)

Hast Du jemals einen Strafzettel bekommen?
Einen?
Den letzten gabs vor ca. 6 Wochen - mit nur einem kmh am Fahrverbot vorbeigeschrammt. Das war knapp! Aber ganz ehrlich: Auf ner dreispurigen Autobahn ne 120 auszurufen.. Wo nix ist, keine Baustelle, keine Ortschaften, freie Fahrt für freie Bundesbürger... Das IST Abzocke. Um was anderes gehts da nicht, braucht mir auch niemand einzureden.
Wobei ich gestehen muss.. Ich erinnerte mich sogar an den Tag - aber nicht an einen Blitz. Und ich weiß noch, dass ich Musik hörte, sang oder vor mich hinträumte - und mit einem Mal dachte: "Ey... warte mal... hier waren doch nur 120, oder?"
Eine Freundin fragte mich, ob ich dagegen klagen wollte. Hab ich nicht verstanden, die Frage.
"War mein Fehler, also steh ich auch dazu."
Finde ich sehr albern und sehr unerotisch, wenn Menschen sich aus dieser Art Scheiße (sorry) herauslavieren wollen.

Ist Dir jemals während der Fahrt das Benzin ausgegangen?
Ja, ein einziges Mal. Innerhalb der Stadt, ich kam vom Wochenendeinkauf mit den Jungs. Etwa zehn Meter vor der Ampel blieb der kleine Grüne stehen und gab keinen Mucks mehr. Aus die Maus.
Also Warnblinker an und Motorhaube auf, Warndreieck hattsch leider nicht dabei (passiert mir auch nie wieder). Witzig der Mann hinter mir mit seiner Ollen: "Könnense nich noch n Stigg vorfahrn, dann schaltet die Ampel wänichstens um!" Mir standen die Haare zu Berge! "Hörnse mal, wenn ich noch ein Stück vorfahren KÖNNTE, würde ich hier NICHT stehen!"
Geholfen hat er mir aber auch nicht. Ist einfach frech vorbeigefahren und seine Olle hat mich ganz vorwurfsvoll angeguckt.

Was ist das Beste, was man zum Frühstück essen kann?
Frische Brötchen und ein weichgekochtes Ei. Kaffee kann man ja schließlich nicht essen.

Was ist Dein chinesisches Sternzeichen?
Das musste ich mir erstmal ergoogeln, sowas weiß ich doch nicht. Ich bin ein Hahn. Von dem man folgendes sagt:
"Der Langstreckenläufer unter den 12 Tierkreiszeichen zeichnet sich durch seine Zähigkeit und Ausdauer aus. Mit einer gesunden Portion Realismus und vielen praktischen Fähigkeiten für den Alltag arbeitet er stetig und mit vollem Einsatz für seine Karriere.
Er ist der Macher im Hintergrund, der die Fäden in der Hand hält. Leistungsstark und diskret geht er seinen Weg und scheut keinen Umweg, um sein Ziel zu erreichen. Diese Zielstrebigkeit führt jedoch häufig dazu, dass der Lebensgenuss und die schönen Dinge des Lebens völlig zu kurz kommen.
Askese wird betrieben, wo keine nötig ist. Etwas unbeweglich hält er an seiner Meinung fest und nimmt kaum Kurskorrekturen vor. So kann er ganz schön starrsinnig sein und seinen Willen auch gegen die Interessen anderer durchsetzen."
Quelle: https://www.horoskop-paradies.ch/gratis-angebote/chinesisches-sternzeichen.html#hahn

Nun. Damit wär schon mal zweifelsfrei bewiesen, dass Horoskope scheiße sind.
Ich und zäh?? Ich und ausdauernd?? Die kennen mich tatsächlich nicht.
Und für meine Karriere hab ich so noch nie gearbeitet, weil mich das schlicht nicht interessiert. Ich BIN Genussmensch in jeder Hinsicht, mir muss Spaß machen, was ich tue.
Als ich mich von meinem Ex trennte, brachte der den Großen zur Familientherapeutin und sagte "Meine Frau hat nur ihre Karriere im Kopf, die interessiert nichts anderes."
Irgendwann später traf ich auf sie und sie sagte nach zwei Stunden zu mir: "Wissen Sie... Ihr Mann hat ein komplett anderes Bild von Ihnen gezeichnet. Er sagte, Sie seien die knallharte Karrierefrau. Aber in Wahrheit sind Sie ganz anders." Stimmt. Lustigerweise habe ich es trotzdem zu was ganz Ordentlichem gebracht inzwischen.
Askese stimmt auch so gar nicht bei mir. Das einzige, was stimmt, ist mein typisch nordischer Stursinn. Wobei.. Ihr könnt mir glauben, mit mir hättet Ihr Glück, der echte Nordländer kann das noch besser. Ich bin durch die Jahre in Mittelerde "aufgeweicht". Allerdings lasse ich mich bis heute nur von einer anderen Meinung überzeugen, wenn man mir das Gegenteil auch beweist. Ein bisschen Nordland muss man sich ja auch bewahren dürfen.

Wie viele Sprachen kannst Du sprechen?
Deutsch, ein bisschen Schulrussisch, ein bisschen Englisch und Spanisch ist noch ganz tief in den Babyschuhen. Da komm ich nicht so voran wie ich mir das vorgestellt hatte. Was mir wirklich spanisch vorkommt, ist mein Französisch, aber der Mann findet es gut! Olé!

Hast Du jemals eine Pistole benutzt?
Nein und das will ich auch nicht müssen. Ich verabscheue Gewalt. Letzten Sonntag habe ich den München-Tatort gesehen und die Erinnerungen an den Attentäter von 2016 waren alle wieder da. Das war ziemlich bedrückend.

Rauchst Du regelmäßig?
Nein, noch nie. Außer aus den Ohren, ab und an, wenn sie mich wieder in den Wahnsinn getrieben haben.

Warst Du jemals verliebt?
Ich gestehe.. Mich zu verlieben, das geht ziemlich schnell. Strohfeuer, die schnell wieder klein werden, manchmal jahrelang weiterschwelten, aber nie wieder groß wurden. Aber richtig ernsthaft geliebt habe ich nur zweimal.

Kannst Du stricken oder häkeln?
Ah ne, für sowas habe ich einfach keine Geduld. Zu wenig Interesse auch, zugegeben.

Weinst Du oder bekommst Du Wutanfälle, wenn Du Deinen Willen nicht bekommst?
Wieso sollte ich weinen? Oder Wut kriegen? Es ist eher so, dass ich Kompromisse oder Möglichkeiten suche, damit jeder bekommt, was er will ;)

Montag, 27. Januar 2020

Mit Dir oder ohne Dich



Vor kurzem las ich in einem Blog über Pro und Contra einer Affäre. In Zeiten, in denen (gefühlt) immer weniger Menschen ab einem gewissen Alter bereit sind, beständige Verbindungen einzugehen, selbst wenn sie tatsächlich allein leben, könnte die unverbindliche Liaison vielleicht aushilfsweise dazu beitragen, die innere Leere zu füllen?
Spontan wollte ich auf diesen Blogeintrag antworten - und unterließ es. Je länger ich über dieses Thema nachdachte, desto bewusster wurde mir, dass es so einfach gar nicht ist.

Denke ich etwa zehn, fünfzehn Jahre zurück, sehe ich mich.. Wie ich nachts nicht schlafen konnte vor Sehnsucht. Wie ich tagsüber ähnlich ruhlos durch die Straßen lief, die Augen offen, die Sinne weit geöffnet. Und mit mir herumgetragen die ewige Frage: "Wieso hat die einen Mann und ich nicht? Was ist so fucking falsch an mir?"
Ich war nicht nur auf einer Plattform angemeldet - weil mir eine allein viel zu langweilig war. Zu wenig Inspiration. Zu wenig Möglichkeiten meines ganz persönlichen, privaten Festivals.
Und die Wahrheit ist: Es war nichts falsch an mir und ist es auch heute nicht. Für mein Empfinden ist eher die Wahrheit, dass es keine gibt. Menschen sind vielfältig, sie sind unfassbar, sie sind erschütternd und sie sind faszinierend und wundervoll. Jeder von uns bringt etwas mit, das in einem anderen etwas ergänzt oder zum Klingen bringt. Und dabei denke ich manchmal an irgendeine Internetbegegnung, die mir mal über Frauen allgemein schrieb: "Verzweiflung kann man riechen. Verzweiflung ist unattraktiv."

Schaue ich auf mein eigenes Leben: Die interessantesten, die prägendsten Begegnungen erlebte ich tatsächlich da, wo ich sie gar nicht wollte. Ich kümmere mich nicht darum, ob sich jemand für mich interessiert - aber ich bin erstaunt, wenn ich feststelle, dass es jemand tut. Und dann frage ich mich ernsthaft: Meinen die wirklich mich? Oder eher nur die Person, die sie zu sehen glauben?
"Es kümmert dich nicht, weil du ja jemanden hast", würde ein Single jetzt zu mir sagen - und da wäre ich bei meinen Gedanken zum Post, den ich vor kurzem las.
Heute bin ich zehn, fünfzehn Jahre weiter, in meinem Kopf, in meiner Seele. Mein Leben möchte ich nicht allein verbringen, ich möchte vielleicht auch nicht zwingend ganz allein leben. Aber dieses Denken ist nicht davon bestimmt, mein Leben mit einem Mann teilen zu müssen. Warum nicht mit einer Freundin zusammen leben? Oder auch zwei Freundinnen? Eine bunt gewürfelte Wohngemeinschaft, weil wir bei allen romantischen Vorstellungen auch ein reales Leben bewältigen müssen und diese Realitäten eben nicht allein durch rosa Wolken bezahlt werden.
Aber was ist so schlimm daran? Dass die Liebe fehlt? Die körperliche Liebe?

"In einem bin ich mir völlig sicher", schrieb ich vor einigen Tagen irgendwann nachts an den Mann. "Wenn wir uns eines Tages trennen, werde ich mit keinem anderen Mann mehr zusammen leben. Nicht aus Frust. Sondern weil ich es mir nur mit dir vorstellen kann. Ich finde das nicht traurig und auch nicht beängstigend. Ich finde es gut so. Es fühlt sich richtig so an."
In meinem Kopf sind ganz konkrete Vorstellungen, wie dieses Leben aussehen würde. Viel malen, viel lesen, viel schreiben, viel Musik und viel Kaffee, natürlich ;) Ich wüsste genau, wie der Raum ausschaut, der mich umgeben würde. Und entweder werde ich oft das Meer besuchen oder ich lebe bereits dort. Ich werde mir das Land und die Menschen anschauen, ich werde sie betrachten und auf mich wirken lassen, mich vermutlich von ihnen inspirieren lassen.
Und warum soll ich dann keine unverbindliche Liebe zu einem Menschen pflegen können, mit dem ich vielleicht das Bett, aber nicht das Leben teilen möchte? Weil man jemanden braucht, an den man sich lehnen kann? Der einem auch mal das Frühstück zubereitet und dir zuhört?
So wie der Mann heute Abend, der mir ein kleines kommse-mal-runter-Frollein-Abendessen zauberte und aus sicherer Entfernung auf den Schreibtisch stellte, weil ich den ganzen Montag lang nur - sorry - gequirlte Scheiße auf meinem Tisch zu liegen hatte und die Bequemlichkeit mancher Leute mich zuweilen rasend macht? Ich liebe seine Gesten - aber sind wir Menschen tatsächlich so darauf angewiesen, dass sie von einem Herzmenschen sein müssen? Geht uns denn nicht ebenso das Herz auf, wenn uns auf der Straße, im Cafe, beim Bäcker, irgendwo ein Mensch anlächelt?
Ist das Zuhören von jemandem, mit dem man nicht das Leben teilt, weniger wert? Schmerzt es mehr, wenn zuviel Körper und zu wenig Seele dabei sind? Interessiert sich der andere nicht wirklich für mich, wenn man nicht alles miteinander teilt?

Bevor der Mann und ich zusammenzogen, hatte er die Idee, wir könnten ja hier in M auch zwei getrennte Wohnungen haben. Jeder würde seinen Lebensraum behalten, jeder so, wie er es gewohnt ist. Jeder könnte leben wie er wollte und wenn man Lust aufeinander hat, bleibt einer eben über Nacht. Für mich war das damals unvorstellbar. Ich wünschte das Miteinander. Und nicht nur der Mangel an Raum, sondern insbesondere auch die Kosten ließen seinen Plan mehr als schnell verfallen.
Seit über fünf Jahren wohnen wir nun zusammen und während er sagt, dass er es nicht mehr anders haben möchte, könnte ich seinen Gedanken von einst durchaus aufgreifen wollen. Jedoch nicht hier.
Hier in M ist es undenkbar. Aber.. vielleicht.. in L? Oder am Meer? Oder ganz woanders?

Ich glaube, das Wundervolle am Leben ist für mich, dass die Dinge niemals gleich bleiben. Dass das Leben lebt und uns jeden Tag neue Möglichkeiten bietet. Ganz gleich, ob wir sie annehmen wollen oder nicht. Betrachte ich mein Leben heute, lebe ich sicherlich auch nicht ganz so wie ich mir das vorstellte. Aber ich hadere nicht damit. Oder besser gesagt: nicht mehr. Ich habe meine Ideen, meine Wünsche, meine Vorstellungen und für die lebe ich. Wenn ich sie mir jetzt nicht umsetzen kann, dann eben an einem anderen Tag. Natürlich weiß ich nicht, ob ich je dazu komme, so zu leben wie ich es mir wünsche. Aber ich möchte lieben können, was ich tue.

Quelle: Bild links Netzfund, Bild Mitte youtube.com/MrSuicideSheep, Bild rechts bin ich :)

Ich möchte das, was ich tue, gerne tun. Mit Herzblut. Völlig unabhängig davon, ob es einen Mann in meinem Leben gibt oder nicht. Ich bin nicht nichts, nur weil ich eines Tages vielleicht keinen Mann (mehr) habe. Und ich persönlich glaube immer noch an jene Worte aus dem Herbst 2004:
"Was vor uns liegt und was hinter uns liegt, ist nichts im Vergleich zu dem, was in uns liegt. Und wenn wir das, was in uns liegt, hinaus in die Welt tragen, dann geschehen Wunder."

Warum ich daran glaube?
Weil ich es selber so erlebt habe. Und es bis heute nicht aufgehört hat.

Montag, 20. Januar 2020

Die Sendung mit der Maus

..na ja oder besser gesagt: Der Fragebogen der Brüllmaus :)
Fragebögen an sich fand ich nicht zwingend interessant, bis mich mal jemand darauf aufmerksam machte, dass man - je nachdem, wie man antwortet - auch auf diesem Weg eine ganze Menge von sich erzählen kann. Ich weiß zwar nicht, ob ich sie mir alle mitnehmen möchte, aber.. Wenn man bei der einen oder anderen spontan Antworten auf der Zunge zu liegen hat, dann kann man sie ja auch rauslassen?

Schläfst Du mit geschlossener oder geöffneter Tür?
Ich gestehe - und das weiß aber auch eigentlich jeder: Ich habe Angst im Dunkeln. Die hatte ich schon immer, vor dem Monster unter dem Bett, das nach nackten Füßen greift oder das seinen zottligen Kopf durch die offene Tür steckt. Offene Türen konnte ich nur ertragen, wenn im Nebenzimmer jemand war. So wie ganz früher die Großmutter, die immer mit einem Latschen in der Tür dafür sorgte, dass die Tür niemals zufiel. Und ich beschützt und beruhigt wurde mit dem schwachen Schein ihrer Nachttischlampe. Natürlich wollte ich das auch zu Hause genießen, bei den Eltern - und rief mitten in der Nacht: "Papa, kannst du den Latschen in die Tür stellen?"
Und er rief zurück: "Ich kann dir mit dem Latschen auf den Arsch hauen!"
Und damit war das Thema durch.
Die Großmutter war eben doch die Beste.

Magst Du es, Post-Its zu benutzen?
Au ja!!! Sie dürfen nur nicht zu groß und nicht zu klein sein. Am liebsten habe ich die in 5 x 5 cm.
Und in verschiedenen Farben ;) So einen Post-It klebe ich manchmal an den Spiegel, bevor ich auf Reisen gehe - oder verstecke sie, damit der Mann sie erst findet, wenn ich schon weg bin. Oder male ein großes rotes Herz drauf und lege es in den Einkaufskorb. Letzteres aber nur ganz selten, denn meistens gehen wir gemeinsam einkaufen. Einer muss die ganze Scheiße ja schließlich tragen und ich bin es nicht.

Hast Du Sommersprossen?
Als Kind hatte ich die, später nicht mehr. Dafür hat meine Mama ganz viele, auf dem ganzen Körper verteilt. Sie ist ja auch eine Natur-Amazone mit echtem roten Haar und blauen Kulleraugen. So hätte ich mich auch geliebt.

Lachst Du immer auf Bildern?
Eigentlich nur auf Schnappschüssen. Wenn ich weiß, dass ich fotografiert werde, verkrampfe ich und dann wird jedes Bild Scheiße. Und mir ist aufgefallen, wenn ich verkrampft lächle, geht immer ein Mundwinkel nach unten. Was schade ist, denn Mundwinkel nach oben sehen immer schöner aus. Aber das klappt nur selten. Wenn der Kopf aus ist.

Was ist die größte Sache, die Du nicht abkannst?
Ungerechtigkeit. Wirklich, da fahre ich aus der Haut und sämtliche Krallen aus. Das kann ich auf den Tod nicht ab. Wenn der vermeintlich Stärkere auf den vermeintlich Schwächeren verbal einprügelt, schlimmstenfalls noch mehrere gegen einen. Und Gewalt gegen andere.
Wie soll ich mich hier für eine Sache entscheiden?? Ich finde das alles so richtig zum aus-der-Haut-fahren.
Eine Freundin hat mir "dabei" mal zugesehen, sich auf ihren Stuhl geworfen, begeistert auf die Schenkel geklatscht und gerufen: "So kenn ich dich gar nicht! Ich kenn dich nur sanft! Aber es steht dir gut!" :)

Zählst Du manchmal die Schritte beim Gehen?
Äh.. Ne. Ich wüsste nicht, wozu. So langweilig ist es mir bislang noch nie gewesen. Ich brauch auch keinen Schrittzähler, der mir abends sagt "Frollein, da GEHT aber noch was!" oder so n Quark.

Tanzt Du manchmal, auch wenn keine Musik läuft?
Ja! JA! JAA! Natürlich! Wer keine Musik liebt, ist eigentlich schon tot. Aber noch eher und noch lieber singe ich. Das bedeutet nicht, dass ich es kann - aber ich liebe es zu singen. Singen ist auch Ausdruck von Lebensfreude, und ich habe die immer noch. Ganz sehr.

Kaust Du auf Deinen Stiften?
Nein. Niemals. Als Kind habe ich mal auf meinem Füllfederhalter rumgekaut und irgendwann hatte ich die Tinte im und am Mund. Seitdem nie wieder. (Brüllmaus, das habe ich wirklich geschrieben, bevor ich Deinen Post dazu las, ich schwörs :))

Wie groß ist Dein Bett?
Es kann nicht groß genug sein. Ich liebe Spielwiesen und auch das Gefühl, Platz zu haben. Raum für mich zu haben. Die Wahl zu haben, ganz nah ineinander verschlungen zu liegen oder doch herrlich ausgebreitet für mich selbst.

Was ist Dein Song der Woche?
"Lullaby" von Emmit Fenn. Hatte ich grad erst gepostet. Ein Zufallsfund, den ich nicht immer hören kann, aber derzeit ziemlich oft. Aber wer mich kennt, weiß auch: Frag mich jede Woche und ich habe jede Woche einen neuen Lieblingssong.

Findest Du es okay, wenn Jungs pink tragen?
Ja. Definitiv. Es muss nur zum Typ passen. Es kann nicht jeder alles tragen.

Schaust Du immer noch Zeichentrickfilme?
JA JA JA! Zuletzt "Coco". Ein sehr berührender Film darüber, dass man wirklich erst dann gestorben ist, wenn man vergessen wurde. Ein Film für fast alle Sinne.. Eine wundervolle Farbgewalt. Erst zweimal mit dem Mann gesehen, dann einmal mit den Jungs. Der Große wollte erst überhaupt nicht ran. Den hab ich fast dazu gebettelt. Dann beim Schauen war er ganz still und ganz gebannt. Danach hat er eine Zigarette geholt und auf dem Weg zur Terrasse hat er gesagt "Ich hoffe nur, dass es das so nicht wirklich gibt."
"Was meinst du? Dass uns unsere Liebsten noch sehen können, wenn sie schon gestorben sind?"
"Ja genau."
"Warum wäre das ein Problem für dich?"
Er mochte nicht antworten.
"Was sollten sie denn anderes sehen als einen jungen Mann, von dem sich ganz viele Menschen ordentlich was abschneiden könnten?"
Er bedachte mich mit einem denkwürdigen Blick und ging wortlos vor die Tür.

Was ist Dein allerliebster Film?
Ich bin da nicht festgelegt. Hey, ich bin ein Zwilling - der braucht viel Inspiration und findet auch immer wieder was Neues, das ihm gefällt :) Das bedeutet zwar nicht, dass ich "vergesse", was mir mal gefiel, aber die Bandbreite ist halt.. zu groß, um sich auf eins festzulegen.

Was trinkst Du zum Abendessen?
Ich würde jetzt am liebsten antworten "Na was wohl!" Immerhin kann ich Käffchen zu jeder Tages- und Nachtzeit trinken, ohne dass das irgendeinen Einfluss auf mein Schlafverhalten hätte. Ich kann trotzdem immer schlafen. Aber es wär halt nicht die Wahrheit. Öfter trinke ich auch mal eine Soja-Kakaomilch. Was ich nie so dazutrinke, ist Wasser. Das ist mir zu plürrig.

Was ist Dein Lieblingsessen?
Siehe Film :) Es fällt mir schwer, mich festzulegen. "Deshalb kriegt man dich auch so schwer zu greifen", wurde mir schon einige Male gesagt. Aber okay, das ist wohl wieder ein anderes Thema ;)

Life is for Living, My Old Friend



Heute Morgen verließ ich das Haus, die Notebooktasche eilig um die Schulter geworfen, die Handtasche noch darüber geschlenkert, der Mantel offen so wie das Haar. So wie früher, wenn Du vor meiner Haustür standst und auf mich gewartet hast. So wie Du auch oft auf mich gewartet hast, wenn ich Dich vor Deiner Haustür eingesammelt hatte. (Bestimmt hast Du mich ganz oft verflucht, grad in den Wintermonaten, weil ich es einfach niemals pünktlich auf die Minute geschafft habe - aber gesagt hast Du mir zumindest nie etwas.)

Kaum hatte ich heute Morgen den kleinen Schwarzen gestartet, erklang schon meine Lieblingsmusik, und kaum hatte ich begonnen, mitzusingen, musste ich mit einem Mal so heftig daran denken, wie das mit Dir war: Unser Musikgeschmack teils sehr ähnlich. Ich habe immer gesungen, immer, jeden Morgen, und Du hast entweder manchmal mitgebrummt oder Dich in den Sitz gefläzt und die Saiten Deiner Luftgitarre schwingen lassen.

In Deiner Arbeit warst Du nie der Gründlichste, Du hast Dinge übersehen, die manchmal richtig Geld und vor allem Nerven gekostet haben. Trotzdem hätte ich Dich niemals hergeben mögen. Dein unfassbar trockener Mutterwitz ist einer der besten, den ich jemals kennenlernen durfte. Mit Dir gab es einfach immer Spaß. Und wenn es Ärger gab, hast Du nie etwas gesagt, Du hast es runtergeschluckt und bist zurück in Dein Büro gegangen. Ob Du Dich zu Hause ausgekotzt hast, weiß ich nicht. Meistens bist Du dann vor die Tür gegangen und hast Dein "Pfeifchen" geraucht.

Irgendwann hast Du beschlossen: Bis zur Rente arbeite ich nicht. Ich will noch was vom Leben haben - und von meinen kleinen Enkelchen. Lieber hast Du finanzielle Abstriche in Kauf genommen - aber Leben... Man lebt nur ein einziges Mal, leider Gottes.
Seither haben Du und ich uns nicht mehr wiedergesehen. Nur ab und an hörte ich, Du arbeitest jetzt auf Baustellen unserer Konkurrenz. Aushilfsweise sollte das sein, aber es wurde wohl länger als gedacht. Unser Chef hat Dir das nie verziehen, ich aber konnte Dich verstehen. Bei uns kann man nicht nur "mal ein bisschen mitmachen". Bei uns ist man hundertprozentig dabei - oder gar nicht. Dazwischen gibt es nichts - und das weiß jeder, der schon mal in unserem Unternehmen beschäftigt war. Und genau das wolltest Du eben nicht.
"Nur mal ein bisschen nebenbei", und vielleicht hatte ja die Rente auch nicht wirklich ausgereicht.

Und jetzt gibt es Dich nicht mehr. Vor vier Tagen hast Du Dich auf Deinen letzten Weg gemacht, so vollkommen überraschend und nach nur so kurzer Zeit nach der Lungenkrebsdiagnose. Ich war völlig geschockt, ich wollte es nicht glauben, und mir sind die Tränen regelrecht in die Augen gesprungen. So wie ganz unvermittelt heute Morgen, als ich zur Musik mitzusingen begann - und mir so urplötzlich bewusst wurde: "Das ist wie früher mit dir, und hey, wo bleibt der Einsatz der Luftgitarre?"

Scheiß doch auf Wimperntusche und Lidstrich.

Spiel auf da oben, mein Freund, lass die Saiten erklingen. Ich kann vor mir sehen, welches Bild das gibt.
Ich vermisse Dich, my old friend, ich vermisse Dich wirklich. Und Deinen einzigartigen Mutterwitz.

Freitag, 17. Januar 2020

Thank God Its Friday



Morgen geht es auf nach L. Ich freu mich arg drauf, auf meine Söhne, sogar auf das Office. Bastel derzeit an einer neuen kleinen, feinen Playlist und werde genießen, dass sich der neben mir auf dem Beifahrersitz angeschnallte Teddy nie darüber beklagt, dass es zu laut ist oder zu oft dieselben Titel wiederholt werden. Oder dass er ab und an mal meinen Kaffeebecher halten muss, aber nie von kosten kann. Nur schnuppern, nicht anfassen - oder so :)

So langsam schüttel ich auch mehr und mehr die Enttäuschung von mir ab, dass es bei Sohn I mit dem anderen Job nicht geklappt hat. Es gibt tatsächlich Schlimmeres, niemandes Leben hängt davon ab. Alles andere werden wir, wie so oft, irgendwie hinbekommen. Damit erde ich mich immer wieder, auch in eigener Sache.
Dafür hat Sohn II seine schriftlichen Prüfungen bestanden, mit 1,6, der Streber ;) Jetzt fehlt noch die alles entscheidende letzte praktische Prüfung im Februar - und dann hat die Welt ein wachsames Auge mehr.

Den restlichen Tag heute werde ich ein bisschen vertrödeln mit Musik, Sachen packen für die Woche in L, noch ein Paket für den Mann von der Post abholen und ein bisschen bügeln.

Übrigens, Marburg nimmt keine Patienten mehr an, die außerhalb des kardiologischen Bereiches liegen. So haben sies dem Doc heute mitgeteilt, ich saß daneben, ich habs gehört.
So bleibt wohl L als tatsächlich bessere und nunmehr einzige Wahl, denn M will der Doc mir nicht zumuten. "Wir brauchen ja nicht noch einen, der Ihnen was einreden will." Seine Worte.
Warum ich da den heutigen Titel ausgewählt hab, weiß ich gar nicht, der passt nämlich gar nicht. Aber ich mag den Song trotzdem ;)
Kommt gut ins Wochenende, genießt die Sonne und hört auf zu jammern von wegen "Der Januar darf das nicht." Wir machen so vieles, das wir eigentlich nicht dürften. Also. :)

Donnerstag, 16. Januar 2020

You don’t have to sing all the words if you don’t want to



Ich hatte immer Spaß am Lesen, am Schreiben. Ich hatte immer Spaß daran, allein mit Worten Welten zu erschaffen, die es tatsächlich gibt oder auch nicht. Ich konnte mich in diesen Welten einrichten, mich darin wohlfühlen - und was ich zunächst mit meinen "Auftritten" in Singleportalen und später dann mit dem eigenen Blog entdeckte: Man kann mit dem Schreiben Menschen begeistern. Man kann sie mitnehmen in diese Welt, die man zurechtbastelt, die man vor den Augen erschafft.
So habe ich vor vielen Jahren den Mann kennengelernt, irgendwann in den Weiten des Netzes las er von meiner Reise ans Meer, und er schrieb mir begeistert in seiner allerersten E-Mail, dass er es hatte vor sich sehen können.

Abgesehen von der einmaligen Pause über einige Monate, die andere Gründe hatte, unterlag ich in den Jahren nur wenig oder gar nicht einer gewissen Schreibmüdigkeit, die sich aber in den letzten ein, zwei Jahren doch etwas deutlicher herauskristallisiert. Nicht mal nur bei mir. Es gibt so einige Blogs, die ich mitunter sehr vermisse (ja Frollein, Deinen ganz zuallererst) und mir persönlich tut es leid, dass jene Schreiber entweder keine Zeit, keine Muße mehr aufbringen können oder wollen - oder schlichtweg den Portalen verfallen sind, wo ich entweder nur Bilder von mir zeige oder mit maximal zweihundert Zeichen Dinge auf den Punkt bringen muss. Wer mich kennt, weiß, dass mir zumindest letzteres deutlich schwer fällt ;) Und ich habe auch keine kleinen Kinder mehr, die einen Kalauer nach dem anderen rauslassen und die Allgemeinheit begeistern. Ich habe nur noch.. mich.
Vor vielen Jahren die Stenografie erlernt, bis heute in Anwendung - aber im Privaten, im Persönlichen.. Da bevorzuge ich Aufsätze. Und keine Stenografie der Kommunikation.
Es sei denn.. Es sei denn, es gibt Momente, in denen es einfach keiner Worte bedarf. Und die gibt es auch bei mir ganz oft.

Aber losgelöst davon: Wie soll man in einem Bild oder mit zweihundert Zeichen eine Enttäuschung ausdrücken, die zwar ab einem Punkt X zu erwarten war, aber man mit der Gewissheit erst wirklich spürt, wie groß die Hoffnung war? Über den Jahreswechsel, da hatte ich nur einen ganz besonderen Wunsch an das Universum: Es sollte meinen Jungen wählen, nicht mich.
Dass es tatsächlich daraufhin schlagartig ganz akut schlechter wurde für mich, empfand ich entsprechend als positives Zeichen. Der Mann betrachtete die auch ganz offensichtliche Entwicklung mit Sorge, ich mit Hoffnung und Zuversicht. Es war jetzt am Montag, als mir klar wurde: Der Junge wird eine Absage bekommen. Es wird nichts mit einem Wechsel, der so zu ihm gepasst hätte, der ihm viel mehr Perspektive geboten und uns beiden Entlastung bedeutet hätte. Ja hätte.
Am Dienstag bekam ich Fieber und das Schmerzlevel hatte ein Stadium erreicht, das mich an meine Worte vor einigen Jahren erinnerte: "Bis jetzt ist es nur links. Wenn es irgendwann auch rechts ist, dann gebe ich auf, dann will ich nicht mehr." Erstmals nach Jahren habe ich morgens bitterlich geweint, kaum dass der Mann das Haus verlassen hatte. Ich glaube, es war eine Kombination aus beidem. Das Gefühl, dass sie eine Absage schicken, der aktuelle Arbeitgeber sich nicht an Absprachen hält (was er tatsächlich auch nicht tat, weiß ich seit gestern) - und dass es mir anhaltend so arg schlecht ging. Das war.. Mutlosigkeit, glaube ich. Ein Stück weit.. Hoffnungslosigkeit..
Dieses Gefühl: "Du kämpfst und kämpfst und kämpfst und am Ende... alles Scheiße, deine Elli."

Aber alles Scheiße ist ja nicht. Mir ist das bewusst, auch wenn ich es dachte, fühlte und aussprach. Und ich gebe zu: Ich brösel noch immer an dieser Absage, wohl weil ich damit erst realisierte, wie groß die Hoffnung war. "Das Jahr ist doch noch nicht zuende", versuchte sich die Freundin in ihrem Trost, und ich weiß ja, dass sie recht hat. Dann wird es eben einen anderen Weg geben. Das muss es. Und das wird es auch. Grundsätzlich glaube ich auch daran, auch wenn für den Moment das Gewicht der enttäuschten Hoffnung ganz schön an den Schultern zieht.

Und im Gegenzug... Erhielt ich gestern mit der Post den zuletzt angeforderten Befundbericht der Rehaklinik, die schon vor zehn (also fünf Jahre nach "Ausbruch") Jahren schrieb "Die Aufnahmediagnosen (psychosomatische Problematik, Anm. Ziggenheimer ;)) wurden verändert, um möglicherweise vorliegender somatischer Entstehungsbedingung der Störung Rechnung zu tragen." Der Großteil mir vorliegender Berichte spricht von Psyche, es gibt nur wenige, die anders denken - aber kopiert habe ich sie alle und brachte sie zum Hausarzt. Es wird kommen, wie es kommt.
Aber der Doktor nahm auch wahr, wie arg schmerzgeplagt ich aktuell bin. Wie mies mein Gangbild aussieht. Und er sagte "Fünfzehn Jahre Schmerzkarriere ohne einen Versuch sind zu lange" - und verschrieb mir mit meiner Zustimmung Cortison. Ab heute. Erstmals nach all der Zeit.
Warum habe ich dieses Juwel nicht schon eher entdeckt? Der nicht nur kostenfrei WLAN und Kaffee bietet, sondern auch nicht angstgeierig auf seinem Budget hockt? Sondern echtes Interesse daran hat, dass es seinen Patienten gut geht?
"Eines sog i Iana: Wenn DES jetzt wiaglich hilft, dann gehn wir mit Ihrem Mann einen heben!"
Denn MUSS man lieben, oder? Ich wüsst auch schon ein lauschiges Plätzchen. :)

Ob der Mann mich dann immer noch liebt, sollte ich nicht mehr ganz in der Form bleiben wie sie jetzt ist, habe ich ihn noch nicht gefragt. Aber eine Kröte muss ich schlucken. Entweder schmerzarm und mit vernünftigem Gang, dafür vielleicht ein paar Kilo schwerer - oder normal gebaut und.. na ja gut. Ich glaub, die Antwort ist klar. Ich bin schon auch in gewissem Maße eitel, aber sooo eitel dann auch wieder nicht. Ich will ja schließlich auch einen Mann und keinen Hänfling. Wie soll das auch aussehen? Wuchtbrumme mit Hänfling? Ja also ne.

Und der Doc hat noch mehr gemacht. Er hat erreicht, dass ich mich an das Zentrum für unerforschte Erkrankungen in L wenden kann. Dass meine Unterlagen dort eingereicht werden können. In Marburg war noch niemand erreichbar, er will es immer noch parallel haben.

So. Und jetzt sagt mir mal, wie ich DAS alles in einem Bild hätte ausdrücken sollen. Oder mit maximal zweihundertfuffzig Zeichen.
Das Tippen schmerzt aktuell ganz schön saumäßig, aber ganz ehrlich? Das ist es mir wert.


I have everything I could want and more While I’m laying next to you right here on the floor So forget it all The fights and the waterfalls And I know your scared But I’ll always be here To catch you when you fall So lets dance in the rain And wash away everything And I know your scared But I’ll always be here To catch you when you fall





Donnerstag, 9. Januar 2020

Kategorie Fundstücke: Der Phobien-Workshop



Ich weiß, man soll niemals über die Schwächen anderer lachen - aber trotzdem: Bei diesem Workshop könnte ich mich scheckig lachen. Der britische Humor ist eben einfach der beste ;) Manche Engländer haben ja vielleicht auch nen Stock im Arsch (sorry), aber immerhin sind die noch nicht so humorbefreit wie inzwischen viele Deutsche.

Als ich heute morgen meine Freundin bat, mal nachzuschauen, wann ich eigentlich bei ihnen zur Osteopathie war (ich schreib ja immer noch an der Chronologie bzw. ergänze ich Puzzleteilchen, wenn mir grad wieder eins vom Himmel fällt ;)), da fügte ich auch hinzu, wofür ich das brauche - und sie fragte prompt: "Und was ist bei denen jetzt anders?"
Nun tja.
Was genau erhoffe ich mir von der ganzen Eierei?

Als meine Schmerzkarriere vor nunmehr 15 Jahren startete, wurde damals eine ganze Reihe an Untersuchungen vorgenommen. Ich meine, ich bin da nicht scharf auf die Wiederholung von so fiesen Sachen wie Nervenwasserpunktion und so'n Schiet. Aber wenigstens wurde da was gemacht, bevor man die Arme hob "Wir wissens nicht, wir sehen nichts und bei Ihrer Biografie wird es wohl psychisch sein." Also stellte ich mich auch der psychischen Behandlung - zweimal stationär, zweimal ambulant. Was hat sich bis heute verändert? Meine physische Verfassung sich nicht, jedenfalls nicht zum Guten. Aber ich mich in jedem Fall. Heute lebe ich genauso wie es mir damals nahegelegt wurde. Und ich hatte das Credo verinnerlicht "Schmerztherapie ist nicht, Schmerzen zu lindern, sondern zu lernen, damit zu leben." Das habe ich. Grad jetzt mit der Chronologie wird deutlich: 2010 war die letzte aktive Untersuchung, danach gab es nur noch die psychologische Betreuung, das Pilates - und das Ordnen meiner persönlichen Lebensumstände. Ich denke auch nicht, dass ich mir selber etwas vormache, wenn ich sage: Mir ist das gut gelungen, ich habe es gut im Griff. Trotzdem registriere ich, was der Neuro im Herbst 2018 gut auf den Punkt brachte: "Wenn man sich den Verlauf so nebeneinander legt, kann man sagen, dass es langsam, aber stetig schlechter wird." Und bei aller Liebe... Und bei aller Altersdebatte: Für so nen Scheiß fühle ich mich dann doch noch zu jung, als dass ich mich mit allem abfinde, alles akzeptiere, alles hinnehme. Kaum wirklich angeschaut werde, aber umso schneller in der Psycho-Schublade liege.

"Das kann dir aber hier jetzt auch passieren."
Hach ja. Ich liebe Dich, meine kleine Chaosnudel. Wirklich. Aber e bissl mehr Mut dürfteste mir schon zusprechen ;)

Und wenns doch alles nix bringt, kann ich ja vielleicht doch mal wieder ne Psycho-Runde drehen. Wird vielleicht ganz witzig so wie der Workshop da oben :) Dann gehts mir zwar körperlich nicht besser, aber ich habe einmal mehr gelacht. Und Lachen ist immerhin gesund.

Mittwoch, 8. Januar 2020

Big Fat Black Crow



Quelle: https://www.goodreads.com/author/quotes/

Ich weiß, dass ich vor so einigen Dingen Angst habe, schon von klein auf an. Aber ich glaube, ein Feigling war ich dennoch niemals. Und so erkläre ich die eingelegte Pause in eigener Sache, die letzten Wochen, wenigen Monate, in denen ich meine ganz persönlichen Baustellen ruhen ließ, nunmehr für beendet. Nicht mal aus einem wirklichen Anlass heraus. Vielleicht ein bisschen deshalb, weil der Mann drängt. Weil er mich sehr bewusst sieht und wahrnimmt und auch sofort registriert, wenn etwas nicht (mehr) stimmt. Überwiegend wohl aber, weil mir diese Pause gut getan hat. Mich nicht mehr zu kümmern um Befunde, Laborberichte, Verdachtsdiagnosen.
Und auch trotz der so positiven Entwicklungen im nun vergangenen Jahr weiß ich, dass ich immer noch weitergehen muss. Auch wenn ich unsicher darin bin, wo lang.
Und so habe ich heute den halben Tag damit verbracht, Akten zu sortieren, in über zehn Jahre alten Befunden zu lesen, mich wieder zu erinnern, wie das alles so war, wie es begonnen hatte, wie es weitergegangen war, wie viel Zuversicht und Hoffnung ich anfangs hatte - und wie ich später irgendwann resignierte ob der Mauern. Heute habe ich chronologisch alles aufgeschrieben, wann war was, wie war was.
Und morgen muss ich das meinem Hausarzt vorlegen und ihn bitten, dass er dies für mich einreicht. Weil ich selbst das nicht darf. Einreicht an ein Klinikum, die sich mit Fällen wie vielleicht meinem befassen. Dem Unbekannten auf der Spur.
Dieser Gedanke an sich ist nicht neu, wir haben schon vor zwei Jahren eine entsprechende Sendung im TV gesehen. Aber ich habe immer nur abgewunken, wenn der Mann mahnte "Schreib du doch auch mal an Marburg."
Nach all den Jahren und dem darin Erlebten wollte ich mir das aber nicht mehr antun.
Doch neue Hoffnung schöpfte ich nunmehr aus der Geschichte eines Mannes, der sich selbst auch dort vorgestellt hatte. Und in dieser Geschichte dieser eine Satz von ihm: "Hoffnungen oder Erwartungen hatte ich keine. Wie soll man die auch haben, wenn fünfundsiebzig Prozent deiner Akten wiedergeben, dass du ein rein psychisches Problem hättest?"
Hatte er aber nicht.
In Marburg hatten sie es ihm schließlich bestätigt.

Mir ist bewusst, dass ich scheitern kann. Dass mein Fall nicht interessant genug ist. Oder dass der Fehler in meinem ganz persönlichen System nicht gefunden werden kann. Das werde ich aber auch nur herausfinden, wenn ich es versuche. Ich weiß nur noch nicht, wohin ich mich wenden soll. Denn es gibt nicht nur Marburg. Solche Zentren gibt es auch hier in M und selbst in L. Aber ist M wirklich eine gute Wahl? Wenn die lesen, wo ich hier schon überall hingeschickt wurde? Eine Krähe und so weiter? Wäre dann L die bessere Wahl - oder doch direkt Marburg?
Mal schauen, was der Doc morgen dazu sagt.

Ich weiß nur, dass ich noch lange nicht aufgegeben habe. Also nicht wirklich.


When the sun goes down
And the band won't play
I'll always remember us this way
Oh yeah
I don't wanna be just a memory, baby..

Montag, 6. Januar 2020

Vor- und Nachteile

Es hat durchaus Vorteile, wenn man sich innerhalb seines Bürozimmers gut versteht und sogar auch angefreundet hat. Eine eingeschworene Gemeinschaft ist, sozusagen. Die drei Musketiere des Königs quasi. Eine für alle, alle für eine.

Auch die Vorzüge des Home Offices genieße ich seit nunmehr fünfeinhalb Jahren - und weiß diese mehr als zu schätzen.

Dass diese Kombination aber auch durchaus Nachteile hat, erfahre ich immer dann, wenn ich entweder erkrankt bin, so richtig arbeitsunfähig erkrankt (was wirklich selten vorkommt) oder Urlaub oder sonstwie frei genommen habe.
Sich arbeitsunfähig schreiben zu lassen, macht im Grunde nur Sinn, wenn mir wirklich schon Kopf und/ oder Hände abgefallen sind. Denn so oft, wie dann trotzdem das Handy klingelt und es heißt "Mach doch mal schnell" oder "Guck mal nach" oder "Errechne mal schnell das Honorar" - da hab ich am Ende eines Tages genauso wie immer gearbeitet, obwohl ich ja eigentlich... ach, geschenkt. Man ist halt zu Hause, da wird man ja wohl mal den Rechner aufklappen können, sooo schlecht gehts einem ja schon nicht.
Also verzichte ich - wenn ich es denn bräuchte - auf gelbe Scheine, weil die mir sowieso nix bringen.
Ähnliches denke ich inzwischen über "Stunden absetzen". Bringt mir nix, solange ich gedenke, zu Hause zu bleiben und dem süßen Nichtstun zu frönen. Weil, süßes Nichtstun ist eben nicht.
Und Urlaub.. Ja, mit dem Urlaub isses genauso. Urlaub genieße ich tatsächlich nur, wenn entweder die ganze Firma Urlaub hat (obwohl.. ne... hat über Weihnachten/ Neujahr ja auch nicht funktioniert, und da wurde der Mann an meiner Seite dann doch etwas stinkig) - oder wenn man schlicht und einfach wegfährt. Aber! Ich kann ja nicht in jedem Urlaub wegfahren müssen, nur um mal Ruhe zu haben? Wer soll das bezahlen? Vielleicht ja doch mal nach einer Gehaltserhöhung fragen, mit der ich dann gedenke, meine Kurzurlaube zu finanzieren? Ich muss mir das mal durch den Kopf gehen lassen. Ein paar Tage habe ich ja jetzt noch Zeit. Sieben, um genau zu sein ;)

(Kollegial, wie ich bin, habe ich D'Artagnan das Ausgabeprotokoll natürlich gleich noch per Mail geschickt ;))

Sonntag, 5. Januar 2020

Eine Frage der Authentizität, sprach das Chamäleon



Heute habe ich endlich meine Freundin angerufen und ihr zum Geburtstag gratuliert. Einen Tag zu spät, wie es mir fast immer passiert - und ich bin da echt nicht stolz drauf. Gleichwohl nahm sie es - wie auch mich - wie immer mit gelassenem Humor und meinte, heute sei eh besser als gestern; gestern hätten wir eh kaum ein Zeitfenster erhascht. Schon gar nicht so eines, das uns ein so ausgedehntes Gespräch ermöglichte. Für mich ist es in der Tat etwas Besonderes, denn Telefonieren liegt mir so gar nicht. Ich bin die, die Schreiben oder maximal Sprachnachrichten bevorzugt.
Doch ich sagte mir: Wenn du schon ihren Geburtstag versemmelt hast, dann nimm wenigstens jetzt das Telefon in die Hand und sprich mit ihr.

Ein sehr entspanntes, thematisch unfassbar weit gefächertes Telefonat. Ein weit gespanntes Gespräch, wie das im allgemeinen immer so bei uns ist. "Auf einen Kaffee", darin waren wir uns einig, schaffen wir es nie. Das Beisammensein, die Gespräche, leicht und fröhlich, nachdenklich und tiefgehend, bunt gefächert, dehnen sich immer endlos. Sie ist eine der Freundinnen, die ich nur selten sehe, nur wenig lese und noch weniger höre - die aber gefühlt immer da sind. Immer bei mir sind, mit mir. Sie ist eine derjenigen wenigen, von denen ich mich "begleitet" fühle. Die ich zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen könnte - sie wäre immer da. Eine wunderbare, für mich sehr wertvolle Freundschaft.

Wir erzählten einander von Filmen, die wir zuletzt geschaut hatten, und wir beide hatten diesen Film gesehen. Ich muss gestehen, ich bin kein Fan von Lady Gaga, nie gewesen, auch ihre Musik mochte ich nicht. Die mag ich auch jetzt noch nicht. Jedoch hat dieser Film mit dem eher kitschigen Titel mir den Menschen dahinter näher gebracht.
"Zu Beginn des Films hat sie mir am besten gefallen", sagte ich; die Freundin stimmte mir zu.
"Irgendwie dachte ich ja immer, dass die Kunstfigur Gaga ihr eigentliches Ich verstecken soll. Dass sie damit versucht hat, sich vom Mainstream abzutrennen. Und was mir wirklich gut gefallen hat, was ich erst nach dem Film über sie las: Dass sie dem Film nur zugestimmt hat unter der Bedingung, dass die Musikszenen live und vor echtem Publikum gespielt werden. Aber sonst muss ich sagen... Habe ich ihr die Rolle in so manchen Szenen nicht so abgenommen.. Wie zum Beispiel, als er sie das erste Mal auf die Bühne 'zwang'. Die Überwindung dessen habe ich ihr nicht so ganz abgenommen. Ich finde, man hat ihr eher angemerkt, dass sie dieses Geschäft zu gut kennt und schon zuviel Routine darin hat."
"Tja nun", sagte die Freundin, "man wird sich wohl entscheiden müssen, was man will: entweder eine sehr gute Sängerin oder einen sehr guten Schauspieler. Beides zusammen bekommt man eher selten."
Auch eingedenk anderer Themen musste ich lachen: "Ich weiß, ich hab da irgendwie einen Flitz, was die Authentizität betrifft. Warum das so ist, weiß ich gar nicht."

Darüber habe ich auch nach unserem Telefonat noch nachgedacht. Wäre es nicht eher langweilig, wenn wir alles voneinander wüssten? Wenn im anderen zu lesen wäre wie in einem offenen Buch? Und ist es das, was Authentizität für mich ausmacht? Dass alles offen liegt?
Nein, ich denke nicht. Ich will gar nicht alles vom anderen wissen. Ich will entdecken können, immer wieder neu. Ohne mich selbst jedoch auch völlig bloßzulegen. Es gibt niemanden, der alles von mir weiß. Und ich frage mich: War denn ich selbst auch immer ehrlich dem anderen gegenüber?
"Du bist der geradlinigste Mensch, den ich kenne", hat vor vielen Jahren mal jemand zu mir gesagt - und ich empfand das als ziemlich bemerkenswert, weil gerade derjenige gewusst haben sollte, dass ich eben nicht immer geradlinig agierte. Schon gar nicht in unserer damaligen Situation.
Heute denke ich, dass genau hierin aber der Ursprung liegt: Das Leben im Verborgenen, im Versteckten, das Leben auf einer Lüge hat mir eine ganze Menge abverlangt. Die Unruhe im Kopf, die Unruhe in der Seele, die Befangenheit eines zweifelhaften Glücksgefühls, die Ungewissheit der Zukunft.. Das bin nicht ich. Das kann ich nicht. Das will ich nicht. Die Frage nach der Entscheidung muss gestellt und sie muss beantwortet werden. Nur für mich ganz allein. So wie ich sie damals auch für mich ganz allein traf und nicht für einen anderen Mann. Er konnte mich weiter begleiten oder sich zurückziehen - und er entschloss sich natürlich für den Rückzug. Ich kenne nur sehr wenige Menschen und sehr wenige Geschichten, wo Verantwortung übernommen worden war.
Jedoch damals schwor ich mir: Ich möchte niemals wieder so leben. Ich möchte niemals wieder meinem Spiegelbild begegnen und mich fragen, wer ich eigentlich bin.

So wie in den folgenden Jahren, in denen ich monatelang auf Singleseiten auf Entdeckungsreisen ging - oder mich auch wochenlang davon zurückzog. Nicht wusste, was ich glauben sollte, nicht wusste, was ich denken sollte, welches Ziel ich hatte, was ich denn eigentlich überhaupt wollte - und wie ich mich geben wollte. Wollte ich charmant sein, mit Esprit, witzig, lustig - oder wollte ich eher nachdenklich sein, im virtuellen Steinbruch nach Gold schürfen?
"Du wirkst auf mich wie jemand, der sich seine zweite Haut so zu eigen gemacht hat, dass er heute selber nicht mehr weiß, ist es meine eigene oder doch die andere? Und ist es nur eine zweite Haut oder sind da noch mehr?" schrieb mir vor vielen Jahren jemand.
Die Wahrheit ist jedoch.. Ich bin nicht nur das eine oder andere. Zwillinge-Geborene, Menschen mit zwei Gesichtern, sagt man und meint das nicht positiv. Hingegen ich empfinde es inzwischen durchaus positiv.
"Ich denke immer, ich kenne dich und kann dich berechnen. Und genau dann machst du irgendwas, wo ich denke, ich kenne dich doch nicht", hatte einst der Ex-Mann zu mir gesagt.
Der heutige Mann äußert sich manchmal ähnlich, aber der heutige Mann.. kennt mich inzwischen tatsächlich gut.
Ich möchte mein Wort geben und dazu stehen können.
Ich äußere mich nicht zu allem und auch nicht über alles und jeden - jedoch das, was ich sage, meine ich auch genau so. Und ich möchte nicht, dass man sich bei meinen Ausführungen fragen muss, ob sie denn überhaupt wahr seien.

Im Gegenzug möchte auch ich vertrauen dürfen. Ich möchte glauben können, was man mir sagt und erzählt. Und ich weiß, wie sehr schwer mir das fällt. Es ist kein so gutes Gefühl, sich selbst einzugestehen, dass man niemandem glaubt und auch niemandem traut. Aber es ist meine Tatsache.
Die Unbefangenheit von einst, die habe ich nicht mehr. Wenn ich heute meinen Ältesten betrachte, dann ist es wie ein Spiegel, in den ich schaue. Er glaubt und vertraut beinah bedingungslos, auch wenn er sehr genau darauf achtet, wem er sich öffnet und wann und wie sehr er das tut. Aus dem kleinen zutraulichen Kerl von einst ist heute ein beinah zwei Meter großer junger Mann geworden, der sich noch immer nicht vorstellen kann, dass man ihm Böses wollte. Auch dafür liebe ich ihn. Für sein Wesen, aber auch für die Erinnerung an mein eigenes Ich.
Er macht mich sanfter, er macht mich nachsichtiger, so wie er mich manchmal auch in den Wahnsinn treibt mit dem ausgeprägten Hang zur Prokrastination aus der inneren Überzeugung heraus: Wird schon alles seinen Weg gehen.

"Vielleicht sollte ich ja einfach auch aufhören, immer alles zu hinterfragen", sagte ich heute zur Freundin, die mir darin zustimmte. "Und vielleicht sollte ich mit dem Anspruch aufhören, jeder Mensch müsse authentisch sein. Wenn man mir etwas vorgaukeln möchte, kann ich es vielleicht erkennen, muss es aber nicht kommentieren."
Vermutlich sind das dann die Momente, von denen der Mann heute manchmal zu mir sagt "Manchmal schaust du mich so an, da fühle ich mich nicht so wohl. Ich fühl mich da wie durchbohrt, wie auf einem Prüfstand."
Für mich selbst kann ich ja immer noch entscheiden, ob ich Dinge glaube oder nicht - aber vielleicht lebt es sich für den anderen ja einfacher, wenn er in einer bunt schillernden Seifenblasenwelt lebt, an die er selber glauben möchte.

Nur belogen werden.. Das möchte ich immer noch nicht, und das eine vom anderen zu unterscheiden, wird damit wohl zu meiner ganz persönlichen Aufgabe ;)